Wickelanwendungen auf der Intensivstation – evidenzbasiert?

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Vor kurzem wurde ich von einer Pflegefachfrau gefragt, ob es Studien gibt zur Anwendung von Wickeln auf der Intensivstation und ob die Anwendung von Wickeln evidenzbasiert sei.

Bevor ich auf die Frage eingehe zuerst ein Abschnitt zum Thema „Was ist Evidenzbasierte Medizin?“

(wer das schon weiss, kann den Abschnitt  locker überspringen….)

„Evidenzbasierte Medizin (EbM, von englisch evidence-based medicine ‚auf Beweismaterial gestützte Heilkunde’) ist eine jüngere Entwicklungsrichtung in der Medizin, die ausdrücklich die Forderung erhebt, dass bei einer medizinischen Behandlung patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden sollen.

Die Bezeichnung Evidenz wird in diesem Zusammenhang auf das Begriffsfeld von evidence im Englischen bezogen und so als „Nachweis“ oder „Beleg“ verstanden, was nicht mit der Bedeutung von „Evidenz“ im Deutschen übereinstimmt.

Definiert wird evidenzbasierte Medizin (EbM oder EBM) ursprünglich als der bewusste, ausdrückliche und wohlüberlegte Gebrauch der jeweils besten Informationen für Entscheidungen in der Versorgung eines individuellen Patienten. EbM beruht demnach auf dem jeweiligen aktuellen Stand der klinischen Medizin auf der Grundlage klinischer Studien und medizinischen Veröffentlichungen, die einen Sachverhalt erhärten oder widerlegen – die sogenannte externe Evidenz.

In der klinischen Praxis der EbM bedeutet dies die Integration individueller klinischer Expertise mit der besten, verfügbaren, externen Evidenz aus systematischer Forschung; sie schließt auch die Patientenpräferenz mit ein.

EbM kann auch den Verzicht auf Therapie beinhalten, d. h. zu wissen, wann keine Therapie (anzubieten / vorzuschlagen) besser ist für den Patienten als das Anbieten / Vorschlagen einer bestimmten Therapie.“

Quelle: Wikipedia (dort weitere Ausführungen)

Nun zur Frage, ob Wickelanwendungen auf der Intensivstation  evidenzbasiert seien:

Ich kenne keine Studien zum Thema „Wickelanwendungen auf der Intensivstation“, habe aber auch nicht speziell danach gesucht. Es erstaunt mich aber nicht, dass die Studienlage in diesem Bereich mehr als dürftig ist.

Mir scheint allerdings, dass man dieses Thema aus einem grundsätzlicheren Blickwinkel betrachten sollte:

1. Die Bestrebungen, medizinische Massnahmen nach EBM-Kriterien auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen, halte ich für sehr wertvoll.

2. EBM ist aber nicht überall der einzige und letzte Massstab.

3. Möglicherweise gibt es ja irgendwo eine kleinere Studie zu diesem Thema, die zum Schluss kommt, dass Wickelanwendungen auf der Intensivstation das Befinden verbessern. Für dieses Fazit brauche es aber keine Studie. Das sagt auch der gesunde Menschenverstand. Ausserdem wird eine solche Studie nach EBM-Kriterien kaum einen höheren Evidenzgrad erreichen. Dem stellen sich nämlich nur schon vom Studienaufbau her einige Probleme entgegen. Mir ist zum Beispiel schleierhaft, wie man zur Wickelanwendung ein Placebo für eine Kontrollgruppe machen könnte. Auch die Doppelverblindung dürfte sehr schwierig werden. Allenfalls könnte man bei bewusstlosen Patienten eine Wickelanwendung machen und dann Veränderungen bestimmter Messwerte ablesen? Aber kommt da nicht schon die Ethikkommission mit dem Einwand, dass der Patient informiert und einverstanden sein muss?

4. Um nach EBM-Kriterien auf eine hohe Evidenzebene zu kommen braucht es mindestens eine, ausreichend grosse, methodisch hochwertige randomisierte, kontrollierte Studie (Klasse Ib), oder besser noch mindestens eine Meta-Analyse auf der Basis mehrerer solcher Studien (Klasse Ia). Solche Studien sind aufwändig und kosten viel Geld. Investiert wird soviel Geld fast nur von Firmen, die mit den Ergebnissen dieser Studien ihr patentiertes Produkt verkaufen wollen. In der Phytotherapie gibt es einige Hersteller, die auf diese Weise erfolgreich ihre patentierten Spezialextrakte aus Heilpflanzen verkaufen (z. B. Zeller, Schwabe, Bionorica). Im Bereich dieser Forschung haben einige Heilpflanzen(extrakte) einen hohen Evidenzgrad erreicht. Zum Beispiel Extrakte aus Johanniskraut, Teufelskralle, Weidenrinde, Pestwurz, Mönchspfeffer.Für die Erforschung von Kräutertees beispielsweise gibt es aber bereits kaum mehr Investitionen in die Forschung, weil ein Patentschutz fehlt.

Eine Wickelanwendung lässt sich nun aber auch nicht so einfach patentieren. Woher also soll das Geld kommen für grosse, methodisch saubere Studien?

5. Wickelanwendungen lassen sich meines Erachtens daher nicht mit EBM-Kriterien begründen. Wickelanwendungen sind nicht Evidenz-basiert und werden es meines Erachtens wohl auch kaum je sein.

6. Wickelanwendungen sind aber auf einem sehr hohen Level GMV-basiert. Ich würde daher mit GMV-Kriterien argumentieren (GMV = Gesunder Menschenverstand). Wickel bieten eine Art von Zuwendung in ritualisierter Form, was in einer sehr technisch geprägten Intensivstation von besonderem Wert ist. Wickelanwendungen sind dem Patienten möglicherweise aus seiner Kindheit oder aus seinem Alltag vertraut, was in der fremden IPS-Umgebung gut tut. Solche Argumente müssten meines Erachtens jedem Menschen einleuchten.

7. Wissenschaftliche Argumente für Wickelanwendungen könnten am ehesten greifen, wenn Wickel mit bestimmten Pflanzen angewendet werden, zum Beispiel mit Lavendelöl. Für die beruhigende Wirkung von Lavendelöl gibt es einige Belege.

Siehe: http://www.phytotherapie-seminare.ch/index.php?file=220&lang=de&ses=ec890fc9ecd4

Solche Belege aus Studien beziehen sich dann aber in der Regel auf das Lavendelöl, nicht spezifisch auf einen Lavendelwickel.

Und es gibt auch hier keinen sehr hohen Evidenzlevel. Allenfalls könnte man sagen, Lavendelöl zur Beruhigung ist sciencebasiert, aber nicht Evidenz-basiert.

Als Fazit würde ich sagen: Selbstverständlich gehören Wickel auf die Intensivstation – GMV-basiert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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