Forschung: Krebshemmende Wirkung von Phytoöstrogenen vom Typ der Lignane

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Mit der Wirkung so genannter Phytoöstrogene auf Tumorzellen befassten sich Fachleute aus ganz Deutschland am 10. Dezember 2010 am Workshop „Phytomedizin“ der Universität Rostock. Phytoöstrogene wirken ähnlich wie das menschliche Hormon Östrogen. Sie haben zahlreiche gesundheitsfördernde Eigenschaften: Phyto-Hormone aus Soja können zum Beispiel Wechseljahresbeschwerden lindern. Im Rahmen der Krebsforschung zeigte sich, dass Phyto-Östrogene möglicherweise das Wachstum von Brustkrebszellen hemmen können. Die Deutsche Krebshilfe unterstützt ein Projekt an der Universität Rostock, in dem Wissenschaftler die Wirkungsweise der pflanzlichen Östrogene auf Brustkrebszellen genauer untersuchen mit 470.000 Euro.

In asiatischen Ländern wie China, Japan oder Indien erkranken deutlich weniger Frauen an Brustkrebs als in westlichen Ländern. Das liegt möglicherweise am hohen Gehalt an Phytoöstrogenen in der traditionellen asiatischen Küche. Doch nicht nur exotische Nahrungsmittel wie Sojabohnen und die daraus hergestellten Produkte, sondern auch zahlreiche heimischer Gewächse enthalten die Pflanzenhormone. Im Fokus der Forscher um Professor Dr. Volker Briese von der Universitätsfrauenklinik und Poliklinik am Klinikum Südstadt Rostock steht dabei eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt: der Lein (Linum usitatissimum), auch Flachs genannt.

Leinsamen als ergiebige Quelle von Lignanen

Seit Jahrtausenden wird der Lein zur Herstellung von Textilien, als Heilpflanze und als Lebensmittel verwendet. speziell die Leinsamen enthalten große Mengen an Phytoöstrogenen, die so genannten Lignane. Lignane haben eine wichtige Eigenschaft: ihre strukturelle Ähnlichkeit mit dem Sexualhormon Östrogen. Deshalb werden Lignane als mögliches Therapeutikum gegen Brustkrebs untersucht.

Bei rund zwei Drittel der betroffenen Frauen wächst der Brustkrebs östrogenabhängig. Ihre Krebszellen besitzen gewisse Bindungsstellen, so genannte Rezeptoren, an welche die Östrogene binden und die Zellen zum Wachstum stimulieren. Lignane können nun diese Bindungsstellen besetzen und damit das weitere Wachstum des Tumors hemmen.

Die Rostocker Wissenschaftler stellen Lignan-haltige Extrakte aus der Wurzel des Leins her und untersuchen ihre Wirkungsweise auf Brustkrebszellen. „Phyto-Östrogene könnten verhindern, dass Krebszellen überhaupt erst entstehen. Aus den bisher gewonnenen Erkenntnissen möchten wir innerhalb der nächsten zwei Jahre daher auch eine Anwendungsmöglichkeit zur Vorbeugung von hormonabhängigen Tumoren entwickeln“, erklärt Briese. Im Rahmen des Workshops „Phyto-Östrogene — Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe mit tumorpräventivem Potenzial“ stellten die Forscher nun die bisherigen Resultate ihrer Studien vor. Das Ziel der von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsprojekte ist es, innovative Strategien in der Prävention und Therapie von Tumor-Erkrankungen zu entwickeln.

Quelle:

http://idw-online.de/pages/de/news400906

Kommentar & Ergänzung:

Dass Leinsamen Phytoöstrogene enthält ist keine neue Erkenntnis. Die Leinsamen-Lignane standen aber offenbar bezüglich Forschung bisher im Schatten der Isoflavone zum Beispiel aus Soja oder Rotklee.

Das Thema Phytoöstrogene ist allerdings viel komplexer als es in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

So können Phytoöstrogene nicht nur östrogenartig, sondern unter gewissen Bedingungen auch antiöstrogen wirken. Und es ist nicht nur wahrscheinlich, dass gewisse Phytoöstrogene vor Krebs schützen. Möglicherweise können manche Phytoöstrogene in bestimmten Situationen auch das Krebswachstum stimulieren, zum Beispiel bei östrogensensitivem Brustkrebs. Daher ist in solchen Fällen Vorsicht mit der generellen Empfehlung von Phytoöstrogenen angebracht.

Denn es ist nicht so ganz eindeutig auszuschliessen, dass manche Phytoöstrogene, wenn sie an Östrogenrezeptoren binden, dort anstelle einer erhofften Hemmung eine Stimulation bewirken. Das könnte östrogensensitive Tumore zum Wachstum anregen.

Dr. med. Jutta Hübner, Sprecherin des Arbeitskreises komplementäre Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft, schreibt zum Thema Lignane & Krebs:

„Eine höhere Nahrungsaufnahme von Lignanen geht vermutlich mit einer Reduktion des Brustkrebsrisikos und des Gebärmutterkrebs einher. In verschiedenen Laborexperimenten verringerten Lignane das Wachstum von Tumorzellen. Erste Tierexperimente unterstützten diese Erkenntnisse. Jedoch ist aufgrund der phytoöstrogenen Eigenschaften der Einsatz von Lignanen bei Brustkrebs umstritten. Erste Ergebnisse aus dem Labor und Tierexperiment lassen zwar vermuten, dass die Aufnahme von Lignanen mit der Ernährung auch für Patientinnen mit Hormonrezeptor-positivem Brustkrebs ungefährlich ist. Bestätigende Untersuchungen beim Menschen stehen allerdings aus.“

(Zitat aus: Jutta Hübner, Aloe, Ginkgo, Mistel & Co, Schattauer Verlag 2009, mehr dazu im Buchshop)

Im menschlichen Organismus gibt es unterschiedliche Östrogenrezeptoren (ER):

ER-alpha ist vor allem in der Brustdrüse und im Uterus, aber auch in der Leber lokalisiert, während ER-beta überwiegend in den Eierstöcken, den Hoden, der Prostata sowie im Knochengewebe, im Herz-Kreislaufsystem, im Gehirn und im Gastrointestinaltrakt vorkommt. Gegen Wechseljahrsbeschwerden sucht die Phytotherapie-Forschung gezielt nach Phytoöstrogenen, welche nur am ER-beta wirksam werden, den ER-Alpha in der Brustdrüce und im Uterus dagegen nicht beeinflussen. Diese Wirkstoffe gelten dann auch als sicher in dem Sinne, dass von ihnen keine ungünstige Stimulation von Tumoren in Brust und Uterus zu befürchten ist.

Bis gesicherte Empfehlungen abgegeben werden können zum Thema Leinsamen bzw. Lignane und Krebs, braucht es also noch viel Forschung. Wenn heute nicht selten Phytoöstrogene pauschal als gesund vermarktet werden, ist das zu mindestens sehr undifferenziert. Schliesslich sind Phytoöstrogene ja von den Pflanzen nicht zu dem Zweck entwickelt worden sein, um uns gesund zu halten oder gar zu heilen, sondern wohl eher als Abwehrmittel gegen Fressfeinde.

Wenn also in der Meldung auf idw-online die Rede davon ist, dass Phytoöstrogene möglicherweise das Wachstum von Brustkrebszellen hemmen können, dann müsste man eigentlich zurückfragen: Um welche Phytoöstrogene geht es genau?

Interessant an der Meldung auf idw-online ist auch noch, dass an der Universität Rostock Extrakte aus den Wurzeln des Leins verwendet werden, während üblicherweise in der Phytotherapie die Leinsamen verwendet werden – als Phytoöstrogene geschrotet und gegen Verstopfung meist ganz.

Ein weiteres interessantes Lignan ist übrigens das Neo-Olivil aus der Brennesselwurzel, das möglicherweise zur Wirkung dieser Heilpflanze bei benigner Prostatahyperplasie (gutartige Prostatavergrösserung) beiträgt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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