Schlafstörungen ohne Hangover mit Heilpflanzen-Präparaten behandeln

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Gute Schlafmittel machen wach, denn Schlafstörungen belasten Betroffene in zweierlei Hinsicht: Nicht einschlafen können oder stundenlanges Wachliegen quält in der Nacht, und am folgenden Tag fühlt man sich unausgeschlafen, müde und unkonzentriert. Das ideale Schlafmittel sollte sowohl Einschlafen als auch Durchschlafen unterstützen, und am folgenden Tag sollte man sich frisch, ausgeruht und leistungsfähig fühlen.

Benzodiazepine, die zu den am häufigsten verwendeten Schlafmitteln zählen, erfüllen nur den ersten Teil dieser Anforderungen. „Hangover“, also unangenehme Nachwirkungen am Tag, sind ihr typisches Problem.

Obwohl Benzodiazepine die Schlafzeit verlängern, berichten Anwender zwei- bis viermal mehr über Tagesmüdigkeit und Benommenheit. Dies ist nicht nur subjektiv belastend, sondern birgt auch Gefahren. Umfangreiche Fall-Kontroll- und Kohortenstudien fanden bei Unfallfahrern 60 Prozent häufiger die Anwendung von Benzodiazepinen, als bei unfallfreien Fahrern. Auch bei Fahrsicherheitsuntersuchungen im realen Straßenverkehr wurden signifikante Beeinträchtigungen festgestellt, so dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis sedierender Schlafmittel in Frage gestellt wurde, vor allem bei älteren Menschen.

Bieten Heilpflanzen-Präparate hier Vorteile?

Seit Jahrtausenden wird in unterschiedlichen Kulturen das Wissen über Schlafmittel aus der Pflanzenheilkunde weitergegeben. Präparate aus fünf Heilpflanzen wurden inzwischen vom Herbal Medicinal Products Committee (HMPC), der europäischen Zulassungsbehörde, als traditionelle pflanzliche Schlafmittel offiziell anerkannt:

Die ausgleichenden und schlaffördernden Wirkungen von Zubereitungen aus Melissenblättern (Melissa officinalis L.) wurden bereits im 1. Jahrhundert von Plinius schriftlich erwähnt. In der traditionellen chinesischen Medizin sind seit alters her die schlaffördernden Wirkungen von Hopfenzapfen (Humulus lupulus L.) bekannt, ab dem 9. Jahrhundert wurde Hopfen in Europa vermehrt angebaut und dieses Wissen fand Eingang in die europäische Kultur. Die Azteken sowie die Indianer Nordamerikas verwendeten traditionell die Passionsblume (Passiflora incarnata L.), welche im  16. Jahrhundert durch die spanischen Eroberer für die westliche Kultur entdeckt wurden; seit dem 18. Jahrhundert wird die Passionsblume als Schlafmittel in der nordamerikanischen Literatur aufgeführt.

Baldrian (Valeriana officinalis L.) oder eine ähnliche Heilpflanze wurden bereits in der Antike medizinisch eingesetzt, die entspannenden und schlaffördernden Eigenschaften wurden aber erst um die Jahrhundertwende erkannt und in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 1916 von Holste beschrieben.

Haferkraut oder Grünhafer (Avena sativa L.) wurde ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Schlafmittel bekannt.

Diese traditionellen Pflanzen wurden als Einzelsubstanz, oft jedoch auch in Kombination angewendet.

Für solche Kombinationen konnten jüngste wissenschaftliche Studien eine biochemische Begründungen liefern. Zahlreiche Substanzen mit beruhigender und schlafanstoßender Wirkung, z. B. Alkohol, Benzodiazepine oder Barbiturate, beeinflussen den Stoffwechsel und die Wirkweise des Nervenbotenstoffes Gamma-Aminobuttersäure (GABA), welcher das beruhigende Prinzip im Gehirn darstellt. Valerensäure und Valerenol aus Baldrian sowie Extrakte aus der Passionsblume modulieren den GABAA Rezeptor, wodurch GABA über diesen Rezeptor eine stärkere Wirkung entwickelt.  Alkoholischer Baldrianextrakt unterstützt die Synthese von GABA, indem er die Aktivität der Glutaminsäuredecarboxylase erhöht.

Wässriger und alkoholischer Extrakt aus Melisse vermindert den Abbau von GABA über die GABA-Transaminase.

Diese Befunde liefern die biochemische Begründung für eine Kombination speziell aus Baldrian und Melisse, für die in placebokontrollierten Studien sowohl bei schlafgestörten Patienten als auch bei Gesunden eine Besserung der Schlafqualität und des Tagesbefindens belegt werden konnte.

Leistungsfähigkeit und Verkehrssicherheit bei Baldrian & Co

Weil Baldrian, Melisse und Passionsblume auf dieselben Stoffwechselwege im Gehirn einwirken, über die auch Benzodiazepine wirksam sind, war es nötig, einen möglichen Einfluss solcher Pflanzenpräparate auf die psychomotorische Leistungsfähigkeit zu untersuchen.

Es liegen die Resultate aus acht placebokontrollierten Studien vor, in denen Extrakte aus Baldrian alleine oder in Kombination mit Hopfen und/oder Melisse placebokontrolliert untersucht und mit Benzodiazepinen und dem Betablocker Propranolol verglichen wurden. Dabei wurden Baldrianextrakte bis zu einer Dosierung von 1800 mg als Einzeldosis, sowie bis zu 640 mg Tagesdosis als Dauertherapie untersucht, Hopfenextrakt bis zu 300 mg als Einzeldosis und Melissenextrakt bis zu 510 mg pro Tag als Dauertherapie.

In keiner der Studien fand sich durch die Heilpflanzen-Präparate eine Einschränkung von Wahrnehmung, Einscheidungsfähigkeit, Konzentration, kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit oder Vigilanz am Tag.

Sedierung, Tagesmüdigkeit oder Benommenheit wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studien nicht stärker empfunden als unter Placebo. Auch bei einer gleichzeitigen Alkoholzufuhr (0,5 Promille Blutalkoholkonzentration) führte die über zwei bis drei Wochen durchgeführte Einnahme von Baldrian kombiniert mit Melisse oder als Dreierkombination (zusätzlich mit Hopfen) nicht zu einer über die Wirkung des Alkohols hinaus gehenden Einschränkung. Im Gegensatz dazu konnte in diesen Studien der sedierende Hangover durch Benzodiazepine regelmäßig bestätigt werden.

Acht placebokontrollierte Doppelblindstudien zeigten mit unterschiedlichen Methoden, Extrakten, Dosierungen und Behandlungszeiten den stabilen, konsistent wiederholbaren Befund, dass hochwirksame pflanzliche Schlafmittel aus Baldrianextrakt alleine oder in Kombination mit Extrakten aus Melisse und / oder Hopfen keine kognitiven oder psychomotorischen Einschränkungen am Tag nach sich ziehen.

Schlafstörungen lassen sich mit pflanzlichen Schlafmitteln ohne Hangover therapieren. Diese Aussage gilt selbstverständlich nur für die pflanzlichen Arzneimittel (Phytopharmaka) mit in placebokontrollierten Studien nachgewiesener Wirksamkeit.

Quelle:

http://www.phytotherapie-komitee.de/News/pk_21_04_10/Burkart-Statement.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Das ist tatsächlich einer der wichtigen Vorteile von Heilpflanzen-Präparaten zur Schlafförderung, dass bei Hangover befürchtet werden muss. Und für Extrakte aus Baldrian, Hopfen, Passionsblume und Melisse ist die schlafanstossende Wirkung am besten dokumentiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die beschriebenen Wirkungen  auf das GABA-System keine Soforteffekte sind, sondern eine gewisse Anlaufszeit brauchen – wie das von Baldrian bekannt ist.

Eine weitere wichtige Schlafpflanze ist der Lavendel, wobei hier in der Regel das ätherische Lavendelöl zur Anwendung kommt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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