Archive for November, 2009
Montag, November 30th, 2009
Für eine fixe Kombination aus Extrakten von Angelikawurzel, Süßholzwurzel, Bitterer Schleifenblume, Kümmelfrüchten, Mariendistelfrüchten, Kamillenblüten, Schöllkraut, Melissenblättern und Pfefferminzblättern ist die Wirksamkeit bei Reizdarm und funktioneller Dyspepsie in mehreren randomisierten klinischen Doppelblindstudien belegt (Multi-Target-Therapie).
Die Inhaltsstoffe des Heilpflanzen-Präparates reduzieren die gastrointestinale Hypersensibilität, wirken krampflösend auf verkrampfte und tonisierend auf atonische Muskulatur. Auch wurde eine entzündungswidrige Wirkung gezeigt.
Quelle: www.aerztezeitung.de
Kommentar & Ergänzung:
Unter einer Multi-Target-Therapie versteht man eine Behandlungsform, die gezielt an unterschiedlichen Ansatzpunkten gleichzeitig ansetzt. Mit “Target” bezeichnet man dabei die Zielstruktur, an welcher ein Wirkstoff im Organismus seine Wirkung entfaltet.
Da Heilpflanzen immer eine grosse Anzahl von potenziellen Wirkstoffen enthalten, hat das Multi-Target-Konzept für die Phytotherapie grosse Bedeutung. Insbesondere Krankheiten mit komplexer Pathophysiologie lassen sich effektiver und mit weniger Nebenwirkungen durch Wirkstoff-Kombinationen behandeln als durch einen einzelnen hoch dosierten Reinstoff (Monosubstanz).
Reizdarm und funktionelle Dyspepsie gehören zweifellos zu diesen Erkrankungen, an denen verschiedene gestörte Funktionen zusammenwirken und die Störung verursachen. Es überrascht daher nicht gross, dass die Phytotherapie hier wirksame Therapieoptionen anbieten kann. Schon jede einzelne Heilpflanze hat wegen der Vielzahl ihrer Inhaltsstoffe das Potenzial für Multi-Target-Effekte. Das auf www.aerztezeitung.de beschriebene Heilpflanzen-Präparat besteht sogar aus einer Kombination von mehreren Heilpflanzen-Extrakten. Allerdings können sich zu viele Komponenten in einer solchen Kombination auch wieder eher ungünstig auswirken. Rasch fällt dann die Konzentration einzelner Heilpflanzen und ihrer Wirkstoffe unter einen wirksamen Wert. Der Entscheid, ob für eine bestimmte Behandlung eine einzelne Heilpflanze oder eine Heilpflanzen-Kombination besser geeignet ist, braucht deshalb fundiertes Wissen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch
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Samstag, November 28th, 2009
Homöopathisch aufbereitetes Atropinsulfat zeigt keine nachweisbaren Wirkungen auf die Kontraktionsfähigkeit des Rattendarms. Dies ist das Resultat einer Studie, welche mit Förder-
mitteln der Karl und Veronica Carstens-Stiftung am Institut für Veterinär-Physiologie der FU Berlin durchgeführt wurde.
Professor Holger Martens und Dr. Christiane Siegling-Vlitakis konnten damit die aufsehenerregenden Resultate einer Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2004 nicht bestätigen. Seinerzeit wurde beobachtet, dass
selbst homöopathische Hochpotenzen noch Effekte am isolierten Rattendarm auslösen.
In ihren Experimenten verwendeten die Berliner Wissenschaftler ein in der Tierphysiologie bekanntes Standardmodell, in dem verschiedene Segmente des Ileums (Dünndarm) von Ratten in eine Messvorrichtung gespannt und mit Acetylcholin angeregt werden. Dadurch kommt es zu einer Kontraktion des
Darmes.
Die Hypothese der Wissenschaftler: die Stärke der ausgelösten Kontraktion verändert sich, wenn in die umgebende Nährlösung homöopathisch aufbereitetes Atropinsulfat gegeben wird. Atropinsulfat wird aus der Pflanze Atropa belladonna (Tollkirsche) gewonnen; Belladonna ist ein in der Homöopathie weit verbreitetes Arzneimittel. Eine signifikante Veränderung der Reaktion des Rattendarms konnten die Forscher im Vergleich zu den Kontrollen nicht feststellen.
Publiziert wurden die Resultate nun in der Oktober-Ausgabe (Jg. 15 (10), 2009) der Zeitschrift
Journal of Alternative and Complementary Medicine.
Quelle: www.carstens-stiftung.de
Zur Originalpublikation:
http://www.liebertonline.com/doi/abs/10.1089/acm.2008.0614
Kommentar & Ergänzung:
Die “Karl und Veronica Carstens-Stiftung” steht der Naturheilkunde und der Homöopathie nahe und fördert die Forschung sowie den wissenschaftlichen und ärztlichen Nachwuchs in diesen Bereichen. Das langfristige Ziel der Carstens-Stiftung ist die Integration der Komplementärmedizin in Forschung und Lehre der Hochschulmedizin. Es ist sehr wertvoll, dass die Carstens-Stiftung die Forschungsarbeit von Martens & Siegling unterstützt hat, weil damit eine problematische Geschichte geklärt werden konnte: Die angebliche Bestätigung der Wirksamkeit homöopathischer Belladonna-Verdünnungen durch eine Leipziger Forschergruppe im Jahr 2003.
Um die Bedeutung der jetzt abgeschlossenen Studie aus Berlin zu verstehen, muss man allerdings die Vorgeschichte kennen:
Im Jahre 2003 erregte eine Forschergruppe der Universität Leipzig (die Apothekerin Franziska Schmidt sowie die Pharmakologen Prof. Dr. Karen Nieber und Prof. Dr. Wolfgang Süß) mit dem vermeintlichen Nachweis der Wirksamkeit homöopathischer Belladonna-Verdünnungen Aufsehen. Ihnen war es angeblich gelungen, die muskelentspannende Wirkung homöopathischer Belladonna-Dosen (D32, D60 und D100) an Muskelpräparaten aus Magen und Dünndarm von Ratten in Laborexperimenten nachzuweisen.
Noch vor der Veröffentlichung ihrer Resultate in der Zeitschrift ”Biologische Medizin” bekamen sie 2003 für Ihre Arbeit den mit 10.000 Euro dotierten, von der Internationalen Gesellschaft für Homotoxikologie e.V. und der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin e.V. verliehenen Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis; mit diesem Preis werden herausragende Forschungsresultate im Bereich der Homöopathie ausgezeichnet. Die Ergebnisse der Leipziger Experimente wurden daraufhin von Homöopathen weltweit als wichtiger Beweis für die Richtigkeit der Homöopathie gefeiert.
Nach Publikation der Studie wurde allerdings Kritik laut. Der Konstanzer Chemiker Dr. Klaus Keck, der Mathematiker Professor Gerhard Bruhn (Darmstadt) und der Geophysiker Professor Erhard Wielandt (Stuttgart) erstellten eine ausführliche Analyse der Leipziger Experimente und publizierten diese auf einer eigenen Webseite.
Die Autoren warfen den Leipziger Wissenschaftlern vor, dass ihre Resultate nicht auf objektiven Messungen, sondern auf ”vorurteils- und methodisch bedingten Messfehlern” beruhten. Dabei war hauptsächlich von Interesse, ob mit den von den Leipziger Wissenschaftlern angewandten Methoden ein Wirkungsnachweis mit naturwissenschaftlich fundierter Begründung möglich ist. Eine kompakte Version dieser Analyse wurde im Heft 3/2005 der Zeitschrift Skeptiker publiziert.
Am 3.11. 2005 berichtete die Deutsche Apothekerzeitung, dass die Leipziger Pharmakologen die Studie zurückgezogen und den Reckeweg-Preis zurückgegeben haben. Offenbar sind bei den Experimenten in Leipzig gravierende Fehler gemacht worden. Diese Feststellung wird nun auch durch die Studie von Martens & Siegling bekräftigt.
Damit hat sich wieder eine vermeintliche Bestätigung der Wirksamkeit homöopathischer Hochpotenzen zerschlagen.
Wer daraus nun folgert, dass Homöopathie als Behandlung in jedem Fall wirkungslos ist, macht es sich allerdings meines Erachtens zu einfach.
Es gibt immer wieder Menschen, die bei gewissen Krankheiten durch eine homöopathische Behandlung Linderung verspüren.
Sehr offen ist aber immer noch die Frage, ob solche Linderungen mit dem homöopathischen Heilmittel zusammenhängen. Studien mit Patienten jedenfalls sprechen in ihrer grossen Mehrzahl gegen einen Effekt der homöopathischen Arznei, welcher über einen Placebo-Effekt hinausgeht – auch wenn die Studie den Regeln der Homöopathie genügt.
Fasst man die verschiedenen Bereiche der Homöopathie-Forschung zusammen, spricht meiner Ansicht nach viel dafür, dass es eher der therapeutische Kontext ist, welcher für solche Heilerfolge der Homöopathie verantwortlich ist.
Zudem sind die theoretischen Erklärungen zur Wirkungsweise der Homöopathie meiner Ansicht nach alles andere als plausibel.
Damit lassen sich aber natürlich positive Erfahrungen mit der Homöopathie nicht von Tisch wischen. Es stellt sich nur die Frage, ob diese positiven Erfahrungen konkret mit den eingenommenen Globuli zusammenhängen, oder ob der therapeutische Kontext und / oder die Selbstheilungskräfte des Organismus dafür verantwortlich sind.
Am problematischsten scheint mir allerdings, dass ein nicht geringer Teil der Homöopathinnen und Homöopathen den Zuständigkeitsbereich der Homöopathie sehr umfassend und praktisch grenzenlos sieht. Die Homöopathie hat aber ganz deutlich ihre Grenzen und wo dies übersehen wird, avanciert sie zu einer Art Heilslehre – mit unübersehbarem Risikopotential für Patientinnen und Patienten.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Freitag, November 27th, 2009
Curcuma, die Gelbwurz, ist in Asien ein beliebtes und verschwenderisch verwendetes Gewürz. Gelbwurz ist der farbgebende Bestandteil in der Curry-Mischung. Curcuma könnte einer der Gründe dafür sein, dass es in Indien nahezu keinen Darmkrebs gibt. “Denn es ist erwiesen, dass dieses Gewürz die Entstehung von Darmkrebs verzögert oder sogar verhindert, indem es das Wachstum von Darmkrebszellen hemmt und den programmierten Tod von Krebszellen auslöst”, erklärt der Gastroenterologe Univ.-Prof. Dr.Christoph Gasche, Leiter des Christian-Doppler-Labors für molekulare Karzinom- und Chemoprävention in Wien.
Gasche hat zusammen mit Kollegen am AKH Wien Studien zu Curcumin durchgeführt, dem Farbstoff der Gelbwurz. Eine von rund 3100 wissenschaftlichen Studien, die es weltweit zu Curcumin gibt. Über seine antioxidativen und antientzündlichen Eigenschaften wird Dr. Christoph Campregher, der ebenfalls an den Wiener Untersuchungen teilgenommen hat, beim Kongress “Menopause Andropause Anti-Aging” berichten (3. bis 5.Dezember, Hotel Hilton in Wien).
Curcumin wirkt als starker Radikalfänger, “einer der am besten untersuchten”, stellen die Wiener Wissenschaftler fest. Und als potenter Radikalfänger könnte Curcumin Alterungsprozesse tatsächlich ein wenig hintanhalten. “Wissenschaftlich ist dazu aber die Datenlage noch ein wenig dünn”, erklärt Gasche.
Erwiesen ist jedoch: Curcumin bleibt zum größten Teil im Dickdarm, wird vom restlichen Körper kaum aufgenommen, findet sich also praktisch nicht in der Blutzirkulation, hat jedoch im Darm multiple Effekte.
Zum einen entfaltet es eine starke antibakterielle Wirkung, hält die Bakterien im Darm unter Kontrolle. “Das ist umso bemerkenswerter, als speziell der Dickdarm ein riesiges Bakterienreservoir ist.” Die antibakterielle Wirkung sei nicht selektiv, sondern “man kann es mit einem Breitbandantibiotikum vergleichen”.
Außerdem vermindert Curcumin Entzündungsaktivitäten, was hauptsächlich Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn eine wertvolle Erleichterung bietet (diese beiden Erkrankungen gelten übrigens als Risikofaktoren für die Entstehung von Dickdarmkrebs).
Allerdings – so betont Gasche – müsse man ordentlich viel Gelbwurz ins Essen geben, um diesen Nutzen zu erzielen. “Leichter geht es mit Nahrungssupplementen.” Dennoch: Der Gelbwurz-Inhaltsstoff Curcumin sei gegenüber gängigen Medikamenten gegen chronische Darmentzündungen etwa 1000-mal aktiver.
Quelle: www.diepresse.com (“Die Presse”, Print-Ausgabe, 24.11.2009)
Kommentar & Ergänzung:
Curcumin ist einer der am intensivsten untersuchten Inhaltsstoffe aus Heilpflanzen.
In der Phytotherapie kennt man Curcumin als Bestandteil von Javanischer Gelbwurz (Curcuma xanthorrhiza, Temoe Lawak) und von Kurkuma (Curcuma longa = Curcuma domestica).
Curcumin zeigt im Labor Eigenschaften, welche wohl zu Recht als für die Krebsforschung interessant betrachtet werden. Allerdings wird der Curry-Bestandteil leider in manchen Kreisen generell als Krebsheilmittel angepriesen und vermarktet. Ich habe schon vor einiger Zeit einmal hier im Blog darauf hingewiesen, dass einer der schwierigen Punkte bei der Curcumin-Anwendung dessen schlechte Resorbierbarkeit aus dem Verdauungstrakt ist. Diese stark eingeschränkte Resorbierbarkeit bestätigt nun auch Professor Gasche. Das macht die von unseriösen Curcumin-Propagandisten versprochenen Heilwirkungen auf Krebserkrankungen im ganzen Organismus unwahrscheinlich. Direkte Wirkungen gegen Tumorerkrankungen im Darm scheinen aber nicht ausgeschlossen.
Allerdings handelt es sich auch bei den Wiener Studien wohl am reine Laboruntersuchungen an Zellen. Es deutet im Artikel der “Presse” jedenfalls nichts darauf hin, dass Erfolge an krebskranken Menschen dokumentiert worden sind. Zwischen Erfolgen im Labor und Heilungen bei Krebskranken besteht aber ein sehr grosser Unterschied.
Es stellt sich vor allem die Frage nach der nötigen Dosis an Curcumin. Braucht es – wie Gasche betont – “ordentlich viel Gelbwurz”, so wäre zu beachten, dass antioxidative Substanzen in hohen Dosen auch negative Wirkungen entfalten können. Darauf deuten jedenfalls einige neuere Untersuchungen hin.
Und antibakterielle Effekte im Darm, die “mit einem Breitbandantibiotikum” vergleichbar sein sollen, werfen ebenfalls Fragen auf. Was geschieht dann mit der natürlichen und notwendigen Bakterienflora im Darm? Wird auch abgeräumt? Oder verschont Curcumin in antibakteriell wirksamer Dosierung die nützlichen Darmbakterien? Kaum denkbar. Andernfalls würde man aber bei hohen Curcumin-Dosen mit Durchfall rechnen müssen wie bei der Gabe von Antibiotika.
Interessant scheinen mir mögliche antientzündliche Effekte von Curcumin bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.
Die Angabe, Curcumin sei “gegenüber gängigen Medikamenten gegen chronische Darmentzündungen etwa 1000-mal aktiver” tönt allerdings kaum glaubwürdig. Das wäre sensationell. Hier müsste man mehr und genaueres darüber wissen, wie diese Zahl zustande gekommen ist. Erst wenn man den Weg kennt, auf dem ein solches Resultat entstanden ist, kann man sich eine einigermassen fundierte eigene Meinung dazu bilden.
Auch Andeutungen bezüglich einer möglichen Verzögerung des Alterungsprozesses durch Curcumin sind meines Erachtens fragwürdig und sollten besser unterbleiben, wenn die Datenlage schon dünn ist. Mit solchen hingestreuten und sehr nebulösen Bemerkungen feuert man nur das Geschäft der Curcumin-Verkäufer an.
Mir scheint, dass dieser Text auf www.diepresse.com sehr viele Fragen aufwirft.
Nicht in Frage stellen würde ich aber die Curcumin-Forschung als solche, die Verwendung von Gelbwurz als interessante Heilpflanze und den Einsatz von Kurkuma bzw. Curry als feines und gesundes Gewürz.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
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Mittwoch, November 25th, 2009
Johanniskraut gegen Depressionen – das ist eine der am besten belegten Heilpflanzen-Anwendungen in der Phytotherapie. Es gibt dabei allerdings einige Punkte zu beachten, damit Johanniskraut-Präparate sicher und wirksam eingesetzt werden können. Eine Meldung auf www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de spricht die wichtigsten Aspekte an.
Ich fasse hier die zentralen Aspekte aus dieser Meldung zusammen:
In der dunklen Jahreszeit ist die Stimmung zahlreicher Menschen gedrückt und sie kommen in ein Stimmungstief. Gegen depressive Verstimmungen können Medikamente mit Johanniskraut-Extrakten helfen. Für die Selbstmedikation sind rezeptfreie Johanniskraut-Präparate in der Apotheke erhältlich. Allerdings sollte bei anhaltenden oder sich verstärkenden Beschwerden unbedingt ein Facharzt oder eine Fachärztin beigezogen werden. Eine Depression ist keine vorübergehende schlechte Laune und kein seelischer “Durchhänger”, sondern eine stark beeinträchtigende Krankheit, welche in sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens vordringt und ohne professionelle Hilfe kaum überwindbar ist. Wer länger als zwei Wochen depressive Symptome an sich bemerkt, sollte einen Psychiater oder Psychotherapeuten aufsuchen oder sich diesbezüglich mit dem Hausarzt besprechen.
Und worauf kommt es an bei der Anwendung von Johanniskraut?
– Mindestens 600 bis 900 Milligramm des Johanniskraut-Extraktes sind täglich nötig, um eine gute Wirkung zu erzielen.?Die Extrakte können nur richtig wirken, wenn sie hoch genug dosiert sind. Darauf macht die Bundesapothekerkammer in Berlin aufmerksam.
– Ob ein Johanniskraut-Präparat rezeptfrei oder rezeptpflichtig ist, hängt vom Anwendungsgebiet ab, nicht von der Einzeldosis oder der Packungsgröße. Arzneimittel mit Johanniskraut-Extrakt gegen leichte Depressionen sind rezeptfrei und in der Selbstmedikation erhältlich. Johanniskraut-Präparate gegen mittelschwere Depressionen sind hingegen rezeptpflichtig, weil bei dieser Erkrankung eine ärztliche Diagnose notwendig ist.
– Die Wirkung des Johanniskraut-Extraktes setzt bei regelmäßiger Einnahme erst nach etwa ein bis zwei Wochen ein.
– Viele Johanniskraut-Präparate sind unterdosiert.
– Nebenwirkungen von Johanniskraut-Präparaten müssen beachtet werden, wie beispielsweise eine höhere Lichtempfindlichkeit, die bei Solariumsbesuchen oder winterlicher Höhensonne problematisch werden kann.
– Wer Johanniskraut einnimmt und darüber hinaus weitere Arzneimittel, sollte mit dem Arzt oder Apotheker über Interaktionen (Wechselwirkungen) sprechen. Johanniskraut-Extrakte können die Wirkung anderer Arzneimittel verändern, beispielsweise bei Gerinnungshemmern oder HIV-Medikamenten.
Quelle:
http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de
Kommentar & Ergänzungen:
Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang noch, dass Johanniskraut-Präparate nicht einfach bei temporären Verstimmungen eingesetzt werden sollten. Dass Menschen gelegentlich mal ein paar Tage nicht so gut “drauf” sind, gehört zum Leben und ist noch keine Indikation für eine antidepressive Therapie. Solche Stimmungsschwankungen sind normalerweise schon wieder vorbei, bis die Wirkung von Johanniskraut eintritt.
Für vorübergehende Verstimmungen sollten wir meines Erachtens nichtmedikamentöse Bewältigungsmöglichkeiten entwickeln (z. B. Spazierengehen, sich etwas Wohltuendes gönnen….).
Die Aussage, dass Johanniskraut-Präparate oft unterdosiert sind, trifft vor allem zu für Johanniskraut-Tinkturen und für Produkte, die nach Grundsätzen von Homöopathie oder Spagyrik hergestellt sind. Diese Produktegruppen dürfen als Heilmittel verkauft werden, ohne dass sie ihre Wirksamkeit belegen müssen.
Geht es ernsthaft um Depression und nicht einfach um eine kurzzeitige Verstimmung, dann sind meines Erachtens eindeutig Johanniskraut-Extrakte angezeigt, die ihre Wirksamkeit in Patientenstudien gezeigt haben und eine ausreichende Wirkstoffkonzentration garantieren. Konsumentinnen und Konsumenten von Naturheilmitteln werden an diesem Punkt oft von der Werbung irregeführt und leider auch häufig in Apotheken und Drogerien über Qualitätsunterschiede im Unklaren gelassen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Dienstag, November 24th, 2009
Auf Exkursionen trifft man ihn häufig, den Storchenschnabel (Geranium robertianum), eine alte Heilpflanze. In letzter Zeit fällt mir aber auf, dass immer wieder hoch dogmatische Aussagen über die Wirkung des Storchenschnabels kursieren.
Zum Beispiel:
- Storchenschnabel wirkt gegen Schock!
– Storchenschnabel wirkt gegen Unfruchtbarkeit
– Storchenschnabel entstaut die Lymphgefässe
Eindrücklich ist für mich, wie absolut und völlig zweifelsfrei diese Behauptungen meist geäussert werden.
Auf der Website einer Drogerie steht sogar als Empfehlung für die Storchenschnabeltinktur:
“Bei akuten Schockzuständen ist mit einigen Tropfen eine Lösung innerhalb von Sekunden möglich.”
Ich frage bei solch absoluten Aussagen gerne präziser nach:
Was verstehen Sie genau unter “Schock”? Schock ist ein lebensbedrohlicher Zustand. Hilft da wirklich Storchenschnabel auf der Intensivstation? In der Ambulanz? Oder ist eher “Schreck” gemeint? Ein Schreck geht allerdings von selbst vorüber.
Und gegen welche Art von Unfruchtbarkeit soll Storchenschnabel genau helfen?
Da gibt es ja ganz verschiedene Hintergründe. Storchenschnabeltee oder Storchenschnabeltinktur wirkt in jedem Fall?
Es kommt allerdings zu solchen Aussagen und Fragen praktisch nie eine auch nur ansatzweise plausible Erklärung oder Begründung.
Die Aussagen stehen meist einfach als dogmatische Glaubenssätze im Raum. Beim Thema Storchenschnabel und unerfüllter Kinderwunsch hört man als Begründung für seine Wirksamkeit bei unerfülltem Kinderwunsch, dass der Storchenschnabel Früchte ausbildet, die in der Form dem Schnabel eines Storches gleichen.
Da muss man allerdings schon sehr überzeugt sein davon, dass der Storch beim Kinderkriegen eine Rolle spielt……
Manchmal erscheint mir das wie eine Art von Religionsersatz. Dem Papst in Rom glaubt man nicht mehr, aber irgendetwas total Gewisses muss her, an das man sich halten kann. Nur ja keine Fragen und schon gar keine Zweifel! Bewahre, wo würden wir denn da hinkommen!
Weder in der traditionellen Pflanzenheilkunde noch in der neuzeitlichen Phytotherapie sehe ich irgendwelche plausiblen Hinweise, die auf eine Wirkung des Storchenschnabels gegen Schock, Unfruchtbarkeit oder Lymphstauungen hinweisen.
Es scheint sich hier schlicht und einfach um die Behauptungen von “Propheten” zu handeln, die überzeugt sind, das “Wesen” der Pflanzen erkannt zu haben.
Solchen Beschreibungen des “Wesens” der Pflanzen ist eigen, dass sie in der Regel sehr stark bezogen sind auf Beschwerden, Schwierigkeiten oder Krankheiten des Menschen und dass offen gelassen wird, in welcher Bedeutung der Begriff “Wesen” gemeint ist.
Bevor also vom Wesen der Pflanzen gesprochen wird sollten Redende und Zuhörende klären, was genau sie unter dem “Wesen” verstehen, sonst reden sie aneinander vorbei.
Das “Wesen” ist in der abendländischen Kultur einer der schwierigsten Begriffe, der immer wieder sehr unterschiedlich verstanden und aufgefasst wurde.
Aber nehmen wir mal der Einfachheit halber an, es gebe ein “Wesen” der Pflanzen.
Und nehmen wir der Einfachheit halber an, dass wir Menschen ein solches “Wesen der Heilpflanzen” erkennen können.
Dann müsste dieses “Wesen” ja etwas sein, das die Pflanze ganz und gar ausmacht, unabhängig von menschlicher Wahrnehmung, Interpretation und Assoziation. Ihren Kern sozusagen.
Warum nur geht es dann in den Wesensbeschreibungen der Pflanzen fast immer um menschliche Bedürfnisse, Beschwerden, Krankheiten, Probleme, Interpretationen, Phantasien etc.?
Warum gehört zum Beispiel die Wirkung gegen “Schock” zum Wesen des Storchenschnabels?
Das scheint mir doch sehr eigenartig. Wenn Pflanzen ein Wesen haben, müsste es meiner Ansicht nach darin um sie selbst gehen! Und nicht um uns.
In solchen Wesensbeschreibungen steht aber fast immer der Mensch im Zentrum.
Daher scheinen sie mir nicht nur sehr dogmatisch, sondern auch ziemlich anthropozentrisch und narzisstisch. Der Mensch bezieht hier die Natur ganz und gar auf sich.
Woher kommt es, dass der Mensch sich hier so wichtig nimmt in der Beziehung zur Natur? Und woher kommt dieser blinde Dogmatismus im Gefilde von Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin, welcher Behauptungen einfach ungeprüft übernimmt?
Welche Bedürfnisse erfüllt diese Art der Pflanzenbeschreibung? – Vielleicht liegt ja die Attraktivität gerade darin, dass man mit solchen Vorstellungen die Pflanzen ganz und gar auf sich beziehen kann.
Ausserhalb des Bewusstseins bleibt dabei wohl, dass die ganze narzisstische “Geschichte” selbst inszeniert ist.
Etwas mehr Bescheidenheit im Umgang mit den Pflanzen wäre meines Erachtens sehr angebracht. Und diese blindgläubige, dogmatisierte Form der Pflanzenheilkunde scheint mir sehr fragwürdig.
Zum Thema Storchenschnabel und Unfruchtbarkeit / unerfüllter Kinderwunsch siehe auch:
Pflanzenheilkunde: Storchenschnabeltee gegen Kinderlosigkeit?
Ein ähnliches Thema:
Signaturen der Pflanzen: Fragwürdiger Neuaufguss der Signaturenlehre
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, November 23rd, 2009
Eine Heilpflanze gegen Husten und Bronchitis ist die Großblütige Königskerze. Eingesetzt werden bei Katarrhen der oberen Atemwege ausschließlich die Königskerzen-Blüten, erklärt der Klostermedizinforscher Johannes Gottfried Mayer von der Universität Würzburg.
Königskerzen-Blüten enthalten Schleimstoffe, Flavonoide, Saponine und Iridoide sowie kleinere Mengen an ätherischem Öl. «Für die Verwendung bei Erkältungskrankheiten und Husten sind vor allem die Schleimstoffe und die Saponine von Bedeutung», sagt der Wissenschaftler. Die Schleimstoffe schützen die Schleimhäute und lindern dadurch die Reizung – die Saponine lösen den Erkältungsschleim und fördern so den Auswurf. «Hinzu kommt noch eine entzündungshemmende Wirkung der Inhaltsstoffe.»
In der «Erfahrungsheilkunde» werden die Blüten ausserdem gegen Hämorrhoiden und Durchfall, gegen Ohrenschmerzen und rheumatische Schmerzen verwendet. Ein Bad mit dem Auszug aus den Königskerzen-Blüten soll bei juckenden Hautproblemen hilfreich sein, erklärt Mayer. In der Medizin wird die Heilpflanze, die auch Wollblume heißt, bereits seit der Antike verwendet.
Die Klostermedizinerin und Äbtissin Hildegard von Bingen beschrieb als erste die auch heute noch aktuellen Anwendungsbereiche: «Sie empfiehlt Königskerze zusammen mit Fenchel bei heiserer Kehle und Brustschmerzen, also gegen Bronchitis», erklärt Mayer. Welche Pflanzenteile verwendet werden sollen, erwähnte Hildegard allerdings nicht.
Quelle:
http://de.news.yahoo.com
Kommentar & Ergänzung:
Königskerze (= Wollblume) gehört zu den traditionellen Heilpflanzen gegen Husten. Königskerzen-Blüten sind häufig Bestandteil von Hustentee-Mischungen.
Den Gehalt an Schleimstoffen teilt die Königskerze mit vielen anderen Heilpflanzen wie Malvenblüten, Spitzwegerichblatt, Eibischwurzel, Isländisch Moos.
Die als “Erfahrungsheilkunde” beschriebenen Anwendungsbereiche Durchfall, Ohrenschmerzen, Hämorrhoiden, Rheuma und Hautprobleme sind eher fraglich.
Die gegenwärtige Anwendung bei Husten umreisst Professor Mayer präzis: Der Königskerze wird sowohl eine reizlindernde als auch eine auswurffördernde Wirkung zugeschrieben.
Im Garten ist die Königskerze eine gute Futterquelle für Vögel und Insekten.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, November 23rd, 2009
Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung von Ekzemen mit Heilpflanzen und Naturheilmitteln sind Thema am Tagesseminar “Heilpflanzen bei Hauterkrankungen und Wunden” vom 22. März 2010 in Winterthur.
Es geht um Heilpflanzen wie Cardiospermum (Ballonrebe), Hamamelis, Nachtkerzenöl, Eichenrinde, Ringelblumen, Stiefmütterchen, Mahonia (Zierberberitze), Aloe vera – und um Hautkrankheiten wie Neurodermitis (Atopische Dermatitis), Psoriasis (Schuppenflechte), Kontaktekzeme. Vermittelt wird der Stand des Wissens im Bereich Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Wichtig ist dabei nicht nur, welche Heilpflanze sich zur Behandlung welcher Hautkrankheit eignet. Genauso entscheidend ist beispielsweise auch die Wahl der passenden Anwendungsform (z. B. Salbe, wässrige Anwendung, Lotion) entsprechend dem jeweiligen Ekzemstadium.
Hier finden Sie Informationen zum Tagesseminar “Heilpflanzen bei Hauterkrankungen und Wunden”:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php
Im Buchshop können Sie das Fachbuch zum Thema anschauen und kaufen:
Phytotherapie bei Hauterkrankungen
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Mittwoch, November 18th, 2009
Die Vogelkirsche wurde zum Baum des Jahres 2010 gewählt.
Deshalb nun hier eine Laudatio auf die Vogelkirsche und anschliessend einen Exkurs zu den Anthocyanen, die wesentlich zu den gesundheitsfördernden Wirkungen der Kirschen beitragen und als blaue Farbstoffe auch in anderen Heilpflanzen (z.B. den Heidelbeeren) Bedeutung haben.
Die Vogelkirsche mit den schneeweißen Blüten begleite die Menschheit seit Jahrtausenden, sei heute jedoch nur noch selten zu finden, teilte das Kuratorium Baum des Jahres in Berlin mit.
Süßkirschen seien Zuchtformen der Vogelkirsche und nur schwer voneinander unterscheidbar. Weil die Vogelkirsche (Prunus avium) Hitze und Trockenheit verträgt, könnte sie vom Klimawandel profitieren, erklärte der Kuratoriumsvorsitzende Silvius Wodarz.
Die Krone einer frei stehenden Vogelkirsche mit bis zu einer Million Blüten spendet reichlich Nektar für Hummeln und Bienen. Die genügsame Pflanze kann im Wald bis zu 30 Meter hoch und 150 Jahre alt werden. Da die Vogelkirsche nur wenig Nährstoffe und Feuchtigkeit braucht, wächst sie auch auf Schuttflächen.
Vogelkirschen wachsen an Waldrändern und in freien Landschaften. Die Früchte dieser Wildform sind deutlich kleiner als die kultiverten Süßkirschen. Das wertvolle Holz der Vogelkirsche wird als Furnier geschätzt.
Für die Veredelung zur Süßkirsche pfropft man Zweige auf die Vogelkirsche. Kulturkirschen sind an knollenartigen Verdickungen des Stammes – der Pfropfstelle – erkennbar. Die Römer brachten die Kulturkirsche zu uns nach Mitteleuropa. Heute liegt die Jahresernte an Süßkirschen weltweit bei etwa 2 Millionen Tonnen. In Europa sei Deutschland das Land mit der größten Erntemenge (2008: etwa 60 000 Tonnen ohne private Kirschbäume).
Kirschkerne können sogar zu Kunstobjekten werden. Im “Grünen Gewölbe” in Dresden ist ein Kern aus dem Jahre 1589 mit 185 geschnitzten Gesichtern zu bestaunen. Kirschkernkissen sollen zudem Rheuma und Hexenschuss lindern. Auch Weltmeisterschaften im Kirschkern-Weitspucken werden durchgeführt. Ein ästhetisches Highlight der Vogel- und Süßkirsche ist ihre leuchtende Herbstfärbung, betonte das Kuratorium “Baum des Jahres”. Das Gremium empfahl ausserdem, jetzt einen Kirschbaum zu pflanzen.
Im Jahr 2008 war der Bergahorn gekürt worden. Die Auszeichnung wird seit 1989 jährlich verliehen. Mit der Wahl soll mehr Sensibilität für das lebendige Kulturgut rund um den Baum geschaffen werden. Nur wer etwas über Baumarten wisse, könne auch ökologische Zusammenhänge begreifen, argumentiert der Deutsche Forstverein.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/2032569_Vogelkirsche-Baum-des-Jahres-2010.html
Kommentar & Ergänzung:
Die Vogelkirsche zählt nicht zu den Heilpflanzen, ist aber für die Tierwelt als Nahrungsquelle wertvoll.
Die hellroten Steinfrüchte der Vogelkirsche reifen im Sommer zu etwa 1 cm kleinen, kugeligen, schwarzroten Früchten heran. Sie enthalten 10 % Zucker und sind wegen ihres bitteren Geschmacks für Menschen kaum essbar, werden jedoch gerne von Vögeln und Insekten gefressen.
Kulturkirschen dagegen sind als Nahrungsmittel beliebt und gesund unter anderem wegen ihrem hohen Gehalt an Anthocyanen, die man als Farbstoffe auch in anderen blauen Früchten wie Brombeeren, Heidelbeeren oder schwarzen Johannisbeeren findet.
Den Anthocyanen werden eine ganze Reihe von günstigen Wirkungen auf die Gesundheit zugeschrieben, weshalb sie Gegenstand intensiver Forschung sind.
Was hat es mit den Anthocyanen auf sich?
Anthocyane sind eine Untergruppe der Biophenole. Sie sind stark wirkende Antioxidanzien. Die eigentlich wirksamen Stoffe sind die farblosen Vorstufen, die Proanthocyane. Sie zerfallen, sobald sie mit Sauerstoff in Kontakt kommen und werden durch Kochen meisten ebenfalls zerstört. Anthocyane sind enthalten im Rotkohl sowie in den roten Salatsorten (Kopfsalate Barbarossa, Rotkäppchen; Eissalate Rosso und Sioux, Eichblattsalat), auch in Heidelbeeren [Waldheidelbeeren haben den höchsten Gehalt überhaupt, in geringerem Masse die Gartenheidelbeeren und Holunderbeeren, in dunklen Bohnen und in Sauerkirschen]. Anthocyane bewirken ebenfalls den violetten Farbton in den Artischocken, den blauen Farbton in Weintrauben, den lila Farbton in den Auberginen.
Die Anthocyane sollen die Zellatmung verbessern, Darmkrebs und Ablagerung von LDL-Cholesterin in den Gefässen entgegenwirken und vor Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen. Anthocyane aus den Kirschen wirken schmerzstillend und entzündungshemmend. Anthocyane werden von Pflanzen auch gebildet, wenn sie unter Bakterien- oder Insektenbefall, Hitze- oder UV-Strahlungs-Stress oder Wunden leiden. Die tiefroten Wundanthocyane sind dann deutlich an den Wundrändern zu beobachten. Anthocyane in den Holunder- und Heidelbeeren sollen die Sehfähigkeit in der Nacht verbessern und den Cholesterinspiegel senken.
Das Flugmedizinische Institut der deutschen Luftwaffe in Fürstenfeldbruck hat unter Einwirkung der Anthocyane eine bessere Sicht bei Dunkelheit bestätigt und reduzierte Blendeinwirkung entgegenkommender Autos festgestellt. Diese Wirkung stellt sich jedoch nur bei sehr hoher Konzentration ein, wie sie bei Genuss von Heidelbeeren nicht erzielt werden kann. Der Anthocyan-Wirkstoff wirkt auch stabilisierend auf die feinen Blutgefässe der Netzhaut. Er wird angewendet bei diabetischer Retinopathie und Makula-Degeneration. Alle Anthocyan-Farbstoffe schützen auch schon in kleinen Mengen vor Freien Radikalen (Uni Jena, Volker Böhm). Laut amerikanischen Wissenschaftlern schützen die Anthocyane der Sauerkirschen besser vor Freien Radikalen als Vitamin E.
(Quelle: http://www.bio-gaertner.de)
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Dienstag, November 17th, 2009
Johanniskraut wird in die S3-Leitlinie aufgenommen. Wirksamkeit und Verträglichkeit konnten im vorigen Jahr in einem Cochrane-Review belegt werden.
“Zur Behandlung einer akuten mittelgradigen depressiven Episode soll Patienten eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressivum angeboten werden.” Diese Empfehlung wird in der neuen “S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie zur unipolaren Depression” stehen. Und darüber hinaus wird die S3-Leitlinie festhalten: “Wenn bei leichten oder mittelgradigen Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden.”
Johanniskraut-Extrakte werden damit in eine Reihe mit synthetischen Antidepressiva gestellt oder ihnen sogar vorangestellt. Sie verdanken dies ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit. Beides konnte 2008 in einem Cochrane-Review nachgewiesen werden, welcher 18 placebokontrollierte und 17 verumkontrollierte klinische Studien mit Johanniskraut-Präparaten umfasste. Die Studien dauerten 1 bis 3 Monate und schlossen insgesamt fast 5500 Patienten mit “major depression” ein.
“Die Johanniskraut-Präparate waren Placebo eindeutig überlegen”, erklärte Professor Hans-Jürgen Möller bei einer Veranstaltung des Unternehmens Steigerwald. Sie hätten eine ähnliche Wirkung wie synthetische Standard-Antidepressiva, würden aber besser toleriert. Das zeigte sich auch an den Drop-out-Raten der Studienteilnehmer: Bei den modernen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) waren sie zweimal, bei den älteren Antidepressiva sogar viermal so hoch wie bei Johanniskraut-Präparaten.
“Johanniskraut ist in Dosierungen für Patienten mit mittelschweren Depressionen seit April verschreibungspflichtig”, sagte der Experte aus München. “Aber nur, weil diese Patienten in ärztliche Betreuung gehören.”
Die neue S3-Leitlinie soll beim DGPPN-Kongress Ende November in Berlin präsentiert werden.
Quelle:
http://www.aerztezeitung.de
Kommentar & Ergänzung:
Von allen Heilpflanzen ist Johanniskraut wohl am besten wissenschaftlich dokumentiert. Das gilt allerdings nicht für Johanniskraut als Tee oder Tinktur, sondern nur als Extrakt. Alle relevanten Studien wurden mit Johanniskrautextrakt-Präparaten gemacht. Damit ist noch nicht gesagt, dass Johanniskraut-Tee oder Johanniskraut-Tinktur keinerlei Wirkung haben. Es fehlen dazu aber jegliche Belege.
Der Sprung von Johanniskraut-Extrakten in die S3-Leitlinie ist zweifellos ein Erfolg für die Phytotherapie-Forschung.
Laut obiger Meldung auf www.aerztezeitung.de und auch laut Informationen aus der Phytotherapie-Fachpresse sind die wirksamen Johanniskraut-Präparate in Deutschland verschreibungspflichtig geworden, jedenfalls bei der Indikation “mittelschwere Depression”.
In der Schweiz sind hingegen auch bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit gut belegte Johanniskraut-Extrakte erhältlich, die rezeptfrei in Apotheken gekauft werden können. Weil Drogerien solche Präparate nicht mehr verkaufen dürfen, werden dort stattdessen oft homöopathische oder spagyrische Johanniskraut-Zubereitungen empfohlen. Das ist fragwürdig. Im Sinne des Konsumentenschutzes muss dazu festgehalten werden, dass für solche Produkte jeder Beleg für eine Wirksamkeit fehlt.
Was sind S3-Leitlinien?
Leitlinien sind systematisch entwickelte Darstellungen und Empfehlungen, deren Zweck es ist, Ärzte und Patienten bei Entscheidungen über angemessene Maßnahmen der Krankenversorgung (Prävention, Diagnostik, Therapie, Nachsorge) unter spezifischen medizinischen Umständen zu unterstützen. Leitlinien werden in 3 Stufen unterteilt, wobei S3 die höchste Stufe ist. Dabei fliessen Expertenmeinung und systematisch in Studien gewonnene Erkenntnisse in die Erarbeitung mit ein. Gegenwärtig existieren 678 Leitlinien, davon 53 S3-Leitlinien.
Leitlinien geben den Stand des Wissens (Resultate von Kontrollierten Klinischen Studien und Wissen von Experten) über effektive und angemessene Krankenversorgung zum Zeitpunkt der “Drucklegung” wieder. Als Folge der unausbleiblichen Fortschritte wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Technik braucht es daher periodische Überarbeitungen, Erneuerungen und Korrekturen.
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Montag, November 16th, 2009
Dem Grüntee haben Mediziner schon verschiedenste gesundheitsförderliche Eigenschaften bescheinigt. Nun konnten US-Wissenschaftler einen Aspekt ergänzen: Ein Grüntee-Extrakt kann offenbar im Kampf gegen die Vorstufe von Mundkrebs wirksam sein.
Der bösartigen Krebserkrankung im Mundraum geht in oft eine sogenannte orale Leukoplakie voraus. Das ist eine weißliche Veränderung der Mundschleimhaut. Nicht in jedem Fall entwickelt sich aus ihr Mundkrebs. Doch Ärzte betrachten sie als mögliches “Frühwarnsignal” und Betroffene gelten darum häufig als Risikopatienten.
Forscher der University of Texas haben Menschen dieser Risikogruppe mit einem Grüntee-Extrakt behandelt. Dieser zeigte eine deutliche Auswirkung auf die Veränderungen der Mundschleimhaut und die günstige Wirkung war nicht von schweren Nebenwirkungen begleitet, wie es bei anderen Behandlungsansätze der Fall ist. In hohen Dosen kann der Grüntee-Extrakt lediglich zu Schlafstörungen führen. Er wirkt jedoch nicht giftig auf den Organismus. Weitere Forschung ist notwendig, um die Heilungsfähigkeiten des Grüntee-Extrakts präzis einzugrenzen. Es wird vermutet, dass die im Grüntee enthaltenen Antioxidantien (Polyphenole) für den krebshemmenden Effekt verantwortlich sind.
Quelle:
http://de.news.yahoo.com/12/20091105/thl-gruentee-als-helfer-gegen-mundkrebs-d343981.html
Kommentar & Ergänzung:
Grüntee kann man mit Fug und Recht zu den Heilpflanzen zählen (wie Schwarztee natürlich auch). Es ist aber oft sehr schwierig, bei der Grüntee-Forschung zu unterscheiden, was nun für Patientinnen und Patienten wirklich relevant ist, und was vorläufig nur experimentellen Charakter hat.
Bei dieser interessanten Meldung fehlen konkreten Angaben, die eine genauere Beurteilung ihrer Bedeutung und Fundiertheit möglich machen würden:
Wer genau? “Forscher der University of Texas” genügt nicht.
Wurde die Studie in einer Fachzeitschrift publiziert? Das könnte ein gewisses Qualitätsmerkmal sein.
Hinweise auf eine günstige Wirkung von Grüntee auf Mundkrebs-Vorstufen gibt es aber schon aus früheren Untersuchungen.
Der Wissenschaftliche Informationsdienst Tee (www.teeverband.de) erwähnt dazu eine Arbeitsgruppe von J. Chen, nach der die als Krebsvorformen der Haut geltenden Leukoplakien der Mundhöhle nach 6-monatiger Behandlung mit Tee, eingenommen oder auf die Schleimhaut aufgebracht, um etwa 38% zurückgehen. Die Publikation dieser Ergebnisse erfolgte durch Li 1999:
Li, N., S. Zheng, C. Han, J. Chen: The chemopreventive effects of tea on human oral
precancerous mucosa lesions. In: Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine 220 (1999)
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