Wickel und Auflagen in der Pflege

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Wickel und Auflagen haben in der Pflege wieder an Bedeutung gewonnen. Soweit dabei Heilpflanzen zur Anwendung kommen, sind sie auch ein Bestandteil der Phytotherapie.

In der Ausgabe Nr. 1 / 2014 veröffentlichte die Zeitschrift für Phytotherapie einen Artikel zum Thema Wickel und Auflagen.

Wie genau die Wirkung von Wickeln und Auflagen zustande kommt, das wird sehr unterschiedlich begründet. Oft hört man noch die Erklärung, dass Wickel und Auflagen Giftstoffe aus dem Körper ziehen. Diese Ansicht geht wohl auf die Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre) zurück, in deren Konzept die Ausscheidung krankmachender Stoffe von zentraler Bedeutung sind. Diese Vorstellung ist nicht sehr überzeugend und wirft zahlreiche Fragen auf. Um welche Giftstoffe soll es sich denn handeln? Und wie „weiss“ der Wickel, welche Stoffe er rausziehen soll und welche nicht? Und mit welcher Kraft soll er Giftstoffe rausziehen?

Die Autorin des Artikels in der Zeitschrift für Phytotherapie, Gerda Zölle, wandelt zum Glück nicht auf diesem fragwürdigen Pfad und erklärt die Wirkung von Wickeln und Auflagen so:

Es gibt kalte oder feucht-heiße Wickel, die beide die Durchblutung der Haut beeinflussen. Ein feucht-heißer Wickel setzt einen warmen, thermischen Reiz. Das bewirkt passiv eine lokale, periphere Gefäßerweiterung und nachfolgend eine verstärkte Durchblutung, wobei die Stoffwechselaktivität angeregt wird. Die intensive Wärme eines Wickels wirkt entkrampfend und entspannend bis hin zur quer gestreiften Muskulatur, sie dringt jedoch nicht bis zu den inneren Organen durch. Es wird vermutet, dass durch eine lokale Anregung der Head’schen Zonen die spinalen Reflexbahnen Reize weiterleiten und so die inneren Organe beeinflussen.“

Das scheint mir eine nachvollziehbare Erklärung. Die Autorin geht dann auf pflanzliche Wirkstoffe in Wickeln und Auflagen ein:

„Über den Wickel können pflanzliche Wirkstoffe aus bewährten Arzneipflanzen wie Schafgarbe, Lavendel, Eukalyptus, Malve, Melisse oder Thymian gezielt in den Organismus transportiert werden und die thermische Wirkung des Wickels unterstützen.“

Da müsste man allerdings meiner Ansicht nach differenzieren. Es gehen lange nicht alle Wirkstoffe durch die Haut. Die Schleimstoffe der Malve zum Beispiel sind viel zu gross als Molekül für eine Resorption durch die Haut. Grundsätzlich gut durch die Haut gehen ätherische Öle, wie sie in Schafgarben, Lavendel, Eukalyptus, Melisse und Thymian vorhanden sind. Doch wäre hier noch zu klären, ob via Haut auch relevante Mengen dieser ätherischen Öle aufgenommen werden. Wahrscheinlich wirken solche ätherischen Öle in Wickeln und Auflagen eher über den inhalativen Weg.

Ein Wickel könne jedoch noch mehr, er sei auch umhüllend.

Er wirke nicht nur über die jeweils verwendete Substanz, sondern auch über die körperliche Zuwendung beim Wickeln selbst:

„Körpergrenzen werden erfahrbar gemacht, die Wahrnehmung des Patienten gefördert, Pflegende und Patienten sind in einem intensiven Kontakt miteinander. Das kann besonders bei der Pflege und Betreuung von Menschen mit einer eingeschränkten Wahrnehmung wie Patienten mit Demenz sehr hilfreich sein: Wickel und Auflagen können den ersten Kontakt erleichtern sowie Nähe und Zuwendung vermitteln. Inzwischen sind Wickel und Auflagen ein fester Bestandteil der komplementären Pflege und werden professionell angewandt.“

Das Ritual, die Zuwendung, die Aufmerksamkeit – das sind tatsächlich wichtige Aspekte bei der Anwendung von Wickeln und Auflagen – beim Einsatz im privaten Rahmen und auch in der Pflege.

Bezüglich der Wirkungsweise scheint mir bei vielen Wickeln und Auflagen die Counterirritation ein wichtiger Ansatzpunkt zu sein. Es handelt sich dabei um eine Reizsetzung, welche anschließend zur Schmerzdämpfung führt. Das ist vor allem auch ein absolut medizinkompatibles Erklärungsmodell. Hier ein Text zum Thema Counterirritation / Gegenreiz auf Wikipedia, der meines Erachtens aber zu ausschliesslich auf eine Wirkung im Bereich Immunsystem focussiert.

Zur Erklärung der Wirkungsweise von Wickeln und Auflagen im Sinne der Counterirritation könnte man noch die „Gate-Control-Theory“ von Melzack und Wall hinzuziehen (Gate-Control-Theory auf Wikipedia).

Jedenfalls gibt es zur Erklärung der Wirkungsweise von Wickeln und Auflagen sehr viel ergiebigere und überzeugendere Erklärungsmodelle als die Vorstellung vom Herausziehen irgendwelcher obskurer Giftstoffe.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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