Archive for Juni, 2010

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

Samstag, Juni 5th, 2010

In der Spitex-Zeitschrift „Schauplatz Spitex“ (6/09) ist ein Interview erschienen mit Eva Brändli, Leiterin der Spitex Meikirch-Kirchlindach im Kanton Bern.

Zitat: „Vorbei die Zeiten, wo ‚nur’ Beine gewaschen oder Medikamente gerichtet wurden – das Team von Eva Brändli rückt ‚den ganzen Menschen’ ins Zentrum der Pflege und macht die Anthroposophie zur Philosophie der Organisation.“

Da stellt sich zuerst einmal grundsätzlich die Frage, ob es angemessen ist, dass eine öffentliche, staatliche Organisation wie die Spitex „die Anthroposophie zur Philosophie der Organisation“ macht. Meiner Ansicht nach nein.

Das Interview ist zudem voller schönfärberischer und oberflächlicher Aussagen zur Anthroposophischen Pflege.

Es kommen all die wunderbar-sanften Schlagworte wie:

„Anthroposophische Pflege: Der Mensch als Ganzes steht im Mittelpunkt“ oder „Zur Selbstheilung anregen“.

Ausgeblendet wird wieder einmal die Grundlage, auf welcher Anthroposophie, Anthroposophische Medizin und Anthroposophische Pflege stehen – die Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Egoismus führt in einem späteren Leben zu Anfälligkeit für Infektionen, Lügenhaftigkeit zu Behinderung etc.

Siehe:

http://heilpflanzen-info.ch/blog/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Keine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung!

Meiner Ansicht nach ist es ein wichtiger Fortschritt der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr als Folge moralischer Schuld aufgefasst werden.

Die Förderung von Anthroposophischer Medizin und Anthroposophischer Pflege ist meines Erachtens ein Rückschritt in Richtung  einer Remoralisierung  von Krankheit und Behinderung.

Rudolf Steiner als alles überstrahlende Führerfigur der Anthroposophie sah sich selber nicht gerade bescheiden als Reinkarnation von Aristoteles und Thomas von Aquin. Und Ita Wegmann, seine Mitarbeiterin im Bereich „Anthroposophische Medizin“, galt ihm als Reinkarnation Alexander des Grossen. Nur schon solche Grössenphantasien müssten meines Erachtens eigentlich jede Glaubwürdigkeit in Frage stellen.

Rudolf Steiner’s „minderwertige Kinder“

Behinderte Kinder nennt Rudolf Steiner in seinen Vorträgen dagegen immer wieder „minderwertige Kinder“

(z. B. GA 317, S. 21, 33, 36, 39 [2x], 40 [2x], 41, 70, 106, 124, 145, 148 [2x], 153, 156, 162, 173 [4x], 175, 185)

Bei geistig Behinderten redete Rudolf Steiner gar von „Trottelinkarnation“.

(nach Strohschein, Albrecht: Die Entstehung der anthroposophischen Heilpädagogik, S. 214).

Einen körperlich behinderten Knaben, dem ein Bein fehlt, nennt Rudolf Steiner „Krüppelkind“ (GA 300, Bd. 1, S. 113).

Ob der Ausdruck „behinderte Kinder“ adäquat ist, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Die von Rudolf Steiner verwendeten Ausdrücke „minderwertige Kinder“, „Trottelinkarnation“ und „Krüppelkind“ enthalten aber sehr abwertende Urteile. Weil die Betreffenden karmisch so tief stehen?

Lügnerische Menschen haben nach Rudolf Steiner eine schlechtere Wundheilung:

„So sonderbar es für unser Zeitalter klingt, wahr ist es aber doch, dass bei Menschen, die viel lügen, zum Beispiel Wunden unter sonst gleichen Bedingungen schwerer zu heilen sind als bei wahrhaften Menschen. Selbstverständlich darf man da nicht absolut schliessen, es können auch andere Gründe da sein. Aber alles übrige in gleicher Art vorausgesetzt, sind bei verlogenen Menschen Wunden schwerer zu heilen als bei wahrhaftigen Menschen. Es ist gut, solche Dinge im Leben zu beachten.“

(GA 125, S. 209, zit. nach Peter Selg, „Krankheit, Heilung und Schicksal des Menschen – über Rudolf Steiners geisteswissenschaftliches Pathologie- und Therapieverständnis, Verlag am Goetheanum 2004, S. 217)

Für Spitex-Pflegefachleute ist das relevant, weil sie häufig mit chronischen Wunden zu tun haben.

Spitex-Pflegefachleute sollten sich vorsehen bei Wundpatienten und deren Aussagen besonders genau überprüfen…!

Ich möchte jedoch nicht, dass irgendwann eine anthroposophisch imprägnierte Pflegefachfrau mit solch moralisierenden Wahnideen und Unterstellungen im Kopf beispielsweise mein Unterschenkelgeschwür behandelt.  Solche Remoralisierungen von Krankheit und Behinderung halte ich für hoch fragwürdig.

Keine Geistermedizin in staatlichen Pflegeinstitutionen!

Ein wichtiges Anliegen von Anthroposophischer Medizin (und damit auch Anthroposophischer Pflege) ist der Kampf gegen die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer. In Lehrgängen für „Anthroposophische Pflege“ taucht als Richtziel auf:

„Ich weiss von den geistigen Hierarchien und verstehe die Bedeutung von Inkarnation und Karma, abgeleitet aus der anthroposophischen Menschenkunde.“

Die Rede von den „geistigen Hierarchien“ tönt für Aussenstehende einfach ein bisschen skurril und irritierend. Sie kaschiert aber geschickt, dass es in der anthroposophischen Vorstellungswelt wimmelt von Dämonen, Engeln, Gnomen etc. und dass diese Geisterwelt entscheidend einwirkt auf Gesundheit und Krankheit. Da stellt sich die Frage, ob wir eine solche Geistermedizin wollen – vor allem in staatlichen Pflegeinstitutionen.

Beispiel:

„Nehmen wir zum Beispiel eine solche Krankheit wie die Lungenentzündung. Sie ist eine Wirkung in der karmischen Folge, welche dadurch entsteht, dass der Betreffende während seiner Kamalokazeit zurückblicken kann auf einen Charakter, der in sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in sich hatte sozusagen ein Bedürfnis, sinnlich zu leben. Verwechseln wir ja nicht, was jetzt einem früheren Bewusstsein zugeschrieben wird, mit dem, was im Bewusstsein der nächsten Inkarnation auftritt. Damit hat es zunächst nichts zu tun. Wohl aber wird das, was der Mensch während der Kamalokazeit sieht, sich so umwandeln, dass sich ihm Kräfte einprägen zu Vorgängen, welche die Lungenentzündung überwinden. Denn gerade in der Überwindung der Lungenentzündung, in der Selbstheilung, welche dabei vom Menschen angestrebt wird, wirkt die menschliche Individualität entgegen den luziferischen Mächten, führt einen förmlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Mächte. Daher ist in der Überwindung der Lungenentzündung eine Gelegenheit, dasjenige abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation war. So sehen wir förmlich wirken in der Lungenentzündung den Kampf des Menschen gegen die luziferischen Mächte.

Anders stellt sich uns die Sache dar, wenn wir bei dem, was wir im heutigen Sprachgebrauch Lungentuberkulose nennen…….Wo derartiges vor sich ging, ist wieder ein Kampf aufgeführt worden der menschlichen inneren Wesenheiten gegen das, was ahrimanische Kräfte angestellt haben.“

(aus: Rudolf Steiner, GA 120, S. 85ff., zit nach Peter Selg, „Krankheit, Heilung und Schicksal des Menschen – über Rudolf Steiners geisteswissenschaftliches Pathologie- und Therapieverständnis, Verlag am Goetheanum 2004)

Merke: Lungenentzündung hängt nach Rudolf Steiner zusammen mit dem Charaktermangel sinnlicher Ausschweifung in einem früheren Leben. Es steht ein Kampf gegen Luzifer an…

Da könnte doch statt Anthroposophischer Medizin und Anthroposophischer Pflege genauso gut auch ein katholischer Exorzismus helfen? Wie wäre es mit einer vergleichenden Studie?

Wenn Eva Brändli im Interview festhält, dass es bei Sterbenden vor allem darum gehe, den Mensche bis zur Schwelle zu begleiten, was mit anthroposophischem Hintergrund einfacher sei, dann kann ich dazu nur sagen, dass ich beim Sterben auf keinen Fall von einer anthroposophisch imprägnierten Pflegefachperson begleitet werden möchte, die den Raum voller Engel und Dämonen sieht und ihr „Wissen“ darüber in die Pflege einfliessen lässt.

Eva Brändli:

„Stelle ich beim Klienten Defizite fest, beziehe ich dieses Wissen in die Behandlung ein.“

Nein danke! Aber vielleicht erfahre ich ja gar nicht, dass ich anthroposophisch gepflegt werde. Eva Brändli: „Also, die Menschen wissen ja nicht, dass ich sie anthroposophisch pflege.“ Aha.

Einen offenen, transparenten Umgang und ein Erstnehmen der Mündigkeit des Patienten stelle ich mir anders vor. Wenn ich an meinem Wohnort die „Katholische Spitex“ engagiere, dann ist das erstens eine private, nicht staatliche Organisation und zweitens weiss ich, woran ich bin.

Zum Schluss des Interviews stellt die Journalistin noch die Frage: „Sehen Sie die Anthroposophie als Glauben?“

Eva Brändli: „Anthroposophie sehe ich als Geisteswissenschaft, als Philosophie. Mit diesem Hintergrund zu pflegen, schützt vor Burnout.“

Dazu gäbe es viel zu sagen.

Erstens: Als „Geisteswissenschaft“ sieht wohl nur die Anthroposophie sich selber. John Dewey (1859 – 1952) hat als „erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens…“ die „volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“ bezeichnet (in: „Erfahrung, Erkenntnis und Wert“, Suhrkamp 2004). Davon kann bei anthroposophischen Überzeugungen, die einzig der behaupteten Einsicht des „Menschheitsführers“ Rudolf Steiner in „höhere Welten“ entspringen wohl kaum ernsthaft die Rede sein. Anthroposophie versteht sich zudem als Geheimwissenschaft, voll verständlich nur jenen, die auf dem geistigen Pfad weit genug fortgeschritten sind. Das passt ebenfalls ziemlich schlecht zur Öffentlichkeit aller Materialien und Prozesse.

Zweitens: Zu den „Erkenntnissen“ anthroposophischer „Geisteswissenschaft“ gehören auch ausgesprochen fragwürdige und problematische Ideen.

Zum Beispiel wenn Rudolf Steiner meint, dass blonde und blauäugige Menschen intelligenter sind als andere („Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit“ Rudolf Steiner, GA 348, S. 98/99), dass die Indianer nicht von den Weissen ausgerottet wurden, sondern wegen ihrem schlechten Karma die Kräfte erwerben mussten, die sie zum Aussterben führten (Rudolf Steiner, GA 121, S. 79). Angesichts solcher Peinlichkeiten stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit dieser „Geisteswissenschaft“.

Drittens: Schon denkbar, dass Anthroposophie vor Burnout schützt. Schliesslich handelt es sich dabei um ein starkes Sinnsystem: Krankheit, Behinderung, Unglücksfälle, alle Unwägbarkeiten des Lebens, denen wir ausgesetzt sind, erscheinen zutiefst sinngetränkt.

Das erleichtert manches, kommt aber auch sehr heteronom daher – pfannenfertig von aussen geliefert. Made by Rudolf Steiner halt….

Bei stark Versteinerten jedenfalls scheint mir das ähnlich wie ein „Methadon-Programm“ für Sinnsüchtige.

Ich halte es für wertvoller und menschengemässer, Sinn im Kleinen selber zu entwickeln, sehr gegenwärtig, nicht über eine ganze Reihe von Reinkarnationen hinweg bis zu Aristoteles zurück, nicht unter Einbezug des ganzen Kosmos und einer Wurzelrassenlehre mit den Ariern an der Spitze der geistigen Entwicklung und den Indianern als dekadenter Abzweigung zwischen Ariern und Affen, wie das Rudolf Steiner tut (GA 100, S. 240 / S. 241 / S. 243).

Gefragt und gesünder wäre meines Erachtens eine kleine, bescheidene, immer unvollendet bleibende, eigene Sinnproduktion – oder gar eine „Sinndiät“ (Odo Marquard, Hans Blumenberg), weil unsere Ansprüche an Sinn vielleicht überzogen sind.

Nun nochmals zurück zur Anthroposophischen  Pflege:

Ich bestreite keineswegs, dass Anthroposophische Pflege wertvolle und wohltuende Elemente enthält wie Einreibungen und Wickel. Ich bin aber überzeugt davon, dass Einreibungen und Wickel auch ohne die fragwürdigen anthroposophischen Konstrukte eingesetzt werden können und dann genauso wertvoll und wohltuend sind. Oder sogar noch wirksamer.

Und im übrigen sind „ die Zeiten, wo ‚nur’ Beine gewaschen oder Medikamente gerichtet wurden“ auch jenseits der anthroposophischen Pflege wohl schon lange vorbei, wenn es sie denn je gab.

Politik & Komplementärmedizin – ein Trauerspiel

Nötig wäre meines Erachtens eine offene Diskussion über die Weltbilder und Werthaltungen in den verschiedenen Methoden der Komplementärmedizin. Meinem Eindruck nach meiden die meisten Politikerinnen und Politiker aus Nationalrat & Ständerat diese offene Diskussion wie der Teufel das Weihwasser.

Klar scheint mir, dass jeder Mensch an die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer glauben darf. Und auch die meiner Ansicht nach höchst fragwürdige und diskriminierende anthroposophische Vorstellung, dass geistige Behinderung durch Lügenhaftigkeit in einem früheren Leben bewirkt wird, ist durch die Meinungs- und Religionsfreiheit geschützt.

Ob aber solche Lehren durch staatliche Unterstützung gefördert werden sollen, wie es leider ziemlich blind  und populistisch vor allem ParlamentarierInnen der Sozialdemokratischen Partei (SPS) und der Grünen Partei (GPS) fordern, ist eine Frage, die ernsthaft und offen diskutiert werden müsste.

Ob solche Lehren zum Beispiel ins Medizinstudium und in die Pflegeausbildung integriert werden sollen, wie es leider wiederum vor allem PolitikerInnen der Sozialdemokratischen Partei (SPS) und der Grünen Partei (GPS) fordern, müsste ernsthaft und offen diskutiert werden. Die beiden Parteien verweigern sich jedoch bisher dieser Debatte.  Eine differenzierte Haltung zur Komplementärmedizin scheint jedenfalls in weiter Ferne.  Komplementärmedizin ist ja grundsätzlich gut und wunderbar – genaueres Hinschauen erübrigt sich da……

SPS und GPS zeigen meinem Eindruck nach an diesem Punkt ein Mass an Fundamentalismus und Populismus,  das ich diesen Parteien gar nicht zugetraut hätte.

Dass es auf der rechten Seite des politischen Spektrums Fundamentalismus und Populismus gibt,  ist ja ziemlich offensichtlich.

Im Bereich der Komplementärmedizin sehen wir meinem Eindruck nach bei SPS und GPS eine linke Variante dieser Phänomene.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

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Phytotherapie: Heilpflanzen zur Schmerzbehandlung

Samstag, Juni 5th, 2010

Ob Arthrose, Kopfweh oder Tennisarm – alltägliche Schmerzbilder lassen sich häufig auch durch Heilpflanzen-Anwendungen lindern.

Scharfe Gewürze wie Cayennepfeffer oder Senf eignen sich als Irritanzien (hautreizende Stoffe) 
ausgezeichnet zur Schmerzbehandlung. Ihre schmerzlindernde Wirkung kann sogar wochenlang anhalten, erklärt Professor Dr. Karin Kraft, die Inhaberin des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock.
Weiße Senfsamen werden gern als Breiumschlag eingesetzt: 4 Esslöffel Samenmehl mit Wasser verrühren und das frisch zubereitete Gemisch so lange auf der Haut lassen, bis diese sich rötet – bei Erwachsenen 10 bis 15 Minuten, für Schulkinder genügen 5 bis 10 Minuten. Und nicht zu häufig anwenden – an der gleichen Stelle frühestens nach zwei Wochen, betont Prof. Kraft. Wer die flüssige Variante bevorzugt: Im Senf kann man auch baden – die Dosierung beträgt 150 g Samenmehl pro Wanne und 20–30 g fürs Fußbad. Die Temperatur des Badewassers sollte bei 35–40 °C liegen. Täglich baden ist gestattet – jedoch höchstens 14 Tage lang und hinterher immer sofort abspülen. Auf der Schleimhaut oder in offenen Wunden hab Senfmehl nichts zu suchen.

Kiefernnadelöl nicht für Asthmatiker

Auch gewisse ätherische Öle eignen sich gut als Schmerzmittel: Gegen Spannungskopfschmerzen verteilt man Pfefferminzöl in flüssiger oder halbflüssiger Zubereitung auf der Stirn und an den Schläfen. Nicht empfohlen wird diese Behandlung allerdings für Personen unter 18 Jahren.
Bei Muskelschmerzen rät Prof. Kraft, halbfeste und ölige Zubereitungen mit 5–20 % oder hydro-aethanolische Zubereitungen mit 5–10 % Pfefferminzöl direkt auf die peinigende Region aufzutragen.
Kiefernnadelöl ist besonders gut geeignet bei rheumatische und neuralgische Beschwerden. Zum Einreiben reichen ein paar Tropfen, als Badezusatz nimmt man 0,025 g Kiefernnadelöl pro Liter Wasser (10–20 Minuten planschen bei 35–38 °C). Nicht angewendet werden darf Kiefernöl bei Überempfindlichkeit gegenüber Terpentinöl, Asthma und Keuchhusten.
Johanniskrautöl ist wirksam bei stumpfen Verletzungen, Wunden und Verbrennungen, am besten 2–5 ml Öl sanft in die Haut einmassieren.

Teufelskralle wirkt erst nach zwei Wochen

Es muss jedoch nicht immer die äußerliche Anwendung sein. Die Phytotherapie hat zur Schmerzlinderung mit Weidenrinde, Teufelskralle und Brennnesselkraut auch einige weitere Angebote für die innerliche Behandlung zur Verfügung. Extrakte aus diesen Heilpflanzen wirken etwa so stark wie niedrig dosierte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR, z. B. Diclofenac. M.K.). Patienten mit leichteren Schmerzen können mit Hilfe solcher Heilpflanzen-Präparate evtl. ganz auf NSAR verzichten, schwerer geprüfte Leidensgenossen wenigstens die Dosis der NSAR vermindern. Weidenrindenextrakt eignet sich eher für kurzfristige Einsätze, beispielsweise zur Linderung von Rückenschmerzen. Er wird maximal einen Monat lang zweimal pro Tag eingenommen. Für die Kombination aus Zitterpappelblättern und -rinde, Eschenrinde und Goldrutenkraut rät die Expertin zu drei- bis viermal täglich 20–30 (max. 40) Tropfen. Beim Brennnesselkraut hat der Patient die Wahl zwischen 8–12 g Extrakt täglich oder dreimal pro Tag einem Esslöffel Brennessel-Frischpflanzenpresssaft. Der Wurzelextrakt der Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) wird nach Herstellerangabe dosiert (90 mg – 1,6 g in zwei bis vier Einzeldosen). Will ein Patient Teufelskrallenpräparate länger als einen Monat einnehmen, sollte er vorher seinen Arzt fragen, empfiehlt Prof. Kraft.

Weidenrinde und Brennnesselkrautextrakt wirken stärker entzündungshemmend als Teufelskralle, hält Karin Kraft fest. Dafür zeige Letzteres schon nach wenigen Tagen den vollen Effekt, die anderen Phytotherapeutika – Weidenrinde und Brennesselkraut -  erst nach zwei Wochen.
Schwangere im letzten Trimenon und Patienten mit peptischem Ulkus dürfen salizylathaltige pflanzliche Schmerzmittel nicht einnehmen, und Asthmatiker müssen unter Umständen mit schweren Reaktionen rechnen. Für Patienten unter 18 Jahren gilt wegen des seltenen Reye-Syndroms (Schädigung von Gehirn und Leber) als Grundsatz: Weidenrinde & Co. nur unter ärztlicher Aufsicht.

Quelle:

http://www.medical-tribune.de/patienten/magazin/25978/

Karin Kraft, Notfall & Hausarztmedizin 2009; 35 (8+9): 423–426

Kommentar & Ergänzung:
Prof. Karin Kraft ist eine bedeutende und fundierte Vertreterin von Phytotherapie und Naturheilkunde im universitären Bereich. Sie stellt in diesem Text zentrale Heilpflanzen für die Schmerzbehandlung in der Phytotherapie vor.
Senfmehl-Umschläge und Senfmehlbäder sind sehr interessante Anwendungen aus der Pflanzenheilkunde, die allerdings vorsichtig und sorgfältig eingesetzt werden sollten. Bei Senfmehl-Breiumschlägen sollte das verwendete Wasser beim Verrühren auch nicht wärmer sein als 35 – 38 °C (also wie beim Senfmehlbad). Der verwendete Senfmehlbrei muss natürlich in ein Tuch eingeschlagen werden. Individuelle Empfindlichkeit beachten – das heisst, beim ersten Mal Einwirkungszeit kurz halten. Der hautreizende Effekt (aber auch die Wirkung) kann gemildert werden durch Mischung des Senfmehls mit Leinsamenmehl.

Senfmehl-Fussbäder eignen sich gut gegen kalte Füsse.

Die Dosierungsempfehlung beim Kiefernnadelölbad – 0,025 g Kiefernnadelöl pro Liter Wasser – ist etwas unpraktisch, wenn man nicht gerade eine Präzisionswaage zu Hause herumstehen hat. Dietrich Frohne empfielt im „Heilpflanzenlexikon“ (2006) 2 Teelöffel Kiefernnadelöl auf ein Vollbad. Meine Empfehlung dazu wäre: Das erste Mal die Verträglichkeit testen und tiefer dosieren, z. B ein Teelöffel pro Vollbad. Ausserdem würde ich raten, das Kiefernnadelöl mit Kaffeerahm (Sahne) oder Vollmilch zu emulgieren.

Beim Pfefferminzöl gegen Spannungskopfschmerzen scheint mir die Grenze von 18 Jahren etwas hoch angesetzt.
Klar ist, dass Pfefferminzöl viel Menthol enthält und daher für Säuglinge und Kleinkinder ungeeignet ist. Menthol bzw. Pfefferminzöl kann bei den Kleinen in seltenen Fällen krampfartige Verengungen der Atemwege auslösen.
Schilcher / Kammerer / Wegener schreiben im „Leitfaden Phytotherapie“ ( 2007): „Ab dem Schulalter ist nichts gegen die Anwendung von Pfefferminzöl einzuwenden.“
Heinz Schilcher & Walter Dorsch empfehlen Pfefferminzöl gegen Spannungskopfschmerzen in ihrem Buch „Phytotherapie in der Kinderheilkunde“ (2006). Natürlich darf Pfefferminzöl nicht in die Augen gelangen. Auch kann man es mit fettem Oel, z. B. Mandelöl, verdünnen, wenn pures Pfefferminzöl als zu stark empfunden wird.

Bei der Dosierungsempfehlung von Brennesselextrakt – 8 bis 12 g Extrakt pro Tag – scheint mir ein Irrtum vorzuliegen. Brennesselextrakt wird normalerweise in Kapseln à 600 mg eingesetzt, wobei die Tagesdosis 2 Kapseln beträgt, also 1200 mg. 8 – 12 g ist die mittlere Tagesdosis für Brennesselkraut bzw. Brennesselblätter (merke: Gedrucktem nicht einfach blind glauben, auch nicht in Fachzeitschriften).

Bei den innerlich angewendeten Heilpflanzen macht der „Medical Tribune“-Artikel widersprüchliche Angaben zum Zeitpunkt des Wirkungseintritts. Einerseits lautet ein Titel „Teufelskralle wirkt erst nach zwei Wochen“.
Andererseits steht weiter unten:
„ Weidenrinde und Brennnesselkrautextrakt wirken stärker entzündungshemmend als Teufelskralle, hält Karin Kraft fest. Dafür zeige Letzteres schon nach wenigen Tagen den vollen Effekt, die anderen Phytotherapeutika – Weidenrinde und Brennesselkraut -  erst nach zwei Wochen.“
Das würde also heissen: Teufelskralle wirkt schon nach wenigen Tagen, Weidenrinde und Brennessel brauchen länger bis zum Wirkungseintritt.
Das dürfte m. E. umgekehrt sein.
Dass Weidenrinde und Brennesselkraut stärker entzündungshemmend wirken als Teufelskralle, stimmt dagegegen wieder.
Meine Vermutung ist, dass diese Unklarheit bei der Zusammenfassung des Artikels durch die Medical Tribune entstanden ist. Um das zu überprüfen, müsste der Originalartikel von Karin Kraft in der Zeitschrift „Notfall & Hausarztmedizin“ konsultiert werden.

Jedenfalls zeigt dieses Beispiel, dass auch ein grundsätzlich kompetenter Artikel nicht einfach blind geschluckt werden sollte, sondern dass es immer der kritischen Auseinandersetzung bedarf. Papier ist nämlich – wie auch das Internet – sehr geduldig. Der Empfänger einer Information ist verantwortlich dafür, sich ein fundiertes Urteil über die darin enthaltenen Aussagen zu bilden.
Die französische Dichterin Nathalie Sarraute hat das so formuliert:
„So widersinnig es auch klingen mag, der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, der informiert, sondern derjenige, der informiert wird.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) & Traditionelle Afrikanische Medizin

Freitag, Juni 4th, 2010

Vor kurzem wurde ich von einer Journalistin gefragt, weshalb sich in Europa Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) so stark verbreitet hat, Traditionelle Afrikanische Medizin aber kaum.

Für dieses Phänomen gibt es wohl zahlreiche Gründe. Hier mein Antwortversuch:

Die traditionelle afrikanische Heilkunde ist höchstwahrscheinlich die älteste und vermutlich die vielfältigste aller Therapieformen. Weil die Menschheit aus Afrika kommt, ist die hohe biologische und kulturelle Diversivität Afrikas eigentlich nicht erstaunlich. Nur schon südlich der Sahara sind etwa 2000 Sprachen bekannt und auch die Therapiesysteme zeigen grosse regionale Unterschiede. Das erschwert aber auch die Erforschung dieser Heilsysteme, die nur sehr lückenhaft dokumentiert sind. Traditionellerweise wird solches Wissen mündlich weitergegeben – hauptsächlich wohl in einer Art von “Lehrbeziehung” zwischen HeilerIn und SchülerIn.

Das sind sehr schlechte Voraussetzungen für die Lehr- und Lernbarkeit in westlichen Ausbildungssystemen und damit für die Exportfähigkeit dieses Wissens.

Ganz anders sieht es bei der chinesischen Medizin aus:

Die theoretischen Grundzüge der traditionellen chinesischen Medizin sind soziomorph, das heisst, sie wurden abgeleitet aus der damaligen Gesellschaftsstruktur, konkret aus dem chinesischen Kaiserreich.  Sie sind seit der Han-Dynastie vor zwei Jahrtausenden in allen Einzelheiten schriftlich belegt.

Das sind potenziell gute Voraussetzungen für Lehr- und Lernbarkeit und für eine Weiterverbreitung über grössere Distanzen.

Dazu kommen aber noch zwei weitere Faktoren:

- Zwischen 1950 und 1975 haben chinesische Kommissionen das Ideengebäude der alten chinesischen Medizin vollkommen entkernt und vollständig neu von innen aufgebaut. Anstelle des vielgestaltigen, zum Teil verwirrenden Gebäudes ist ein leichter handhabbarer Neubau entstanden. Das typische altchinesische Sowohl-als-auch wurde zum grossen Teil ersetzt durch modern-westliches Entweder-oder-Denken. Auf dieser Basis wurde bewusst ein Exportprodukt geschaffen, das mit westlichen Bedürfnissen und Ängsten kompatibel ist. Beispielsweise wurde die für altchinesische Medizintexte typische Kriegsrhetorik weitgehend eliminiert. Die Kämpfe zwischen Heilmittel und Krankheit bzw. zwischen verschiedenen Parteien im Organismus – soziomorph abgeleitet aus den Kriegen im Kaiserreich – wären kaum kompatibel mit den Vorstellungen der westlichen “Naturheilszene” von der sanften chinesischen Medizin.

Was wir heute in Europa als TCM kennen, ist also ein ziemliches Kunstprodukt und als solches wohl kaum älter als 50 Jahre. Aber im Gegensatz zur traditionellen afrikanischen Medizin ist TCM ein perfektes Exportprodukt, weil es an westliche Bedürfnisse angepasst wurde.

Im Detail beschreibt das übrigens der Sinologe und Medizinhistoriker Paul U. Unschuld in “Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst” (Beck Verlag 2003) und “Chinesische Medizin” (Beck Wissen 2003).

- Dieses Exportprodukt hat sich nicht zuletzt deshalb so erfolgreich durchgesetzt in Europa, weil es den Bedürfnissen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gut entspricht. Es bietet zum Beispiel einen Bezug auf das Ganze, auf den ganzen Menschen und auf den Kosmos. Das ist eine Einbettung und Sinngebung, die heute viele Menschen im Westen vermissen und welche die heutige Medizin nicht bietet (nicht bieten kann und m. E. auch nicht bieten soll). Als zusätzliches fakultatives “Wahlprogramm” ist diese Sinngebung attraktiv, als dominierendes Programm wäre es wohl ziemlich problematisch, weil diese Sinngebung und Einbettung unser westliches Autonomieverständnis arg ankratzen würde.

P.S. Das Buch „Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst“ ist im Buchshop im Abschnitt „Medizingeschichte“ erhältlich.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Phytotherapie: Cimicifuga auch gegen BPH wirksam?

Freitag, Juni 4th, 2010

Neue Forschungsresultate zeigen, dass bestimmte Extrakte der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) nicht nur Frauen, sondern auch Männern helfen können. Erste Untersuchungen von Dr. Dana Seidlova-Wuttke von der Universität Göttingen deuten darauf hin, dass bestimmte Cimifuga-Zubereitungen zur Prävention und Behandlung von altersbedingten Veränderungen der Prostata wirksam sein könnten.

Quelle: http://www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Die Aussagen in diesem Text sind zu Recht noch vorsichtig formuliert. Die Forschung zur Wirksamkeit von Traubensilberkerze bei benigner Prostatahyperplasie (= gutartige Prostatavergrösserung, BPH) stecken noch in den Anfängen. Die Hormonexpertin Dr. Seidlova-Wuttke ist aber eine Kapazität in der Erforschung von Cimicifuga-Wirkungen.

Traubensilberkerzen-Extrakte sind in der Phytotherapie gut etabliert und dokumentiert zur Anwendung bei Beschwerden im Klimakterium, also in den Wechseljahren, beispielsweise bei Hitzewallungen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es allerdings noch viel zu früh, Traubensilberkerze auch bei BPH zu empfehlen. Hier stehen nach wie vor im Vordergrund

- Sägepalme ( = Früchte der Zwergpalme, Sägezahnpalme, Sabal serrulata, Serenoa repens),

- Brennessel (Wurzel von Urtica dioica) und

- Kürbissamen (Cucurbita pepo, Gartenkürbis).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Schwedenkräuter / Schwedenbitter – kein Wundermittel

Donnerstag, Juni 3rd, 2010

Als Schwedenkräuter (auch Schwedenbitter) wird eine bestimmte Kombination verschiedener Heilkräuter bezeichnet. Diese Heilkräuter werden angeblich nach dem Rezept eines schwedischen Mediziners namens Dr. Claus Samst, der im 17. Jahrhundert lebte, zusammengemischt. Das Heilkräuter- Rezept soll innerhalb der Familie Samst lange verwendet worden sein. Aber auch der Arzt, Naturforscher und Theologe Paracelsus hat schon ähnliche Mischungen zubereitet, hauptsächlich zur Förderung der Verdauung, aber auch als Mittel, das Leben zu verlängern. Die österreichische Kräuterbuch-Autorin Maria Treben hat dieses Rezept in ihrer Publikation „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“ bekannt gemacht und es Claus Samst zugeschrieben. Über diesen Claus Samst ist ansonsten nichts weiter bekannt, nicht einmal seine Lebensdaten sind überliefert, so dass immer wieder verbreitete Behauptungen, er sei über 100 Jahre alt geworden, jeder Grundlage entbehren.

Andere Quellen schreiben die Kräutermischung dem schwedischen Arzt Urban Hjärne (1641-1724) zu, dessen Daten und Biografie überliefert sind; er war der Leibarzt des schwedischen Königshauses und Anhänger von Paracelsus. Von Urban Hjärne ist jedenfalls das Rezept für eine Mixtur namens Elixir amarum Hjaerneri (ad longam vitam) überliefert, also ein Mittel zur Lebensverlängerung. Diese Kräutermixtur wurde ab 1796 im Deutschen Reich als Kronessenz verkauft und galt als Wundermittel. Urban Hjärne wurde nachweislich 83 Jahre alt.

Anwendung von Schwedenbitter

Den Schwedenkräutern werden neben der Förderung der Verdauung (auf Grund der Bitterstoffe) verschiedene weitere heilende Wirkungen zugeschrieben. Obwohl die Kräutermischung unter anderem zur Behandlung von Verdauungsbeschwerden und Appetitlosigkeit empfohlen wird, wird sie neuerdings auch als Fatburner propagiert. Außerdem soll die äußerliche Anwendung unter anderem bei Neurodermitis und Muskel- und Gelenkschmerzen wirksam sein. Darüber hinaus soll durch die Einnahme von Schwedenkräutern das Immunsystem gestärkt werden.

In einer alten Handschrift werden 40 Indikationen aufgeführt, zum Schluss heißt es: „Wer täglich diese Tropfen früh und abends nimmt, braucht keine andere Medizin, denn diese stärken den Körper, erfrischen die Nerven und das Blut, nehmen das Zittern der Hände und Füße. Kurz sie nehmen überhaupt alle Krankheiten.“

Quelle: Wikipedia

Kommentar & Ergänzung:

Schwedenkräuter / Schwedenbitter – das ist ein typisches Beispiel für ein angebliches Wundermittel, das gegen fast alle Beschwerden und Krankheiten helfen soll.

Solche Wundermittel werden medizinhistorisch als Panazeen bezeichnet und die Tatsache, dass jede Zeit ihre Wundermittel hat, ist ein Hinweis dafür, dass dadurch wohl dringende menschliche Bedürfnisse befriedigt werden. Wie erleichternd ist es doch, ein Mittel in der Hand zu haben, das uns gegen alle Gebresten schützen kann. Das ist nicht zuletzt wohl ein Schutz gegen die Ohnmachtsgefühle, welcher wir in der Konfrontation mit Krankheiten oft begegnen.

Aus welchen Heilpflanzen setzen sich Schwedenbitter / Schwedenkräuter überhaupt zusammen?

Hier ein Rezept für den Kleinen Schwedenbitter:

Kleiner Schwedenbitter

Die folgenden Angaben beziehen sich auf eine Menge von 2,5 Liter Branntwein, Kornschnaps oder Ähnlichem.

16,7 g Aloe (es kann auch Enzianwurzel oder Wermutpulver verwendet werden)

8,3 g Myrrhe

0,33 g Safran

16,7 g Sennesblätter

16,7 g Kampfer (nur Naturkampfer)

16,7 g Rhabarberwurzel

16,7 g Zittwerwurzel

16,7 g Manna cannelata

16,7 g Theriak venezian

8,3 g Eberwurzwurzel

16,7 g Angelikawurzel

Soweit also das Rezept. Kommentar dazu:

- Der Schwedenbitter enthält Bitterstoffpflanzen (z. B. Angelikawurzel) mit verdauungsfördernder Wirkung.

- Aloe, Sennesblätter und Rhabarberwurzel enthalten Anthranoide. Das sind stark abführende Wirkstoffe, die bei Langzeitgebrauch zu Abhängigkeit führen können. In einem solchen Rezept sind diese Anthranoid-Heilpflanzen problematisch.

- Warum Aloe durch Enzianwurzel oder Wermutpulver ersetzt werden kann, ist nicht nachvollziehbar. Die Wirkung von Aloe und Enzianwurzel bzw. Wermut ist total unterschiedlich. Diese Angabe ist willkürlich.

- Manna cannelata, aus dem süßen Saft der Manna-Esche ist ein mildes osmotisches Abführmittel. Auch hier ist der Sinn dieses Schwedenbitter-Bestandteils für die ganze Palette der Heilungsversprechungen fraglich.

- Kampfer ist ein Analeptikum, ein belebendes, kreislaufanregendes Mittel. Kampfer in sehr limitierten Dosen eingenommen hebt den Blutdruck an bei Hypotonie (niederem Blutdruck). Aber dazu gibt es Heilpflanzen-Präparate mit Kampfer, die nicht wie die Schwedenkräuter auch noch blödsinnigerweise Abführmittel enthalten.

- Bitterstoffe können bei bestimmten Verdauungsbeschwerden nützlich sein, doch ist die Kombination mit starken Abführmitteln unsinnig. Wer Bitterstoffe nutzen will, tut dies wohl besser ohne Schwedenkräuter, zum Beispiel mit einem Heilpflanzen-Präparat aus Artischockenblätter.

Fazit: Hier wird mit einem angeblichen Wundermittel den Konsumentinnen und Konsumenten das Geld aus der Tasche gezogen. Aber sehr viele Menschen brauchen offenbar ein solches Wundermittel, koste es was es wolle.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Ingwer vermindert Muskelschmerzen

Donnerstag, Juni 3rd, 2010

Studie erforscht Wirkung auf den Menschen bei regelmäßigem Verzehr

Wer jeden Tag etwas rohen oder hitzebehandelten Ingwer einnimmt, spürt Muskelschmerzen in Folge von Überanstrengungen weniger stark. Das behauptet eine Wissenschaftlergruppe um Patrick O’Connor von der University of Georgia in der Zeitschrift “Journal of Pain”. Ingwer (Zingiber officinale) ist schon seit langem bekannt bei Erkältungen oder als Magenmittel. Bisher wusste man auch, dass Ingwer bei Mäusen Entzündungen hemmen und Schmerzen lindern kann. Nun wurde dieser Wirkung beim Menschen untersucht.

Ingwer macht Schmerz erträglicher

Die Wissenschaftler verabreichten dazu jungen Erwachsenen zwei Gramm von rohem oder hitzebehandeltem Ingwer in Kapselform und dokumentierten, wie er sich im Vergleich zu Placebopräparaten auf Muskelschmerz auswirkte. Elf Tage lang nahmen die Teilnehmenden die Ingwer-Kapseln zu sich, wobei sie am 8. Tag eine anstrengende Armtätigkeit ausführten, nämlich 18 Armbeuger-Dehnungen mit einem schweren Gewicht, die leichten Muskelschmerz im Arm auslösten.

An den verbleibenden drei Tagen wurden Entzündungswerte gemessen und es ging darum, die Stärke des Muskelschmerzes auf einer Skala anzugeben. 24 Stunden nach dem Sport war der Schmerz in der Ingwergruppe messbar erträglicher als in der Placebogruppe, so das Resultat. Nach zwei und nach drei Tagen waren allerdings zwischen den Gruppen keine Differenz mehr festzustellen.

Weitere Ingwer-Studien zu diesem Thema sollen folgen

Fachleute vom britischen National Health System NHS, welche regelmäßig Forschungen auf Herz und Niere prüfen, bezeichnen den Aufbau der Doppelblind-Studie als gut. Zu kritisieren sei, dass nur 78 Personen an der Studie teilnahmen. Eine Wiederholung in größerem Rahmen wäre sinnvoll, um eindeutige Resultate zu erhalten.

“Zudem war der untersuchte Schmerz bloß mild. Man kann nicht sagen, welche Wirkung Ingwer auf stärkere Muskelschmerzen infolge von Bewegungen haben würde. Genauso wenig sind Rückschlüsse auf andere Schmerzen wie Arthritis oder Kopfschmerz zulässig”, kommentierten die NHS-Kritiker.

Quelle:

http://derstandard.at/1271377518787/Studie-Ingwer-lindert-Muskelschmerzen

Kommentar & Ergänzung:

Ingwer ist nicht nur ein  beliebtes Gewürz, sondern ebenso eine der spannendsten Heilpflanzen. Eine lange und verbreitete Tradition in der Pflanzenheilkunde  verwendet Ingwer bei Verdauungsbeschwerden und gegen Erkältungen.

Die neuzeitlichere Phytotherapie hat beim Ingwer vor allen Effekte gegen Übelkeit und Erbrechen erforscht und dokumentiert – zum Beispiel bei Reisekrankheit oder nach Operationen. Diese hier untersuchte Wirkung gegen Muskelschmerzen ist dagegen ein ziemlich neues potenzielles  Anwendungsgebiet für Ingwer.

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Baldrian-Wirkstoff als Angstlöser

Mittwoch, Juni 2nd, 2010

Ein Wirkstoff aus Baldrian wird als Basis für neue angstlösende Medikamente erforscht: Wissenschaftler der Universität Wien synthetisieren neuartige potenzielle Wirkstoffe in Ableitung von Substanzen, die in der Baldrian-Pflanze enthalten sind. Das gemeinsame Ziel der Chemiker und Pharmakologen ist es, angstlösende Arzneistoffe zu entwickeln, welche besser verträglich sind und weniger unerwünschte Wirkungen besitzen. In der aktuellen Ausgabe des British Journal of Pharmacology (BJP) werden Resultate dazu veröffentlicht.

In Österreich leiden über 800.000 Menschen an Angsterkrankungen, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Unter den Begriff Angststörungen fallen verschiedene Symptome wie Schlafstörungen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Erregung. Herkömmliche Medikamente wie Antidepressiva oder Tranquillizer haben zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen und können innerhalb von Wochen zur Abhängigkeit führen.

Hilfe aus der Naturmedizin

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wird Baldrian seit dem 18. Jahrhundert bei Symptomen wie Schlaflosigkeit, Stress, Reizbarkeit und Angstzuständen eingesetzt. Vor zwei Jahren zeigte das Team um Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, erstmals, dass der Naturstoff Valerensäure aus dem Baldrian einen bestimmten Typ von sogenannten GABAA-Rezeptoren auf Nervenzellen anregt. Dadurch wird die Erregbarkeit von Nervenzellen vermindert. Weiterführende Untersuchungen kamen dann zum Schluss, dass Valerensäure eine angstlösende und schlaffördernde Wirkung hat.

Die in der Praxis oft verordneten Benzodiazepine (ein bekannter Vertreter ist “Valium”) führen rasch zur Abhängigkeit und können  unerwünschte Wirkungen entfalten, wie beispielsweise Tagesmüdigkeit (“hang over”), Gangunsicherheit und Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit. Das Team um Hering geht davon aus, dass die aus Baldrian gewonnene Valerensäure nur gewisse Subtypen von GABAA-Rezeptoren beeinflusst. Daraus zieht Post-Doc Sophia Khom vom Department für Pharmakologie und Toxikologie folgenden Schluss: “Der große Vorteil dessen wäre, dass dadurch nur ganz bestimmte Hirnareale stimuliert werden, so weniger Nebenwirkungen entstehen und das Abhängigkeitspotenzial vermindert werden könnte.”

Synthetisierte Derivate wirksamer

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Johann Mulzer, Professor am Institut für Organische Chemie der Universität Wien, und Steffen Hering, Leiter des Departments für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien, synthetisierte Jürgen Ramharter (Organische Chemie) nicht nur den Baldrian-Inhaltsstoff Valerensäure, sondern stellte auch Derivate davon her, also von der Valerensäure abgeleitete Wirkstoffe. Die Pharmakologin Sophia Khom erläutert dazu: “Mehrere der synthetisierten Derivate sind im Vergleich zur Valerensäure deutlich stärker wirksam. Bei einer der neu synthetisieren Verbindungen war die Wirkung auf den Rezeptor mehr als doppelt so stark.”

Der Pharmakologe und Department-Leiter Steffen Hering stellt dazu fest: “Wir sind auf einem guten Weg, auf Basis der Valerensäure neue, angstlösende Wirkstoffe zu finden, die für die Entwicklung von Arzneistoffen geeignet sind. Einige der bisher untersuchten Substanzen haben bereits eine deutlich stärkere Wirkung als der Naturstoff aus dem Baldrian selbst. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir unter den Derivaten auch Wirkstoffe finden, die bei Epilepsie eingesetzt werden können.”

Quelle:

http://derstandard.at

Originalpublikation:

British Journal of Pharmacology: Valerenic acid derivatives as novel subunit-selective GABA(A) receptor ligands – in vitro and in vivo characterization. S. Khom, B. Strommer, J. Ramharter, T. Schwarz, C. Schwarzer, T. Erker, G.F. Ecker, J. Mulzer, S. Hering.

Kommentar & Ergänzung:

Eine ganze Reihe von Inhaltsstoffen aus der Baldrianwurzel sind in den letzten Jahren auf ihre angstlösenden und / oder schlaffördernden Wirkungen untersucht worden. Ich bin nicht gegen diese Forschungen an einzelnen Baldrian-Wirkstoffen. Festzuhalten bleibt aber: Phytotherapie setzt ganze „Teams“ von Wirkstoffen ein, zum Beispiel in Form von Tees, Tinkturen oder Extrakten. Bisher jedenfalls kann man die Baldrianwirkung nicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff zurückführen.

Ich kann auch nachvollziehen, dass Forschende einen Inhaltsstoff wie die Valerensäure synthetisiert und nach Abkömmlingen mit stärkerer Wirkung sucht.  Es ist aber voraussehbar, dass diese „Optimierung“ auch einen Preis haben wird. Die verstärkte Wirkung geht mit prägnanteren Eingriffen in den Organismus einher – beispielsweise mit einer grösseren Veränderungen der Schlafarchitektur. Daher wird bei solchen optimierten Molekülen auch mit verstärkten unerwünschten Nebenwirkungen und erhöhten Risiken zu rechnen sein.

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Phytotherapie: Hamamelis-Präparate – unterschiedliche Zusammensetzung, unterschiedliche Wirkung

Dienstag, Juni 1st, 2010

In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie porträtiert Reinhard Länger den Hamamelis (Virginianische Zaubernuss, Hamamelis virginiana, Witch hazel) . Hamamelis gehört zu den wichtigen Heilpflanzen mit Wirkung im Bereich von Wundbehandlung  & Dermatologie.

Der Beitrag bringt interessante Informationen zur Botanik von Hamamelis virginiana und zur Geschichte dieser Heilpflanze.

Ausserdem stellt Länger einen wichtigen Unterschied klar: Es gibt unterschiedliche Zubereitungsarten für Hamamelispräparate, was unterschiedliche Inhaltstoffe und damit auch differierende Wirkungen zur Folge hat:

„Hamamelisrinde enthält bis zu 12 Prozent Gerbstoffe, die Blätter bis zu etwa 10 Prozent, zusätzlich auch kleine Mengen an ätherischem Öl. Dies bedeutet, dass wässrige und wässrig/ethanolische Auszüge aus Rinde und Blättern in erster Linie Gerbstoffe als Komponenten enthalten, die an der Wirksamkeit beteiligt sind, hingegen Destillate aus den Zweigspitzen (= Hamameliswasser, Aqua Hamamelidis) ätherisches Öl, aber keine Gerbstoffe enthalten.

Dementsprechend sind auch die Indikationen leicht unterschiedlich: während Destillate bei leichten Hautentzündungen und in speziellen Darreichungsformen bei Irritationen des Auges infolge Trockenheit des Auges, Wind oder Sonnenlicht eingesetzt werden, stehen bei den Auszügen aus Blättern und Rinde ‚klassische’ Einsatzgebiete von Gerbstoffen im Vordergrund (z. B. leichte Entzündungen der Haut oder der Mundschleimhaut, symptomatische Behandlung von Hämorrhoiden). Obwohl speziell zum Hamameliswasser sogar Ergebnisse klinischer Prüfungen vorliegen, wurde ein ‚zauberhafter’ Effekt bislang noch nicht beobachtet.“

Quelle:

Reinhard Länger / PHYTO Therapie Austria 2  / 2010

Kommentar & Ergänzung:

Um es nochmals zusammen zu fassen: Es macht bei den Hamamelis-Präparaten einen wesentlichen Unterschied, ob Teeauszüge oder Tinkturen zur Anwendung kommen, welche Gerbstoffe enthalten, oder ob es sich im Hamamelisdestillate handelt,  die gerbstofffrei sind.

Dabei würde ich aber nicht soweit gehen, den Destillaten eine Wirkung abzusprechen. Es gibt ja auch klinische Studien zu Salben mit Hamamelisdestillat bei Neurodermitis (Atopische Dermatitis), die eine günstige Wirkung zeigten. Es lohnt sich aber zu berücksichtigen, dass die Anwendungsbereiche von Hamamelis-Tee oder Hamamelis–Tinktur sich unterscheiden von Hamamelis-Destillat.

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