Risiken von Hustenpräparaten und Erkältungsmitteln mit Codein

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic empfiehlt neue Einschränkungen in der Anwendung von Hustenpräparaten und Erkältungsmitteln mit Codein und will die Arzneimittelinformationen entsprechend anpassen. Auslöser für diese Massnahmen ist ein kürzlich erfolgter Beschluss der europäischen Arzneimittelbehörde EMA.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat die Codein-haltigen Husten- und Erkältungsmittel aufgrund ihrer Risiken überprüft und im April dieses Jahres Einschränkungen in ihrer Anwendung verfügt (Beschluss EMA/CMDh/206590/2015).

Codeinhaltige Medikamente können bei empfindlichen Patienten Atemproblemen auslösen. Gefährdet sind Kinder unter 12 Jahren und Säuglinge stillender Mütter, sofern diese Codein einnehmen, darüber hinaus auch Personen, die Codein schneller zu Morphin umwandeln als normal (sog. ultraschnelle Metabolisierer). Swissmedic rät darum, Husten und Erkältung bei diesen Patientengruppen mit Präparaten ohne Codein zu behandeln. Bei Jugendlichen über 12 Jahren, die eine eingeschränkte Atemfunktion haben, ist Vorsicht nötig.

Der Beschluss der EMA und die entsprechenden Anpassungen der Arzneimittelinformationen werden gegenwärtig in den EU-Ländern umgesetzt.

Swissmedic hat die Firmen, in unserem Land eine Zulassung für Husten- und Erkältungsmittel mit Codein haben aufgefordert, die gleichen Einschränkungen in die Arzneimittelinformationen aufzunehmen. Swissmedic prüft darüber hinaus, die Anwendung bei den aufgeführten Risikogruppen auszuschliessen (Kontraindikation).

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5211&NMID=5211&LANGID=2

Swissmedic – online, 27.07.2015

 

Kommentar & Ergänzung:

Codein ist ein Alkaloid, das zu etwa 0,3 – 3 % im Opium vorkommt, das aus getrocknetem Milchsaft unreifer Samenkapseln von Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnen wird und auch andere Alkaloide wie Morphin, Papaverin, Thebain und Narcotin enthält.

Obwohl Codein ein pflanzlicher Wirkstoff ist, wird seine Anwendung heute von den meisten Fachleuten nicht zu Phytotherapie gerechnet, weil unter Phytotherapie die Anwendung von Wirkstoffgemischen aus Pflanzen verstanden wird und nicht die Anwendung von isolierten Einzelsubstanzen.

Codein ist seit langem Bestandteil vieler Hustenpräparate und soll zur Linderung von trockenem Reizhusten beitragen. Dabei gibt es auch fragwürdige Kombinationen mit Arzneistoffen, die das Lösen und Abhusten von Schleim fördern sollen. Wenn Codein nämlich tatsächlich wie erwartet die Hustenfrequenz reduziert, wirkt es dem Abhusten von Schleim eher entgegen.

Obwohl Codein verbreitet in Hustenpräparaten und Erkältungsmitteln eingesetzt wird, ist seine Wirksamkeit gar nicht so eindeutig belegt, wie man das annehmen würde.

Das „Pharmawiki“ schreibt dazu:

„Codein wird häufig eingesetzt und prominent im WHO-Stufenschema erwähnt, sein medizinischer Einsatz ist in der wissenschaftlichen Literatur jedoch nicht unbestritten. So wird beispielsweise in einigen Publikationen hinterfragt, ob Codein tatsächlich gegen Husten wirksam ist. Kontrovers diskutiert wird auch die variable Pharmakokinetik, die vermutlich dazu führt, dass einige Patienten übermässig und andere gar nicht auf das Medikament ansprechen….Moderne Zulassungsstudien fehlen.“

Quelle:

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Codein

 

Die „variable Pharmakokinetik“ von Codein hängt mit genetischen Faktoren zusammen, die bewirken, dass etwa 10 % der Bevölkerung weisser Hautfarbe Codein nur langsam verstoffwechseln, was zu einer abgeschwächten Wirkung führt. Etwa 1 – 5,5 % der weissen Bevölkerung gehören dagegen zu den sogenannten Schnellmetabolisierern, bei denen es durch beschleunigt ablaufende Umwandlungsprozesse zu erhöhten Morphinkonzentrationen im Plasma kommt und dadurch zum Risiko von morphinbedingten Nebenwirkungen.

Codein hat auch ein Missbrauchspotenzial weil es im Organismus durch Enzyme in Morphin umgewandelt werden kann.

Interessant ist der Hinweis im Pharmawiki, dass moderne Zulassungsstudien fehlen.

Vor allem in den niedrigeren Dosierungen, wie sie in nicht-rezeptpflichtigen Hustenpräparaten vorkommen, ist die Wirksamkeit gegen trockenen Reizhusten offenbar alles andere als klar belegt.

Es scheint eine ganze Reihe von alten Arzneimitteln zu geben, deren Wirksamkeit nie mit modernen Zulassungsstudien belegt wurde.

Es gibt also nicht nur traditionelle pflanzliche Arzneimittel, die vom Wirksamkeitsnachweis befreit wurden, sondern offenbar auch traditionelle Arzneistoffe der Pharmakologie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

Diesen Artikel teilen:
0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>