Phytotherapie: Heilpflanzen zur Schmerzbehandlung

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Ob Arthrose, Kopfweh oder Tennisarm – alltägliche Schmerzbilder lassen sich häufig auch durch Heilpflanzen-Anwendungen lindern.

Scharfe Gewürze wie Cayennepfeffer oder Senf eignen sich als Irritanzien (hautreizende Stoffe) 
ausgezeichnet zur Schmerzbehandlung. Ihre schmerzlindernde Wirkung kann sogar wochenlang anhalten, erklärt Professor Dr. Karin Kraft, die Inhaberin des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock.
Weiße Senfsamen werden gern als Breiumschlag eingesetzt: 4 Esslöffel Samenmehl mit Wasser verrühren und das frisch zubereitete Gemisch so lange auf der Haut lassen, bis diese sich rötet – bei Erwachsenen 10 bis 15 Minuten, für Schulkinder genügen 5 bis 10 Minuten. Und nicht zu häufig anwenden – an der gleichen Stelle frühestens nach zwei Wochen, betont Prof. Kraft. Wer die flüssige Variante bevorzugt: Im Senf kann man auch baden – die Dosierung beträgt 150 g Samenmehl pro Wanne und 20–30 g fürs Fußbad. Die Temperatur des Badewassers sollte bei 35–40 °C liegen. Täglich baden ist gestattet – jedoch höchstens 14 Tage lang und hinterher immer sofort abspülen. Auf der Schleimhaut oder in offenen Wunden hab Senfmehl nichts zu suchen.

Kiefernnadelöl nicht für Asthmatiker

Auch gewisse ätherische Öle eignen sich gut als Schmerzmittel: Gegen Spannungskopfschmerzen verteilt man Pfefferminzöl in flüssiger oder halbflüssiger Zubereitung auf der Stirn und an den Schläfen. Nicht empfohlen wird diese Behandlung allerdings für Personen unter 18 Jahren.
Bei Muskelschmerzen rät Prof. Kraft, halbfeste und ölige Zubereitungen mit 5–20 % oder hydro-aethanolische Zubereitungen mit 5–10 % Pfefferminzöl direkt auf die peinigende Region aufzutragen.
Kiefernnadelöl ist besonders gut geeignet bei rheumatische und neuralgische Beschwerden. Zum Einreiben reichen ein paar Tropfen, als Badezusatz nimmt man 0,025 g Kiefernnadelöl pro Liter Wasser (10–20 Minuten planschen bei 35–38 °C). Nicht angewendet werden darf Kiefernöl bei Überempfindlichkeit gegenüber Terpentinöl, Asthma und Keuchhusten.
Johanniskrautöl ist wirksam bei stumpfen Verletzungen, Wunden und Verbrennungen, am besten 2–5 ml Öl sanft in die Haut einmassieren.

Teufelskralle wirkt erst nach zwei Wochen

Es muss jedoch nicht immer die äußerliche Anwendung sein. Die Phytotherapie hat zur Schmerzlinderung mit Weidenrinde, Teufelskralle und Brennnesselkraut auch einige weitere Angebote für die innerliche Behandlung zur Verfügung. Extrakte aus diesen Heilpflanzen wirken etwa so stark wie niedrig dosierte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR, z. B. Diclofenac. M.K.). Patienten mit leichteren Schmerzen können mit Hilfe solcher Heilpflanzen-Präparate evtl. ganz auf NSAR verzichten, schwerer geprüfte Leidensgenossen wenigstens die Dosis der NSAR vermindern. Weidenrindenextrakt eignet sich eher für kurzfristige Einsätze, beispielsweise zur Linderung von Rückenschmerzen. Er wird maximal einen Monat lang zweimal pro Tag eingenommen. Für die Kombination aus Zitterpappelblättern und -rinde, Eschenrinde und Goldrutenkraut rät die Expertin zu drei- bis viermal täglich 20–30 (max. 40) Tropfen. Beim Brennnesselkraut hat der Patient die Wahl zwischen 8–12 g Extrakt täglich oder dreimal pro Tag einem Esslöffel Brennessel-Frischpflanzenpresssaft. Der Wurzelextrakt der Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) wird nach Herstellerangabe dosiert (90 mg – 1,6 g in zwei bis vier Einzeldosen). Will ein Patient Teufelskrallenpräparate länger als einen Monat einnehmen, sollte er vorher seinen Arzt fragen, empfiehlt Prof. Kraft.

Weidenrinde und Brennnesselkrautextrakt wirken stärker entzündungshemmend als Teufelskralle, hält Karin Kraft fest. Dafür zeige Letzteres schon nach wenigen Tagen den vollen Effekt, die anderen Phytotherapeutika – Weidenrinde und Brennesselkraut –  erst nach zwei Wochen.
Schwangere im letzten Trimenon und Patienten mit peptischem Ulkus dürfen salizylathaltige pflanzliche Schmerzmittel nicht einnehmen, und Asthmatiker müssen unter Umständen mit schweren Reaktionen rechnen. Für Patienten unter 18 Jahren gilt wegen des seltenen Reye-Syndroms (Schädigung von Gehirn und Leber) als Grundsatz: Weidenrinde & Co. nur unter ärztlicher Aufsicht.

Quelle:
http://www.medical-tribune.de/patienten/magazin/25978/
Karin Kraft, Notfall & Hausarztmedizin 2009; 35 (8+9): 423–426

Kommentar & Ergänzung:
Prof. Karin Kraft ist eine bedeutende und fundierte Vertreterin von Phytotherapie und Naturheilkunde im universitären Bereich. Sie stellt in diesem Text zentrale Heilpflanzen für die Schmerzbehandlung in der Phytotherapie vor.
Senfmehl-Umschläge und Senfmehlbäder sind sehr interessante Anwendungen aus der Pflanzenheilkunde, die allerdings vorsichtig und sorgfältig eingesetzt werden sollten. Bei Senfmehl-Breiumschlägen sollte das verwendete Wasser beim Verrühren auch nicht wärmer sein als 35 – 38 °C (also wie beim Senfmehlbad). Der verwendete Senfmehlbrei muss natürlich in ein Tuch eingeschlagen werden. Individuelle Empfindlichkeit beachten – das heisst, beim ersten Mal Einwirkungszeit kurz halten. Der hautreizende Effekt (aber auch die Wirkung) kann gemildert werden durch Mischung des Senfmehls mit Leinsamenmehl.

Senfmehl-Fussbäder eignen sich gut gegen kalte Füsse.

Die Dosierungsempfehlung beim Kiefernnadelölbad – 0,025 g Kiefernnadelöl pro Liter Wasser – ist etwas unpraktisch, wenn man nicht gerade eine Präzisionswaage zu Hause herumstehen hat. Dietrich Frohne empfielt im „Heilpflanzenlexikon“ (2006) 2 Teelöffel Kiefernnadelöl auf ein Vollbad. Meine Empfehlung dazu wäre: Das erste Mal die Verträglichkeit testen und tiefer dosieren, z. B ein Teelöffel pro Vollbad. Ausserdem würde ich raten, das Kiefernnadelöl mit Kaffeerahm (Sahne) oder Vollmilch zu emulgieren.

Beim Pfefferminzöl gegen Spannungskopfschmerzen scheint mir die Grenze von 18 Jahren etwas hoch angesetzt.
Klar ist, dass Pfefferminzöl viel Menthol enthält und daher für Säuglinge und Kleinkinder ungeeignet ist. Menthol bzw. Pfefferminzöl kann bei den Kleinen in seltenen Fällen krampfartige Verengungen der Atemwege auslösen.
Schilcher / Kammerer / Wegener schreiben im „Leitfaden Phytotherapie“ ( 2007): „Ab dem Schulalter ist nichts gegen die Anwendung von Pfefferminzöl einzuwenden.“
Heinz Schilcher & Walter Dorsch empfehlen Pfefferminzöl gegen Spannungskopfschmerzen in ihrem Buch „Phytotherapie in der Kinderheilkunde“ (2006). Natürlich darf Pfefferminzöl nicht in die Augen gelangen. Auch kann man es mit fettem Oel, z. B. Mandelöl, verdünnen, wenn pures Pfefferminzöl als zu stark empfunden wird.

Bei der Dosierungsempfehlung von Brennesselextrakt – 8 bis 12 g Extrakt pro Tag – scheint mir ein Irrtum vorzuliegen. Brennesselextrakt wird normalerweise in Kapseln à 600 mg eingesetzt, wobei die Tagesdosis 2 Kapseln beträgt, also 1200 mg. 8 – 12 g ist die mittlere Tagesdosis für Brennesselkraut bzw. Brennesselblätter (merke: Gedrucktem nicht einfach blind glauben, auch nicht in Fachzeitschriften).

Bei den innerlich angewendeten Heilpflanzen macht der „Medical Tribune“-Artikel widersprüchliche Angaben zum Zeitpunkt des Wirkungseintritts. Einerseits lautet ein Titel „Teufelskralle wirkt erst nach zwei Wochen“.
Andererseits steht weiter unten:
„ Weidenrinde und Brennnesselkrautextrakt wirken stärker entzündungshemmend als Teufelskralle, hält Karin Kraft fest. Dafür zeige Letzteres schon nach wenigen Tagen den vollen Effekt, die anderen Phytotherapeutika – Weidenrinde und Brennesselkraut –  erst nach zwei Wochen.“
Das würde also heissen: Teufelskralle wirkt schon nach wenigen Tagen, Weidenrinde und Brennessel brauchen länger bis zum Wirkungseintritt.
Das dürfte m. E. umgekehrt sein.
Dass Weidenrinde und Brennesselkraut stärker entzündungshemmend wirken als Teufelskralle, stimmt dagegegen wieder.
Meine Vermutung ist, dass diese Unklarheit bei der Zusammenfassung des Artikels durch die Medical Tribune entstanden ist. Um das zu überprüfen, müsste der Originalartikel von Karin Kraft in der Zeitschrift „Notfall & Hausarztmedizin“ konsultiert werden.

Jedenfalls zeigt dieses Beispiel, dass auch ein grundsätzlich kompetenter Artikel nicht einfach blind geschluckt werden sollte, sondern dass es immer der kritischen Auseinandersetzung bedarf. Papier ist nämlich – wie auch das Internet – sehr geduldig. Der Empfänger einer Information ist verantwortlich dafür, sich ein fundiertes Urteil über die darin enthaltenen Aussagen zu bilden.
Die französische Dichterin Nathalie Sarraute hat das so formuliert:
„So widersinnig es auch klingen mag, der eigentlich Verantwortliche für die Wirkung einer Information ist nicht der, der informiert, sondern derjenige, der informiert wird.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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