Phytotherapie: Neueste Erkenntnisse zum Johanniskraut

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Mit weit mehr als drei Millionen verkaufter Packungen pro Jahr nimmt Deutschland in Sachen Johanniskraut den europäischen Spitzenplatz ein.

Die Wirksamkeit von Johanniskraut (Hypericum perforatum) gegen depressive Erkrankungen ist inzwischen so ziemlich über jeden Zweifel erhaben. Dieser Effekt wurde in pharmakologischen Modellen nachgewiesen und durch umfangreiche klinische Studien bestätigt. Neben diesem primären Anwendungsbereich gibt es noch weitere Indikationen wie psychovegetative Symptome, Angst, nervöse Unruhe oder somatoforme Beschwerden (z.B. Müdigkeit und Erschöpfung), die allerdings weniger gut belegt sind, wie Privatdozent Dr. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München in der Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“ erläutert.

Der antidepressive Wirkmechanismus des Phytopharmakons ist noch immer nicht im Detail geklärt. Die meisten synthetischen Antidepressiva wirken über eine Hemmung der Wiederaufnahme von Monoaminen (Noradrenalin, Serotonin, Dopamin) oder über die Hemmung des Enzyms Monoaminooxidase. Letzteres wurde zunächst auch als Wirkprinzip von Johanniskraut vermutet. Heute gibt es aber wissenschaftliche Belege dafür, dass bestimmte Johanniskraut-Inhaltsstoffe als potente Wiederaufnahmehemmer der Monoamine fungieren.

Die klinische Wirksamkeit von Johanniskraut-Präparaten zu prüfen, stellt allerdings keine leichte Aufgabe dar. Bei einer Durchforstung der Roten Liste (Arzneimittelverzeichnis für Deutschland) im Jahr 2006 fand Klaus Linde 40 Präparationen von 28 verschiedenen Firmen unter der Indikation „Antidepressiva“. Nicht nur die Zusammensetzung der Mittel (zumeist Trockenextrakte) war unterschiedlich, sondern auch die angegebenen Dosierungen. Sie reichten von 80 bis 1700 mg Johanniskraut-Extrakt pro Tag. Hinzu kamen 60 Johanniskraut-Präparate, die außerhalb von Apotheken verkauft werden. Bei ihnen liegen Konzentrationen und Tagesdosen häufig weit unter dem, was für eine relevante antidepressive Wirkung nötig wäre, so der Mediziner.
Wie steht es nun mit den wissenschaftlichen Belegen  betreffend Johanniskraut?

Insgesamt 50 kontrollierte Studien wurden publiziert zu Hypericum (Johanniskraut) in der Therapie depressiver Störungen. Frühe Untersuchungen (bis Mitte der Neunzigerjahre) verglichen den Effekt meist mit Placebo (Scheinarzneimittel), seltener mit trizyklischen Antidepressiva. Zudem waren neben Patienten mit klassischer Depression auch solche mit Anpassungsstörung, akuter Stressreaktion oder neurotischen Störungen in die Studien eingeschlossen. Damit verlieren diese zwar an Aussagekraft, bilden jedoch wahrscheinlich den „typischen Johanniskraut-Patienten im klinischen Alltag“ realistischer ab.

Zusammengefasst belegen die heute verfügbaren Daten: Johanniskraut wirkt bei leichten bis mittelschweren Depressionen deutlich besser als Placebo und ähnlich gut wie Standard-Antidepressiva – bei besserer Verträglichkeit.

Interessant dabei ist, dass die Vielzahl der Studien aus Deutschland zu eindeutig besseren Resultaten kommt als Untersuchungen aus anderen Ländern. Dies mag daran liegen, dass die deutschen Studien meist in Hausarztpraxen durchgeführt wurden (in anderen Ländern öfters in psychiatrischen Zentren) und hier der Effekt womöglich etwas überschätzt wurde, mutmasst Klaus Linde.

Die meisten Studien widmen sich der Akutbehandlung depressiver Störungen (6 – 12 Wochen). Es mangelt an Daten zum Einsatz bei Kindern und Jugendlichen, wenn auch Johanniskraut gerne bei milder bis moderater Depression im jugendlichen Alter (> 12 Jahre) angewendet wird.

Quelle:

MTD, Ausgabe 8 / 2010 S.20,

http://www.medical-tribune.de/patienten/ magazin/25976/

Originalpublikation:

Klaus Linde, Forschende Komplementärmedizin 2009; online first

Kommentar & Ergänzung:

Der Text weißt sehr zu Recht auf die unterschiedliche Qualität der im Handel erhältlichen Johanniskraut-Präparate hin. Diese grossen Qualitätsunterschiede finden sich generell bei Heilpflanzen-Präparaten und anderen Produkten aus dem Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin.

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