Archive for Oktober, 2010
Sonntag, Oktober 31st, 2010
Das empfehlen Hamburgs Apothekerinnen und Apotheker auf gesundheit-adhoc.de und stellen fest: „Nicht immer muss es die chemische Keule sein.“
Und bevor erklärt wird, wie Heilpflanzen bei klassischen Erkältungsbeschwerden helfen,
geht es zunächst um den Ablauf von Erkältungen:
„Erkältungen verlaufen in mehreren Phasen. Der grippale Infekt macht sich in der Regel nach etwa drei Tagen durch Halsschmerzen bemerkbar. Anschließend treten Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schnupfen auf. Der Husten leitet das Ende der Erkältung ein. Häufig leiden Patienten zunächst an einem trockenen Reizhusten, bevor tatsächlich Schleim abgehustet wird.“
Erkältungssymptome gezielt behandeln
„Da die unterschiedlichen Erkältungssymptome in der Regel nicht gleichzeitig auftreten, sind Kombinationspräparate, die Arzneistoffe gegen mehrere Beschwerden enthalten, nicht empfehlenswert. ‚Das Prinzip ‘Viel hilft viel’ gilt bei Erkältungen nicht. Wenn ein Patient nur Kopfschmerzen hat, braucht er kein Mittel gegen Schnupfen’, sagt Dr. Jörn Graue, Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins. Besser sei es, die einzelnen Symptome gezielt zu behandeln.“
Bei Halsschmerzen Salbei – gegen Schnupfen Kamillendampf
„Bei Erkältungen sind Heilpflanzen eine gute Ergänzung zu Fertigarzneimitteln. ‚Zur effektiven Behandlung von Halsschmerzen kann mit Salbeitee gegurgelt werden’, sagt Rainer Töbing, Präsident der Hamburger Apothekerkammer. Die Inhaltsstoffe wirken antibakteriell und entzündungshemmend. Bei Schnupfen empfiehlt sich die Inhalation mit einem Aufguss mit Kamillenblüten. ‚Der warme Dampf löst festsitzenden Schnupfen, und die ätherischen Öle der Kamille wirken beruhigend auf die gereizten Schleimhäute’, so Töbing.“
Bei Husten: Thymian, Primelwurzel, Efeu und Eibischwurzel
„’Gegen Husten sind besonders viele Kräuter gewachsen: Thymian, Primelwurzel und Efeu lösen festsitzenden Husten und beruhigen die Bronchien’, sagt Graue. Arzneitees haben gegenüber Hustentropfen oder Pastillen einen entscheidenden Vorteil – bei der Einnahme wird automatisch viel getrunken, wodurch sich der Schleim leichter löst. Auch gegen Reizhusten gibt es Hilfe aus dem Arzneigarten: ‚Eibischwurzel enthält Schleimstoffe, die den Hustenreiz lindern. Allerdings muss der Tee mit kaltem Wasser angesetzt werden’, sagt Töbing.
Quelle:
http://gesundheit-adhoc.de/index.php?m=1&showPage=1&id=9464
Kommentar:
Fundierte Empfehlungen – basierend auf dem aktuellen Stand der Phytotherapie. So machen Apothekerinnen und Apotheker ihrem Berufsstand Ehre, was bei Beratungen in der Apotheke leider nicht immer der Fall ist. Jedenfalls in der Schweiz höre ich immer wieder von haarsträubenden Auskünften, welche Kundinnen und Kunden in Apotheken und Drogerien auf Fragen betreffend Heilpflanzen bekommen.
Falls Sie sich Kompetenz im Bereich der Selbstbehandlung von Erkältungskrankheiten mit Heilpflanzen erwerben möchten:
Einen guten Überblick über die Behandlung von Erkältungskrankheiten mit Heilpflanzen bietet das Tagesseminar zu diesem Thema.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
www.phytotherapie-seminare.ch
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
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Samstag, Oktober 30th, 2010
Die Rosenwurz (Rhodiola rosea, orpin rose) ist eine sukkulente Pflanze, welche in den arktischen Regionen heimisch und auch in manchen Gebirgsregionen Europas und Asiens zu finden ist. Verwendet wird der Wurzelstock (Rhizom) in Form von standardisierten Extrakten. Als Wirkstoffe enthält Rosenwurz Phenylpropane (Rosavine) und Phenylethylderivate (v.a. Rhodiolosid), ausserdem Flavonoide, Phytosterole und Phenolcarbonsäuren.
Die Rosenwurz wird seit langem als Heilpflanze verwendet, früher beispielsweise von den Wikingern, um Kraft, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungen zu steigern, aber auch zur Förderung der Fruchtbarkeit.
In mehreren kontrollierten klinischen Studien erhöhten Rosenwurz-Extrakte die physische Kraft und Ausdauer und linderten Symptome von Asthenie sowie von verschiedenen neurologischen Beschwerden. Weil die meisten Untersuchungen entweder in slawischer oder skandinavischer Sprache publiziert wurden, blieben die Resultate im übrigen Europa weitgehend unbekannt. Zudem fehlen kontrollierte klinische Studien nach modernen Standards.
In Russland und in Schweden ist Rhodiola rosea seit Jahrzehnten als pflanzliches Medizinprodukt etabliert. Als Adaptogen wird es heute hauptsächlich zur Steigerung der physischen und psychischen Ausdauer und bei Asthenie eingesetzt, aber auch zur Linderung von Altersbeschwerden.
Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig aufgeklärt, wahrscheinlich beeinflussen die Inhaltsstoffe den Neurotransmitter-Stoffwechsel. Auch ein Schutz vor freien Radikalen wird als Wirkmechanismus diskutiert.
Tagesdosis für Rosenwurz-Extrakt:
1%iger Extrakt (stand. auf Rosavin): 360 – 600 mg
2%iger Extrakt (stand. auf Rosavin): 180 – 300 mg
3.6%iger Extrakt (stand. auf Rosavin): 100 – 170 mg
(bis zu 4 Monate lang).
In den Studien zeigten sich unter den beschriebenen Dosierungen keine Nebenwirkungen. Bei extrem hoher Dosierung kann es zu Unruhe und Schlaflosigkeit kommen.
Literatur:
- Van Wyk, Wink, Wink, Handbuch der Arzneipflanzen, 1. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, 2004
Quelle:
http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=1872&NMID=1872&LANGID=2
Kommentar & Ergänzung:
Interessieren würde mich, woher genau bekannt ist, wofür die Wikinger Rosenwurz verwendet haben (Originalquellen).
Rosenwurz ist eine interessante Heilpflanze, deren Wert für die Phytotherapie zur Zeit aber noch schwer zu beurteilen ist.
Das erwähnte „Handbuch der Arzneipflanzen“ finden Sie im Buchshop.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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Samstag, Oktober 30th, 2010
“Die medizinische Praxis wird nicht von der Wissenschaft, sondern von Angebot und Nachfrage dirigiert, und wie wissenschaftlich eine Behandlungsweise auch sein mag, sie kann ihren Platz auf dem Markte nicht behaupten, wenn keine Nachfrage vorliegt, noch kann die gröbste Quacksalberei dem Markte ferngehalten werden, wenn eine Nachfrage vorliegt.”
George Bernhard Shaw (1856 – 1950), irischer Dramatiker, Satiriker und Träger des Literaturnobelpreises (1925).
Kommentar & Ergänzung:
Dass Angebot und Nachfrage in der medizinischen Praxis eine wichtige Rolle spielen, dürfte sich auch in der Gegenwart kaum gross geändert haben. Übertherapie ist ein verbreitetes Phänomen in vielen Bereichen von Medizin und Komplementärmedizin.
Und wer glaubt, Quacksalberei sein ein Problem vergangener Zeiten, täuscht sich gewaltig. Der Ausdruck „Quacksalber“ entstand zwar im 17. Jahrhundert. Er stammt ab vom niederländischen kwakzalver, das eigentlich etwa „prahlerischer Salbenkrämer“ bedeutet (niederl. Qwakken = schwatzen, prahlen; zalven = salben). Dieses Thema ist auch heute noch sehr aktuell. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde kritisch damit auseinandersetzen müssen. Auf eine Erfahrung von über dreissig Jahren in diesen Bereichen zurückblickend, erschüttert mich nämlich zunehmend, wie viele Naturheilmittel via Internet, Apotheken und Drogerien verkauft werden, für deren Wirksamkeit nicht der Hauch einer Begründung vorliegt. Angepriesen werden solche Mittel typischerweise hauptsächlich mit wundersamen, aber undokumentierten Heilungsgeschichten. Es fehlen plausible Argumente, sorgfältige Dokumentationen oder Studien, die eine Wirksamkeit glaubwürdig machen könnten. Warum konsumieren so viele Menschen derart fragwürdige Heilmittel?
Weder in der medizinischen Praxis noch im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde setzt sich Qualität von selber durch. Erfolgreich ist nämlich über weite Strecken vor allem, was die Bedürfnisse der Menschen bedient. Und diese Bedürfnisse haben mit Qualität oft herzlich wenig zu tun. Heilkundliche Therapien dienen häufig ganz anderen Zwecken als demjenigen, gesund zu werden. Sie wehren zum Beispiel Angst und Ohnmachtsgefühle ab oder bieten Instant-Sinnangebote für Menschen, die mit dem eigenständigen Finden von Sinn überfordert sind.
Dazu kommt, dass wir uns bezüglich der Wirksamkeit von Heilmitteln oder Therapien oft täuschen. Behandelnde und Kranke sind nur allzu gerne bereit, jede Besserung sogleich der angewandten Heilmethode gut zu schreiben. Andere wichtige Heilfaktoren wie Selbstheilungskräfte, Placebo-Effekte, normale Schwankungen im Krankheitsverlauf oder Veränderungen im Lebensumfeld werden oft sehr hartnäckig ausgeblendet.
So haben Übertherapie und Quacksalberei leichtes Spiel.
Dagegen gibt es meines Erachtens vor allem ein Rezept: Gut informierte Patientinnen und Patienten, die nicht alle wunderbaren Heilungsversprechungen blind glauben, sondern gelernt haben, Aussagen zu prüfen und kritische Fragen zu stellen.
Diese Fähigkeiten zu vermitteln ist ein zentrales Anliegen meiner Kurse und Lehrgänge.
Nur wenn die „Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens“ (Ludwig Marcuse) abnimmt, wird sich Qualität nach und nach durchsetzen.
„Naiv und leicht täuschbar zu sein, ist unverantwortlich, besonders heute, wo Lügen zu einer Katastrophe führen können, weil sie für echte Gefahren wie auch für reale Möglichkeiten blind machen.“
Zitat aus: Erich Fromm, Vom Haben zum Sein, Band 1, Beltz Verlag 1989
Erich Fromm, 1900 – 1980, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialphilosoph.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Donnerstag, Oktober 28th, 2010
Wirkstoffe aus Grüntee zeigten in Labor- und Tierversuchen eine gute anti-kanzerogene Wirkung. Durch trinken von Grüntee lässt sich aber das Brustkrebsrisiko nicht senken. Das zeigte eine japanische Studie mit knapp 54 000 Frauen, deren Lebensgewohnheiten über 13,6 Jahre erfasst wurden.
Insgesamt kam es in diesem Zeitraum zu 581 Brustkrebs-Neudiagnosen. Dabei war die Brustkrebsinzidenz bei Frauen, die täglich mehr als fünf oder sogar mehr als zehn Tassen Grüntee tranken, nicht tiefer als bei Frauen, die wenig oder keinen Grüntee tranken.
Quellen:
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/bronchial-karzinom/article/626414/gruener-tee-schuetzt-nicht-brustkrebs.html?sh=8&h=1519966852
http://breast-cancer-research.com/imedia/2113150999395802_article.pdf?random=472472
Kommentar & Ergänzung:
Wieder einmal ein Hinweis darauf, dass von Labor- und Tierversuchen nicht einfach direkt auf eine identische Wirkung im menschlichen Organismus geschlossen werden kann.
In asiatischen Ländern erkranken Frauen allgemein seltener an Brustkrebs als in westlichen Industrieländern. Als möglicher Ursache dafür wurde auch ein erhöhter Konsum von Grüntee diskutiert, der einen besonders hohen Gehalt an dem Catechin Epigallocatechingallat (EGCG) aufweist. Vor allem aus Laboruntersuchungen ist bekannt, dass dieses Catechin hemmend auf diverse Prozesse der Krebsentwicklung wirkt.
Aus diesen Gründen wurde eine Schutzwirkung von Grüntee gegen Brustkrebs immer wieder postuliert, was jetzt mit dieser Studie aus Japan in Frage gestellt wird. Für die Unterschiede zwischen asiatischen und westlichen Frauen bezüglich Brustkrebserkrankung könnten noch verschiedene andere Faktoren verantwortlich sein.
Offen bleibt die Frage, ob Grüntee die Rückfallquote von Frauen senken kann, die an Brustkrebs bereits erkrankt sind. Offenbar gibt es Studien, die eine solche Wirkung nahe legen.
Siehe dazu:
Grüntee gegen Krebs – was ist davon zu halten?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Donnerstag, Oktober 28th, 2010
Absinth besteht aus Auszügen von Wermut, Anis, Fenchel und weiteren Kräutern mit einem Alkoholgehalt von bis zu 85 – 90 Volumen-Prozent (!). Er ist demnach dem oberen Bereich der Spirituosen zuzuordnen und wird in der Regel nur mit Wasser verdünnt getrunken. Die charakteristische grüne Farbe, deretwegen Absinth auch “die grüne Fee” (französisch: la Fée Verte) heisst, kommt von zugesetzten Farbstoffen. Zur Produktion wird ein Destillat des Wermuts verwendet. Absinthschnaps enthält deshalb das ätherische Öl, nicht aber die Bitterstoffe des Wermuts. Das erklärt auch, weshalb Absinth nicht so bitter schmeckt, wie man wegen des hohen Bitterwerts des Wermutkrauts vermuten könnte. Andererseits enthält Absinth ziemlich viel der neurotoxischen Substanz Thujon, denn das ätherische Öl aus dem Wermut kann bis zu 50 Prozent Thujon enthalten. Das hochprozentige alkoholische Getränk hatte früher den Ruf, abhängig zu machen und gravierende gesundheitliche Schäden nach sich zu ziehen.
Thujon ist eine farblose Flüssigkeit, welche einen mentholartigem Geruch besitzt. Thujon ist unter anderem in Thuja, Thymian, Wermut, Rainfarn, Rosmarin, Beifuß und im Echten Salbei enthalten. Thujon kann in hohen Dosierungen Erbrechen, Magen- und Darmkrämpfe, Harnverhaltung, in schweren Fällen Benommenheit, Nierenschäden und zentrale Störungen (auch Schwindel, Halluzinationen und Wahnvorstellungen) verursachen. Wässrige Auszüge (bspw. Wermut-Tee) enthalten Thujon in relativ geringen Mengen.
Ob wirklich das Thujon für die in der Vergangenheit bei Absinth-Trinkern festgestellten gesundheitlichen Schäden verantwortlich ist, wird heute angezweifelt. Absinth enthielt auch beträchtliche Mengen an Schwermetallsalzen und anderen bedenklichen Bestandteilen, die ganz gewiss dem Organismus nicht gut tun. Um dem Absinth das typische Aussehen (milchige Trübung bei Verdünnung bzw. Kühlung) und die typische grüne Farbe zu verleihen, wurden bisweilen Zusatzstoffe, wie z. B. Indigo, Anilingrün, Kupfersulfat, Kupferacetat und Antimontrichlorid beigefügt. Ein zusätzliches Problem des Absinths im 19. Jahrhundert war, dass der verwendete Alkohol häufig minderwertig war. Rückblickend wird dies in Verbindung mit dem sehr hohen Alkoholgehalt als die hauptsächliche Ursache des im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten so genannten Absinthismus angesehen. Beim Absinthismus entwickeln sich ähnliche Symptome wie beim Alkoholismus. Dennoch muss aber festgehalten werden, dass Thujon neurotoxisch ist.
Dem Wermutwein werden übrigens Auszüge aus Artemisia pontica (Römischer Wermut) zugesetzt, weil dessen ätherisches Öl nur geringe Mengen an Thujon enthält.
Aus der Geschichte des Absinths
Zu den Anhängern des Absinth gehörten Künstlern wie Vincent van Gogh und Toulouse-Lautrec, welcher die Angewohnheit hatte, seinen Absinth nicht mit Wasser, sondern mit Cognac zu verdünnen. Zu diesem Thema schuf er auch das bekannte Bild “Die Absinthtrinkerin”.
Ein spektakulärer Mordfall zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bei dem ein Mann im Absinth-Rausch seine Familie tötete, hatte zur Folge, dass Produktion und Verkauf von thujonhaltigen Getränken in den meisten europäischen Ländern und den USA gesetzlich untersagt wurden. Nicht verboten wurde die Absinth-Produktion in der Tschechoslowakei und in den EU-Ländern Spanien und Portugal. Dies führte wegen einer EWG-Richtlinie 1998 zur Aufhebung des Absinth-Verbots in der Europäischen Union. Allerdings müssen seither gewisse Obergrenzen der Bestandteile strikt eingehalten werden. Für Absinth und Wermutwein wurde eine Thujon-Obergrenze festgelegt, die bei der täglichen Aufnahme von 10 μg/kg Körpergewicht liegt.
Quelle:
http://www.apotheker.or.at/
Kommentar & Ergänzung:
In der Schweiz wurde das Absinth-Verbot am 1. März 2005 aufgehoben.
Für die Phytotherapie relevant ist die Frage, wie mit thujonhaltigen Heilpflanzen wie Salbei und Wermut umgegangen werden soll. Thujon ist ein Bestandteil des ätherischen Öles dieser Heilpflanzen. Salbeitee und Wermuttee in normalen Dosierungen gilt als unproblematisch, weil ätherische Öle und damit auch Thujon „wasserscheu“ sind und in wässrigen Lösungen nur begrenzt in Lösung gehen. Alkoholische Zubereitungen (z. B. Pflanzentinkturen) mit Salbei und Wermut sollten daher sicherheitshalber zeitlich und dosierungsmässig stärker begrenzt werden.
Zu Thujon schreibt Wikipedia:
„Thujon ist ein Bestandteil des ätherischen Öls des Wermuts, das für die Absinthherstellung verwendet wird. Die unbestreitbar schädlichen Auswirkungen, die während des Höhepunkts der Absinth-Popularität im 19. Jahrhundert in Frankreich zu beobachten waren und zu denen unter anderem Schwindel, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Depressionen, Krämpfe, Blindheit sowie geistiger und körperlicher Verfall gehörten, wurden insbesondere auf diese Substanz zurückgeführt. Thujon ist als ein Nervengift bekannt, das in höherer Dosierung Verwirrtheit und epileptische Krämpfe (Konvulsionen) hervorrufen kann. Aus diesem Grund wurde in der Europäischen Union der Thujongehalt in alkoholischen Getränken begrenzt (5 mg/kg in alkoholischen Getränken mit einem Alkoholgehalt von bis zu 25 % vol und bis zu 10 mg/kg in alkoholischen Getränken mit einem Alkoholgehalt von mehr als 25 % vol.).
Die insbesondere in Tierexperimenten des 19. Jahrhunderts beobachtete konvulsive Wirkung des Absinths wird heute auf eine Blockierung von GABAA-Rezeptoren und eine Desensibilisierung von Serotonin-5-HT3-Rezeptoren durch Thujon zurückgeführt. Es ist jedoch inzwischen widerlegt, dass die im Absinth enthaltene Thujonmenge ausreicht, um in diesem Maße toxisch zu wirken. Als Ursache oder wesentlicher Faktor eher wahrscheinlich ist der im Absinth enthaltene Alkohol. Auch ein möglicher gemeinsamer Wirkmechanismus mit dem Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol über eine Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren konnte nicht bestätigt werden. Eine in der Clubszene und in den Medien proklamierte euphorisierende und aphrodisierende Wirkung heutiger Absinthe kann nicht anhand dieser experimentellen Daten auf die in diesen Getränken enthaltene Thujondosis zurückgeführt werden.
Auch der Absinth des 19. Jahrhunderts hatte entgegen früheren Berichten, die von bis zu 350 Milligramm je Liter sprachen, im Wesentlichen keinen höheren Thujongehalt als die heutigen reglementierten Absinthe. In einer Untersuchung von Absinthen auf Basis historischer Rezepte und Prozesse und von 1930 hergestelltem Absinth konnten nur geringe Thujonmengen von unter 10 mg/kg nachgewiesen werden. Der Thujongehalt kann jedoch höher liegen, wenn Wermutauszüge oder Wermutöle zugesetzt werden. Die Absinthe werden auf diese Weise jedoch sehr bitter.“
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Mittwoch, Oktober 27th, 2010
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät dringend von der Einnahme des Produktes „Miracle Mineral Supplement“ („MMS“) ab. Die im Internet von diversen Händlern angebotenen Produkte können gemäss Meldungen aus dem In- und Ausland nach dem Konsum zu gastrointestinalen Störungen (Erbrechen, Bauchkrämpfe, Durchfall) oder bei direktem Hautkontakt der unverdünnten Lösungen zu Verätzungen führen.
Seit 2008 wird „Miracle Mineral Supplement“ von diversen Anbietern aus dem In- und Ausland über das Internet angepriesen. Je nach Anbieter soll „MMS“ zur Wasserdesinfektion eingesetzt werden oder es wird als „Nahrungsergänzungsmittel mit heilenden oder vorbeugenden Wirkungen gegen pathogene Keime“ propagiert. Vereinzelt wurde es sogar zur Krebsbehandlung oder als AIDS-Therapie angeboten. Der Name des Produktes ist irreführend, d.h. es werden beim Konsum von „MMS“ dem menschlichen Organismus keine Mineralstoffe im ursprünglichen Sinn zugeführt.
„MMS“ wird in der Regel in 2 Fläschchen angeboten: In einem der Fläschchen ist eine etwa 30 %M Natriumhypochlorit-Lösung enthalten, im zweiten Fläschchen entweder eine wässerige Lösung von Weinsäure oder Zitronensäure oder verdünnte Salzsäure als sogenannter „Aktivator“. Von beiden Lösungen sollen einige Tropfen in etwas Wasser gegeben und in dieser Form konsumiert werden. Beim Zusammengeben beider „MMS“-Lösungen entwickelt sich elementares Chlor, ein sehr aggressives und toxisches Gas, das zum Teil im Wasser gelöst bleibt. Die Angaben auf den Produkten entsprechen gemäss erhaltenen Informationen der Lebensmittelvollzugsbehörden weder dem schweizerischen Lebensmittel- noch dem Chemikalienrecht.
Gesundheitsbehörden der Vereinigten Staaten (FDA), Kanada (Health Canada), von Grossbritannien (Food Standards Agency) und zuletzt von Frankreich (L’Agence française de sécurité sanitaire des produits de santé, Afssaps) haben schon vor der Verwendung von „MMS“ gewarnt. Der Konsum von „MMS“ kann gastrointestinale Störungen unterschiedlichen Schweregrades auslösen bis hin zu Hospitalisation wegen lebensbedrohlichen Zuständen. In der Schweiz hat das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum (STIZ) ebenfalls verschiedene Meldungen über gesundheitliche Störungen nach der Einnahme von „MMS“ erhalten.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät darum vom Konsum von „MMS“ dringend ab. Allfällige noch bei Konsumentinnen und Konsumenten vorhandene Warenbestände sollten der Vernichtung in einer Alt-Chemikaliensammelstelle zugeführt werden.
Quelle:
http://www.bag.admin.ch/themen/lebensmittel/04861/11249/index.html?lang=de
Kommentar & Ergänzung:
Alle Jahre wieder kommt irgendein Wundermittel auf und heilt alle Krankheiten der Welt. Jedes mal wird der absolute Durchbruch versprochen gegen Krebs, Aids und alles, woran Menschen sterben können. Seit einiger Zeit also das Miracle Mineral Supplement (MMS). Erschütternd ist, wie unkritisch viele Leute auf solche angeblichen Wundermittel fliegen. Was unter dem Label Komplementärmedizin oder Alternativmedizin segelt, gilt offenbar ohne jede Nachfrage als heilsam.
Noch erschütternder ist, wie leichtfertig das Wundermittel MMS von vielen Therapeutinnen und Therapeuten aus Naturheilkunde, Komplementärmedizin und Alternativmedizin propagiert wurde, von Naturärzten und Naturärztinnen, Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern. Es fehlt hier über weite Strecken jedes kritische Denken – und es fehlt seit Jahren an einer soliden Qualitätssicherung.
„Naiv und leicht täuschbar zu sein, ist unverantwortlich, besonders heute, wo Lügen zu einer Katastrophe führen können, weil sie für echte Gefahren wie auch für reale Möglichkeiten blind machen.“
Zitat aus: Erich Fromm, Vom Haben zum Sein, Band 1, Beltz Verlag 1989
Erich Fromm, 1900 – 1980, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialphilosoph.
Nicht genug, dass das Miracle Mineral Supplement (MMS) riskant ist. Es fehlt auch jeder auch nur ansatzweise handfeste Hinweis auf eine heilende Wirkung. Aber natürlich gibt es schon zahllose Wunderberichte von Leuten, die dem Produkt sagenhafte Heilwirkungen zuschreiben, und dabei wieder einmal den Placeboeffekt, die Selbstheilungskräfte des Organismus oder die natürlichen Schwankungen im Verlauf von chronischen Erkrankungen ausblenden.
Siehe dazu auch:
Artikel „Warum wir gesund werden“ in der Zeitschrift „Natürlich“.
Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund? – ein Buch von Asmus Finzen im Buchshop.
Und was bitte sehr hat Chlorgas mit Naturheilkunde zu tun?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Mittwoch, Oktober 27th, 2010
Während sich Fachleute darüber uneins sind, ob chemisch-synthetische Expektoranzien (= auswurffördernde, schleimlösende Hustenmittel) tatsächlich wirksam sind, ist der Wurzelextrakt der südafrikanischen Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides, Umckaloabo) mit dem höchsten Evidenzgrad geadelt worden. Eine Metaanalyse der renommierten Cochrane Collaboration von 2008 kommt zum Ergebnis, dass der Einsatz des Extraktes bei Patienten mit akuter Bronchitis auf höchster Evidenz gründet. Gemäss dieser Metastudie war der Spezialextrakt (Umckaloabo®) bei Erwachsenen und Kindern signifikant wirksam, was die Linderung krankheitsspezifischer Symptome wie Sputumproduktion und Husten betrifft.
Allerdings ist bisher wenig darüber bekannt, wie die Wirkung sowohl auf zellulärer als auch auf molekularer Ebene überhaupt zustande kommt. Typische Inhaltsstoffe des Umckaloabo-Extraktes sind Cumarine, einfach phenolische Verbindungen wie Gallussäure und ihre Methylester sowie Gerbstoffe vom Typ der Proanthocyanidine. Das Cumarin Umckalin kommt nur in Pelargonium sidoides vor und ermöglicht damit eine sichere Unterscheidung zu Pelargonium reniforme.
Der Pelargonium-Extrakt soll sekretomotorisch (= auswurffördernd), antibakteriell und antiviral wirken können. In-vitro-Prüfmodelle belegen in der Tat eine Frequenzsteigerung der Zilien (= Flimmerhärchen), was den Abtransport von Schleim und Erregern aus den Atemwegen ankurbelt. In-vitro-Modelle zeigen auch, dass der Umckaloabo-Extrakt die bakterielle Erregerlast reduziert; jedoch ist sein bakteriostatischer Effekt bei Weitem nicht so stark wie der von Antibiotika. Die indirekte antibakterielle Wirkung dürfte wichtiger sein: Der Umckaloabo-Extrakt hemmt nämlich nicht nur die Adhäsion (= Anheftung), sondern auch die Internalisierung von Bakterien und verhindert somit zu einem gewissen Grad deren Invasion in die Submukosa. Zudem scheint der Pelargoniumwurzelextrakt immunmodulierende Eigenschaften zu besitzen. Er ist in der Lage, in vitro (= im Reagenzglas, im Labor) die Interferonsynthese zu steigern und die Funktion der Phagozyten zu verbessern. Wichtig: Trotz dieser Effekte auf das Immunsystem besitzt Umckaloabo® keine Zulassung als Immunstimulanz oder zur vorbeugenden Einnahme von grippalen Infekten.
Der Pelargonium-Wurzelextrakt ist in Form von Tropfen und Filmtabletten im Handel. Die Tropfen sind wegen ihrer guten Verträglichkeit schon für Kinder ab einem Jahr zugelassen. Patienten mit verstärkter Blutungsneigung und schweren Leber- und Nierenerkrankungen sollten den Umckaloabo-Extrakt nicht einnehmen. Dabei handelt es sich allerdings um eine reine Vorsichtsmaßnahme, die sich nicht mit den Inhaltsstoffen von Pelargonium sidoides begründen lässt.
Der Extrakt enthält zwar Cumarine und in dieser Stoffklasse gibt es auch Vertreter mit lebertoxischer Wirkung und mit Einfluss auf die Blutgerinnung.
Die Cumarine mit lebertoxischer und auch die mit antikoagulativer (blutgerinnungshemmender) Wirkung unterscheiden sich strukturell von den im Umckaloabo-Spezialextrakt enthaltenen 7-Hydroxycumarinen.
Quellen:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=35352&type=0
Kommentar & Ergänzung:
Wichtig ist an diesem Punkt als Ergänzung: Im Internet, aber auch in Apotheken und Drogerien, werden sehr oft Umckaloabo-Präparate angeboten, deren Wirksamkeit in keiner Weise geklärt ist. Die Cochrane-Untersuchung bezieht sich nicht auf solche „wilden“ Trittbrettfahrer. Konsumentinnen und Konsumenten von Naturheilmitteln müssten einiges an Wissen mitbringen, damit sie fundierte, seriöse Produkte von „Schrott“ unterscheiden könnten.
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