Archive for Juni, 2010

Umfrage: Eltern bevorzugen Arzneimittel aus Heilpflanzen

Mittwoch, Juni 30th, 2010

Ob bei Erkältungen, Durchfall, Allergien oder bei Zahnungsbeschwerden: Wenn ihre Kinder erkrankt sind, greifen zahlreiche Eltern zu Heilpflanzen-Präparaten. Nicht alle Eltern teilen dies allerdings ihrem Kinderarzt mit. Und nur wenigen Vätern und Müttern ist klar, dass sich ärztlich verordnete Medikamente und Naturheilmittel nicht immer problemlos vertragen. Dies geht aus einer in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ veröffentlichten Elternumfrage (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) hervor.

An den Kinderkliniken der Universitäten Leipzig und München sowie bei zwei Kinderärzten in Leipzig füllten 413 Eltern einen Fragebogen zu ihrem Einsatz von Arzneimitteln aus Heilpflanzen aus: 85 Prozent gaben ihrem Kind ein oder mehrere davon – zusätzlich zu den Medikamenten, welche der Arzt verschrieben hatte. Der Anteil sei deutlich höher als in anderen Ländern, stellt Professor Wieland Kiess von der Universitätsklinik Leipzig fest. In den USA hätten in einer vergleichbaren Umfrage nur zehn Prozent der Eltern Phytotherapeutika angewendet, in Großbritannien waren es 28 Prozent, in der Türkei 44 Prozent.

Auch in Deutschland zeigte die Umfrage Unterschiede. In den Städten verwendeten Eltern häufiger Heilpflanzen-Präparate als auf dem Land. In den neuen Bundesländern sind sie beliebter als in den alten, möglicherweise eine Folge der geringen Verfügbarkeit solcher Mittel vor der Wiedervereinigung, mutmasst Professor Kiess. Auch höherer Bildungsstand und höheres Nettoeinkommen fördern die Beliebtheit von Heilpflanzen-Präparaten. Die Motivation sei dabei keinesfalls in einer Unzufriedenheit mit der Schulmedizin zu suchen, stellt der Experte fest. Im Gegenteil: Zahlreiche Eltern waren mit ihrem Kinderarzt zufrieden, 80 Prozent der Eltern gaben ihn sogar als Informationsquelle bezüglich Phytotherapie an.

Die Eltern sehen in Kamille, Fenchel, Eukalyptus, Salbei und Thymian eine natürliche Ergänzung zu den Arzneimitteln der Schulmedizin. Hier beginnen nach Ansicht von Professor Kiess allerdings die Schwierigkeiten: Zahlreiche der aus den Pflanzen gewonnenen Wirkstoffe seien keineswegs harmlos. Einige könnten die Wirkung der Medikamente, die der Arzt verschreibt, verstärken oder abschwächen, warnt der Kinderarzt. Diese Gefahr war den meisten Eltern nicht klar: Drei Viertel glaubten, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen hätten. Zu den Beweggründen für die Verwendung von Heilpflanzen-Präparaten zählte mit 72 Prozent die Überzeugung, sie seien natürlicher und 65 Prozent glaubten, sie seien nebenwirkungsärmer als die vom Arzt verschriebenen Arzneien.

Die meisten Eltern sahen darum auch keine Notwendigkeit, die Mediziner über die Begleitbehandlung zu informieren: Nur 22 Prozent der Eltern hatten den Kinderarzt in Kenntnis gesetzt. Professor Kiess empfiehlt darum Ärzten, gezielt nach dem Gebrauch von pflanzlicher Medizin zu fragen und die Eltern auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Dies verbessere letztlich die Sicherheit und Effektivität der schulmedizinischen Therapie.
Quelle: Pressemeldung Georg Thieme Verlag

Orgiginalquelle:

M. Hümer et al.:
Phytotherapie in der Kinderheilkunde. Prävalenz, Indikationen und Motivation.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135 (19): S. 959-964

Kommentar & Ergänzung:

Die Resultate einer Umfrage in der Schweiz wären wohl vergleichbar mit den hier präsentierten Ergebnissen in Deutschland.

Das grosse Vertrauen von Eltern in Heilpflanzen-Präparate ist erfreulich. Es fragt sich allerdings, ob es auch in jeder Hinsicht gerechtfertigt ist. Bei den Naturheilmitteln gibt es nämlich ausgesprochen grosse Unterschiede in der Qualität. Beispielsweise dürfen alle Präparate aus den Bereichen Homöopathie, Anthroposophische Medizin und Spagyrik in Apotheken und Drogerien als Heilmittel verkauft werden, ohne dass ihre Wirksamkeit belegt werden muss. Der Unterschied zu Phytotherapeutika, welche ihre Wirksamkeit genauso belegen und dokumentieren müssen wie synthetische Medikamente, ist vielen Eltern nicht klar.

Und wenn drei Viertel der Eltern der Überzeugung sind, dass Naturheilmittel keine nachteiligen Wirkungen haben, so stimmt dies nur teilweise. Gerade bei Kindern sind bei einigen Heilpflanzen-Anwendungen auch allfällige Nebenwirkungen zu beachten.

Es fragt sich auch, wo Eltern zu verlässlichen Informationen über Heilpflanzen-Präparate und Naturheilmittel kommen.

Nur eine Minderheit der Ärztinnen und Ärzte ist zum Beispiel über Arzneimittel aus dem Bereich der Phytotherapie fundiert im Bilde. Und Apotheken und Drogerien verkaufen eine grosse Zahl von Naturheilmittel, bei denen jeder fundierte Hinweis auf eine Wirksamkeit fehlt.

Gesundheitszeitschriften als Infoquelle sind in der Regel sehr von Inserenten abhängig – und zwar nicht nur von den Herstellern synthetischer Medikamente, sondern genauso von den Produzenten aus dem Bereich der Komplementärmedizin. Das verhindert weitgehend eine kritische Berichterstattung und fördert undifferenzierte Propagandaberichte.

Und auf dem Buchmarkt gibt es sowieso keine wasserdichte Qualitätskontrolle. Die meisten Buchverlage publizieren, was sich gut verkauft. Eine harte fachliche Qualitätskontrolle ist dem Verkaufserfolg oft sogar eher hinderlich.

Meine zwei Empfehlungen:

- Fundierte Bücher zum Bereich Pflanzenheilkunde / Phytotherapie finden Sie in meinem Buchshop – und zwar mit ergänzendem Kommentar.

- Der beste Weg für Konsumentinnen und Konsumenten von Naturheilmitteln ist meines Erachtens, sich selber schlau zu machen. Eine Möglichkeit, sich vertieftes Wissen vor allem für die Anwendung von Heilpflanzen im familiären Umfeld anzueignen, ist das Heilpflanzen-Seminar über sechs Wochenenden. Hier werden die Grundlagen vermittelt für eine fundiertere Beurteilung der Qualität von Heilpflanzen-Präparaten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Distelöl und Leinöl nicht zum Braten benutzen

Dienstag, Juni 22nd, 2010

Distelöl und Leinöl sollten nicht zum Braten eingesetzt werden. Sie haben einen hohen Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren, die keine hohen Temperaturen vertragen. Ebenso ungeeignet seien Diätmargarine oder Butter, warnt der deutsche Verbraucherinformationsdienst aid. Auch spezielle Pflanzencremes, welche zum Backen und Kurzbraten angeboten werden, dürfen nicht stark erhitzt werden.

Für das Anbraten bei hoher Hitze besser geeignet sind Erdnussöl, Olivenöl, Rapsöl und raffiniertes Sonnenblumenöl ebenso wie dafür ausgewiesene Bratfette und Mischöle. Über längere Zeit hitzebeständig und deshalb speziell gut zum Frittieren sind Öle und Plattenfette aus Kokosfett und Palmöl, empfiehlt der aid. Zum Anbraten bei etwas tieferen Temperaturen können die meisten Speiseöle sowie Pflanzenmargarine und Butterschmalz verwendet werden.

Quelle:

http://www.springermedizin.at/apa-artikel/?full=17263

Kommentar & Ergänzung:

Distelöl hat einen niedrigen Rauchpunkt (ab 150 °C). Der Rauchpunkt ist die niedrigste Temperatur, bei der über einer Öl- oder Fettprobe, die erhitzt wird, eine sichtbare Rauchentwicklung anfängt. Sie wird in Grad Celsius angegeben. Beim Kochen sollten Fette und Öle grundsätzlich nicht so weit erhitzt werden, dass sie zu rauchen beginnen, weil sonst eine gesundheitsschädigende Substanz (Acrolein) freigesetzt wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Melissenextrakt doppelt wirksam gegen Herpes-simplex-Virus (HSV-1)

Montag, Juni 21st, 2010

Trockenextrakte aus Melissa officinalis werden in Form von Salben gegen Lippenherpes eingesetzt. Bekannt ist schon längere Zeit, dass Melissenextrakt antivirale Eigenschaften entfaltet: Spezielle Inhaltsstoffe wie zum Beispiel die Kaffeesäurederivate verhindern das Eindringen der Herpesviren in die Zelle durch Rezeptorblockade.

Forscher des Universitäts-Klinikums Heidelberg haben anhand einer Untersuchung an tierischen Zellen gezeigt, dass der Extrakt auch direkt mit dem Virus interagiert. Melissenextrakt schränkt dessen Fähigkeit ein, in die Wirtszelle einzudringen.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gp_specials/special-otc/article/551769/melissenextrakt-doppelt-wirksam-hsv-1.html

Kommentar & Ergänzung:

Melissenextrakt hat sich schon in mehreren Untersuchungen als wirksam gegen Herpes-simplex-Viren erwiesen., auch in klinischen Studien mit Fieberbläschen-Patienten. Die Phytotherapie-Forschung versucht aber nicht nur die Wirkung von Heilpflanzen zu belegen, sondern auch zu verstehen, wie diese Wirkung zustande kommt. Bezüglich Melissenextrakt & Herpesviren haben die Forscher der Universität Heidelberg einen weiteren Schritt geklärt.

Beim Thema Lippenherpes / Fieberbläschen muss man allerdings auch die Grenzen der lokalen antiviralen Therapie sehen. Solche antiviralen Salben gegen Fieberbläschen wirken nur im Anfangsstadium. Salben mit Melissenextrakt zeigen sich in Studien an Patienten mit Lippenherpes etwa in vergleichbarem Mass wirksam wie das synthetische Mittel Zovirax (Aciclovir). Und da der Erfolg von Zovirax ja auch nicht gerade umwerfend ist, darf man auch von einem Melissenextrakt-Präparat keine Wunder erwarten. Ein Wundermittel, mit dem sich Fieberbläschen wegzaubern lassen, ist leider nicht in Sicht.

Im übrigen gibt es noch weitere Heilpflanzen-Präparate gegen Fieberbläschen auf der Basis von Salbei-Extrakt und Rhabarberwurzel-Extrakt.

Ausserdem zeigen verschiedene ätherische Öle bei Fieberbläschen gute Wirkung gegen die Herpesviren (z. B. Melissenöl, Pfefferminzöl).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ätherische Öle gegen Antibiotika-resistente Bakterien

Sonntag, Juni 20th, 2010

Ätherische Öle aus Pflanzen könnten eine wirksame und kostengünstige Alternative im Kampf gegen multiresistente Krankenhauskeime sein. „Eine aktuelle Studie zeigt, dass beispielsweise ätherisches Öl aus Thymian Bakterien innerhalb von 60 Minuten abtöten kann. Möglicherweise haben pflanzliche Öle auch das Potenzial, den Einsatz von Anitbiotika insgesamt zu verringern”, erklärt Dr. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI). Er bezieht sich dabei auf eine Forschungsarbeit von Wissenschaftlern um Yiannis Samaras vom Technologischen Institut der Ionischen Inseln in Griechenland. Die Studie wurde auf der Frühjahrskonferenz der Society for General Microbiology in Edinburgh vorgestellt.

Die Forscher testeten die antibakterielle Eigenschaften von acht verschiedenen ätherischen Ölen gegenüber unterschiedlichen Spezies von Staphylokokken. Diese Bakterienstämme sind zum Beispiel auf der Haut zu finden und können bei Personen mit geschwächtem Immunsystem gefährliche Infektionen auslösen. Antibiotika-resistente Stämme, wie beispielsweise Meticillin-resistenter Staphylococcus aureus sind ausgesprochen schwierig zu behandeln. „Die Forscher stellten fest, dass ätherische Öle aus Thymian sowie aus Zimt die beste Wirksamkeit gegen die Bakterien zeigten”, erläutert Dr. Wesiack.

Ätherische Öle wurden schon vor hunderten von Jahren als Arzneimittel angewendet. Australische Aborigines benutzten Teebaumöl zur Behandlung von Erkältungen, Hautinfektionen und Insektenstichen. Bis heute ist aber relativ wenig darüber bekannt, wie die ätherischen Öle ihre Wirkung entfalten. „Mehrere Studien haben gezeigt, dass ätherische Öle nicht nur gut verträglich sind, sondern auch gegen verschiedene Bakterien und Pilze helfen. Ihr therapeutischer Wert wurde beispielsweise bei Akne, Schuppen, Kopfläusen und Infektionen im Mundraum nachgewiesen”, hält Dr. Wesiack fest.

Quelle:

http://www.internisten-im-netz.de/de_news_6_0_883_etherische-le-gegen-antibiotika-resistente-bakterien.html

Kommentar & Ergänzung:

Zahlreiche ätherische Öle zeigen gute antibakterielle Eigenschaften. Von Thymianöl ist dies schon lange bekannt.

Allerdings ist für die Anwendung in der Praxis nicht nur die antibakterielle Wirksamkeit entscheidend. Genauso wichtig ist die Verträglichkeit auf der Haut. Hier ist Zimtöl eher problematisch. Auch Teebaumöl kann Reizungen auslösen. Ausserdem stimmt es nicht, dass die Aborigines bereits vor hunderten von Jahren Teebaumöl angewendet haben.  Meines Wissens verwendeten sie Aufgüsse von Teebaumblättern. Die Destillation von Teebaumöl geht auf die australischen Kolonialisten zurück.

Grundsätzlich ist es natürlich sehr begrüssenswert, dass die Möglichkeit geprüft wird, ob sich durch den Einsatz von ätherischen Ölen der Verbrauch von Antibiotika verringern lässt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Rosmarin: Heilpflanze des Jahres 2011

Donnerstag, Juni 17th, 2010

Rosmarin ist zur Heilpflanze des Jahres 2011 erkoren worden. Diese Information gab der Naturheilkundeverein Theophrastus bei einem Heilkräuter-Fachsymposium im Kloster St. Marienstern in der Lausitz bekannt. Rosmarin (Rosmarinus officinalis) sei im medizinischen und kosmetischen Bereich vielfältig anwendbar, hieß es in der Mitteilung. «Durch seine natürliche, aktivierende und tonisierende Wirkung ist er für eine immer älter werdende Bevölkerung ebenso hilfreich wie für jüngere Patienten mit Erschöpfungs- und Ermüdungszeichen.» Zudem wirke Rosmarin durchblutungsfördernd und krampflösend, bringe den Kreislauf in Schwung und stärke Herz und Verdauung. Seine «herausragenden gesundheitsfördernden und aromatischen Eigenschaften» entfalte der Rosmarin ebenso in der Küche durch gezielte Anwendung als Gewürz.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Diese Angaben zum Rosmarin lassen sich an einigen Punkten noch etwas präziser fassen.

Rosmarin enthält 1 – 2,5% ätherisches Öl. Dieses Rosmarinöl enthält hautreizende Komponenten, die als äusserliche Anwendung die Hautdurchblutung fördern und zur unterstützenden Behandlung von Muskelrheumatismus und Gelenkrheumatismus eingesetzt werden.

Rosmarinöl wirkt als Riechmittel auch reflektorisch kreislauftonisierend.

Rosmarinblätter verwendet man innerlich vor allem bei Völlegefühl, Blähungen und leichten krampfartigen Verdauungsbeschwerden.

Rosmarinblätter enthalten Rosmarinsäure (Lamiaceen-Gerbstoff), die entzündungswidrige Wirkung zeigt.

Rosmarinblätter wirken zudem  – wahrscheinlich wegen des Gehaltes an antioxydativ wirksamen Diterpenen – ähnlich wie die Salbeiblätter als konservierendes Fleischgewürz.

Rosmarin gehört aber vor allem zu den Heilpflanzen, die auch als Gewürz grosse Bedeutung haben, in Italien und Frankreich hauptsächlich für Fleischgerichte.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie: Neueste Erkenntnisse zum Johanniskraut

Mittwoch, Juni 16th, 2010

Mit weit mehr als drei Millionen verkaufter Packungen pro Jahr nimmt Deutschland in Sachen Johanniskraut den europäischen Spitzenplatz ein.

Die Wirksamkeit von Johanniskraut (Hypericum perforatum) gegen depressive Erkrankungen ist inzwischen so ziemlich über jeden Zweifel erhaben. Dieser Effekt wurde in pharmakologischen Modellen nachgewiesen und durch umfangreiche klinische Studien bestätigt. Neben diesem primären Anwendungsbereich gibt es noch weitere Indikationen wie psychovegetative Symptome, Angst, nervöse Unruhe oder somatoforme Beschwerden (z.B. Müdigkeit und Erschöpfung), die allerdings weniger gut belegt sind, wie Privatdozent Dr. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München in der Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“ erläutert.

Der antidepressive Wirkmechanismus des Phytopharmakons ist noch immer nicht im Detail geklärt. Die meisten synthetischen Antidepressiva wirken über eine Hemmung der Wiederaufnahme von Monoaminen (Noradrenalin, Serotonin, Dopamin) oder über die Hemmung des Enzyms Monoaminooxidase. Letzteres wurde zunächst auch als Wirkprinzip von Johanniskraut vermutet. Heute gibt es aber wissenschaftliche Belege dafür, dass bestimmte Johanniskraut-Inhaltsstoffe als potente Wiederaufnahmehemmer der Monoamine fungieren.

Die klinische Wirksamkeit von Johanniskraut-Präparaten zu prüfen, stellt allerdings keine leichte Aufgabe dar. Bei einer Durchforstung der Roten Liste (Arzneimittelverzeichnis für Deutschland) im Jahr 2006 fand Klaus Linde 40 Präparationen von 28 verschiedenen Firmen unter der Indikation „Antidepressiva“. Nicht nur die Zusammensetzung der Mittel (zumeist Trockenextrakte) war unterschiedlich, sondern auch die angegebenen Dosierungen. Sie reichten von 80 bis 1700 mg Johanniskraut-Extrakt pro Tag. Hinzu kamen 60 Johanniskraut-Präparate, die außerhalb von Apotheken verkauft werden. Bei ihnen liegen Konzentrationen und Tagesdosen häufig weit unter dem, was für eine relevante antidepressive Wirkung nötig wäre, so der Mediziner.
Wie steht es nun mit den wissenschaftlichen Belegen  betreffend Johanniskraut?

Insgesamt 50 kontrollierte Studien wurden publiziert zu Hypericum (Johanniskraut) in der Therapie depressiver Störungen. Frühe Untersuchungen (bis Mitte der Neunzigerjahre) verglichen den Effekt meist mit Placebo (Scheinarzneimittel), seltener mit trizyklischen Antidepressiva. Zudem waren neben Patienten mit klassischer Depression auch solche mit Anpassungsstörung, akuter Stressreaktion oder neurotischen Störungen in die Studien eingeschlossen. Damit verlieren diese zwar an Aussagekraft, bilden jedoch wahrscheinlich den „typischen Johanniskraut-Patienten im klinischen Alltag“ realistischer ab.

Zusammengefasst belegen die heute verfügbaren Daten: Johanniskraut wirkt bei leichten bis mittelschweren Depressionen deutlich besser als Placebo und ähnlich gut wie Standard-Antidepressiva – bei besserer Verträglichkeit.

Interessant dabei ist, dass die Vielzahl der Studien aus Deutschland zu eindeutig besseren Resultaten kommt als Untersuchungen aus anderen Ländern. Dies mag daran liegen, dass die deutschen Studien meist in Hausarztpraxen durchgeführt wurden (in anderen Ländern öfters in psychiatrischen Zentren) und hier der Effekt womöglich etwas überschätzt wurde, mutmasst Klaus Linde.

Die meisten Studien widmen sich der Akutbehandlung depressiver Störungen (6 – 12 Wochen). Es mangelt an Daten zum Einsatz bei Kindern und Jugendlichen, wenn auch Johanniskraut gerne bei milder bis moderater Depression im jugendlichen Alter (> 12 Jahre) angewendet wird.

Quelle:

MTD, Ausgabe 8 / 2010 S.20,

http://www.medical-tribune.de/patienten/ magazin/25976/

Originalpublikation:

Klaus Linde, Forschende Komplementärmedizin 2009; online first

Kommentar & Ergänzung:

Der Text weißt sehr zu Recht auf die unterschiedliche Qualität der im Handel erhältlichen Johanniskraut-Präparate hin. Diese grossen Qualitätsunterschiede finden sich generell bei Heilpflanzen-Präparaten und anderen Produkten aus dem Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin.

Wenn Sie sich mehr Kompetenz erwerben wollen um die Qualität solcher Heilmittel zu beurteilen, dann bekommen Sie Grundlagen dazu in meinen Phytotherapie-Lehrgängen oder im Heilpflanzen-Seminar.

Infos:

Phytotherapie-Ausbildung für Personen aus medizinischen Grundberufen.

Heilpflanzen-Seminar für alle am Thema interessierten Personen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Naturheilkunde & Komplementärmedizin: fragwürdige Verteidigungsreflexe

Mittwoch, Juni 16th, 2010

Schreibt man (auch) kritische Beiträge zu Themen aus den Bereichen Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin, so kann man einiges erleben. Es lässt sich nämlich kaum vermeiden, dass man dabei hier und dort immer wieder einmal Gläubigen auf die Füsse tritt. Mit Gläubigen meine ich Leute, die sich total und blind mit einer bestimmten Heilmethode identifizieren. Jede kritische Frage wird dann zu einer fundamentalen Bedrohung der eigenen Position und Person und bewirkt augenblicklich Verteidigungsreflexe.

Das kommt mir nicht selten ziemlich sektenhaft vor.

Vor kurzem erhielt ich beispielsweise ein empörtes Mail mit der Frage, weshalb ich so negativ über die Karde schreibe. Ich habe geantwortet, dass hier ein krasses Missverständnis vorliegen muss: Ich schreibe kein negatives Wort über die Karde. Die Karde (Dipsacus fullonum) ist eine wunderbare Pflanze. Ich liefere nur kritische Argumente gegen meines Erachtens haltlose und verantwortungslose Heilungsversprechungen, die der Karde eine Wirkung gegen Borreliose zuschreiben, ohne dass dafür auch nur annähernd plausible Gründe geliefert werden. Das ist eine ethische Frage. Es müssen sehr gute Gründe vorliegen, bevor Heilungsversprechungen für eine so ernste Krankheit wie die Borreliose in die Welt gesetzt werden.

Erstaunlich, dass man dies als negative Äusserung über die Karde interpretieren kann. Solche „Missverständnisse“ entstehen meines Erachtens durch eine blinde Überidentifikation, die zu reflexartigen Verteidigungsreaktionen führt und jede Differenzierung verwischt.

Ich wünsche mir in der Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin  weniger blinde Überidentifikation, weniger reflexartige Verteidigungsreaktionen und mehr Differenzierung.

Eine Übersicht mit Fachtexten zur Kritik an den Heilungsversprechungen betreffend Karde & Borreliose finden Sie am Schluss des folgenden Beitrags:

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/02/25/karde-borreliose-therapie-nach-storl-beitraege-zur-debatte-4.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzen-Extrakte zeigen günstige Effekte bei bakterieller Prostatitis

Dienstag, Juni 15th, 2010

Der Zusatz pflanzlicher Arzneien bessert eine bakterielle Prostatitis schneller als ein Antibiotikum allein. Einen Monat nach der Behandlung mit Prulifloxacin plus Serenoa repens, Urtica dioica (ProstaMEV®), Quercetin und Curcumin (FlogMEV®) zeigten 90 Prozent von 143 Studienteilnehmern keine Symptome mehr, berichten Wissenschaftler aus Florenz. Mit Prulifloxacin pur dagegen wurde nur knapp ein Drittel beschwerdefrei. Ein halbes Jahr später hatte keiner mit der Kombi einen Rückfall, mit Monotherapie jedoch waren es zwei Patienten (Int J Antimicrob Agents 33, 2009: 549).

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Eine interessante Meldung. Bakterielle Prostatitis ist bisher  für die Phytotherapie eher ein randständiges Thema. Im Vordergrund der Phytotherapie im Bereich Urologie stehen Heilpflanzen zur Linderung der Beschwerden bei benigner Prostatahyperplasie (gutartige Prostatavergrösserung):

Vor allem Sägepalmenfrüchte, aus der Sägepalme, ( = Zwergpalme, Sabal serrulata, Serenoa repens),

Brennesselwurzel aus der Brennessel (= Urtica dioica) und

Kürbissamen (Cucurbita pepo).

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Phytotherapie: Weissdorn als Heilpflanze für das Herz

Sonntag, Juni 6th, 2010

Die Österrreichische Gesellschaft  für Phytotherapie (ÖGPhyt) widmete die erste Ausgabe ihrer Zeitschrift im Jahr 2010 dem Schwerpunktthema „Pflanzliche Arzneimittel für Herz und Kreislauf“.

Der Vizepräsident der ÖGPhyt, Prof. Dr. Wolfgang Kubelka, stellt darin den Weissdorn als wichtige Heilpflanze für das Herz vor. Der Beitrag geht auf die Botanik des Weissdorns, auf seine Geschichte und seine Wirkungen und Anwendungsbereiche ein. Er zeigt damit die vielfältigen und spannenden Aspekte, welche in der Phytotherapie zusammenkommen.

Professor Kubelka kommt zum Schluss:

„Alte Erfahrung und zahlreiche pharmakologische und klinische Studien belegen die Wirksamkeit von Weißdorn als

ausgezeichnetes, gut verträgliches Herz-Kreislaufmittel, nicht nur beim „Altersherz“. Beim Bergsteigen gilt die Einnahme eines entsprechenden Weißdornpräparates vor außergewöhnlichen körperlichen Belastungen, etwa bei Anstiegen auf großen Höhen, als Geheimtipp.

Dass für Weißdorn und seine Zubereitungen – von der „Wildkräuterküche“ bis zum „rationalen“ Phytopharmakon – selbst bei Überdosierung unerwünschte Wirkungen kaum bekannt geworden sind, macht diese hübsche Pflanze besonders sympathisch.“

Quelle:

PHYTO Therapie Austria  1|10

Kommentar & Ergänzung:

Weissdorn ist die wichtigste Heilpflanze der Phytotherapie für das Herz. Weissdorn ist sehr verträglich und zudem in ihrer Wirkung auch wissenschaftlich gut belegt.

Interessant ist der Hinweis von Prof. Kubelka auf eine Wirksamkeit von Weissdorn bei starken körperlichen Anstrengungen wie dem Bergsteigen. Allerdings gilt Weissdorn als eine Langzeitpflanze, deren Wirkung erst nach mehrwöchiger Anwendung eintritt. Ob eine kurzfristige Anwendung von Weissdorn vor einer Bergtour daher wirklich nützlich ist, scheint jedenfalls noch sehr ungeklärt.

Festzuhalten ist allerdings, dass es auch Weissdornpräparate im Handel gibt, deren Wirksamkeit sehr fragwürdig ist. Zu empfehlen sind Weissdorn-Extrakte, deren Wirkung in klinischen Studien gezeigt werden konnte.

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Erlebnis Kräuterwanderung

Samstag, Juni 5th, 2010

Kräuterwanderungen sind eine gute Möglichkeit, mit der Natur in Kontakt zu kommen.

Voraussetzung dafür ist, dass wir nicht ausschliesslich mit der Nützlichkeits-Brille unterwegs sind. Wozu ist diese Heilpflanze nützlich? Kann man dieses Kraut essen?

Solche Fragen haben natürlich Platz an einer Kräuterwanderung. Das Naturerlebnis wird aber reichhaltiger, wenn wir uns nicht auf den unmittelbaren Nutzen der Heilpflanzen fixieren.

Auf Kräuterwanderungen scheint es mir daher sinnvoll, auch Pflanzen zu beachten, von denen keine Heilwirkungen bekannt sind. Viele Wildblumen und Alpenpflanzen sind einfach nur schön, wenn man sie genauer betrachtet.  Wer sich auf diese Wahrnehmungsebene einlässt, gewinnt viele ästhetische Erlebnisse.

Wer ausschliesslich die Nützlichkeits-Brille aufsetzt, nimmt zudem die Heilpflanzen ziemlich isoliert wahr. Unbeachtet bleibt dabei meist der Lebensraum, in dem die Heilpflanzen wachsen. Die Umgebung ist aber wichtig, wenn man mit Heilpflanzen vertraut werden will. Die Landschaft gehört dazu, ebenso die tierischen und pflanzlichen „Nachbarn“.

Kräuterwanderungen zum Beispiel in Vals, Feldis, Jeizinen, Trin / Flims, Lenk und Mürren finden Sie im Kurskalender:

http://www.phytotherapie-seminare.ch/index.php?file=50&lang=de&ses=8fe72a818fdd

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