Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Den Begriff “Schulmedizin” verwenden wir heute ziemlich häufig, aber meistens ohne dass wir über seine Bedeutung genauer nachgedacht haben. Die historischen Wurzeln dieses Begriffs legen aber eine zurückhaltendere Verwendung nahe.

Das Wort “Schulmedizin” leitet sich ursprünglich von der historischen neutralen Bezeichnung für medizinische Ausbildungsstätten ab (z. B. Schule von Salerno, lat. Scola Salernitana).

Schon im frühen 16. Jahrhundert wurde der Ausdruck auch mit negativer Konnotation verwendet. So beklagte Paracelsus (1493 – 1541): “Eine große Schande ist es doch, dass die hohen Schulen solche Ärzte machen, die es nur dem Scheine nach sind; geben einem Kerl den roten Mantel, das rote Barrett und der Welt einen viereckigen Narren, der bloß fähig ist, die Kirchhöfe aufzufüllen.”

Im Jahr 1876 prägte der homöopathische Arzt Franz Fischer aus Weingarten den Ausdruck “Schulmedizin” in einem Brief an die Redaktion der Laienzeitschrift “Homöopathische Monatsblätter” gezielt abwertend. Fischers Äußerung basiert wohl auch auf einer Mitteilung Samuel Hahnemanns, die dieser 1832 veröffentlicht hatte und die gegen humoralpathologische Therapieansätze gerichtet war. In ihr ist die Rede von den “Medizinern der Schule”.

Die “schulmedizinischen” Behandlungsansätze zur Zeit Paracelsus oder Hahnemanns hatten allerdings nichts mit der heutigen Hochschulmedizin gemein. Sie bezogen sich auf die sogenannte allopathische Medizin, die bis ins 19. Jahrhundert auf der Basis der Galenschen Vier-Säftelehre beruhte. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde der Begriff “Schulmedizin” in Deutschland verwendet, um die vorwiegend jüdische Ärzteschaft zu diffamieren und statt dessen die gesunde “Volksmedizin” oder eine “Neue Deutsche Heilkunde” als Gegenstück zur “verjudeten Schulmedizin” zu propagieren.
(Quelle: Wikipedia)

Schon aus historischen Gründen scheint mir darum Zurückhaltung angebracht mit dem Ausdruck Schulmedizin.

Seine Verwendung als Kampfbegriff durch Homöopathie und Nationalsozialismus wirkt meines Erachtens bis in die Gegenwart nach. “Schulmedizin” hat auch heute noch einen abwertenden Touch und der Begriff wird meiner Erfahrung nach von Personen aus der “Komplementärmedizin” oft genau so gebraucht.

Ich finde, dass die Medizin Kritik braucht, genauso wie die Naturheilkunde und die sogenannte Komplementärmedizin Kritik brauchen. Kritik sollte aber mit Argumenten vorgebracht werden und bestimmte Punkte in Frage stellen. Unterschwellige, unausgesprochene Kritik anzubringen durch Verwendung eines negativ konnotierten Ausdrucks wie “Schulmedizin”, halte ich für ein sehr fragwürdiges Unterfangen.

Mein Vorschlag: Reden wir doch anstelle von “Schulmedizin” ganz einfach von “Medizin”, von “universitärer Medizin” oder von “konventioneller Medizin” (von “Konvention” = Übereinkunft).

Im Übrigen scheint mir auch das Denken im Gegensatz von “Schulmedizin” und “Komplementärmedizin” nicht unproblematisch. Es fördert meiner Ansicht nach die Vorstellung von zwei gegensätzlichen Lagern, während es gerade um die Überwindung von Lagerdenken gehen sollte.

Die Rede von „Schulmedizin“ und „Komplementärmedizin“ etabliert einen Dualismus, der einer undifferenzierten Feindbildhaltung gegenüber der Medizin Vorschub leistet.

Und genau dieses damit geförderte Feindbild „Schulmedizin“ ermöglicht es Heilspropheten aller Art, ihr trübes Süppchen zu kochen. „Erlöserfiguren“ wie Matthias Rath und Ryke Geerd Hamer bewirtschaften das Feindbild „Schulmedizin“ perfekt.

Der Ausdruck „Schulmedizin“ ist aber auch in einem anderen Sinn eigenartig: Wer ihn verwendet, müsste eigentlich erklären, weshalb er oder sie nicht auch ebenso selbstverständlich von „Schulbiologie“, „Schulphysik“, „Schulgeografie“, „Schulgeologie“ etc. spricht.

Redet jemand von „Schulmedizin“, dann frage ich wann immer möglich genau nach, was mit „Schul“ gemeint ist.  Der Vorspann „Schul“ unterstellt der Medizin dabei oft ein Verschultsein, eine dogmatische Haltung. Diese Kritik war zu Zeiten Samuel Hahnemann’s berechtigt, war doch die damit gemeinte Humoralpathologie ein einziges Dogma. An die heutige Medizin gerichtet ist die Unterstellung des Dogmatismus verfehlt. Natürlich geht es auch heute noch oft allzu lange, bis neue Erkenntnisse sich in der Medizin gegen langjährige Irrtümer durchsetzen. Aber grundsätzlich gibt es in der Medizin eine kritische Auseinandersetzung, welche die Überwindung von Irrtümern ermöglicht. Das zeigt sich nur schon, wenn man ein 20jähriges Lehrbuch in die Hand nimmt.

Grotesk wird die Geschichte, wenn der „Schulmedizin“ ausgerechnet von Methoden Dogmatismus unterstellt wird, die selber bis in die Knochen auf dogmatischen Behauptungen gründen, wie das zum Beispiel bei Homöopathie und Schüssler-Salzen der Fall ist. Deren Gebäude basieren auf unantastbaren Glaubenssätzen ihrer Gründerfiguren.

Die von Paracelsus und Hahnemann als “Schulmedizin” bekämpfte Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre) wird übrigens heute unter der Bezeichnung TEM (Traditionelle Europäische Medizin) wieder lanciert. Damit wird eine frühere Variante der “Schulmedizin” wieder reaktiviert, denn die Humoralpathologie war über viele Jahrhunderte die unhinterfragbare, dogmatisierte Schulmedizin.

Die Humoralpathologie ist ein soziomorphes Modell. Das bedeutet, dass ihre Grundprinzipien von gesellschaftlichen Strukturen abgeleitet wurden. Die Wurzeln der Humoralpathologie liegen daher in den Strukturen der antiken griechischen Stadtstaaten, in der Polis.

Die Entstehung des Theoriegebäudes der Humoralpathologie im antiken Griechenland beschreibt Paul U. Unschuld sehr spannend im Buch “Was ist Medizin? – Westliche und östliche Wege der Heilkunst” (mehr dazu im Buchshop). Unschuld beschreibt darin auch die Entstehung und Entwicklung der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), welche ebenfalls soziomorph aus den Strukturen des chinesischen Kaiserreichs abgeleitet ist.

Wer sich für die medizinhistorische Basis von Pflanzenheilkunde bzw. Naturheilkunde interessiert, bekommt einen gut verständlichen, kompakten und fundierten Einblick in meinem Kurs über “Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit”. Inhalt dieses Kurses sind:
Magische Medizin – Entwicklung und Niedergang der Humoralpathologie – Mittelalterliche Klostermedizin (Hildegard von Bingen) – Signaturenlehre der Renaissance (Paracelsus) – Phytotherapie. Infos dazu im Kurskalender auf www.phytotherapie-seminare.ch/index.php

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:
1 Antwort
  1. Gabi F
    Gabi F says:

    Hallo,

    danke für den aufschlussreichen Artikel! Bisher wusste ich gar nicht, dass der Begriff der Schulmedizin in der Vergangenheit derartig negativ besetzt war.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>