Europäische Pflanzenmonografie: Johanniskraut gegen Depressionen

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Die Medical Tribune Österreich berichtete kürzlich über die Entstehung der Europäischen Pflanzenmonografie für Johanniskraut. Der Text ist wohl nicht ganz einfach zu verstehen, wenn man mit dem Thema nicht vertraut ist, aber er enthält interessante Informationen. Nachfolgend deshalb eine modifizierte Zusammenfassung dieses Artikels mit anschliessendem Kommentar:

Nach jahrelangen Kontroversen liegt nun eine Europäische Pflanzenmonographie für Johanniskraut (Hypericum perforatum) vor. Sie gründet auf dem Bewertungsbericht von Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger vom AGESPharmMed- Institut Zulassung & LifeCycle-Management.

Die Mehrheit der EU-Mitgliedsländer gab Ende letzten Jahres die Zustimmung für eine Europäische Pflanzenmonographie zu Johanniskraut sowohl für die medizinische als auch für die traditionelle Verwendung. Bisher waren Johanniskrautpräparate innerhalb der EU sehr unterschiedlich im Markt erhältlich, nämlich entweder als Nahrungsergänzungsmittel oder als Arzneimittel. Es gab Länder, die überhaupt die Evidenz der Wirksamkeit für die Behandlung von Depressionen anzweifelten – obwohl ausreichend methodisch gute Studien vorliegen. Ein aktueller Cochrane Review lieferte zudem wichtige Unterstützung bei der Interpretation der klinischen Datenlage zu Hyperici herba. In dieser Metaanalyse wurden nur jene Studien berücksichtigt, in welche ausschließlich Depressive mit einer Major Depression eingeschlossen waren.

Das Resultat: Die Therapie mit Johanniskraut-Trockenextrakten war in Summe Plazebo überlegen und gleich wirksam wie eine Behandlung mit synthetischen Antidepressiva.

Weshalb dauerte es trotz überzeugender Datenlage so lange bis zu einer EU-weiten Harmonisierung? „Das hat mehrere Gründe“, erläutert Experte und Rapporteur Doz. Länger. „Zunächst ist der Prozess der Harmonisierung sehr jung. Das Herbal Committee, welches für die Harmonisierung zuständig ist, arbeitet erst seit 2004. Die Monographien, die dort ausgearbeitet werden, sollen für die Zulassungswerber eine gemeinsame Basis bilden. Im Sinne von: Wenn mein Produkt der Monographie entspricht, dann bekomme ich sicher eine Zulassung. Es geht um ,Barrierefreiheit‘ für den Markt der pflanzlichen Arzneimittel.“

Ein weiterer Grund für die lange Dauer bis zu einer Harmonisierung seien die unterschiedlichen Traditionen der EU-Länder. „In Skandinavien werden überhaupt keine pflanzlichen Arzneimittel verwendet“, erklärt Doz. Länger. „In Mitteleuropa wiederum haben wir eine ganz starke Tradition.“ Und er nennt darüber hinaus noch politische Gründe, weshalb nationale Behörden so unterschiedliche Zugangsweisen haben. „Zum Beispiel Vertriebswege. Jedes Land hat seinen eigenen Vertriebsweg für pflanzliche Produkte. In manchen Ländern kommen sie gar nicht in die Apotheke. Gibt es nun eine Zulassung, ist das Produkt apothekenpflichtig.“

Was ist nun das Besondere an seinem Bewertungsbericht, welcher die Grundlage für die Harmonisierung war? „Zum einen war es sicher das bisher umfassendste Projekt des Herbal Commitee. Zum anderen habe ich es als Rapporteur mit großer Vehemenz vertreten“, sagt Doz. Länger. Das bedeutete auch, sich mit Argumenten der Vertreter der synthetischen Antidepressiva auseinandersetzen zu müssen.

Natürlich existieren nicht nur Studien, welche die Wirksamkeit von Johanniskraut belegen, sondern auch solche mit einem negativen Ergebnis. Doz. Länger erklärt dazu: „Fairerweise muss man dazu sagen, dass in der methodisch am besten durchgeführten Studie mit negativem Ausgang vor allem Patienten mit ausgeprägter schwerer Depression eingeschlossen waren. Patienten, die seit mehr als zehn Jahren darunter leiden und wo zum Teil andere Therapieansätze ohne Erfolg geblieben waren. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass etablierte Antidepressiva in dieser Studie genauso schlecht abgeschnitten hätten“.

Ein wichtiger Punkt in der EU-Harmonisierung war die Frage nach den pharmakokinetischen Interaktionen (Wechselwirkungen) von Johanniskraut – denn das Interaktionspotenzial der Heilpflanze ist bewiesen. Hyperforin ist – dosisabhängig – der für die Wechselwirkungen verantwortliche Inhaltsstoff von Johanniskraut.

Die Induktion der Enzyme CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 und von p-Glykoprotein geschieht innerhalb weniger Tage nach den Beginn der Behandlung. Nach Absetzen der Johanniskraut-Medikation normalisieren sich in rund 5 Tagen die Werte wieder. Das bedeutet bei einer, wie im Fall von Depressionen, lang andauernden Behandlung mit hyperforinhaltigen Johanniskraut-Zubereitungen ist mit Wechselwirkungen zu rechnen.

„Es senkt den Plasmaspiegel von anderen Medikamenten“, erläutert der Experte Reinhard Länger. Allerdings betont Länger, dass auch synthetische Antidepressiva Interaktionspotenzial besitzen. „Was für das Johanniskraut spricht, ist seine bessere Verträglichkeit und deutlich geringere Häufigkeit und Schwere von Nebenwirkungen.“ Doch zurück zu den Wechselwirkungen. Es gibt Medikamente, die einen gleichbleibenden Plasmaspiegel brauchen und wo eine Co-Medikation mit Johanniskrautpräparaten kontraindiziert ist. Bei allen anderen Wirkstoffen, die über die genannten Enzyme metabolisieren, ist besondere Vorsicht geboten.

Weil Depressionen sehr oft von anderen Störungen begleitet werden und daher ein einziges Medikament selten ausreichend ist, muss man sich dieser Wechselwirkungen bewusst zu sein. „Eine mögliche Lösung könnte in einer Dosisanpassung liegen“, erklärt Doz. Länger. Interaktionsstudien kamen nämlich zum Schluss, dass für einen Zeitraum von zwei Wochen keine Enzyminduktion festgestellt werden konnte – sofern die täglich aufgenommene Hypericinmenge unter 5 mg lag. Und das wiederum ist zum Beispiel beim Johanniskraut-Tee der Fall, der fast hyperforinfrei ist. Was nicht heisst, dass er keine Wirkung hat. Trinkt man den Johanniskrauttee länger als zwei Wochen, gilt die selbe Vorsicht vor Wechselwirkungen wie bei den Hypericum-Trockenextrakten.

Quelle:

http://www.medical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=104128&dspaid=870658

Kommentar & Ergänzung:

Nun also ein paar stichwortartige Anmerkungen zu diesen interessanten Informationen aus der „Medical Tribune“:

– Die Erarbeitung einer Europäischen Pflanzenmonografie ist eine Massnahme der Qualitätssicherung in der Phytotherapie. Dazu wird alles verfügbare gesicherte Wissen über eine Heilpflanze zusammengetragen und bewertet – im vorliegenden Beispiel also zum Thema Johanniskraut. Heilpflanzen-Monografien werden auch erarbeitet von der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy, www.escop.com) und von der WHO. Diese Heilpflanzen-Monografien sind das Ergebnis intensiver Konsensverfahren zwischen den zuständigen Phytotherapie-Fachleuten. Sie sind nicht als endgültig-abschliessendes Urteil über eine Heilpflanze zu verstehen, sondern als Stand des gegenwärtigen Wissens in der Phytotherapie. Sie stellen dadurch wichtige Orientierungspunkte dar. Zu beachten ist allerdings, dass Phytotherapie kein geschützter Begriff ist. Es gibt daher im Bereich Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde auch viele BehandlerInnen, welche sich eher durch ihre eigenen Vorstellungen von den Wirkungen der Heilpflanzen leiten lassen und die Qualitätssicherungsmassnahmen von ESCOP und WHO kaum zur Kenntnis nehmen. Das ist sehr schade, weil die Therapievorschläge nach meiner Erfahrung dadurch oft sehr willkürlich werden, was sich für Patientinnen und Patienten negativ auswirken kann.

Vor allem die ESCOP-Monografien fliessen auch in die anerkannte Phytotherapie-Fachliteratur ein.

Beispielsweise:

Leitfaden Phytotherapie (eher für Personen aus medizinischen Berufen)

Grüne Apotheke (auch für Leute ohne medizinische Kenntnisse)

Anhand solcher Phytotherapie-Fachliteratur lässt sich überprüfen, ob Aussagen von Heilpflanzen-Büchern, Phytotherapie-Kursleitern etc. dem aktuellen Stand des Wissens entsprechen..

– Erklärung zum Begriff „Cochrane Review“: Studien können zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Daher sagt eine einzelne Studie oft gar nicht so viel aus. Deshalb werden alle erreichbaren qualitativ guten Studien zusammengefasst, um daraus Schlüsse zu ziehen. Die Cochrane Collaboration erstellt solche Metastudien. Sie ist ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten. Ziel der Cochrane Collaboration ist es, systematische Übersichtsarbeiten (systematic reviews) zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen, aktuell zu halten und zu verbreiten.

– In folgendem Satz hat sich offenbar im Text der „Medical Tribune“ ein Fehler eingeschlichen:

„Interaktionsstudien kamen nämlich zum Schluss, dass für einen Zeitraum von zwei Wochen keine Enzyminduktion festgestellt werden konnte – sofern die täglich aufgenommene Hypericinmenge unter 5 mg lag.“ Es müsste sich hier meinem Eindruck nach um Hyperforin handeln, weil nach gegenwärtigem Stand Hyperforin die Enzyminduktion auslöst. Im nächsten Fall wird zudem auf den Johanniskrauttee verwiesen, der praktisch hyperforinfrei sei.

– Die Erkenntnis, dass Wechselwirkungen bei hyperforinarmen Zubereitungen erst nach zwei Wochen auftreten, sollte meines Erachtens nicht zu Kurztherapien mit Johanniskraut verleiten, denn bis zum Eintreten der Wirkung dauert es, wenn man die Studien mit Johanniskraut-Extrkten erst nimmt, auch etwa 10 – 14 Tage.

– Hyperforin ist zwar nicht der einzige relevante Inhaltsstoff von Johanniskaut, scheint aber doch wichtig zu sein. Wenn Johanniskrauttee praktisch hyperforinfrei ist, dann fragt sich, ob dadurch die Wirkung schlechter, gleich gut oder gar besser ist als bei hyperforinreichen Extrakt-Präparaten. Leider gibt es kontrollierten Patientenstudien zum Thema Johanniskraut gegen Depressionen nur mit Johanniskraut-Extrakten, nicht aber mit Johanniskrauttee.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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