Archive for Februar, 2011

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Sonntag, Februar 27th, 2011

Heute gefunden:

„Die Vorgänge in Libyen und andern arabischen Ländern könnten zu einer Rückbesinnung auf die unspektakuläre Kleinarbeit der Demokratie führen, deren Zerbrechlichkeit, Bedrohtheit und Unwahrscheinlichkeit uns heute wieder vor Augen geführt wird.“

(David Signer in der NZZ am Sonntag vom 27. Februar 2011)

Demokratie basiert wesentlich auf der Überzeugung von der Kraft des besseren Arguments. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass ich die fraglose Gläubigkeit, die über weite Strecken im Bereich der Komplementärmedizin grassiert, für sehr problematisch halte.

Wer fraglos und kritiklos jeder wunderbaren Heilungsversprechung nachläuft – und das ist inzwischen ein verbreitetes Phänomen – der verlernt es auch auf der politischen Ebene, schöne Versprechungen in Frage zu stellen.

Sehr nötig wäre meines Erachtens stattdessen:

Argumente einfordern, Argumente formulieren, Argumente kritisieren, auf Argumente Antworten.

Nur was kritischen Argumenten Stand gehalten hat, kann als vorläufig bewährt gelten.

Stattdessen treffe ich im Bereich Komplementärmedizin immer wieder auf ein Phänomen, das man schon fast als „Argumenten-Phobie“ bezeichnen könnte.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pflanzenheilkunde: Granatapfel

Sonntag, Februar 27th, 2011

Der Granatapfel oder Grenadine gehört zum Obst. Bis vor wenigen Jahren zählte er bei uns noch nicht zu den Heilpflanzen. Inzwischen wird Granatapfel aber zunehmend erforscht und zeigt interessante Wirkungen.

Hier eine Zusammenfassung zum Granatapfel aus Wikipedia mit anschliessendem Kommentar.

Granatapfel botanisch:

„Der Granatapfel oder Grenadine (Punica granatum) ist eine Pflanzenart, die heute bei weiter Fassung der Familie der Weiderichgewächse (Lythraceae) zugerechnet wird. Die aus zwei Arten bestehende Gattung Punica bildet alleine die Unterfamilie Punicoideae (Horan.) S.A.Graham, Thorne & Reveal, manche Autoren führen sie auch noch als eigene monotypische Familie Punicaceae Horan. Ihre rote Frucht wird als Obst gegessen. Die Heimat des Granatapfels liegt in West- bis Mittelasien; heute wird er unter anderem im Mittelmeerraum angebaut.“

Granatapfel etymologisch:

„Die Bezeichnung des Granatapfels ist in vielen Sprachen auf das lateinische Wort für Kerne oder Körner, granae, bzw auf deren große Zahl (lat. granatus = körnig, kernreich) zurückzuführen. Den lateinischen Namen Punica bekam er im Römischen Reich, da die Phönizier (auch Punier genannt) diese Pflanze, zum Teil aus religiösen Gründen, verbreiteten.“

Granatapfel und seine Inhaltsstoffe:

„Granatäpfel zeichnen sich durch einen hohen Gehalt bioaktiver Inhaltsstoffe aus. Der Granatapfel enthält größere Mengen Flavonoide wie Anthocyane und Quercetin, Polyphenole vor allem Ellagitannine wie Punicalagin sowie Phenolsäuren wie Ellagsäure und Gallussäure. Er ist reich an Kalium und enthält unter anderem Vitamin C, Calcium und Eisen. Die Früchte reifen nach der Ernte nicht nach, sie zählen zu den nichtklimakterischen Früchten.“

Granatapfel und seine medizinische Bedeutung

Über 250 wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Granatapfel eine positive Wirkung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Arthritis haben könnte. Allerdings sind die meisten Studien nur auf Versuche mit Zellkulturen oder Tieren beschränkt. Die Übertragbarkeit auf den Menschen bleibt deshalb bis jetzt oft fraglich und muss in entsprechenden Studien belegt werden. Bisher wurden sieben klinische Studien (zum Teil randomisierte Doppelblind-Studien) zur Wirkung des Granatapfelsafts veröffentlicht, und eine Phase-3-Studie mit 250 Patienten mit Prostatakrebs ist noch nicht abgeschlossen.

Der Granatapfel verfügt, selbst im Vergleich zu Rotwein und Blaubeeren, über besonders viele und stark wirksame Polyphenole, welche vermutlich für die positiven gesundheitlichen Effekte verantwortlich sind. Bei Granatapfelprodukten gibt es beträchtliche Unterschiede bezüglich Qualität und Gehalt an wirksamen Polyphenolen.

In einer In-Vitro-Studie konnte eine Schutzwirkung durch Granatapfelsaft vor Brustkrebszellen festgestellt werden. Sie hemmen die Bildung von körpereigenen Östrogenen und führen bei östrogenrezeptor-positiven Brustkrebszellen zu einer Wachstumshemmung von 80 Prozent – ohne das Wachstum der gesunden Zellen zu beeinträchtigen. Fermentierter Granatapfelsaft ist dabei doppelt so wirksam wie frischer Saft. Auch auf Leukämiezellen wirken die Polyphenole aus fermentiertem Granatapfelsaft: Die Zellen bilden sich entweder zu gesunden Zellen zurück (Redifferenzierung) oder werden in den programmierten Zelltod (Apoptose) getrieben. Außerdem verhindern die Polyphenole, dass sich neue Blutgefäße bilden (Neoangiogenese) – das erschwert die Ausbreitung des Tumors.

Auch gegen Prostatakrebs scheinen die Polyphenole aus fermentiertem Granatapfelsaft besonders wirkungsvoll zu sein, wie eine Reihe von präklinischen Studien zeigen. In einer Studie konnten Prostatakrebs-Patienten durch den täglichen Konsum von Granatapfelsaft (570 mg Polyphenole) ihren PSA-Wert, den zentralen Biomarker bei Prostatakrebs, viermal länger konstant halten als vor der Behandlung: In der sechsjährigen Nachbeobachtungsphase stieg die PSA-Verdopplungszeit von 15,4 auf 60 Monate. Nach diesem Erfolg wird die Studie nun ausgeweitet. In einer Zellkultur-Studie aus dem Jahr 2008 konnte außerdem gezeigt werden, dass auch im Spätstadium des Prostatakrebses Granatapfelsaft noch einen positiven Effekt auf die Zellstruktur haben kann – die Übertragung der Ergebnisse auf den Krankheitsverlauf eines Menschen ist allerdings ohne weitere Untersuchungen nicht möglich. Ähnliche positive Effekte mit hormonunabhängigem Prostatakrebs traten in Tierstudien auf.

In einer doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie an 45 Patienten mit koronarer Herzkrankheit erhöhte die tägliche Gabe von 240 ml des Saftes des Granatapfels die Herzmuskeldurchblutung signifikant.  Positive Effekte zeichneten sich auch bei einer Studie mit Patienten mit verengter Halsschlagader ab: Nach einem Jahr Granatapfelverzehr verminderten sich die Ablagerungen an der Halsschlagader um 35 %, während sie in der Kontrollgruppe deutlich zunahmen.“

Quelle: Wikipedia (Literaturangaben dort)

Kommentar & Ergänzung:

Eine interessante Stellungnahme zum Granatapfel kommt von Dr. med. Jutta Hübner, Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft:

„In verschiedenen Laborexperimenten konnten Extrakt und Öl des Granatapfels das Wachstum von Tumorzellen vermindern. Dies wurde auch in einem Tierversuch bestätigt. Eine erste Untersuchung an Patienten mit Prostatakarzinom zeigte bei fortgeschrittenen Tumoren einen verlangsamten Anstieg des Tumormarkers PSA.“

Auch wenn diese Ergebnisse beachtenswert erscheinen, bleibt zu berücksichtigen, dass Laborexperimente und Tierversuche nicht ohne weiteres auf die Situation im krebskranken Menschen übertragen werden können. Ebenso beim PSA-Wert: Ein verlangsamter Anstieg kann als günstiger Einfluss des Granatapfels interpretiert werden. Die Veränderung eines Messwertes ist aber noch kein Beleg dafür, dass  Patienten mit Prostatakrebs von einer Granatapfel-Behandlung real profitieren. Um dies zu Belegen bräuchte es „härtere“ Kriterien, vor allem eine Verlängerung der Überlebenszeit.

Jutta Hübner weiter:

„Aufgrund des Phytoöstrogengehaltes ist der Einsatz von Granatapfelextrakten bei Patientinnen mit hormonsensitiven Tumoren nicht unproblematisch, da es zu einer Stimulation von Tumorzellen kommen könnte. Diese Vermutung wurde erst in einem Laborexperiment überprüft, das kein vermehrtes Wachstum von Tumoren zeigte. Trotzdem brauchen wir bei dieser wichtigen Frage erst weitere Untersuchungen, bevor wir die Einnahme von Extrakten als sicher einstufen können. Der gelegentliche Genuss eines Granatapfels ist sicherlich ungefährlich.“

Abschliessend schreibt Jutta Hübner zum Granatapfel:

„Zusammenfassend kann Granatapfel ein positiver Teil der gesunden Ernährung sein. Für die Einnahme eines Extraktes gibt es keine ausreichende Begründung. Bei Brustkrebs sind sogar negative Folgen nicht auszuschliessen; aber Granatapfelextrakt könnte günstig für eine Therapie bei Prostatakarzinomen sein.“

(Quelle: Jutta Hübner, Aloe, Ginkgo, Mistel & Co, Schattauer Verlag 2009, anschauen im Buchshop)

Anzufügen wäre noch: Granatapfel gehört zu den Antioxidantien. Hochdosierte Antioxidantien können möglicherweise während Chemotherapie und Strahlentherapie die Wirkung der Behandlung beeinträchtigen. Daher gilt als Grundsatz: Keine hochdosierte Einnahme von Antioxidantien während Chemotherapie / Strahlentherapie ohne Information der behandelnden Onkologin, des behandelnden Onkologen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Schüssler-Salz Nr. 2, Calcium phosphoricum D6 – ein Wunderheiler?

Sonntag, Februar 27th, 2011

Das Schüssler-Salz Nr. 2,  Calcium phosphoricum, kann man nach den Angaben einer Schüsslersalz-Website für folgende Anwendungsgebiete einsetzen:

„Abgekämpftsein, Abhängigkeit, Abwehrschwäche, Adenoide Vegetationen, Allergien, Ameisenlaufen,

Anämie, Arbeitsscheu, Auffassungsgabe, Aufheiterung, Aufmerksamkeit, Aufregung, Ausbleibende Periode,

Ausdauer, Ausfluss, Ausschlag, Badeotitis, Bandscheibenvorfall, Beeinflussbarkeit, Beinbruch,

Belastbarkeit, Bewusstwerdung, Blasse Lippen, Bleiches Gesicht, Blutarmut, Blutgerinnung,

Blutvergiftung, Blutverlust, Blässe, Brüchige Fingernägel, Brüchige Haare, Buckel,

Burn Out, Chronische Gaumenmandel-Entzündung, Darmausgangs-Fisteln, Darmpolypen, Dauerstress,

Denkvermögen, Dumpfheit, Durchhaltevermögen, Durchlichtung, Durchschlaf-Probleme,

Eigenverantwortung, Durchsetzungskraft, Eingeschlafene Arme und Beine,

Eingeschlafene Füsse, Eingeschlafene Hände, Eisenmangel, Eiweissallergie, Ekzeme,

Entscheidungsfähigkeit, Entscheidungsschwäche, Erfrierung, Ernsthaftigkeit, Erschöpfung,

Erwachsen werden, Fehlgeburt Nachbehandlung, Fisteln, Flexibilität, Fraktur, Freude, Frieren,

Frostempfindlichkeit, Fussgelenks-Schmerzen, Gefässerschlaffung, Geistesarbeit,

Geistige Beweglichkeit, Gelbkörperhormon-Mangel, Gereiztheit, Gewebe-Straffung, Gier, Giftstoffe-Abbau,

Glanzlose Haare, Gleichgültigkeit, Glieder-Kribbeln,  Globussyndrom, Haar-Spliss, Halsfalten,

Haltungsschwäche, Haltungsschäden, Hass, Haltlosigkeit, Haut-Straffung, Herzrasen,

Heuschnupfen, Hexenschuss, Hilflosigkeit, Herzrhythmusstörungen,

Hinfälligkeit, Husten, Hyperhidrosis, Hypotonie, Immunsystem-Stärkung, Infektneigung, Initiative,

Ischias, Kahnbauch, Kinderlähmung-Spätfolgen, Klarheit, Kloss im Hals, Knochenbruch,

Knochenentkalkung, Knochendeformierung, Kollaps, Konzentrationsfähigkeit,

Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Kreativität, Kreislaufkollaps, Kreuzschmerzen,

Kropf, Lampenfieber, Lebensfreude, Leistungsfähigkeit, Lerneifer, Liebeskummer,

Lungenschwäche, Lupus Erythematodes, Lustlosigkeit, Lymphangitis, Lymphgefässentzündung,

Mandelvergrösserung, Mattigkeit, Menstruationsbeschwerden, Milchallergie,

Minderwertigkeitskomplexe, Morbus Crohn, Morgensteifigkeit, Mundgeruch, Muskelkrämpfe,

Muskellähmung, Muskelrheuma, Muskelschwäche, Muskelzerrung, Müdigkeit, Nabelkolik, Nasenbluten,

Nasenpolypen, Neigung zu Knochenbrüchen, Nein-Sagen können, Nerven-Beruhigung, Nervosität,

Nesselsucht, Niedriger Blutdruck, Nieren-Kopfschmerzen, Nächtliches Aufwachen,

Ohnmachtsgefühl, Ohrenekzem, Ohrknorpelentzündung, Ohrmuschelekzem,

Ohrmuschelentzündung, Operationsvorbereitung, Osteochondrose, Osteopenie, Osteoporose,

Otitis externa, PMS, Perichondritis, Phlebitis, Phobien, Polypen, Problembewältigung,

Progesteron-Mangel, Pseudo-Krupp, Ptyololith, Rachenmandel-Vergrösserung, Rachitis, Reife,

Reizbarkeit, Rekonvaleszenz, Räusperzwang, Scheu,Schielen, Schienbein-Schmerzen,

Schilddrüsenüberfunktion, Schlaffes Gewebe, Schlafstörungen, Schlechte Zähne, Schreckhaftigkeit,

Schul-Kopfschmerzen, Schulter-Verspannungen, Schwangerschafts begleitend,

Schwangerschafts-Übelkeit, Schwangerschaftserbrechen, Schweissausbrüche,

Schweisshände, Schwere Glieder, Schwitzen, Selbstbehauptung, Selbstdisziplin, Selbsteinschätzung,

Selbstkritik, Selbstvertrauen, Sialolithiasis, Skoliose, Souveränität, Spannkraft, Spannungs-Kopfschmerzen,

Speichelstein, Sprechen lernen, Starke Periodenblutung, Starrsinn, Stauungsleber,

Steifer Hals, Stetigkeit, Stress, Struma, Stumpfe Haare, Suchtneigung, Surferohr, Tachykardie,

Taubheitsgefühl, Taubheitskribbeln, Taucherohr, Teilnahmslosigkeit, Thrombophlebitis, Trichterbrust,

Trägheit, Unentschlossenheit, Unsicherheit, Unterleibs-Beschwerden, Unternehmungslust,

Urtikaria, Venenstauung, Verantwortung, Vergesslichkeit, Vergrösserte Mandeln,

Verspannungen, Verzweiflung, Vitalisierung, Wachsamkeit, Wachstumsschmerzen,

Wachstumsverzögerung, Wadenkrämpfe, Wertschätzung, Wetterfühligkeit, Widerborstigkeit,

Widerspruchsgeist, Willensstärke, Wirbelsäulen-Probleme, Wirbelsäulen-Verkrümmung,

Wutausbrüche, Zahnschmelz-Stärkung, Zahnungs-Durchfall, Zahnungs-Verzögerung,

Zahnungskrämpfe, Zahnungsschmerzen, Zeitumstellung, Ängste, Östrogen-Dominanz,

Östrogen-Mangel, Überanstrengung, Übererregbarkeit, Überforderung,

Übermässige Schweissbildung.“

Quelle: http://lexikon-der-schuessler-salze.de/mittel/calcium-phosphoricum.htm

Kommentar & Ergänzung:

1. Das ist eine Verarschung sondergleichen, doch was soll man dazu schon sagen, wenn so viele Leute sich offenbar verarschen lassen wollen und keinerlei Fragen stellen.

Dass so viele Leute keinerlei Fragen stellen ist allerdings ein spannendes Phänomen. Interessant ist genauer gesagt die Frage, welche Bedürfnisse durch solch absolut simple Wunderheiler gedeckt werden.

2. Wir haben es hier mit einem extremen Beispiel für Indikationslyrik zu tun. Ein Mittel, das für derart viele und unterschiedlichste Krankheiten helfen soll, hilft wohl vor allem gegen die Angst vor Krankheiten.

Nicht zuletzt bietet solche Indikationslyrik unbegrenzte Anwendungsbereiche und traumhafte Umsatzmöglichkeiten. Bestimmt finden Sie auf der obenstehenden Anwendungsliste ein paar Beschwerden, die auch für Sie relevant sind. Jede/r findet das. Also kann jeder/r Schüssler Salz Nr. 2 Calcium phosphoricum D6 brauchen. Aber damit nicht genug: Das trifft auch auf alle anderen Schüssler-Salze zu. Fazit: Jede/r braucht alle Schüssler-Salze!

3. Es stehen reinste Behauptungen da, keinerlei Begründungen für irgendeine der Heilwirkungen. Das braucht es auch nicht. Schüssler-Salz-AnhängerInnen verlangen offenbar keine Begründungen und stellen keine Fragen. Sie schlucken brav ihre Tabletten. Wo bitte bleibt da der mündige Patient oder die mündige Patientin? Ich dachte ursprünglich einmal – sehr lange ist es her – Komplementärmedizin strebe nach einem partnerschaftlicheren Verhältnis zwischen der kranken Person und der Fachperson für’s Heilen. Doch bei Schüssler-Salzen braucht es ja nicht einmal mehr eine Fachperson. Die simple Anleitung genügt und eine gläubige Beziehung zur Herstellerfirma. Höriger und „fast-food-mässiger“ geht’s kaum mehr. Alternatives Heilen muss schnell und leicht gehen, ohne Auseinandersetzung mit sich oder dem Heilmittel und vor allem ohne Nachdenken. Das passt optimal zum Zeitgeist.

4. Es soll mir bitte jemand genauer erklären, wie Calcium phosphoricum D6 gegen Stauungsleber, Skoliose, Schwangerschaftserbrechen und Starrsinn wirkt. Und wie genau wirkt Calcium phosphoricum D6 bei Widerborstigkeit und Widerspruchsgeist? Und kann man Schüssler-Salz Calcium phosphoricum D6 für pubertierende Jugendliche auch ins Müesli geben? Oder wem geben wir Calcium phosphoricum D6 gegen Arbeitsscheu?

Und wie wär’s mit ein paar vollständig dokumentierten Behandlungsverläufen? – Solchen Aufwand betreiben die Schüssler-Salz-Propagandisten nicht. Ist auch unnötig, solange die Tabletten-Schlucker keine Fragen stellen.

5. Im Schüssler Salz Nr. 2 Calcium phosphoricum ist das  Calcium phosphat 1 : 1 Million mal verdünnt. In der Österreichischen Apothekerzeitung hat die Apothekerin Susana Niedan-Feichtinger von der Firma Adler Pharma, einer Herstellerin von Schüsslersalzen, folgende Rechnung präsentiert:

„Alle Mineralwasser-Konsumenten nehmen pro Tag mehr Mineralstoffe auf, als es über Schüßler Salze überhaupt möglich wäre: Wenn in einer Mineralwasserflasche 115 mg/l Kalzium (beispielsweise Vöslauer mild) angegeben sind, dann müsste man, wenn man die in Calcium phosphoricum D6 enthaltenen reinen Kalziumionen auf das im Mineralswasser enthaltene Kalzium umrechnet, 388 kg an Schüßler Salz Nr. 2 in D6 (1.552.000 Tabletten!) täglich einnehmen, um auf die gleiche Menge wie in 1 Liter Mineralwasser zu kommen.“

Quellenangabe: http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/11/26/schusslersalze-mineralwasser-wirksamer-gunstiger-zahnschonender.html

Halten wir also fest: 1 552 000 Schüssler-Salz-Tabletten Calcium phosphoricum D6 entsprechen im Calcium-Gehalt einem Liter Mineralwasser. Trinkwasser dürfte manchmal tiefer und manchmal höher liegen im Calcium-Gehalt. Mich würde sehr interessieren, weshalb es überhaupt noch aufsässige Jugendliche und oppositionelle Geister gibt – müssten doch alle lammfromm und handzahm sein bei den exorbitanten Calciumphosphat-Dosen im Wasser – verglichen mit den Schüssler-Salzen. Ich bin dafür, Trinkwasser sofort als Heilmittel zu betrachten und gegen alle obigen Indikationen einzusetzen. Aber dagegen werden sieh die Schüssler-Salz-Hersteller bestimmt wehren, weil ihnen dadurch die Geschäftsbasis entzogen wird.

Der Apotheker Ignaz Moser führte die Rechung von Niedan-Feichtinger in der Österreichischen Apothekerzeitung Nr. 25 / 2010 dann etwas weiter:
„115 mg/l Kalzium kosten in Form eines Mineralwassers ca. € 0,35 bis 0,60 (ca. 50
Cent!) im Lebensmittelhandel. Dieselbe Menge Kalzium in Form von Schüßler Salz-Tabletten (= lt. Autorin388 Kilogramm oder 1.552.000 Tabletten) kosten € 17 770,40!“
Und er kommentiert:
„Alle 12 Haupt-Schüßler-Salze sind normalerweise in der täglichen Nahrung ausreichend vorhanden. Ich frage mich daher, wie der Körper erkennen kann, ob die Salze in Form von Nahrung – fest oder flüssig – oder in Form von Schüßler Salz-Tabletten aufgenommen wurden. Haben die Schüßler-Ionen ein Mascherl, damit der Körper das erkennt?“

6. Von Tabletten der herkömmlichen Pharmaindustrie werden meist drei pro Tag geschluckt und die Firmen entwickeln zunehmend Präparate zur Einmal-Einnahme. Von Produkten der Alternativ-Pharma schlucken viele Schüssler-Salz-Konsumenten 10, 20 oder mehr Tabletten pro Tag. Beispiel:

„Manche begeisterte Schüsslersalz-Anwender verwenden auch erheblich grössere Mengen der Schüssler-Salze. Dabei handelt es sich um die sogenannte Hochdosierung. Bei der Hochdosierung werden in kurzen Abständen bis zu 100 Tabletten am Tag im Munde zergehen lassen.“

Quelle: http://lexikon-der-schuessler-salze.de/anwendung

Das glauben Sie nicht?

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) in Österreich überprüfte die Beratung bezüglich Schüssler Salze in Apotheken:

„Eine Testperson mit Reizmagen-, Reizdarm- bzw. Reizblasensyndrom suchte im Rahmen eines Praxistests sieben Apotheken auf und ließ sich bezüglich Schüssler-Salze beraten…… Im extremsten Fall wurde ….zur Einnahme von elf der zwölf möglichen Schüssler-Salze in Form von beachtlichen 140 Tabletten pro Tag geraten -  um einen Gesamtpreis von 190 Euro.“

Quelle: http://derstandard.at/1285042414537/Beratung-in-Apotheken-Schuessler-Salze-im-Test

Offenbar gilt hier das Motto: „Je mehr desto besser“ oder „nimm soviel du bekommen kannst“.

Auch diese Haltung passt so schön zum Zeitgeist. Fragt sich nur, was denn so alternativ sein soll an derartigen Tabletten-Orgien.

7. Auffallend bei Schüssler-Salzen ist die grosse Beliebigkeit. Es kommt sozusagen auf gar nichts drauf an:

„Von den Schüssler-Salzen können Sie mehrere verschiedene Mittel innerhalb eines Tages verwenden. Wieviele verschiedene Schüssler-Salze jedoch am besten sind, da gehen die Meinungen auseinander. Manch nehmen soviele Salzsorten, wie möglich. Alle Salze, die irgendwie passen, werden zur Behandlung eingesetzt. Andere bevorzugen nur drei Mittel auf einmal einzusetzen. Wenn mehr Mittel passen würden, werden die besten drei ausgewählt. Wieder andere setzen am liebsten nur ein Mittel gleichzeitig ein, das sind vor allem Menschen, die auch gerne mit homöopathischen Mitteln arbeiten. In diesem Fall sucht man sich das Mittel aus, das am besten passt. Wieviele Mittel Sie gleichzeitig einsetzen, bleibt Ihnen überlassen.“

Quelle: http://lexikon-der-schuessler-salze.de/anwendung

Auch diese Beliebigkeit und Gleich-Gültigkeit zeigte sich bei den Testkäufen des VKI in Wiener Apotheken:

„Der Test ergab eine Vielfalt an unterschiedlichen Zusammenstellungen von Schüßler Salzen, bei denen zum Teil weder Salze noch Dosierung übereinstimmten.“

Quelle: http://derstandard.at/1285042414537/Beratung-in-Apotheken-Schuessler-Salze-im-Test

Diese absolute Beliebigkeit ist meines Erachtens ein Symptom für hochgradige Scharlatanerie. Aber irgendwie ist es ja auch konsequent. Schliesslich bestehen alle Schüsslersalze aus dem gleichen Stoff: Milchzucker (oder eine andere Trägersubstanz). Die zugesetzten Salze sind soweit verdünnt, meist 1 : 1 000 000 oder 1 : 000 000 000 000, dass von Vorhandensein ernsthaft nicht mehr die Rede sein kann. Weshalb soll es da wichtig sein, welches Schüssler-Salz man schluckt?

Solche Beliebigkeit hat unbestreitbare Vorteile: Es braucht dazu keine Theorie, kein Wissen, kein Nachdenken und keinerlei ernsthaften Lernprozess – wenn es doch sowieso gleichgültig ist, was, wieviel und in welcher Kombination geschluckt wird.

Dieser Relativismus passt ebenfalls perfekt zu unsere Zeit.

8. Dass viele Apotheken und Drogerien so kräftig Schüssler-Salze propagieren und verkaufen, und damit ihren Kundinnen und Kunden vorgaukeln, dass es sich dabei um Medikamente handle, grenzt meines Erachtens an Betrug. Ich würde einen weiten Bogen um solche Geschäfte machen und sie betreffend Glaubwürdigkeit tiefer einstufen als einen Kiosk.

Zu Schüssler-Salzen siehe auch:

Schüssler-Salz Kalium chloratum D6 – ein Wunderheiler?

Schüssler-Salze wirksam?

Das Scharlatan-O-Meter

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Parkinson vorbeugen durch Holunderbeeren, Heidelbeeren, Kirschen, Auberginen?

Samstag, Februar 26th, 2011

Ein weiteres Argument, viel Obst zu essen: Man kann damit offenbar das Parkinsonrisiko reduzieren – hauptsächlich dann, wenn man rote und blaue Beeren liebt. Auch das eine oder andere Gläschen Rotwein könnte zu diesem Zweck hilfreich sein.

Warum manche Menschen an idiopathischem Morbus Parkinson erkranken und andere nicht, ist noch weitgehend ungeklärt. Doch offenbar haben Ernährungs- und Lebensgewohnheiten einen grossen Einfluss. Bekannt ist zum Beispiel, dass Kaffeetrinker und Raucher ein um 50 bis 80 Prozent vermindertes Parkinsonrisiko haben.

Jetzt haben US-Wissenschaftler aus Boston herausgefunden, dass auch viel Obst vor der neurodegenerativen Erkrankung schützen könnte. Ein Forscher-Team um Dr. Xiang Gao von der Harvard School of Public Health hat Daten von knapp 130000 Teilnehmern einer Langzeitstudie untersucht.

Diese füllten einen Fragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten aus. Das Team um Gao interessierte sich dabei hauptsächlich für den Konsum von Flavonoiden. Diesen wichtigen und verbreiteten Pflanzeninhaltsstoffen werden antioxidative Eigenschaften zugeschrieben. Sie finden sich vor allem in Obst, aber auch in dunkler Schokolade und in Rotwein.

In der Studie wurde die Anzahl der Parkinson-Neuerkrankungen (Inzidenz) über 20 bis 22 Jahre dokumentiert. In diesem Zeitraum erkrankten 805 Teilnehmer (0,6 Prozent) an Parkinson. Dabei zeigte sich: Männer, die über ihre Ernährung speziell viel Flavonoide konsumierten, waren gut vor Parkinson geschützt.

Im Quintil mit der höchsten Flavonoidaufnahme war die Parkinsonrate um 40 Prozent tiefer als im Quintil mit dem niedrigsten Konsum. Allerdings schienen Frauen in dieser Studie insgesamt nicht von einem erhöhten Flavonoid-Konsum zu profitieren.

Schauten sich die Wissenschaftler jedoch eine bestimmte Gruppe von Flavonoiden an, die blauen Anthocyan-Farbstoffe, die hauptsächlich in Beeren vorkommen, so war das Parkinsonrisiko bei Männern und Frauen gleichermaßen vermindert. “Möglicherweise haben Anthocyane neuroprotektive Eigenschaften”, erklärte Gao in einer Mitteilung der American Academie of Neurology (AAN). Sollte sich dies bestätigen, so Gao, könnte man über den Konsum von solchen Flavonoiden das Parkinsonrisiko auf natürliche und gesunde Weise reduzieren.

Die Daten der Studie sollen auf dem AAN-Kongress Anfang April in Honolulu präsentiert werden.

Speziell hoch ist übrigens der Anthocyangehalt in Holunderbeeren, Heidelbeeren, Kirschen und Auberginen. Auch Weintrauben können eine sehr hohe Anthocyan-Konzentration aufweisen, was allerdings von der Traubensorte abhängt. Entsprechend hat ein sehr dunkler Wein im allgemeinen einen hohen Anthocyangehalt.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/morbus_parkinson/article/640901/antiparkinson-diaet-beeren-rotwein.html

Kommentar & Ergänzung:

Flavonoide sind in der Phytotherapie eine wichtige Wirkstoffgruppe und zählen zu den Polyphenolen. Zahlreiche Heilpflanzen basieren mit ihrer Wirkung auf dem Gehalt an Flavonoiden. Beispielsweise Weissdorn, Mariendistel, Ginkgo, Buchweizenkraut, Goldrute, Birkenblätter.

Anthocyane sind eine Untergruppe der Flavonoide und als blaue Farbstoffe vor allem aus Heidelbeeren und schwarzen Johannisbeeren (Cassis) bekannt.

Untersucht wurden in den letzten Jahren vor allem die Anthocyane aus den Heidelbeeren, unter anderem zur potenziellen Anwendung gegen chronische Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa.

Siehe:

Polyphenole aus Beeren gegen degenerative Gehirnerkrankungen

Anthocyane als Entzündungshemmer

Anthocyane aus Beeren mit MAO-Hemmer-Effekt

Inhaltsstoff aus Heidelbeeren wirkt wie Cholesterinsenker

Farbstoffe aus Heidelbeeren hemmen Entzündungen

Die oben beschriebene Studie zum Einfuss von Beeren auf das Parkinsonrisiko scheint bisher noch nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden zu sein. Das lässt Fragen offen zu ihrer Qualität. Aber immerhin: Die Hinweise verdichten sich, dass Beeren mit einem hohen Gehalt an Anthocyanen in verschiedener Hinsicht gesundheitlich wertvoll sind.

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Pseudo-Schamanismus – eine Form kultureller Ausbeutung

Samstag, Februar 26th, 2011

In esoterisch angehauchten Randbereichen der Alternativmedizin und der Komplementärmedizin taucht immer häufiger der Begriff Schamanismus auf. Verschiedene Veranstalter und Anbieter versprechen Patienten physische und psychische Heilung auf dem schamanistischen Weg.

Nun sind Begriffe wie Schamanismus, schamanistisches Heilen, Schamane oder Schamanin natürlich nicht rechtlich geschützt. Wer will (und es sich einbildet), kann einfach behaupten, er sei von irgendwelchen Ältesten anerkannt. Es gibt zahlreiche „Plastikschamanen“ und falsche Medizinleute, welche die grassierende Leichtgläubigkeit von Esoterikerinnen und Esoterikern ausnutzen. Viele Pseudo-Schamanen vermischen die Traditionen und Zeremonien mehrerer Völker. Teilweise werden zu indianischen Elementen noch Rituale und Praktiken aus Asien sowie weitere, auf dem Esoterikmarkt gerade angesagte Maschen mit hineingemixt. Dass es sich hier um einen riesigen Markt handelt, zeigt jede Esoterikmesse. Wir haben es hier aber außerdem mit einer fortlaufenden Ausbeutung und Verhöhnung tradierter Kulturen zu tun.

Zu diesem unappetitlichen Phänomen zwei Hinweise:

1. Wer wissen will, was indigene AmerikanerInnen von westlichen Pseudo-Schamanen halten, findet dazu Informationen auf http://www.newagefraud.org/

2. In der Zeitschrift des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren (ZAEN) Nr. 12 / 1999, S. 838, analysieren die Wissenschaftler Peuker, Filler und Diederich das Phänomen des  „Pseudoschamanismus“ und grenzen es von der echten, kulturgebundenen Form des Schamanismus ab.

http://zaen.medienartig.com/pdf/1999/1999-12.pdf

Die Vorstellung, man könne einzelne Elemente aus einer kulturgebundenen schamanistischen Tradition herausreissen, hierher verpflanzen und hier damit Handel treiben, ist zutiefst ausbeuterisch.

Das erinnert mich an ein Word-Programm auf dem Computer: Man isoliert irgendwelche Rituale aus mongolischen oder indianischen Kulturzusammenhängen mit der „Ausschneiden“-Taste und transplantiert sie mit der „Einfügen“-Taste nach Zürich, Dagmarsellen oder Arbon.

Besonders grotesk wird die Sache, wenn diese quasi-chirurgische kulturelle Transplantation noch mit dem fragwürdigen Sehnsuchtswort „ganzheitlich“ vermarktet wird.

Ich würde aber selbstverständlich nicht bestreiten, dass wohlstandsübersättigte „Westmenschen“ mit ungeklärten Sinnproblemen dadurch eine leicht konsumierbare „Fertigmahlzeit“ beziehen können, die kurzfristig Erleichterung verschafft.

Fragt sich nur zu welchem Preis – monetär, psychologisch, ethisch, kulturell…..

Und nachhaltig scheinen solche pseudo-schamanistischen Angebote jedenfalls auch nicht gerade zu wirken, wenn man Konsumentinnen und Konsumenten sieht, die von Workshop zu Workshop rennen. Wie bei allen Light-Produkten ist der Sättigungswert offenbar nicht gerade gross.

Meiner Ansicht nach wäre es an der Zeit, wieder mehr das Einfache, Naheliegende, Alltägliche, Unspektakuläre zu pflegen und die Stärken und Schwächen der eigenen Kultur besser zu verstehen. Auch – aber nicht nur – wenn es um Gesundheit, Krankheit und Heilung geht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Acai-Beere als Schlankheitsmittel und Power-Frucht?

Freitag, Februar 25th, 2011

Die Acaipalme (Euterpe oleracea) gedeiht ausschliesslich in Südamerika und kann bis zu 20 Meter hoch wachsen. Die Pflanze dient zur Gewinnung von Palmherzen. Hauptgrund für den Anbau sind jedoch die Beeren (Acai-Beeren), welche von den Einheimischen des Amazonasgebietes als Nahrungsmittel genutzt werden.

Seit 2004 werden Acai-Beeren in den USA, anschliessend auch in Europa vermarktet. Als Verkaufsargumente kommen antioxidative Eigenschaften und die Wirkung als Anti-Aging-Produkt und Schlankheitsmittel zum Zug.

Die runden, violetten Acai-Beeren bestehen aus 52% Kohlenhydraten, 8% Proteinen und 32% Fetten. Sie besitzen einen hohen Nährwert und enthalten Vitamin E, Vitamin B1, Ballaststoffe, Eisen und Calcium. In den Acai-Beeren findet man zudem Phytosterole und Flavonoide (Anthocyane und Proanthocyanidine), welche antoxidativ wirksam sein sollen. Im Rahmen von in-vitro Studien wurden entzündungshemmende und zytostatische Wirkungen festgestellt. Es gibt jedoch keine Belege, dass Acai-Beeren bei bestimmten Krebserkrankungen vorbeugend oder therapeutisch eingesetzt werden könnten.

Gemäss Professor Hostettmann haben gewisse einheimische Früchte vergleichbare antioxidative Eigenschaften (beispielsweise Brombeere, Schwarze Johannisbeere, Heidelbeere) und sind zudem weitaus günstiger. Es existieren keinerlei wissenschaftliche Belege, dass Acai-Beeren als Schlankheitsmittel wirksam sein sollen.

Literatur:

Les vertus thérapeutiques des fruits exotiques, Kurt Hostettmann, Editions Favre 2011, p11

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=4196&NMID=4196&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Ein ähnliches Fazit zieht Wikipedia:

„Seit 2005 wird die Frucht in den USA und Europa, im deutschsprachigen Raum unter der Bezeichnung Acai-Beere, vorwiegend als Schlankheitsmittel vermarktet. Der Gehalt an Antioxidantien ist nicht höher als in vielen anderen Früchten. Die versprochenen Wirkungen, von Gewichtsabnahme bis zur sexuellen Stimulation, sind nicht wissenschaftlich bewiesen.“

Quelle: Wikipedia (Literatur siehe dort)

Im Internet wird Acai als Super-Frucht und Power-Beere angepriesen.

Was unbekannt und exotisch ist, kommt offenbar immer besonders stark an. Gut zu wissen, dass auch viele alte Bekannte genauso gesund sind.

Ein Lob daher auf Brombeeren, Heidelbeeren und Schwarze Johannisbeeren. Oder wie wär’s mit einem Apfel?

Die immer wiederkehrenden Hypes um ganz wunderbare und oft exotische Früchte, Naturheilmittel oder Heilpflanzen sind vor allem ein psychologisches Phänomen. Warum fliegen offensichtlich so viele Leute auf ein Wundermittel, das so marktschreierisch mit Gesundheitsversprechungen vollgepumpt wird?

Acai-Beeren sind wohl schon gesund. Ich setze mich aber mit Nachdruck ein für das scheinbar Gewöhnliche, Alltägliche, Banale. Auch wenn das vielleicht für manche Leute weniger aufregend ist…..

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Cannabis-Wirkstoff THC lindert Appetitlosigkeit während Tumortherapie

Freitag, Februar 25th, 2011

Tetrahydrocannabinol, der rauschauslösende Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, der beim Konsum von Cannabis die berühmten Essanfälle bewirkt, könnte einer Studie zufolge auch in der Krebsbehandlung hilfreich sein. Tetrahydrocannabinol (THC) kann den Appetit von Krebspatienten anregen, wie die Studie zeigte.

Eine Krebserkrankung oder die damit einhergehende Therapie führe häufig dazu, dass der Patient keinen Appetit mehr habe und zu wenig esse, schreibt Wendy Wismer von der kanadischen Universität Alberta in der Studie. “Lange Zeit hat man gedacht, dass man nichts dagegen tun kann.” Eine erste Vergleichsstudie habe jetzt jedoch gezeigt, dass der im Cannabis enthaltene Wirkstoff THC auch den Appetit von Krebspatienten steigere.

Die Forscher aus der kanadischen Provinz Alberta untersuchten die Wirkung von THC an 21 Patienten, die wegen eines fortgeschrittenen Tumors mit einer Chemotherapie behandelt worden waren. Wie die Wissenschaftler berichteten, gaben sie einem Teil der Versuchsgruppe 18 Tage lang Tabletten mit Tetrahydrocannabinol, die anderen Patienten erhielten eine gleich aussehende Pille ohne Wirkstoffe. Bei der Auswertung berichteten 73 Prozent der Cannabis-Patienten, sie hätten ihr Essen wieder lieber gemocht, und 55 Prozent erklärten, das Essen schmecke ihnen auch besser. In der Vergleichsgruppe ohne THC sagten dies nur 30 beziehungsweise zehn Prozent der Probanden. Die Tumorpatienten in der “echten” Gruppe gaben darüber hinaus an, dass sie durch das THC entspannter seien und besser schliefen.

Bis anhin sei Krebspatienten häufig empfohlen worden, sie sollten sich an möglichst neutrales, farbloses und kaltes Essen halten, wenn sie den Geruch oder den Geschmack von Speisen nach einer Chemotherapie nicht aushielten, schildert Wismer. Die Ärzte sollten stattdessen über eine Behandlung mit dem Cannabis-Wirkstoff nachdenken, um ihre Patienten bei der anstrengenden und kräftezehrenden Krebstherapie zum Essen anzuregen, riet die Forscherin. Alle Studienteilnehmer hätten die Tabletten gut vertragen, Nebenwirkungen seien keine aufgetreten. Publiziert wird die Studie in den “Annals of Oncology”, der Fachzeitschrift der European Society for Medical Oncology in der Schweiz.

Quelle:

http://de.news.yahoo.com/2/20110223/twl-cannabis-wirkstoff-appetitfoerdernd-d044675.html

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis gehört zu den Heilpflanzen, bei denen sowohl Risiken als auch Chancen sehr genau im Auge behalten werden müssen.

Zu den Risiken zählt offenbar eine erhöhte Anfälligkeit für Psychosen.

Siehe dazu:

Cannabis & Psychose

Cannabis &  Psychoserisiko

Cannabis – Psychoserisiko nicht unterschätzen

Heikel scheint in diesem Zusammenhang vor allem frühzeitiger Cannabis-Konsum im Jugendalter und der längerdauernde, intensive, unkontrollierte Konsum.

Es gibt aber Patientinnen und Patienten, die von Cannabis sehr profitieren, und bei solchen genau definierten  Indikationen ist Cannabis eine prüfenswerte  Behandlungsoption.

Erwähnt seien die Linderung von Spastik bei Multipler Sklerose und die Linderung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie.

Siehe dazu:

US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multipler Sklerose

Cannabis-Extrakt hilft bei Multiple Sklerose

Nun scheint also auch die schon lange bekannte günstige Wirkung von Cannabis gegen Appetitlosigkeit bei Chemotherapie durch eine Studie belegt zu sein. Allerdings sind 21 Studienteilnehmer statistisch gesehen nicht gerade eine grosse Zahl, wodurch sich Verzerrungen im Resultat ergeben können.

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Ärztezeitung neu mit Phytotherapie-Expertenrat

Freitag, Februar 25th, 2011

Die „Ärztezeitung“ führt neu einen Online-Expertenrat für Phytotherapie ein. Betreut wird das „Phyto-Forum“ durch:

Dr. Rainer C. Görne: Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, Facharzt für Klinische Pharmakologie, Diabetologie, Neustadt a. d. Weinstraße

Professor Karin Kraft: Lehrstuhl für Naturheilkunde, Zentrum für Innere Medizin, Uni Rostock

Professor Karen Nieber: Lehrstuhl Pharmakologie für Naturwissenschaftler, Institut für Pharmazie, Uni Leipzig

Professor Jürgen Reichling: Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie, Uni Heidelberg

Rainer C. Görne ist mir im Zusammenhang mit Phytotherapie bisher nicht bekannt.

Karin Kraft schreibt seit Jahren in medizinischen Zeitschriften fundierte Beiträge zum Thema Phytotherapie.

Karen Nieber gewann 2003 den Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis der “Internationalen Gesellschaft für Homotoxikologie e.V.” und der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin e.V. für den vermeintlichen Wirkungsnachweis Homöopathischer Mittel. Sie gab diesen Preis später zurück, weil bei der zugrunde liegenden Studie schwere Fehler zu einem falschen Ergebnis geführt hatten. Die Kontroverse um diesen Fall ist hier dokumentiert: http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Karen_Nieber

Jürgen Reichling ist seit langem Autor von fundierten Phytotherapie-Fachbüchern.

Die „Ärztezeitung“ schreibt im Zusammenhang mit dem neuen Phyto-Forum zur Phytotherapie:

„Phytotherapie hat einen festen Stellenwert in der Heilkunst. Sie wird ergänzend zu synthetischen Arzneimitteln angewandt oder als Alternative.

Dabei ist Phytotherapie nichts für Gegner der Schulmedizin, die schon mit dem Glauben an eine Wirkung zufrieden sind. Phytopharmaka sind hoch wirksame Arzneimittel, deren Wirkung auf den enthaltenen pflanzlichen Substanzen beruht.

Über die Wirkmechanismen dieser Stoffe wird an deutschen Hochschulen ebenso geforscht wie in der Industrie. Wie etwas wirkt, ist eine immer wieder gestellte Frage zu Arzneimitteln jeglicher Herkunft.“

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/article/642481/jetzt-online-expertenrat-forum-phytotherapie.html

Kommentar & Ergänzung:

Den Ausdruck „Heilkunst“ empfinde ich immer ein wenig als hochgestochen. Ansonsten spricht der Text aber ein wichtiges Thema an:

Phytotherapie strebt danach, Aussagen über die Wirkung von Heilpflanzen mit Argumenten zu begründen. In diesem Sinne ist Phytotherapie kompatibel mit einer demokratischen Gesellschaftsstruktur, welche die Auseinandersetzung auf argumentativer Ebene zur Basis hat.

Heilmethoden und Heilmittel, die ohne Begründungen operieren und an blinde Gläubigkeit appellieren, sind meines Erachtens schädlich für die demokratisch-politische Kultur. Sie gewöhnen den Menschen die Fähigkeit ab, Versprechungen durch kritische Fragen auf ihren realen Gehalt zu untersuchen und Schein von Sein zu unterscheiden.

Wenn man sieht, wie sich in abendländischen Demokratien breite Bevölkerungsschichten in einer fraglosen Gläubigkeit von „schönem“ Schein einlullen lassen, dann ist das besorgniserregend.

Ein Silvio Berlusconi, mafianaher Egomane, der Gesetze auf seine eigene Person zuschneidet, um sich vor der Justiz zu retten und sein Amt für persönliche Zwecke schamlos nach Strich und Faden missbraucht…

Ein Blender wie Jörg Haider mit seiner korrupten Vetternwirtschaft…

Eine Tea-Party in den USA mit ihren absurden Verschwörungstheorien…..

Ein Karl-Theodor zu Guttenberg, so perfekt verpackter und vermarkteter Politiker, dass seine Anhängerinnen und Anhänger ihm auch ein bisschen Betrug beim Abfassen seiner Dissertation nicht nachtragen….

Aber auch ein Christoph Blocher, der ständig gegen eine „Classe politique“ wettert, der er skurriler weise selber angehört…..

…sie wären so nicht möglich, wenn breite Kreise das Stellen kritischer Fragen nicht derart verlernt hätten.

Unter anderem auch aus diesem Grund verlange ich mit Nachdruck eine verstärkte Kultur kritischen Nachfragens bei Themen aus dem Bereich der Komplementärmedizin – gerade weil hier fraglose Gläubigkeit weit verbreitet ist.

Zur Frage: Was ist Phytotherapie?

Was ist Phytotherapie? Was ist Integrative Phytotherapie?

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Im Text aus der „Ärztezeitung“ wird der fragwürdige Ausdruck „Schulmedizn“  verwendet. Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

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Zimmerpflanzen vorbeugend gegen Erkältung

Freitag, Februar 25th, 2011

Zimmerpflanzen helfen gegen trockene Raumluft. Sie reichern die Atemluft mit Feuchtigkeit an und könnten so als «Erkältungsblocker» wirken, erklärt Prof. Harald Morr von der Deutschen Lungenstiftung in Hannover.

Ist die Schleimhaut der Atemwege feucht, sei sie gegen Krankheitserreger viel widerstandsfähiger, sagt der Experte. Speziell geeignet für gut beheizte Räume sind Pflanzenarten wie Philodendron, Farne, Fensterblatt, Zypergras und Papyrusgras. Sie geben bis zu 97 Prozent des Gießwassers als Wasserdampf wieder ab und steigern so die Luftfeuchtigkeit.

Erkältungsviren können die durch die Nasenschleimhaut gebildete Barriere schwerer überwinden, wenn die Schleimhaut feucht ist.

Zimmerpflanzen können ausserdem als Schadstofffilter wirken. Hauptsächlich im Winter ist die Raumluft laut Morr stärker belastet, weil in dieser Jahreszeit nicht immer genügend gelüftet wird. So könnten sich beispielsweise potenzielle Allergene wie Hausstaubmilbenkot oder Haare von Haustieren sowie Schadstoffe aus Haushaltsgeräten und Schimmelpilzgifte in der Wohnung stärker anreichern. Husten, verstopfte Nasen sowie Nebenhöhlenentzündungen sind mögliche Konsequenzen. Birkenfeige, Drachenbaum oder Zimmer-Aralie beispielsweise filtern innert weniger Stunden bis zu 80 Prozent solcher Schadstoffe aus der Luft.

Manche Gewächse wie die Birkenfeige und die Zimmeraralie filtern innerhalb weniger Stunden bis zu 80 Prozent des Formaldehydgehalts aus der Luft. Die Chemikalie steckt in Bodenbelägen, Textilien und Holzverkleidungen und kann beim Menschen Kopfschmerzen oder Atembeschwerden verursachen. Spezielle Enzyme in den Blättern der Pflanzen verwandeln die aufgenommenen Giftstoffe in harmlose Substanzen wie Aminosäuren oder Zucker. Selbst gegen Zigarettenrauch ist offenbar ein Kraut gewachsen: Bogenhanf soll diesen speziell effizient binden. Der beliebte Drachenbaum neutralisiert Benzol und Trichlorethylen, die häufig in Farben, Gummiartikeln oder Lacken vorkommen. Eingeatmet können diese Stoffe Vergiftungserscheinungen auslösen und die inneren Organe schädigen.

Quellen:

http://de.news.yahoo.com/26/20110203/thl-mit-zimmerpflanzen-der-erkltung-vorb-b930478.html

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=32653

Kommentar & Ergänzung:

Und wenn trotz feuchter Luft eine Erkältungskrankheit einfahren sollte, gibt es ja Heilpflanzen wie Salbei, Thymian, Eibisch, Spitzwegerich, Malvenblüten & Co., ätherische Öle wie Thymianöl, Eukalyptusöl oder Anisöl, oder ganz einfache, aber wirksame Hausmittel wie Zwiebelwickel, Zwiebelsirup, Meerrettich-Auflagen.

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Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt?

Donnerstag, Februar 24th, 2011

Unter dem Titel „Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt“ berichtet die Sendung „Kontext“ auf Radio DRS 2 über das Thema „Komplementärmedizin und Placebo“.

Quelle: http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/5005.sh10168514.html

Ich habe mir den dazu publizierten Text auf der DRS2-Website genauer angeschaut.

„Kontext“ – eine Sendung, die ich sehr schätze – stellt darin wichtige Fragen, lässt meines Erachtens aber auch entscheidende Fragen weg.

Eingangs stellt „Kontext“ fest:

„Die Diskussion in der Schweiz rund um die Komplementärmedizin ist gross. Alternative Behandlungen wirkten nicht besser als ein Placebo, wird oft bestätigt. Was wäre denn so schlimm daran?“

Eine interessante Frage. „Kontext“ schlägt auch den Bogen zur aktuellen Auseinandersetzung um die Aufnahme der Komplementärmedizin-Verfahren in die Grundversicherung:

„Vielleicht sollte die Diskussion um Sinn und Unsinn von medizinischen Therapien auch in der Schweiz stärker auf den Nutzen für den Patienten fokussieren, Placebo-Kontrolle hin oder her. Anders wird sich der Zwist um die Vergütung und Bewertung komplementärmedizinischer Verfahren wohl nicht lösen lassen.“

Heisst das nun, dass der Zwist um die Vergütung von Komplementärmedizin sich lösen lässt, wenn auch der reine Placebo-Effekt bezahlt wird?

Schauen wir uns die Argumentation Schritt für Schritt an. Den Kontext-Text von der Radio-DRS-Website setze ich kursiv, anschliessend folgt jeweils mein Kommentar.

„’Wer heilt hat recht’, sagt der Volksmund. Doch was genau heisst «heilen»? Wie kann man wissen, ob ein Medikament, eine Therapie, ein medizinischer Eingriff tatsächlich wirkt – sei er nun schul- oder komplementärmedizinisch?“

Kommentar: Wichtiger Punkt. Wer heilt hat nur Recht, wenn er oder sie wirklich heilt und es nicht nur behauptet. Therapeutinnen und Therapeuten jeder Couleur neigen dazu, auch die Wirkung der Selbstheilungskräfte der eigenen Methode gut zu schreiben.

“In der wissenschaftlich begründeten Medizin, der so genannten «evidence based medicine», hat man dazu eine einfache Antwort gefunden: Das Medikament, die Therapie, der medizinische Eingriff muss in einer placebokontrollierten Studie getestet werden, muss also besser wirken als eine Scheinbehandlung, als ein Placebo.“

Kommentar: Das ist allerdings alles andere als eine einfache Antwort. Es gibt Studien unterschiedlicher Qualität und mit widersprüchlichen Ergebnissen. Im Bereich der Phytotherapie ist das gut ersichtlich bei Heilpflanzen wie Echinacea oder Ginkgo. Die „evidence based medicine“ wertet deshalb mehrere Studien zum gleichen Thema in Metastudien aus, und versucht daraus Schlussfolgerungen mit grösserer Plausibiliät zu ziehen. Und es gibt sogar widersprüchliche Ergebnisse bei Metastudien zum gleichen Thema. Einfache Antworten zur Wirksamkeit gibt es dagegen in der Komplementärmedizin zuhauf. So behauptet beispielsweise das Bundesamt für Gesundheit, es beurteile die Wirksamkeit von Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin nicht einzeln, wenn es um die Zulassung zur Grundversicherung geht, sondern in Arzneimittelgruppen. Wie das genau abläuft, kann das BAG aber nicht darlegen. Eine vollkommen intransparente Pseudowirksamkeitsprüfung. Wenn also jemand eine (allzu) „einfache Antwort“ auf die Frage nach der Wirksamkeit gefunden hat, dann das BAG beim Thema Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit als Arzneimittelgruppe zu beurteilen, das ist einfach eine Verarschung und zudem wohl kaum konform mit den Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes.

„Bedeutet das zwangsläufig, dass die komplementärmedizinischen Verfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder traditionelle chinesische Medizin wertlos sind? «Das mag zwar manchmal Sinn machen. Aus Labor- und klinischen Studien wissen wir aber auch, dass der Placebo-Effekt selber durchaus heilsam sein kann», sagt der Placebo-Spezialist Frank Miller vom National Institute of Health in den USA.“

Kommentar: Ja, keine Frage. Auch der Placebo-Effekt ist wertvoll. Das bestreitet aber wohl niemand im Ernst.

„In der Tat zeigen komplementärmedizinische Verfahren meist keine bessere Wirkung als Placebo. Zum Beispiel kam eine Studie, bei der Anwendung von Akupunktur gegen Kopfschmerzen untersucht wurde, zum Schluss, dass gegenüber der Schein-Akupunktur, bei der die Nadeln an beliebigen Orten in den Körper geführt werden, kein Wirkungsunterschied besteht. Aber: Akupunktur wirkte gegen Kopfschmerzen tendenziell besser als Medikamente, so Klaus Linde, Mediziner und Epidemiologe an der technischen Universität München und langjähriger Erforscher der Komplementärmedizin.“

Kommentar: Dazu ist vorerst einmal festzuhalten, dass Akupunktur schon bisher von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt wird. Darum kann es also nicht gehen.

Wenn Akupunktur gleich gut oder besser ist als Medikamente, dann soll Akupunktur bezahlt werden. Eigenartigerweise beruft sich „Kontext“ hier aber auf eine Vergleichsstudie, obwohl der Text sonst die Relevanz von Studien in Frage stellt.

Ich bin für klare, gerechte, transparente Regeln. Auf grund der Vergleichsstudie, aber auch wenn der Nutzen für den Patienten zum entscheidenden Kriterium wird, wie „Kontext“ das vorschlägt, dann muss Scheinakupunktur genauso bezahlt werden wie Akupunktur nach TCM-Lehre. Dann ist nicht einzusehen, weshalb man für teures Geld ein TCM-System mit Energiebahnen, Meridianen etc. lernen muss, wenn der Nutzen mit Scheinakupunktur genauso gross ist. Warum fordert niemand die Vergütung von Scheinakupunktur via Grundversicherung?

Nun zu den meines Erachtens entscheidenden Fragen, die „Kontext“ nicht stellt.

Wenn für die Aufnahme in die Grundversicherung das Kriterium „besser als Placebo“ fallen gelassen wird, und der „Nutzen für den Patienten“ zum Kriterium wird, stellen sich folgende Fragen bzw. Probleme:

1. Die Krankenkasse zahlt aus der Grundversicherung dann also auch den reinen Placeboeffekt. Für den Patienten ist dieser selbstverständlich fraglos wertvoll. Allerdings hat praktisch jede Heilmethode einen Placeboeffekt. Gerechterweise muss dann die Krankenkasse jede Methode zahlen.

2. Der „Nutzen für den Patienten“ ist ein nicht ganz einfach zu fassendes Phänomen. Wer den Nutzen als Kriterium propagiert, müsste auch klar darlegen, wie dieser Nutzen bestimmt werden soll. Mir hilft Pilates. Ich werde unter den Pilates-Übenden locker ein paar Tausend Leute finden, die den Nutzen dieser Bewegungsmethode bestätigen.  Im übrigen wäre es vor ein paar hundert Jahren auch ein leichtes gewesen, mit einer Umfrage den Nutzen der Aderlass-Methode darzulegen. Denn alle, die diese Intervention über sich ergehen liessen, waren von ihrem Nutzen wohl überzeugt. Für mich sehe ich keinen Nutzen in Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin, in Pilates aber schon. Wenn also der Nutzen als Kriterium entscheidet: Warum wollen mir Politikerinnen und Politiker vorschreiben, dass ich komplementär Homöopathie, Neuraltherapie, Traditionelle chinesische Medizin, Anthroposophische Medizin oder Phytotherapie (die gar nicht zur Komplementärmedizin gehört) via Grundversicherung nutzen darf, Pilates aber nicht?

3. Das Kriterium „Nutzen“ ist etwa ähnlich schwammig und nebulös wie das Kriterium „Alltagswirksamkeit“. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat angekündigt, sich vermehrt am Kriterium „Alltagswirksamkeit“ zu orientieren, nachdem das Kriterium „wirksamer als Placebo“ durch populistische Politikerinnen und Politiker unter Druck geraten ist.

Quelle: http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878

„Nutzen“ und „Alltagswirksamkeit“ sind Beliebigkeitskriterien. Zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV) ein prägnantes Zitat:

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html

Das Kriterium „Nutzen“ scheint mir eine vergleichbare Nebelgranate wie „Alltagswirksamkeit“.

4. Der Placebo-Effekt ist wertvoll. Es gibt aber viele Krankheiten, bei denen ein Placebo-Effekt allein nicht reicht. Beispielsweise Krebs, Diabetes, AIDS, Borreliose, Parkinson, Malaria. Bei solchen Krankheiten ist es meines Erachtens entscheidend Medikamente zu finden, die besser wirken als Placebo. Und das geht nur durch den Vergleich mit Placebo. Dieser Aspekt geht leicht verloren, wenn man den „Kontext“-Text liest, der die positive Wirkung des Placebo-Effekts ins Zentrum stellt. Studien, in denen die Wirkung eines Heilmittels mit der Wirkung eines Placebos verglichen wird, werden von manchen Kreisen aus Komplementärmedizin und Alternativmedizin diffamiert, weil sie dadurch ihre Methoden und Überzeugungen bedroht sehen. Das ist ein Immunisierungsstrategie, die gegen Kritik schützen soll. „Kontext“ fährt meines Erachtens auf diesem „Diffamierungszug“ mit. Das halte ich für falsch, weil es kein besseres Mittel gibt für Fortschritte in der Medizin wie gut gemachte Doppelblind-Studien.

5. Wenn alle Heilmethoden und Heilmittel einen Placebo-Effekt enthalten: Was spricht dann dagegen, trotzdem für die Vergütung via Grundversicherung daran festzuhalten, dass ein Mittel besser wirken soll als Placebo? Es ist doch die Alternative: „Placebo“ oder „Placebo plus spezifische Wirkung“, die zur Wahl steht. Also warum nicht ein Mittel, das beides bietet? Weshalb plädiert „Kontext“ – wenn ich das richtig versteht – für die verstärkte Berücksichtigung von „Nur Placebo“ statt für „Placebo plus spezifische Wirkung“? Das würde meiner Ansicht nach nämlich bedeuten: Wenn Firma XY behauptet, ihr Heilmittel Z. wirke gegen Krebs, dann müsste die Grundversicherung Z. bezahlen, wenn Z. (wie jedes Mittel) einen Placebo-Effekt hat und (wie jedes Mittel, das einen Placebo-Effekt hat) einen Nutzen darlegen kann. Auf die Forderung nach einer Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus wird somit verzichtet.

Der Kern dieser fraglichen Punkte ist meines Erachtens:

Wer für die Abrechnung via Grundversicherung auf die Forderung verzichten will, dass ein Heilmittel oder eine Heilmethode zusätzlich zum Placebo-Effekt noch eine spezifische Wirkung hat, wer also auch nur den reinen Placebo-Effekt aus der Grundversicherung zahlen will, wenn ein „Nutzen“ gegeben ist, der muss sehr genau darlegen, was er oder sie genau unter „Nutzen“ versteht und wie dieser „Nutzen“ erfasst und bewertet wird. Denn weil jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Placebo-Effekt hat, hat auch jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Nutzen.

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