Rotwein und Schokolade – gegen Krebs wirksamer als Chemotherapie?

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Die Meldung wurde von den Nachrichtenagenturen AFP und SDA verbreitet und in zahlreichen Medien völlig unkritisch abgedruckt:

Rotwein, Schokolade, Knoblauch, Petersilie, Rote Trauben, Heidelbeeren und Soja wirken gegen Krebs gleich gut oder gar noch besser als Chemotherapie.

Die Meldung wirft zahlreiche Fragen auf und ist meines Erachtens eine totale Verarschung der Leserinnen und Leser. Doch schauen wir uns den Text (kursiv gesetzt) Schritt für Schritt an (Quelle: Tages-Anzeiger online):

Der “Tages-Anzeiger” bringt die Meldung unter dem Titel
“Die tägliche Chemotherapie”.

Das lässt aufhorchen: Rotwein, Schokolade; Heidelbeeren Co ersetzen also eine Chemotherapie?
Die Fortsetzung ist in zahlreichen Online-Medien praktisch identisch publiziert worden:

“Rotwein und Schokolade können neuen Forschungen zufolge Krebszellen regelrecht bekämpfen. Rote Trauben, dunkle Schokolade und Heidelbeeren, Knoblauch und Soja können Krebszellen «aushungern».”

Was bedeutet “neue Forschungen”? Wer hat was genau, wo und wann erforscht? In welcher Fachzeitschrift wurde diese Forschung veröffentlicht (falls überhaupt)?
Komisch auch, dass wir Schweizer als Weltmeister im Schokoladekonsum überhaupt noch an Krebs erkranken. Und die Franzosen mit dem Wein erst, und die Japaner mit ihrem Sojakonsum. Eigenartig, dass es überhaupt noch Krebs gibt auf dieser Welt. Oder wieviel Schokolade muss ich essen, um eine Chemotherapie zu ersetzen?

“‘Wir bewerten Lebensmittel nach ihrer Fähigkeit, Krebs zu bekämpfen‘, sagte der Forscher William Li auf einer Konferenz in Long Beach im US-Bundesstaat Kalifornien. ,Unser Essen ist unsere dreimal tägliche Chemotherapie.‘”

“Forscher” kann sich jeder nennen. Bei tatsächlichen oder angeblichen Experten ist immer zu prüfen, ob sie auch wirklich kompetent sind für die Frage, zu der sie gerade Stellung nehmen.

Um welche Art von Konferenz handelt es sich da? Eine Pressekonferenz oder eine Konferenz von Wissenschaftlern – das macht schon einen Unterschied punkto Glaubwürdigkeit. Unter welchem Thema stand die Konferenz? Wer hat sie organisiert und gesponsert? Sollte Forscher William Li tatsächlich gesagt haben, dass unser Essen unsere dreimal tägliche Chemotherapie ist, spricht das nicht gerade für seine Seriosität.
Glaubt der Mann wirklich, dass man Chemotherapie gegen Krebs einfach durch Essen ersetzen kann? Wir essen doch alle und viele von uns zudem die aufgeführten Nahrungsmittel gar nicht zu knapp. Warum also gibt es überhaupt noch Krebs?
Auf Tages-Anzeiger online hat ein Leser den Bericht treffend kommentiert:

“ Wer glaubt wird selig. Meine Frau und ich essen und trinken seit Jahrzehnten unbewusst dieser ,Studie‘ genau auch diese Lebensmittel täglich. Wir beide sind seit 2 resp.5 Jahren an Krebs erkrankt. Solche ungesicherte Daten geben nur falsche Hoffnungen .Wer hat die Studie bezahlt ? Wahrscheinlich die Hersteller dieser Ware- wie so oft.”

“Die Angiogenesis Foundation aus Massachusetts habe Lebensmittel ermittelt, die chemische Substanzen enthalten, mit denen die Blutversorgung von Tumoren geradezu abgeschnitten werde. Als Beispiel nannte Li auch eine Studie der Harvard Medical School, wonach Männer, die mehrmals pro Woche gegarte Tomaten essen, 30 bis 50 Prozent weniger unter Prostatakrebs litten.”

Was ist die “Angiogenesis Foundation”?

Als Angiogenese bezeichnet man das Wachstum von kleinen Blutgefäßen (Kapillaren). Tumore sind abhängig von einem mitwachsenden Kapillarnetz, das den Tumor mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Entsprechend versuchen anti-angiogenetische Therapieansätze (Antiangiogenese), die Gefäßversorgung und damit die Durchblutung eines Tumors zu vermindern oder zu blockieren.

Laut ihrer Website http://www.angio.org/ beschäftigt sich die “Angiogenesis Foundation” mit diesem Thema. Begriffe wie Rotwein, Schokolade, Petersilie, Soja, Heidelbeeren oder Knoblauch finde ich dort allerdings nicht, dafür jedoch zahlreiche Medikamente.

Der Hinweis von William Li auf die Wirkung gegarter Tomaten gegen Prostatakrebs stellt die Situation einseitig dar.
Es gibt zwar eine Untersuchung von Giovannuci, E. et al. (2002), die einen positiven Effekt nahelegten (A Prospective Study of Tomato Products, Lycopene and Prostate Cancer Risk. In: J. Natl. Cancer. Inst. Bd. 94, S. 391-398).

Wikipedia schreibt dazu:

“Es gab Hinweise, dass der Konsum von Lycopin zu einem reduzierten Risiko führt, an Herz-Kreislauf-Erkrankung, Krebs (vor allem Prostatakrebs), Diabetes mellitus, Osteoporose und Unfruchtbarkeit zu leiden.”

Wikipedia fährt aber fort:
“Eine neuere, große Studie mit ca. 28.000 Probanden lässt jedoch vermuten, dass kein Zusammenhang zwischen Lycopin und Krebsrisiko besteht. Vielmehr zeigte sich, dass das verwandte Antioxidant ?-Carotin das Risiko für Prostatakrebs erhöht.”
(American Association for Cancer Research. No Magic Tomato? Study Breaks Link between Lycopene and Prostate Cancer Prevention , Science Daily, May 17, 2007.
http://www.sciencedaily.com/releases/2007/05/070517063011.htm)
Davon sagt William Li offenbar nichts.

“‘Überall geschieht eine medizinische Revolution‘, sagte Li. ,Wenn wir recht haben, dann wird das Auswirkungen auf Konsumentenfortbildung, Lebensmittelherstellung, die Volksgesundheit und sogar auf die Versicherungen haben.‘”

Da scheinen Heilsvorstellungen herumzugeistern. Mein Eindruck – auch von der Website der “Angiogenesis Foundation”: Da wird sehr viel aufgehängt am Thema “Angiogenese”. Wenn für so viele Probleme eine einzige Lösung propagiert wird – wie hier das Thema “Angiogenese” – ist Skepsis immer angebracht.

“Besser als Medikamente”

Dieser Titel des “Tages-Anzeigers” ist ziemlich gewagt.

“In Test verglichen Forscher der Foundation die Wirkung zugelassener Medikamente mit der von Petersilie, Weintrauben, Beeren und anderen Lebensmitteln. Dabei stellten sie fest, dass die Lebensmittel genauso gut oder besser gegen Krebszellen wirkten.”

Da fragt sich erstens, mit welchen Medikamenten denn verglichen wurde. Chemotherapeutika?
Da wurde offenbar etwas im Labor untersucht, aber man kann ja nicht einfach Petersilie und Krebszellen vermanschen und dann schauen, ob Krebszellen zugrunde gehen und das schlussendlich auf Krebspatienten übertragen. Völlig wirr.

Auch ist “und andere Lebensmittel” keine sehr präzise Angabe. Wenn so viele Lebensmittel besser gegen Krebszellen wirken wie Krebsmedikamente, warum brauchen wir dann eigentlich noch Chemotherapien und Onkologie-Abteilungen an Spitälern. Alles überflüssig?

“‘Für viele Menschen kann die ernährungsmässige Behandlung von Krebs die einzige Lösung sein, denn nicht jeder kann sich Krebsmedikamente leisten.‘”

Na super, essen müssen wir ja sowieso. Billiger kann eine Behandlung wirklich nicht sein. Endlich die Lösung für die explodierenden Gesundheitskosten. Krebstherapien nur noch für Privatpatienten! Die Allgemeinversicherten und auch Patienten in Afrika oder so sollen sich doch mit Rotwein und Schokolade heilen. Letzteres gibt für die Schweiz unerwartete Exportmöglichkeiten in alle Welt. Schokolade auf Rezept und auf Kosten der Krankenkasse! Ich fasse es kaum.

“Die krebsbekämpfenden Eigenschaften der Lebensmittel könnten auch dazu dienen, Körperfett schmelzen zu lassen, fügte Li hinzu. Denn auch Fett sei auf den Blutstrom angewiesen, den die Bestandteile dieser Lebensmittel beeinflussen.”

Das fehlt gerade noch. Besser kann es gar nicht mehr kommen! Auch gegen Übergewicht wirksam! Körperfett lässt sich mit Schokolade oder Rotwein wegschmelzen! Ganz einfach durch Hemmung der Angiogenese! Super!

Dringende Anfrage: Wieviel Schokolade muss ich essen oder wieviel Rotwein trinken, um meine Fettpölsterchen wegzuschmelzen? Und wie finde ich eine Schokolade, die intelligent genug ist, damit sie weiss, welche Partien meines Körpers sie aushungern soll? Wenn da nur nichts schief läuft und die falschen Regionen weggeschmolzen werden! Vielleicht sicherheitshalber mal bei Lindt Sprüngli nachfragen…..

Und der Satz: “Die krebsbekämpfenden Eigenschaften der Lebensmittel könnten auch dazu dienen, Körperfett schmelzen zu lassen”, ist ein Unding.
Oder liegt der Grund für diesen von A bis Z verunglückten Text einfach in einer miserablen Übersetzung?

Ich verwende nur selten solch harte Ausdrücke, aber dass Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Blick, Thurgauer Zeitung, 20 Minuten, Schweizerbauer und Berner Zeitung solchen Bullshit veröffentlichen, ist ausgesprochen peinlich.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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5 Antworten
  1. Paul
    Paul says:

    Danke für diesen ernüchternden und interessanten Bericht! Es ist wirklich unglaublich, dass derartige Irreführungen in Zeitschriften überhaupt legal sind und nicht verboten werden. Die Aussagen sind nirgends belegt und bei der genauen Analyse wird der gesamte Text widerlegt- Meiner Meinung nach ist das eine bodenlose Unverschämtheit, über welche die Leser dringend informiert werden müssen.

  2. Sebastian
    Sebastian says:

    Ebenfalls danke für diese Aufklärung. Ein intelligenter Mensch kann sich eigentlich gleich denken, dass solche Aussagen nicht stimmen können. Ich finde das klang in vielen Fällen leider sehr nach Bild-‚Zeitung‘.

  3. Otto
    Otto says:

    Die reisserische Überschrift ist natürlich Blödsinn. Dennoch steckt ein Körnchen Wahrheit im Text.
    Rotwein, Schokolade, Knoblauch, Petersilie, Rote Trauben, Heidelbeeren und Soja wirken vorbeugend gegen Krebs und gehören auch zu einer vernünftigen Ernährung von Krebspatienten.

  4. admin
    admin says:

    Sehr einverstanden. Was mir an Ihrem Kommentar besonders gefällt: Es geht bei der Ernährung von Krebspatienten um eine relativ breite Palette von geunden Nahrungsmitteln. Sie zählen hier ja relevante „Kandidaten“ auf.
    Die Fixierung auf ein einziges, bestimmtes Nahrungsmittel, von dem man sich dann das Heil erwartet, ist wahrscheinlich eher ein Irrweg.
    Martin Koradi

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  1. Heilpflanzen sagt:

    […] seiner Beiträge. Sein vor bald einem Jahr geschriebener Artikel über den Umgang mit den Sensationsnachrichten in der Presse ist fast Pflichtlektüre. Man spürt bei jedem Satz den Wunsch nach einem seriösen […]

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