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	<title>Kommentare zu: Sozialdemokratische Partei (SPS) &amp; Komplementärmedizin: Heimatschutz auch für unseriöse Naturheilmittel?</title>
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		<title>Von: Martin Koradi</title>
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		<dc:creator>Martin Koradi</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov -0001 00:00:00 +0000</pubDate>
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		<description>Sehr geehrter Herr Fischer&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Danke f&#252;r Ihr Statement. Ich freue mich auch &#252;ber kritische Reaktionen, weil es mir im Bereich Komplement&#228;rmedizin generell an einer engagierten, kontroversen Debatte zu mangeln scheint. Ich erlaube mir daher, Punkt f&#252;r Punkt auf Ihren Text einzugehen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Einen Heilmittelschatz ganz generell zu bewahren ist eine weise Entscheidung, nicht unbedingt eine rationale.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Ich bestreite ja gar nicht, dass es wertvolle traditionelle Heilmittel gibt, die zu bewahren eine wichtige Aufgabe sein kann. Ihre Aussage scheint mir aber sehr abstrakt und sie l&#228;sst den konkreten Kontext ausser acht, in dem meine Fragen gestellt sind (auf Kontextbezug legen Sie doch Wert?).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Es geht darum, ob der Staat jedes Produkt pauschal als Heilmittel akzeptieren soll, das unter der Flagge &#039;traditionell&#039; angepriesen wird. Ob der Staat erlauben soll, dass solche Produkte grunds&#228;tzlich und ohne Kriterien bez&#252;glich Wirksamkeit in den Apotheken und Drogerien als Heilmittel verkauft werden d&#252;rfen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Abstrakt kann man die Bewahrung des ganzen traditionellen Heilmittelschatzes schon w&#252;nschen.&lt;br /&gt; Schauen wir uns doch konkrete Beispiele dazu an:&lt;br /&gt; Bis hin zu Paracelsus galt die &#039;Waffensalbe&#039; als bew&#228;hrtes Heilmittel. Wurde ein Mensch zum Beispiel durch ein Schwert verletzt, behandelte man das Schwert mit einer Salbe, nicht die Wunde. Soll der Staat eine Waffensalbe in die Liste der traditionellen Heilmittel aufnehmen, wenn das jemand beantragen w&#252;rde? Sollen die Krankenkassen die Waffensalbe ohne Wirksamkeitsnachweis aus der Grundversicherung bezahlen, wie es heute schon bei Hom&#246;opathika und Anthroposophika der Fall ist? Wenn das bei Hom&#246;opathika m&#246;glich ist, warum nicht auch bei der Waffensalbe?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Nun, vielleicht halten Sie das Beispiel &#039;Waffensalbe&#039; f&#252;r absurd. Aber erstens f&#228;llt dieses Beispiel gar nicht so aus dem Rahmen. Es gibt es im Bereich der Komplement&#228;rmedizin eine ganze Anzahl von Produkten, die dann ebenso als absurd bezeichnet werden m&#252;ssten. Und zweitens ist &#039;absurd&#039; noch kein Unterscheidungskriterium.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Beim Aufkommen der Schusswaffen galt als bew&#228;hrteste Behandlung von Schussverletzungen das Auskochen der Wunde mit siedendem Holunder&#246;l. Z&#228;hlt dies auch zum Heilmittelschatz, den Sie unbesehen bewahren wollen?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Wir k&#246;nnen aber auch Beispiele aus der Gegenwart diskutieren: Was halten Sie vom &#039;Wunderfigurtee&#039; den ich in einer Apotheke der Stadt Bern erstanden habe. Er enth&#228;lt ausschliesslich stark abf&#252;hrende und entw&#228;ssernde Heilpflanzen und der Beipackzettel verspricht, dass man der eigenen Traumfigur pro Woche 2 - 3 Kilogramm n&#228;her kommt, wenn man t&#228;glich einen Liter davon trinkt.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Solche meines Erachtens betr&#252;gerischen Produkte sollen staatlich privilegiert werden, damit der traditionelle Heilmittelschatz bewahrt bleibt. Abf&#252;hrmittel wie Sennesbl&#228;tter sind sehr traditionell, aber als Schlankheitsmittel nach heutigem Kenntnisstand v&#246;llig ungeeignet. Oder argumentieren Sie hier auch damit, dass uns halt noch die passende Betrachtungsweise fehlt? Damit k&#246;nnen Sie alles legitimieren und sich um eine sorgf&#228;ltige Urteilsbildung dr&#252;cken.&lt;br /&gt; Eine differenzierte Urteilsbildung w&#228;re aber meines Erachtens n&#246;tig.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Auf einer grunds&#228;tzlicheren Ebene sprechen Sie eine interessante Differenz an zwischen &#039;weise&#039; und &#039;rational&#039;. Ich befasse mich seit einigen Jahren mit den Unterschieden zwischen dem altchinesischen und der westlichen Denken - mit Chinareisen und einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk von Fran&#231;ois Jullien, der diese fundamentalen Unterschiede erhellend beschreibt, so zum Beispiel im Buch &#039;Der Weise h&#228;ngt an keiner Idee&#039; (Wilhelm Fink Verlag 2001). Danach ist f&#252;r die Weisheitstraditon charakteristisch, dass sie sich stets f&#252;r alles offen h&#228;lt, nichts vorbringt, nicht Stellung bezieht oder Partei ergreift. Sie verf&#252;gt dadurch auch &#252;ber keinen Stoff, &#252;ber den debattiert werden k&#246;nnte oder anhand dessen sie zu widerlegen w&#228;re.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Die westliche Denktradition, wie sie sich aus der griechischen Philosophie heraus entwickelt hat, setzt auf Debatte, Diskurs, Diskussion, Kl&#228;rung von Begriffen, Parteinahme.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Dass uns die Weisheitstradition etwas zu sagen hat - dass wir von ihr Wertvolles lernen k&#246;nnen, steht f&#252;r mich ausser Frage. Auch von der westlichen Weisheitstradition &#252;brigens, welche immer etwas &#039;randst&#228;ndig&#039; blieb und nie die zentrale Stellung innehatte wie die Weisheitslehren in China.&lt;br /&gt; Von Montaigne (1533-1592) zum Beispiel, den ich sehr sch&#228;tze, k&#246;nnen wir viel lernen &#252;ber den Umgang mit Krankheit.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Mein Text befasst sich aber mit einem politischen Thema, dem Umgang der Sozialdemokratischen Partei (SPS) mit den Traktanden &#039;Komplement&#228;rmedizin&#039; und &#039;traditionelle Heilmittel&#039;. In diesem politischen Kontext scheinen mir Weisheitslehren kein ad&#228;quater Bezugspunkt. Demokratie lebt von Diskurs, Debatte, Stellungnahme, Parteinahme gar. Der &#039;Weise&#039; aber &#039;h&#228;ngt an keiner Idee&#039;, wie Fran&#231;ois Jullien sagen w&#252;rde. In diesem Sinne sind Weisheitslehren kaum &#039;demokratiekompatibel&#039;, bestimmt aber ungeeignet f&#252;r einen demokratischen Diskurs. Dass sich erste demokratische Elemente in der griechischen Polis entwickelt haben, w&#228;hrend China niemals Schritte in diese Richtung machte, spricht hier f&#252;r sich.&lt;br /&gt; Wenn Sie also eine Differenz postulieren zwischen &#039;weise&#039; und &#039;rational&#039; (eine &#039;westliche&#039; Differenzierung notabene), dann ziehe ich in diesem politischen Kontext die &#039;griechisch-philosophische Rationalit&#228;t&#039; vor, weil sie fundamental mit der demokratisch-politischen Sph&#228;re verbunden ist und ihre Grundlage bildet.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Zur Basis sowohl demokratischer als auch rationaler Prozesse geh&#246;rt zum Beispiel auch ein Streben nach m&#246;glichst transparenten, genau definierten Begriffen und Positionen. Wischiwaschi-Begriffe wie &#8220;Heilmittelschatz&#8221;, &#8220;traditionell&#8221; und &#8220;bew&#228;hrt&#8221;, die ohne konkreten Inhalt verwendet werden, aber implizit hoch positive Konnotationen transportieren, eignen sich allenfalls f&#252;r manipulative Zwecke, kaum aber f&#252;r eine ernsthafte demokratische Auseinandersetzung.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Aus dem Befund, dass die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) im Kontext &#8220;Komplement&#228;rmedizin&#8221; mit ziemlich rationalit&#228;tsarmen Schlagworten operiert, w&#252;rde ich aber nat&#252;rlich nicht schliessen, dass diese Position schon weise w&#228;re.... Es scheint mir hier eher eine wirre Mischung von postmoderner Beliebigkeit, Populismus und Gedankenlosigkeit am Werk zu sein.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Die Kritik, dass man Heilmittel nur dann als solche bewahren sollte, wenn man Kriterien f&#252;r ihren Wirksamkeitsnachweis nennen kann, zielt ins Leere.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Ich habe nichts dagegen, wenn man Rezepte f&#252;r Waffensalben oder f&#252;r einen Wunderfigurtee aufgewahrt, schriftlich weiterverbreitet, dar&#252;ber diskutiert etc. Es soll auch jedem Menschen frei stehen, eine Waffensalbe oder einen Wunderfigurtee bei sich selber anzuwenden (nur nicht bei Kindern, die nicht selber unteilsf&#228;hig sind bitte, das k&#246;nnte eine Form der Misshandlung sein).&lt;br /&gt; Der Staat darf sich meines Erachtens einfach nicht zum Komplizen von Betrug machen. Wer mit einem Produkt Heilwirkungen verspricht, soll diese Heilwirkungen fundiert dokumentieren, bevor der Staat ein solches Produkt ebenfalls als Heilmittel bezeichnet.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Im Bereich des Lebendigen gibt es kein Wissen, nur Ph&#228;nomenologie..&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;,Ph&#228;nomenologie&#8216; ist ein Begriff, der in unterschiedlichsten Kontexten verwendet wird. Wir m&#252;ssten also zuerst kl&#228;ren, was genau Sie mit diesem Begriff meinen, damit wir einigermassen sicher sein k&#246;nnen, nicht aneinander vorbei zu reden.&lt;br /&gt; ,Ph&#228;nomenologie&#8216; im philosophischen Sinne in der Tradition von Husserl meinen Sie wohl kaum.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Reden Sie von ph&#228;nomenologischem Vorgehen in den Naturwissenschaften oder von Ph&#228;nomenologie als Grundhaltung und erkenntnistheoretischem Werkzeug in therapeutischen Theorien?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Aber mal abgesehen von solchen Differenzierungen:&lt;br /&gt; ,Ph&#228;nomenologie&#8216; kommt von griechisch phain&#243;menon ,Sichtbares, Erscheinung&#8216; und l&#243;gos ,Rede, Lehre&#8216;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Warum behaupten Sie, in der Ph&#228;nomenologie, in der Rede vom Sichtbaren, sei kein Wissen, wenn es um Lebendiges geht. Ich w&#252;rde sagen: Egal ob es um Lebendiges oder Nichtlebendiges geht, wir nehmen immer nur Erscheinung wahr, nicht ein ,Ding an sich&#8216; (Kant). Wenn Sie dem Bereich des Sichtbaren, der Erscheinung jedes Wissen absprechen, postulieren Sie ein wahres Wissen, ein wahres Wesen irgendwo hinter der Erscheinung? Und wie genau stellen Sie sich das vor?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; F&#252;r mich gibt es selbstverst&#228;ndlich Wissen im Bereich des Sichtbaren, des Ph&#228;nomenalen, des Erscheinenden - auch wenn es um Lebendiges geht. Allerdings kein absolutes und endg&#252;ltiges Wissen, sondern durchaus fragmentarisches, irrtumanf&#228;lliges und vorl&#228;ufiges.&lt;br /&gt; Vielleicht sollten wir uns da einfach an Goethe halten:&lt;br /&gt; ,Man suche nur nichts hinter den Ph&#228;nomenen, sie selbst sind die Lehre&#8216;.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Kl&#228;ren m&#252;ssten wir auch, was genau Sie sich unter ,Wissen&#8216; vorstellen, wenn Sie schreiben: ,Im Bereich des Lebendigen gibt es kein Wissen, nur Ph&#228;nomenologie&#8216;?&lt;br /&gt; Auch dies w&#228;re eine Vorbedingung, damit wir nicht aneinander vorbei reden.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;..ansonsten w&#252;rden wissenschaftliche Forschungsergebnisse ja nicht so h&#228;ufig widerrufen oder man bek&#228;me nicht so h&#228;ufig von unterschiedlichen Forschungsgruppen widerspr&#252;chliche Ergebnisse zur gleichen Arzneimitteluntersuchung.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Es ist meines Erachtens gerade die W&#252;rde und ein Vorzug der Wissenschaft, dass sie Irrt&#252;mer korrigieren kann und auch mehr oder weniger gut in der Lage ist, mit Widerspr&#252;chen umzugehen. Dies ganz im Gegensatz zu vielen Heilslehren im Bereich Komplement&#228;rmedizin, welche absolutes, endg&#252;ltiges, frag- und zweifelloses Wissen predigen. Dies zu realisieren im Verlaufe von &#252;ber 30j&#228;hriger T&#228;tigkeit im Bereich der Komplement&#228;rmedizin war ein wichtiger Grund daf&#252;r, dass meine Haltung tendenziell freundlicher wurde gegen&#252;ber Medizin und Wissenschaft - was aber nicht mit einer unkritischen Haltung verwechselt werden sollte. Mein kritischer Blick auf die Komplement&#228;rmedizin dagegen wurde in dieser Zeit gesch&#228;rft.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Methoden, die seit hunderten oder gar tausenden von Jahren die genau gleichen Dogmen vertreten, sind nicht unbedingt besonders wahrheitsnah und wertvoll, sondern vielleicht ganz einfach besonders versteinert und ,immunisiert&#8216; gegen Kritik und Widerlegung.&lt;br /&gt; Es ist die Frage, woher sie ihren ,Wahrschein&#8216; bekommen.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Immer wenn es um komplexe, ganzheitliche Systeme (also lebendige Systeme) geht, beruht alles scheinbare Wissen darauf, dass man nur Teilaspekte einer Ganzheit untersucht und prinzipiell nicht wissen kann, welche vielleicht wesentlichen Teile man nicht ber&#252;cksichtigt hat.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Ich halte schon die Vorstellung einer Ganzheit f&#252;r problematisch. Sie f&#252;hrt fast zwangsl&#228;ufig zu etwas Abgeschlossenem. Mit Karl Popper w&#252;rde ich aber f&#252;r ein offenes Universum pl&#228;dieren.&lt;br /&gt; Dass man nicht das Ganze untersuchen kann, sondern nur einzelne Aspekte, scheint mir selbstverst&#228;ndlich.&lt;br /&gt; Ihre Rede vom scheinbaren Wissen legt nahe, dass Sie es einem wahren Wissen gegen&#252;berstellen. Oder gibt es gar kein Wissen?&lt;br /&gt; Ich w&#252;rde jedenfalls nicht so sehr die Unterscheidung von scheinbarem Wissen und wirklichem / wahrem Wissen in den Vordergrund stellen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Alles Wissen ist meines Erachtens vorl&#228;ufig und kann sich als Irrtum herausstellen. Aber bevor letzteres geschieht, w&#252;rde ich es doch als Wissen bezeichnen.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#039;Hat man Langzeitwirkungen und Nebenwirkungen einbezogen, wie lang ist Langzeit, stimmt &#252;berhaupt die Indikation oder hat man z.B. Kopfschmerzpatienten ohne R&#252;cksicht auf die Herkunft der Kopfschmerzen mit einem bestimmten Mittel behandelt,...&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Ja, das sind schwierige Fragen, die sich wohl in keinem Fall umfassend einbeziehen und beantworten lassen. Mit diesem offen und unvollendet bleiben der Angelegenheiten m&#252;ssen wir umgehen lernen. Und ja, oft weiss man nicht, was genau die Ursachen der Kopfschmerzen sind, und der Patient ist trotzdem dankbar f&#252;r die Linderung des Symptoms.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Ich h&#246;re ja oft in Komplement&#228;rmedizin bzw. Naturheilkunde den Spruch:&lt;br /&gt; ,Die Schulmedizin behandelt nur Symptome, wir aber gehen an die Ursachen.&#8216;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Das kommt mir meistens ziemlich anmassend vor. Wer kann schon in Anspruch nehmen, die wirklichen Ursachen zu kennen? Jede Ursache hat wieder eine oder mehrere Ursachen. Man muss sich da schon einen quasi-g&#246;ttlichen Blick zuschreiben, um die endg&#252;ltigen Ursachen zu erfassen.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;... muss der Patient in einer bestimmten Weise f&#252;r das Heilmittel &#039;ge&#246;ffnet&#039; werden oder darf man unbesehen davon ausgehen, dass diese &#039;&#214;ffnung&#039; v&#246;llig ohne Belang ist.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Ihre Ausdrucksweise an diesem Punkt scheint mir ziemlich mechanistisch: Der Patient muss f&#252;r das Heilmittel ge&#246;ffnet werden. So wie man eine Dose &#246;ffnet oder einen Tresor?&lt;br /&gt; Was meinen Sie genau mit ,ge&#246;ffnet werden&#8216;?&lt;br /&gt; Dass zum Beispiel die Beziehung eines Patienten zum Heilmittel, aber auch zur behandelnden Person, einen Einfluss auf die Therapie haben kann, ist f&#252;r mich keine Frage. Von wem muss der Patient ge&#246;ffnet werden? Vom Heilmittel? Von der Therapeutin? - Der Patient ,muss ge&#246;ffnet werden&#8216;, das heisst doch, er bleibt dabei passiv? - Das scheint mir ein ziemlich elit&#228;res oder autorit&#228;res Arzt-Patienten-Verh&#228;ltnis.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Wie kommt man eigentlich darauf, dass Heilmittel v&#246;llig kontextfrei wirken sollen, wo doch, wie die Gestalttheorie lehrt, rein gar nichts wirklich kontextfrei gedacht werden kann.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Wer sagt denn, dass Heilmittel v&#246;llig kontextfrei wirken sollen. Ich kenne niemanden, der diese Position so extrem vertritt, wie Sie es darstellen. K&#246;nnen Sie dazu Namen bzw. Beispiele nennen?&lt;br /&gt; Es scheint mir jedenfalls sehr klar, dass in einer konkreten therapeutischen Situation der therapeutische Kontext eine mehr oder weniger grosse Rolle spielt. Dazu geh&#246;rt die Beziehung zwischen Therapeut/in und Patient/in, die Erwatungshaltungen dieser beiden Personen an die Therapie, die Erwartungshaltungen im sozialen Umfeld der behandelten Person, die Beziehung und die Vorerfahrungen der behandelten Person mit dem angewendeten Heilmittel etc.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Meiner Ansicht nach ist die Medizin sich der Bedeutung dieser Kontextfaktoren sehr bewusst. Darum versucht man ja gerade, mittels Doppelblindstudien im Vergleich zu Placebo zu kl&#228;ren, ob ein bestimmtes Heilmittel &#252;ber diesen therapeutischen Kontext hinaus eine Wirkung hat.&lt;br /&gt; Dabei sind Doppelblindstudien keineswegs fehlerfrei und er&#246;ffnen auch nicht die endg&#252;ltige Wahrheit. Ich bin aber manchmal schon sehr erstaunt dar&#252;ber, wieviel Abwehr und Widerst&#228;nde dieses Ernstnehmen der Kontextfaktoren in Kreisen der Komplement&#228;rmedizin ausl&#246;st.&lt;br /&gt; Meiner Erfahrung nach ist es viel einfacher, mit meinem Hausarzt &#252;ber solche Kontextfaktoren zu reden als zum Beispiel mit einem Hom&#246;opathen oder einer Hom&#246;opathin. Da zeigt sich oft sehr heftiger Widerstand, wenn die Rede darauf kommt, dass der therapeutische Kontext f&#252;r die Wirksamkeit der Behandlung vielleicht wichtiger sein k&#246;nnte als die Globulis.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Nur wenn man den Menschen als biochemische Maschine begreift (dass Wissenschaft qua eigenem Selbstverst&#228;ndnis gar nicht anders hinschauen kann und jede Innenperspektive leugnen muss, da sie sich ja streng &#252;ber Au&#223;enbeobachtungen definiert) kann man ein solches Wirknachweisverst&#228;ndnis vertreten.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Warum diese absolute Haltung? Wer Fragen stellt nach der Wirksamkeit von Heilmitteln und Heilungsversprechungen und -behauptungen kritisch unter die Lupe nimmt, muss zwangsl&#228;ufig den Menschen als biochemische Maschine begreifen??&lt;br /&gt; Fahren Sie da nicht ein bisschen eng?&lt;br /&gt; Ich kenne eigentlich niemanden, der den Menschen ausschliesslich als biochemische Maschine begreift. Ich sehe diese Position nicht einmal bei Neurowissenschaftlern, von denen einige sich manchmal schon etwas ,fundamentalistisch&#8216; angehaucht &#228;ussern. Warum stellen Sie eine solche Extremposition in den Raum?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Ich jedenfalls sehe den Menschen keinenfalls ausschliesslich als biochemische Maschine und kann trotzdem versuchen, mir eine fundierte, kritische Meinung zu bilden betreffend Heilungsversprechungen und Heilungsbehauptungen.&lt;br /&gt; Was ist denn Ihre Alternative? Blinde Gl&#228;ubigkeit? - Dann w&#228;ren Sie ja der perfekte Konsument.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Die Psychotherapie zeigt alle Nasen lang, dass eine Einsicht heilen kann.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Ja, dass Einsicht manchmal heilen kann, glaube ich auch. Mit Psychotherapie habe ich mich lange und intensiv befasst (u. a. je 4 Jahre Ausbildung in Gestaltpsychotherapie und Beziehungstherapie). Allerdings w&#252;rde ich mich auch hier h&#252;ten, diesen Punkt absolut zu setzen. Auch hier geht es um Differenzierung. Ich sehe keine Hinweise daf&#252;r, dass eine Osteoporose sich durch Einsicht heilen l&#228;sst. Und wenn Hamer mit seiner &#039;Germanischen Medizin&#039; den Leuten einredet, der Krebs w&#252;rde verschwinden, sobald sie ihre seelischen Konflikte gel&#246;st haben, dann halte ich das mit Verlaub gesagt f&#252;r eine gef&#228;hrliche Allmachtsphantasie.&lt;br /&gt; Wer die psychischen Anteile von Krankheiten zu absolut setzt (ich unterstelle Ihnen das nicht), nimmt die k&#246;rperlich-materielle Seite der menschlichen Existenz zu wenig ernst. Die k&#246;rperlich-materielle Seite der menschlichen Existenz ist sehr fragil, jederzeit von Krankheit und Tod bedroht. Wer damit nicht umgehen kann, der legt sich oft ein Konzept zurecht, in dem Krankheit und Gesundheit ausschliesslich von der Psyche bzw. dem Geist gesteuert werden. So kann man sich tr&#246;sten mit der Vorstellung, dass Gesundheit und Krankheit weitestgehend in der eigenen Macht stehen (man muss nur richtig denken und gesund werden wollen!).&lt;br /&gt; Das halte ich f&#252;r ein hoch fragw&#252;rdiges Konzept. Es ist ein Tauschhandel: Ohnmachtsgef&#252;hle werden reduziert, weil man w&#228;hnt, das Steuer voll in der Hand zu haben, aber Schuldgef&#252;hlen kommen nahe, wenn es doch zu einer ernsthaften Erkrankung kommt. Denn dann hat man etwas Grundlegendes falsch gemacht.&lt;br /&gt; Ich w&#252;rde jedenfalls sehr vorsichtig und sorgf&#228;ltig mit solchen Theorien umgehen, die das Schwergewicht der Krankheitsentstehung auf breiter Front im psychisch-geistigen Bereich sehen.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Vielleicht heilen Heilpflanzen auch &#252;ber eine Art &#039;Begegnung&#039;, sozusagen von Lebewesen zu Lebewesen, die in einem Doppelblindsetting nat&#252;rlich nicht abgefragt werden kann.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Dann ist das Heilende meines Erachtens die Begegnung, nicht die Heilpflanze an sich. Martin Buber (1878-1965) beschreibt in seinem bekanntesten Werk &#039;Das dialogische Prinzip&#039; eine Ich-Du-Beziehung, die er auch auf die Begegnung mit Pflanzen hin schildert - am Beispiel der Betrachtung eines Baumes. Martin Buber besteht darauf, dass eine Ich-Du-Beziehung auch zu einem Baum eine Beziehung auf Gegenseitigkeit ist. Er l&#228;sst aber v&#246;llig offen, in welcher Form der Baum an dieser Beziehung beteiligt ist:&lt;br /&gt; &#039;So h&#228;tte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unseren &#228;hnlich? Ich erfahre es nicht.&#039;&lt;br /&gt; Buber phantasiert nicht irgendwelche geheimen Kr&#228;fte in die Pflanze, die man dann dort als Mensch quasi wie an einer Tankstelle beziehen kann, wie es heute in gewissen Kreisen dem konsumistischen Zeitgeist entsprechend &#252;blich ist. Entscheidend ist f&#252;r Martin Buber vielmehr, dass sich der Mensch auf die Begegnung einl&#228;sst:&lt;br /&gt; &#039;Es kommt auf eine Wesenstat des Menschen an: vollzieht er sie, spricht er mit seinem Wesen das Grundwort zu der erscheinenden Gestalt, dann str&#246;mt die wirkende Kraft...&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Die Kraft entspringt hier eher aus der Begegnung, aus dem Zwischen. Eine buber&#8216;sche Ich-Du-Beziehung l&#228;sst sich nicht instrumentalisieren. Sie ist offen und in keiner Art vorbestimmt. Ich kann mich dann nicht auf welche Art auch immer mit dem Augentrost vereinen und daraus Kraft f&#252;r die Augen tanken. Ich-Du-Begegnungen ver&#228;ndern, aber die Art der Ver&#228;nderung ist unvorhersehbar und unkontrollierbar.&lt;br /&gt; Ein instrumenteller Umgang mit Heilpflanzen, bei dem man von ihr eine ganz bestimmte Kraft, Schwingung oder Energie zu erhalten hofft, ist genauso eine Ich-Es-Beziehung wie die Einnahme eines isolierten Wirkstoffes.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Wenn Sie also von &#039;Begegnung&#039; sprechen m&#252;ssen wir zuerst kl&#228;ren, in welcher Weise sie den Begriff verwenden.&lt;br /&gt; Dass im &#039;Doppelblindsetting&#039; solche &#228;sthetischen und emotionalen Aspekte zwischen Mensch und Heilpflanze nicht erfasst werden, liegt meines Erachtens auf der Hand. Das spricht aber nicht gegen eine Auseinandersetzung auch mit den Ergebnissen von Doppelblindstudien.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Wissenschaft und Sachlichkeit haben ihre beste Berechtigung im Bereich der Objekte. Wo es um Ganzheitlichkeit geht, gibt es kein wirkliches kontextfreies Wissen, nur Ph&#228;nomenologie.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Meinen Sie mit &#039;Wissenschaft&#039; an dieser Stelle &#039;Naturwissenschaft&#039;? Die Medizin ist ja nicht nur Naturwissenschaft. Sie hat verschiedene Geisteswissenschaften integriert (Medizinpsychologie, Medizinsoziologie, Medizinphilosophie, Psychosomatik).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Diese Fachbereiche verstehen sich auch als Wissenschaften und befassen sich mit dem Menschen. W&#252;rden Sie diesen Disziplinen Aussagen und (immer beschr&#228;nktes, vorl&#228;ufiges) Wissen zum Menschen zubilligen? Oder denken Sie, dass auch hier der Mensch vollst&#228;ndig objektiviert wird?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Nach meinem Empfinden h&#246;re ich in Ihrem Text zuwenig Zwischent&#246;ne und zuviel absolute, ausschliessende Formulierungen wie &#8220;keine&#8221;, &#8220;nie&#8221; oder &#8220;immer&#8221;. Und dies in Bereichen, in denen Differenzierungen m&#246;glich w&#228;ren.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Solche Ausschliesslichkeiten f&#252;hren leicht in dogmatische Gefilde und sie sind nebenbei gesagt auch kaum kompatibel mit den von Ihnen ja favorisierten Weisheitslehren, die sich f&#252;r alles offen halten.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Sie schreiben: &#039;Wo es um Ganzheitlichkeit geht.....&#039;&lt;br /&gt; Hier fragt sich, ob es denn um Ganzheitlichkeit gehen soll. Ich w&#228;re mit diesem Begriff sehr vorsichtig. Der Anspruch, ganzheitlich zu heilen beispielsweise scheint mir sehr &#252;berzogen. Das Ganze kann wohl kein Mensch erfassen - weder der Patient noch die Therapeutin - weil unsere Wahrnehmung sehr eingeschr&#228;nkt ist. Und das Ganze zu behandeln scheint mir auch ziemlich unpraktikabel, weil immer eine Auswahl getroffen werden muss, sobald es um konkrete Handlungen geht und nicht mehr um ideale Vorstellungen.&lt;br /&gt; Hofrat Goethe hatte hier wohl auch seine Zweifel:&lt;br /&gt; &#039;Glaub unsereinem, dieses Ganze,&lt;br /&gt; Ist nur f&#252;r einen Gott gemacht.&#039;&lt;br /&gt; Anstelle von &#039;Ganzheitlichkeit&#039; w&#252;rde ich lieber einen kontextsensiblen Reduktionismus vertreten. Aber zugegeben, das t&#246;nt viel n&#252;chterner und weniger &#039;w&#228;rmend&#039; als die Rede von der Ganzheitlichkeit. Ein kontextsensibler Reduktionismus gibt zu, dass eine Ganzheit nicht erreichbar und eine Reduktion auf Bruchst&#252;cke / Teilbereiche / Ausschnitte etc. daher n&#246;tig ist. Zugleich fordert er aber sensible Aufmerksamkeit f&#252;r den Kontext, f&#252;r das Darum-herum.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Sie schreiben zudem auch hier wieder, dass es kein wirkliches Wissen gibt im Bereich der Ganzheitlichkeit. Offen bleibt, was Sie unter wirklichem Wissen verstehen.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Wenn es also Hinweise aus &#220;berlieferungen gibt f&#252;r die Wirksamkeit von Heilpflanzen innerhalb einer bestimmten kulturellen Einbettung, dann sind diese ernst zu nehmen und nicht in wissenschaftlichem &#220;berschwang mit Sachlichkeitsargumenten (wo Lebewesen eben gerade keine Sachen sind) vorschnell &#252;ber Bord zu werfen.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Da kommt schon wieder die Sachlichkeit. Ja, Lebewesen sind keine Sachen. Sie scheinen den Begriff &#039;Sachlichkeit&#039; zu verwenden aus einem Kontext von &#039;Sache&#039; in der Rechtssprache. Bei Kant: &#039;ein Ding, das keiner Zurechnung f&#228;hig ist. Ein jedes Objekt der freien Willk&#252;r, welches selbst der Freiheit ermangelt, heisst daher Sache (res corporalis).&#039; (Met. d. Sitten II, Einl. IV).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; So bekommt Sachlichkeit im Umgang mit Heilpflanzen eine ziemlich negative Konnotation. Man k&#246;nnte Sachlichkeit auch positiver sehen:&lt;br /&gt; &#039;seelisch-geistige Tendenz, Handlungen nicht um des pers&#246;nlichen Vorteils willen, sondern im Dienste einer h&#246;heren Ordnung zu vollziehen. Voraussetzung der Sachlichkeit sind die F&#228;higkeit, Sachverhalte ohne Voreingenommenheit und Vorurteil zu erfassen....&#039; (aus: Philosophisches W&#246;rterbuch, Alfred Kr&#246;ner Verlag 1965).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; T&#246;nt doch viel besser, warum also stellen Sie Sachlichkeit im Umgang mit Heilpflanzen so negativ dar? (dass eine solche Sachlichkeit ohne Vorurteil und Voreingenommenheit nur angestrebt, aber nicht erreicht werden kann, liegt auf der Hand).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Und wer fordert denn hier, dass Hinweise aus &#220;berlieferungen f&#252;r die Wirksamkeit von Heilpflanzen vorschnell &#252;ber Bord zu werfen sind? Ich jedenfalls bestimmt nicht. Sie wehren sich hier meinem Eindruck nach gegen ein Zerrbild, das Sie selber erst aufgebaut haben.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Nat&#252;rlich, man soll Hinweise auf die Wirksamkeit von Heilpflanzen &#039;innerhalb einer bestimmten kulturellen Einbettung&#039; ernst nehmen.&lt;br /&gt; Dazu geh&#246;rt aber auch, dass der kulturelle Kontext selbst ebenfalls ernst genommen wird.&lt;br /&gt; Um beispielsweise einen Hinweis Hildegard von Bingen&#8216;s (1098-1179) zur Wirksamkeit einer bestimmten Heilpflanze ernst zu nehmen, m&#252;sste zuerst der Kontext verstanden werden, in dem diese Empfehlung gr&#252;ndet: Die mittelalterliche Klostermedizin, das Welt-, Menschen- und Gottesbild des Mittelalters etc.&lt;br /&gt; Und es m&#252;sste auch gekl&#228;rt werden, ob die Pflanzenbezeichnung und die Krankheitsbeschreibung in den Hildegard-Schriften eindeutig heutigen Pflanzennamen und Krankheitsbegriffen zugeordnet werden k&#246;nnen, was gar nicht immer leicht ist. Dieses Ernstnehmen des Kontextes f&#252;hrt nicht selten zur Erkenntnis, dass eine bestimmte Heilpflanzen-Empfehlung viel zu stark mit dem Denken und der Lebenssituation damaliger Menschen verkn&#252;pft ist, als dass sie aus ihrem Kontext einfach isoliert und 1 : 1 in die Gegenwart transferiert werden k&#246;nnte. Eine solche historisch-philosophische Auseinandersetzung ist meines Erachtens eine Form des Respekts gegen&#252;ber Traditionen, auch wenn danach nicht einfach alle Empfehlungen blind &#252;bernommen werden.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Denn schliesslich sollten meiner Ansicht nach traditionelle Empfehlungen durchaus noch auf ihre Plausibilit&#228;t und auf ihre Kompatibilit&#228;t mit gegenw&#228;rtigem Wissen &#252;berpr&#252;ft werden.&#039;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Ich habe wenige Angst vor dem ein oder anderen vielleicht unlauteren Gesch&#228;ftemacher, als dass f&#252;r diese paar Wenigen einst bew&#228;hrte Heilmittel, deren Wirken man im Augenblick aufgrund untauglicher Betrachtungsperspektive vielleicht nicht versteht, achtlos auf den M&#252;llhaufen zu werfen.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; &#039;Die unlauteren Gesch&#228;ftemacher gibt es im Bereich Komplement&#228;rmedizin. Ich halte sie aber nicht f&#252;r das Hauptproblem. Meines Erachtens &#252;bersehen Sie jedoch ein anderes und viel bedeutenderes Ph&#228;nomen. Ich meine die zahllosen kleinen und grossen Gurus und Heilsapostel, welche zutiefst &#252;berzeugt sind, mit ihren Naturheilmitteln jede Krankheit heilen zu k&#246;nnen. Solche Figuren wirken sehr viel &#252;berzeugender als die puren Gesch&#228;ftemacher. Sie profilieren sich auf Kosten verzweifelter Patienten als Retter und halten sie manchmal auch von lebenswichtigen Behandlungen ab. Das ist ja meines Erachtens genau ein Grund daf&#252;r, warum es kritische Pr&#252;fung braucht und nicht blinde Gl&#228;ubigkeit - auch der Tradition gegen&#252;ber.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Nennen Sie doch Beispiele f&#252;r &#039;einst bew&#228;hrte Heilmittel&#039;, dann k&#246;nnen wir konkret diskutieren. Sonst bleibt dieser Ausdruck eine sch&#246;ne Worth&#252;lse.&lt;br /&gt; Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was &#039;bew&#228;hrt&#039; ist?&lt;br /&gt; Und warum hier schon wieder ein solches Zerrbild vom &#8220;achtlos auf den M&#252;llhaufen..werfen.&#8221;&lt;br /&gt; Es geht - mir jedenfalls - nicht um achtloses auf den M&#252;ll werfen.&lt;br /&gt; Ich weiss nicht, wo Sie eine solche Aussage in meinem Text sehen. Es geht um sorgf&#228;ltige Pr&#252;fung - m&#246;glichst von verschiedenen Seiten her.&lt;br /&gt; Dagegen ist meines Erachtens auch kein Gegenargument, dass &#039;man im Augenblick aufgrund untauglicher Betrachtungsperspektive&#039; das Wirken mancher Heilpflanzen nicht versteht. Damit k&#246;nnen Sie jede Behauptung gegen kritische Fragen immunisieren. Wir m&#252;ssen mit dem heutigen, immer unvollst&#228;ndigen und vorl&#228;ufigen Wissenstand nach einer sorgf&#228;ltigen Differenzierung streben.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Martin Koradi, Dozent f&#252;r Phytotherapie / Pflanzenheilkunde</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Sehr geehrter Herr Fischer</p>
<p> Danke f&uuml;r Ihr Statement. Ich freue mich auch &uuml;ber kritische Reaktionen, weil es mir im Bereich Komplement&auml;rmedizin generell an einer engagierten, kontroversen Debatte zu mangeln scheint. Ich erlaube mir daher, Punkt f&uuml;r Punkt auf Ihren Text einzugehen.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Einen Heilmittelschatz ganz generell zu bewahren ist eine weise Entscheidung, nicht unbedingt eine rationale.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Ich bestreite ja gar nicht, dass es wertvolle traditionelle Heilmittel gibt, die zu bewahren eine wichtige Aufgabe sein kann. Ihre Aussage scheint mir aber sehr abstrakt und sie l&auml;sst den konkreten Kontext ausser acht, in dem meine Fragen gestellt sind (auf Kontextbezug legen Sie doch Wert?).</p>
<p> Es geht darum, ob der Staat jedes Produkt pauschal als Heilmittel akzeptieren soll, das unter der Flagge &#8216;traditionell&#8217; angepriesen wird. Ob der Staat erlauben soll, dass solche Produkte grunds&auml;tzlich und ohne Kriterien bez&uuml;glich Wirksamkeit in den Apotheken und Drogerien als Heilmittel verkauft werden d&uuml;rfen.</p>
<p> Abstrakt kann man die Bewahrung des ganzen traditionellen Heilmittelschatzes schon w&uuml;nschen.<br /> Schauen wir uns doch konkrete Beispiele dazu an:<br /> Bis hin zu Paracelsus galt die &#8216;Waffensalbe&#8217; als bew&auml;hrtes Heilmittel. Wurde ein Mensch zum Beispiel durch ein Schwert verletzt, behandelte man das Schwert mit einer Salbe, nicht die Wunde. Soll der Staat eine Waffensalbe in die Liste der traditionellen Heilmittel aufnehmen, wenn das jemand beantragen w&uuml;rde? Sollen die Krankenkassen die Waffensalbe ohne Wirksamkeitsnachweis aus der Grundversicherung bezahlen, wie es heute schon bei Hom&ouml;opathika und Anthroposophika der Fall ist? Wenn das bei Hom&ouml;opathika m&ouml;glich ist, warum nicht auch bei der Waffensalbe?</p>
<p> Nun, vielleicht halten Sie das Beispiel &#8216;Waffensalbe&#8217; f&uuml;r absurd. Aber erstens f&auml;llt dieses Beispiel gar nicht so aus dem Rahmen. Es gibt es im Bereich der Komplement&auml;rmedizin eine ganze Anzahl von Produkten, die dann ebenso als absurd bezeichnet werden m&uuml;ssten. Und zweitens ist &#8216;absurd&#8217; noch kein Unterscheidungskriterium.</p>
<p> Beim Aufkommen der Schusswaffen galt als bew&auml;hrteste Behandlung von Schussverletzungen das Auskochen der Wunde mit siedendem Holunder&ouml;l. Z&auml;hlt dies auch zum Heilmittelschatz, den Sie unbesehen bewahren wollen?</p>
<p> Wir k&ouml;nnen aber auch Beispiele aus der Gegenwart diskutieren: Was halten Sie vom &#8216;Wunderfigurtee&#8217; den ich in einer Apotheke der Stadt Bern erstanden habe. Er enth&auml;lt ausschliesslich stark abf&uuml;hrende und entw&auml;ssernde Heilpflanzen und der Beipackzettel verspricht, dass man der eigenen Traumfigur pro Woche 2 &#8211; 3 Kilogramm n&auml;her kommt, wenn man t&auml;glich einen Liter davon trinkt.</p>
<p> Solche meines Erachtens betr&uuml;gerischen Produkte sollen staatlich privilegiert werden, damit der traditionelle Heilmittelschatz bewahrt bleibt. Abf&uuml;hrmittel wie Sennesbl&auml;tter sind sehr traditionell, aber als Schlankheitsmittel nach heutigem Kenntnisstand v&ouml;llig ungeeignet. Oder argumentieren Sie hier auch damit, dass uns halt noch die passende Betrachtungsweise fehlt? Damit k&ouml;nnen Sie alles legitimieren und sich um eine sorgf&auml;ltige Urteilsbildung dr&uuml;cken.<br /> Eine differenzierte Urteilsbildung w&auml;re aber meines Erachtens n&ouml;tig.</p>
<p> Auf einer grunds&auml;tzlicheren Ebene sprechen Sie eine interessante Differenz an zwischen &#8216;weise&#8217; und &#8216;rational&#8217;. Ich befasse mich seit einigen Jahren mit den Unterschieden zwischen dem altchinesischen und der westlichen Denken &#8211; mit Chinareisen und einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk von Fran&ccedil;ois Jullien, der diese fundamentalen Unterschiede erhellend beschreibt, so zum Beispiel im Buch &#8216;Der Weise h&auml;ngt an keiner Idee&#8217; (Wilhelm Fink Verlag 2001). Danach ist f&uuml;r die Weisheitstraditon charakteristisch, dass sie sich stets f&uuml;r alles offen h&auml;lt, nichts vorbringt, nicht Stellung bezieht oder Partei ergreift. Sie verf&uuml;gt dadurch auch &uuml;ber keinen Stoff, &uuml;ber den debattiert werden k&ouml;nnte oder anhand dessen sie zu widerlegen w&auml;re.</p>
<p> Die westliche Denktradition, wie sie sich aus der griechischen Philosophie heraus entwickelt hat, setzt auf Debatte, Diskurs, Diskussion, Kl&auml;rung von Begriffen, Parteinahme.</p>
<p> Dass uns die Weisheitstradition etwas zu sagen hat &#8211; dass wir von ihr Wertvolles lernen k&ouml;nnen, steht f&uuml;r mich ausser Frage. Auch von der westlichen Weisheitstradition &uuml;brigens, welche immer etwas &#8216;randst&auml;ndig&#8217; blieb und nie die zentrale Stellung innehatte wie die Weisheitslehren in China.<br /> Von Montaigne (1533-1592) zum Beispiel, den ich sehr sch&auml;tze, k&ouml;nnen wir viel lernen &uuml;ber den Umgang mit Krankheit.</p>
<p> Mein Text befasst sich aber mit einem politischen Thema, dem Umgang der Sozialdemokratischen Partei (SPS) mit den Traktanden &#8216;Komplement&auml;rmedizin&#8217; und &#8216;traditionelle Heilmittel&#8217;. In diesem politischen Kontext scheinen mir Weisheitslehren kein ad&auml;quater Bezugspunkt. Demokratie lebt von Diskurs, Debatte, Stellungnahme, Parteinahme gar. Der &#8216;Weise&#8217; aber &#8216;h&auml;ngt an keiner Idee&#8217;, wie Fran&ccedil;ois Jullien sagen w&uuml;rde. In diesem Sinne sind Weisheitslehren kaum &#8216;demokratiekompatibel&#8217;, bestimmt aber ungeeignet f&uuml;r einen demokratischen Diskurs. Dass sich erste demokratische Elemente in der griechischen Polis entwickelt haben, w&auml;hrend China niemals Schritte in diese Richtung machte, spricht hier f&uuml;r sich.<br /> Wenn Sie also eine Differenz postulieren zwischen &#8216;weise&#8217; und &#8216;rational&#8217; (eine &#8216;westliche&#8217; Differenzierung notabene), dann ziehe ich in diesem politischen Kontext die &#8216;griechisch-philosophische Rationalit&auml;t&#8217; vor, weil sie fundamental mit der demokratisch-politischen Sph&auml;re verbunden ist und ihre Grundlage bildet.</p>
<p> Zur Basis sowohl demokratischer als auch rationaler Prozesse geh&ouml;rt zum Beispiel auch ein Streben nach m&ouml;glichst transparenten, genau definierten Begriffen und Positionen. Wischiwaschi-Begriffe wie &ldquo;Heilmittelschatz&rdquo;, &ldquo;traditionell&rdquo; und &ldquo;bew&auml;hrt&rdquo;, die ohne konkreten Inhalt verwendet werden, aber implizit hoch positive Konnotationen transportieren, eignen sich allenfalls f&uuml;r manipulative Zwecke, kaum aber f&uuml;r eine ernsthafte demokratische Auseinandersetzung.</p>
<p> Aus dem Befund, dass die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) im Kontext &ldquo;Komplement&auml;rmedizin&rdquo; mit ziemlich rationalit&auml;tsarmen Schlagworten operiert, w&uuml;rde ich aber nat&uuml;rlich nicht schliessen, dass diese Position schon weise w&auml;re&#8230;. Es scheint mir hier eher eine wirre Mischung von postmoderner Beliebigkeit, Populismus und Gedankenlosigkeit am Werk zu sein.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Die Kritik, dass man Heilmittel nur dann als solche bewahren sollte, wenn man Kriterien f&uuml;r ihren Wirksamkeitsnachweis nennen kann, zielt ins Leere.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Ich habe nichts dagegen, wenn man Rezepte f&uuml;r Waffensalben oder f&uuml;r einen Wunderfigurtee aufgewahrt, schriftlich weiterverbreitet, dar&uuml;ber diskutiert etc. Es soll auch jedem Menschen frei stehen, eine Waffensalbe oder einen Wunderfigurtee bei sich selber anzuwenden (nur nicht bei Kindern, die nicht selber unteilsf&auml;hig sind bitte, das k&ouml;nnte eine Form der Misshandlung sein).<br /> Der Staat darf sich meines Erachtens einfach nicht zum Komplizen von Betrug machen. Wer mit einem Produkt Heilwirkungen verspricht, soll diese Heilwirkungen fundiert dokumentieren, bevor der Staat ein solches Produkt ebenfalls als Heilmittel bezeichnet.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Im Bereich des Lebendigen gibt es kein Wissen, nur Ph&auml;nomenologie..&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;,Ph&auml;nomenologie&lsquo; ist ein Begriff, der in unterschiedlichsten Kontexten verwendet wird. Wir m&uuml;ssten also zuerst kl&auml;ren, was genau Sie mit diesem Begriff meinen, damit wir einigermassen sicher sein k&ouml;nnen, nicht aneinander vorbei zu reden.<br /> ,Ph&auml;nomenologie&lsquo; im philosophischen Sinne in der Tradition von Husserl meinen Sie wohl kaum.</p>
<p> Reden Sie von ph&auml;nomenologischem Vorgehen in den Naturwissenschaften oder von Ph&auml;nomenologie als Grundhaltung und erkenntnistheoretischem Werkzeug in therapeutischen Theorien?</p>
<p> Aber mal abgesehen von solchen Differenzierungen:<br /> ,Ph&auml;nomenologie&lsquo; kommt von griechisch phain&oacute;menon ,Sichtbares, Erscheinung&lsquo; und l&oacute;gos ,Rede, Lehre&lsquo;</p>
<p> Warum behaupten Sie, in der Ph&auml;nomenologie, in der Rede vom Sichtbaren, sei kein Wissen, wenn es um Lebendiges geht. Ich w&uuml;rde sagen: Egal ob es um Lebendiges oder Nichtlebendiges geht, wir nehmen immer nur Erscheinung wahr, nicht ein ,Ding an sich&lsquo; (Kant). Wenn Sie dem Bereich des Sichtbaren, der Erscheinung jedes Wissen absprechen, postulieren Sie ein wahres Wissen, ein wahres Wesen irgendwo hinter der Erscheinung? Und wie genau stellen Sie sich das vor?</p>
<p> F&uuml;r mich gibt es selbstverst&auml;ndlich Wissen im Bereich des Sichtbaren, des Ph&auml;nomenalen, des Erscheinenden &#8211; auch wenn es um Lebendiges geht. Allerdings kein absolutes und endg&uuml;ltiges Wissen, sondern durchaus fragmentarisches, irrtumanf&auml;lliges und vorl&auml;ufiges.<br /> Vielleicht sollten wir uns da einfach an Goethe halten:<br /> ,Man suche nur nichts hinter den Ph&auml;nomenen, sie selbst sind die Lehre&lsquo;.</p>
<p> Kl&auml;ren m&uuml;ssten wir auch, was genau Sie sich unter ,Wissen&lsquo; vorstellen, wenn Sie schreiben: ,Im Bereich des Lebendigen gibt es kein Wissen, nur Ph&auml;nomenologie&lsquo;?<br /> Auch dies w&auml;re eine Vorbedingung, damit wir nicht aneinander vorbei reden.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;..ansonsten w&uuml;rden wissenschaftliche Forschungsergebnisse ja nicht so h&auml;ufig widerrufen oder man bek&auml;me nicht so h&auml;ufig von unterschiedlichen Forschungsgruppen widerspr&uuml;chliche Ergebnisse zur gleichen Arzneimitteluntersuchung.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Es ist meines Erachtens gerade die W&uuml;rde und ein Vorzug der Wissenschaft, dass sie Irrt&uuml;mer korrigieren kann und auch mehr oder weniger gut in der Lage ist, mit Widerspr&uuml;chen umzugehen. Dies ganz im Gegensatz zu vielen Heilslehren im Bereich Komplement&auml;rmedizin, welche absolutes, endg&uuml;ltiges, frag- und zweifelloses Wissen predigen. Dies zu realisieren im Verlaufe von &uuml;ber 30j&auml;hriger T&auml;tigkeit im Bereich der Komplement&auml;rmedizin war ein wichtiger Grund daf&uuml;r, dass meine Haltung tendenziell freundlicher wurde gegen&uuml;ber Medizin und Wissenschaft &#8211; was aber nicht mit einer unkritischen Haltung verwechselt werden sollte. Mein kritischer Blick auf die Komplement&auml;rmedizin dagegen wurde in dieser Zeit gesch&auml;rft.</p>
<p> Methoden, die seit hunderten oder gar tausenden von Jahren die genau gleichen Dogmen vertreten, sind nicht unbedingt besonders wahrheitsnah und wertvoll, sondern vielleicht ganz einfach besonders versteinert und ,immunisiert&lsquo; gegen Kritik und Widerlegung.<br /> Es ist die Frage, woher sie ihren ,Wahrschein&lsquo; bekommen.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Immer wenn es um komplexe, ganzheitliche Systeme (also lebendige Systeme) geht, beruht alles scheinbare Wissen darauf, dass man nur Teilaspekte einer Ganzheit untersucht und prinzipiell nicht wissen kann, welche vielleicht wesentlichen Teile man nicht ber&uuml;cksichtigt hat.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Ich halte schon die Vorstellung einer Ganzheit f&uuml;r problematisch. Sie f&uuml;hrt fast zwangsl&auml;ufig zu etwas Abgeschlossenem. Mit Karl Popper w&uuml;rde ich aber f&uuml;r ein offenes Universum pl&auml;dieren.<br /> Dass man nicht das Ganze untersuchen kann, sondern nur einzelne Aspekte, scheint mir selbstverst&auml;ndlich.<br /> Ihre Rede vom scheinbaren Wissen legt nahe, dass Sie es einem wahren Wissen gegen&uuml;berstellen. Oder gibt es gar kein Wissen?<br /> Ich w&uuml;rde jedenfalls nicht so sehr die Unterscheidung von scheinbarem Wissen und wirklichem / wahrem Wissen in den Vordergrund stellen.</p>
<p> Alles Wissen ist meines Erachtens vorl&auml;ufig und kann sich als Irrtum herausstellen. Aber bevor letzteres geschieht, w&uuml;rde ich es doch als Wissen bezeichnen.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &#8216;Hat man Langzeitwirkungen und Nebenwirkungen einbezogen, wie lang ist Langzeit, stimmt &uuml;berhaupt die Indikation oder hat man z.B. Kopfschmerzpatienten ohne R&uuml;cksicht auf die Herkunft der Kopfschmerzen mit einem bestimmten Mittel behandelt,&#8230;&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Ja, das sind schwierige Fragen, die sich wohl in keinem Fall umfassend einbeziehen und beantworten lassen. Mit diesem offen und unvollendet bleiben der Angelegenheiten m&uuml;ssen wir umgehen lernen. Und ja, oft weiss man nicht, was genau die Ursachen der Kopfschmerzen sind, und der Patient ist trotzdem dankbar f&uuml;r die Linderung des Symptoms.</p>
<p> Ich h&ouml;re ja oft in Komplement&auml;rmedizin bzw. Naturheilkunde den Spruch:<br /> ,Die Schulmedizin behandelt nur Symptome, wir aber gehen an die Ursachen.&lsquo;</p>
<p> Das kommt mir meistens ziemlich anmassend vor. Wer kann schon in Anspruch nehmen, die wirklichen Ursachen zu kennen? Jede Ursache hat wieder eine oder mehrere Ursachen. Man muss sich da schon einen quasi-g&ouml;ttlichen Blick zuschreiben, um die endg&uuml;ltigen Ursachen zu erfassen.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;&#8230; muss der Patient in einer bestimmten Weise f&uuml;r das Heilmittel &#8216;ge&ouml;ffnet&#8217; werden oder darf man unbesehen davon ausgehen, dass diese &#8216;&Ouml;ffnung&#8217; v&ouml;llig ohne Belang ist.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Ihre Ausdrucksweise an diesem Punkt scheint mir ziemlich mechanistisch: Der Patient muss f&uuml;r das Heilmittel ge&ouml;ffnet werden. So wie man eine Dose &ouml;ffnet oder einen Tresor?<br /> Was meinen Sie genau mit ,ge&ouml;ffnet werden&lsquo;?<br /> Dass zum Beispiel die Beziehung eines Patienten zum Heilmittel, aber auch zur behandelnden Person, einen Einfluss auf die Therapie haben kann, ist f&uuml;r mich keine Frage. Von wem muss der Patient ge&ouml;ffnet werden? Vom Heilmittel? Von der Therapeutin? &#8211; Der Patient ,muss ge&ouml;ffnet werden&lsquo;, das heisst doch, er bleibt dabei passiv? &#8211; Das scheint mir ein ziemlich elit&auml;res oder autorit&auml;res Arzt-Patienten-Verh&auml;ltnis.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Wie kommt man eigentlich darauf, dass Heilmittel v&ouml;llig kontextfrei wirken sollen, wo doch, wie die Gestalttheorie lehrt, rein gar nichts wirklich kontextfrei gedacht werden kann.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Wer sagt denn, dass Heilmittel v&ouml;llig kontextfrei wirken sollen. Ich kenne niemanden, der diese Position so extrem vertritt, wie Sie es darstellen. K&ouml;nnen Sie dazu Namen bzw. Beispiele nennen?<br /> Es scheint mir jedenfalls sehr klar, dass in einer konkreten therapeutischen Situation der therapeutische Kontext eine mehr oder weniger grosse Rolle spielt. Dazu geh&ouml;rt die Beziehung zwischen Therapeut/in und Patient/in, die Erwatungshaltungen dieser beiden Personen an die Therapie, die Erwartungshaltungen im sozialen Umfeld der behandelten Person, die Beziehung und die Vorerfahrungen der behandelten Person mit dem angewendeten Heilmittel etc.</p>
<p> Meiner Ansicht nach ist die Medizin sich der Bedeutung dieser Kontextfaktoren sehr bewusst. Darum versucht man ja gerade, mittels Doppelblindstudien im Vergleich zu Placebo zu kl&auml;ren, ob ein bestimmtes Heilmittel &uuml;ber diesen therapeutischen Kontext hinaus eine Wirkung hat.<br /> Dabei sind Doppelblindstudien keineswegs fehlerfrei und er&ouml;ffnen auch nicht die endg&uuml;ltige Wahrheit. Ich bin aber manchmal schon sehr erstaunt dar&uuml;ber, wieviel Abwehr und Widerst&auml;nde dieses Ernstnehmen der Kontextfaktoren in Kreisen der Komplement&auml;rmedizin ausl&ouml;st.<br /> Meiner Erfahrung nach ist es viel einfacher, mit meinem Hausarzt &uuml;ber solche Kontextfaktoren zu reden als zum Beispiel mit einem Hom&ouml;opathen oder einer Hom&ouml;opathin. Da zeigt sich oft sehr heftiger Widerstand, wenn die Rede darauf kommt, dass der therapeutische Kontext f&uuml;r die Wirksamkeit der Behandlung vielleicht wichtiger sein k&ouml;nnte als die Globulis.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Nur wenn man den Menschen als biochemische Maschine begreift (dass Wissenschaft qua eigenem Selbstverst&auml;ndnis gar nicht anders hinschauen kann und jede Innenperspektive leugnen muss, da sie sich ja streng &uuml;ber Au&szlig;enbeobachtungen definiert) kann man ein solches Wirknachweisverst&auml;ndnis vertreten.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Warum diese absolute Haltung? Wer Fragen stellt nach der Wirksamkeit von Heilmitteln und Heilungsversprechungen und -behauptungen kritisch unter die Lupe nimmt, muss zwangsl&auml;ufig den Menschen als biochemische Maschine begreifen??<br /> Fahren Sie da nicht ein bisschen eng?<br /> Ich kenne eigentlich niemanden, der den Menschen ausschliesslich als biochemische Maschine begreift. Ich sehe diese Position nicht einmal bei Neurowissenschaftlern, von denen einige sich manchmal schon etwas ,fundamentalistisch&lsquo; angehaucht &auml;ussern. Warum stellen Sie eine solche Extremposition in den Raum?</p>
<p> Ich jedenfalls sehe den Menschen keinenfalls ausschliesslich als biochemische Maschine und kann trotzdem versuchen, mir eine fundierte, kritische Meinung zu bilden betreffend Heilungsversprechungen und Heilungsbehauptungen.<br /> Was ist denn Ihre Alternative? Blinde Gl&auml;ubigkeit? &#8211; Dann w&auml;ren Sie ja der perfekte Konsument.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Die Psychotherapie zeigt alle Nasen lang, dass eine Einsicht heilen kann.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Ja, dass Einsicht manchmal heilen kann, glaube ich auch. Mit Psychotherapie habe ich mich lange und intensiv befasst (u. a. je 4 Jahre Ausbildung in Gestaltpsychotherapie und Beziehungstherapie). Allerdings w&uuml;rde ich mich auch hier h&uuml;ten, diesen Punkt absolut zu setzen. Auch hier geht es um Differenzierung. Ich sehe keine Hinweise daf&uuml;r, dass eine Osteoporose sich durch Einsicht heilen l&auml;sst. Und wenn Hamer mit seiner &#8216;Germanischen Medizin&#8217; den Leuten einredet, der Krebs w&uuml;rde verschwinden, sobald sie ihre seelischen Konflikte gel&ouml;st haben, dann halte ich das mit Verlaub gesagt f&uuml;r eine gef&auml;hrliche Allmachtsphantasie.<br /> Wer die psychischen Anteile von Krankheiten zu absolut setzt (ich unterstelle Ihnen das nicht), nimmt die k&ouml;rperlich-materielle Seite der menschlichen Existenz zu wenig ernst. Die k&ouml;rperlich-materielle Seite der menschlichen Existenz ist sehr fragil, jederzeit von Krankheit und Tod bedroht. Wer damit nicht umgehen kann, der legt sich oft ein Konzept zurecht, in dem Krankheit und Gesundheit ausschliesslich von der Psyche bzw. dem Geist gesteuert werden. So kann man sich tr&ouml;sten mit der Vorstellung, dass Gesundheit und Krankheit weitestgehend in der eigenen Macht stehen (man muss nur richtig denken und gesund werden wollen!).<br /> Das halte ich f&uuml;r ein hoch fragw&uuml;rdiges Konzept. Es ist ein Tauschhandel: Ohnmachtsgef&uuml;hle werden reduziert, weil man w&auml;hnt, das Steuer voll in der Hand zu haben, aber Schuldgef&uuml;hlen kommen nahe, wenn es doch zu einer ernsthaften Erkrankung kommt. Denn dann hat man etwas Grundlegendes falsch gemacht.<br /> Ich w&uuml;rde jedenfalls sehr vorsichtig und sorgf&auml;ltig mit solchen Theorien umgehen, die das Schwergewicht der Krankheitsentstehung auf breiter Front im psychisch-geistigen Bereich sehen.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Vielleicht heilen Heilpflanzen auch &uuml;ber eine Art &#8216;Begegnung&#8217;, sozusagen von Lebewesen zu Lebewesen, die in einem Doppelblindsetting nat&uuml;rlich nicht abgefragt werden kann.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Dann ist das Heilende meines Erachtens die Begegnung, nicht die Heilpflanze an sich. Martin Buber (1878-1965) beschreibt in seinem bekanntesten Werk &#8216;Das dialogische Prinzip&#8217; eine Ich-Du-Beziehung, die er auch auf die Begegnung mit Pflanzen hin schildert &#8211; am Beispiel der Betrachtung eines Baumes. Martin Buber besteht darauf, dass eine Ich-Du-Beziehung auch zu einem Baum eine Beziehung auf Gegenseitigkeit ist. Er l&auml;sst aber v&ouml;llig offen, in welcher Form der Baum an dieser Beziehung beteiligt ist:<br /> &#8216;So h&auml;tte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unseren &auml;hnlich? Ich erfahre es nicht.&#8217;<br /> Buber phantasiert nicht irgendwelche geheimen Kr&auml;fte in die Pflanze, die man dann dort als Mensch quasi wie an einer Tankstelle beziehen kann, wie es heute in gewissen Kreisen dem konsumistischen Zeitgeist entsprechend &uuml;blich ist. Entscheidend ist f&uuml;r Martin Buber vielmehr, dass sich der Mensch auf die Begegnung einl&auml;sst:<br /> &#8216;Es kommt auf eine Wesenstat des Menschen an: vollzieht er sie, spricht er mit seinem Wesen das Grundwort zu der erscheinenden Gestalt, dann str&ouml;mt die wirkende Kraft&#8230;&#8217;</p>
<p> Die Kraft entspringt hier eher aus der Begegnung, aus dem Zwischen. Eine buber&lsquo;sche Ich-Du-Beziehung l&auml;sst sich nicht instrumentalisieren. Sie ist offen und in keiner Art vorbestimmt. Ich kann mich dann nicht auf welche Art auch immer mit dem Augentrost vereinen und daraus Kraft f&uuml;r die Augen tanken. Ich-Du-Begegnungen ver&auml;ndern, aber die Art der Ver&auml;nderung ist unvorhersehbar und unkontrollierbar.<br /> Ein instrumenteller Umgang mit Heilpflanzen, bei dem man von ihr eine ganz bestimmte Kraft, Schwingung oder Energie zu erhalten hofft, ist genauso eine Ich-Es-Beziehung wie die Einnahme eines isolierten Wirkstoffes.</p>
<p> Wenn Sie also von &#8216;Begegnung&#8217; sprechen m&uuml;ssen wir zuerst kl&auml;ren, in welcher Weise sie den Begriff verwenden.<br /> Dass im &#8216;Doppelblindsetting&#8217; solche &auml;sthetischen und emotionalen Aspekte zwischen Mensch und Heilpflanze nicht erfasst werden, liegt meines Erachtens auf der Hand. Das spricht aber nicht gegen eine Auseinandersetzung auch mit den Ergebnissen von Doppelblindstudien.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Wissenschaft und Sachlichkeit haben ihre beste Berechtigung im Bereich der Objekte. Wo es um Ganzheitlichkeit geht, gibt es kein wirkliches kontextfreies Wissen, nur Ph&auml;nomenologie.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Meinen Sie mit &#8216;Wissenschaft&#8217; an dieser Stelle &#8216;Naturwissenschaft&#8217;? Die Medizin ist ja nicht nur Naturwissenschaft. Sie hat verschiedene Geisteswissenschaften integriert (Medizinpsychologie, Medizinsoziologie, Medizinphilosophie, Psychosomatik).</p>
<p> Diese Fachbereiche verstehen sich auch als Wissenschaften und befassen sich mit dem Menschen. W&uuml;rden Sie diesen Disziplinen Aussagen und (immer beschr&auml;nktes, vorl&auml;ufiges) Wissen zum Menschen zubilligen? Oder denken Sie, dass auch hier der Mensch vollst&auml;ndig objektiviert wird?</p>
<p> Nach meinem Empfinden h&ouml;re ich in Ihrem Text zuwenig Zwischent&ouml;ne und zuviel absolute, ausschliessende Formulierungen wie &ldquo;keine&rdquo;, &ldquo;nie&rdquo; oder &ldquo;immer&rdquo;. Und dies in Bereichen, in denen Differenzierungen m&ouml;glich w&auml;ren.</p>
<p> Solche Ausschliesslichkeiten f&uuml;hren leicht in dogmatische Gefilde und sie sind nebenbei gesagt auch kaum kompatibel mit den von Ihnen ja favorisierten Weisheitslehren, die sich f&uuml;r alles offen halten.</p>
<p> Sie schreiben: &#8216;Wo es um Ganzheitlichkeit geht&#8230;..&#8217;<br /> Hier fragt sich, ob es denn um Ganzheitlichkeit gehen soll. Ich w&auml;re mit diesem Begriff sehr vorsichtig. Der Anspruch, ganzheitlich zu heilen beispielsweise scheint mir sehr &uuml;berzogen. Das Ganze kann wohl kein Mensch erfassen &#8211; weder der Patient noch die Therapeutin &#8211; weil unsere Wahrnehmung sehr eingeschr&auml;nkt ist. Und das Ganze zu behandeln scheint mir auch ziemlich unpraktikabel, weil immer eine Auswahl getroffen werden muss, sobald es um konkrete Handlungen geht und nicht mehr um ideale Vorstellungen.<br /> Hofrat Goethe hatte hier wohl auch seine Zweifel:<br /> &#8216;Glaub unsereinem, dieses Ganze,<br /> Ist nur f&uuml;r einen Gott gemacht.&#8217;<br /> Anstelle von &#8216;Ganzheitlichkeit&#8217; w&uuml;rde ich lieber einen kontextsensiblen Reduktionismus vertreten. Aber zugegeben, das t&ouml;nt viel n&uuml;chterner und weniger &#8216;w&auml;rmend&#8217; als die Rede von der Ganzheitlichkeit. Ein kontextsensibler Reduktionismus gibt zu, dass eine Ganzheit nicht erreichbar und eine Reduktion auf Bruchst&uuml;cke / Teilbereiche / Ausschnitte etc. daher n&ouml;tig ist. Zugleich fordert er aber sensible Aufmerksamkeit f&uuml;r den Kontext, f&uuml;r das Darum-herum.</p>
<p> Sie schreiben zudem auch hier wieder, dass es kein wirkliches Wissen gibt im Bereich der Ganzheitlichkeit. Offen bleibt, was Sie unter wirklichem Wissen verstehen.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Wenn es also Hinweise aus &Uuml;berlieferungen gibt f&uuml;r die Wirksamkeit von Heilpflanzen innerhalb einer bestimmten kulturellen Einbettung, dann sind diese ernst zu nehmen und nicht in wissenschaftlichem &Uuml;berschwang mit Sachlichkeitsargumenten (wo Lebewesen eben gerade keine Sachen sind) vorschnell &uuml;ber Bord zu werfen.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Da kommt schon wieder die Sachlichkeit. Ja, Lebewesen sind keine Sachen. Sie scheinen den Begriff &#8216;Sachlichkeit&#8217; zu verwenden aus einem Kontext von &#8216;Sache&#8217; in der Rechtssprache. Bei Kant: &#8216;ein Ding, das keiner Zurechnung f&auml;hig ist. Ein jedes Objekt der freien Willk&uuml;r, welches selbst der Freiheit ermangelt, heisst daher Sache (res corporalis).&#8217; (Met. d. Sitten II, Einl. IV).</p>
<p> So bekommt Sachlichkeit im Umgang mit Heilpflanzen eine ziemlich negative Konnotation. Man k&ouml;nnte Sachlichkeit auch positiver sehen:<br /> &#8216;seelisch-geistige Tendenz, Handlungen nicht um des pers&ouml;nlichen Vorteils willen, sondern im Dienste einer h&ouml;heren Ordnung zu vollziehen. Voraussetzung der Sachlichkeit sind die F&auml;higkeit, Sachverhalte ohne Voreingenommenheit und Vorurteil zu erfassen&#8230;.&#8217; (aus: Philosophisches W&ouml;rterbuch, Alfred Kr&ouml;ner Verlag 1965).</p>
<p> T&ouml;nt doch viel besser, warum also stellen Sie Sachlichkeit im Umgang mit Heilpflanzen so negativ dar? (dass eine solche Sachlichkeit ohne Vorurteil und Voreingenommenheit nur angestrebt, aber nicht erreicht werden kann, liegt auf der Hand).</p>
<p> Und wer fordert denn hier, dass Hinweise aus &Uuml;berlieferungen f&uuml;r die Wirksamkeit von Heilpflanzen vorschnell &uuml;ber Bord zu werfen sind? Ich jedenfalls bestimmt nicht. Sie wehren sich hier meinem Eindruck nach gegen ein Zerrbild, das Sie selber erst aufgebaut haben.</p>
<p> Nat&uuml;rlich, man soll Hinweise auf die Wirksamkeit von Heilpflanzen &#8216;innerhalb einer bestimmten kulturellen Einbettung&#8217; ernst nehmen.<br /> Dazu geh&ouml;rt aber auch, dass der kulturelle Kontext selbst ebenfalls ernst genommen wird.<br /> Um beispielsweise einen Hinweis Hildegard von Bingen&lsquo;s (1098-1179) zur Wirksamkeit einer bestimmten Heilpflanze ernst zu nehmen, m&uuml;sste zuerst der Kontext verstanden werden, in dem diese Empfehlung gr&uuml;ndet: Die mittelalterliche Klostermedizin, das Welt-, Menschen- und Gottesbild des Mittelalters etc.<br /> Und es m&uuml;sste auch gekl&auml;rt werden, ob die Pflanzenbezeichnung und die Krankheitsbeschreibung in den Hildegard-Schriften eindeutig heutigen Pflanzennamen und Krankheitsbegriffen zugeordnet werden k&ouml;nnen, was gar nicht immer leicht ist. Dieses Ernstnehmen des Kontextes f&uuml;hrt nicht selten zur Erkenntnis, dass eine bestimmte Heilpflanzen-Empfehlung viel zu stark mit dem Denken und der Lebenssituation damaliger Menschen verkn&uuml;pft ist, als dass sie aus ihrem Kontext einfach isoliert und 1 : 1 in die Gegenwart transferiert werden k&ouml;nnte. Eine solche historisch-philosophische Auseinandersetzung ist meines Erachtens eine Form des Respekts gegen&uuml;ber Traditionen, auch wenn danach nicht einfach alle Empfehlungen blind &uuml;bernommen werden.</p>
<p> Denn schliesslich sollten meiner Ansicht nach traditionelle Empfehlungen durchaus noch auf ihre Plausibilit&auml;t und auf ihre Kompatibilit&auml;t mit gegenw&auml;rtigem Wissen &uuml;berpr&uuml;ft werden.&#8217;</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Ich habe wenige Angst vor dem ein oder anderen vielleicht unlauteren Gesch&auml;ftemacher, als dass f&uuml;r diese paar Wenigen einst bew&auml;hrte Heilmittel, deren Wirken man im Augenblick aufgrund untauglicher Betrachtungsperspektive vielleicht nicht versteht, achtlos auf den M&uuml;llhaufen zu werfen.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> &#8216;Die unlauteren Gesch&auml;ftemacher gibt es im Bereich Komplement&auml;rmedizin. Ich halte sie aber nicht f&uuml;r das Hauptproblem. Meines Erachtens &uuml;bersehen Sie jedoch ein anderes und viel bedeutenderes Ph&auml;nomen. Ich meine die zahllosen kleinen und grossen Gurus und Heilsapostel, welche zutiefst &uuml;berzeugt sind, mit ihren Naturheilmitteln jede Krankheit heilen zu k&ouml;nnen. Solche Figuren wirken sehr viel &uuml;berzeugender als die puren Gesch&auml;ftemacher. Sie profilieren sich auf Kosten verzweifelter Patienten als Retter und halten sie manchmal auch von lebenswichtigen Behandlungen ab. Das ist ja meines Erachtens genau ein Grund daf&uuml;r, warum es kritische Pr&uuml;fung braucht und nicht blinde Gl&auml;ubigkeit &#8211; auch der Tradition gegen&uuml;ber.</p>
<p> Nennen Sie doch Beispiele f&uuml;r &#8216;einst bew&auml;hrte Heilmittel&#8217;, dann k&ouml;nnen wir konkret diskutieren. Sonst bleibt dieser Ausdruck eine sch&ouml;ne Worth&uuml;lse.<br /> Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was &#8216;bew&auml;hrt&#8217; ist?<br /> Und warum hier schon wieder ein solches Zerrbild vom &ldquo;achtlos auf den M&uuml;llhaufen..werfen.&rdquo;<br /> Es geht &#8211; mir jedenfalls &#8211; nicht um achtloses auf den M&uuml;ll werfen.<br /> Ich weiss nicht, wo Sie eine solche Aussage in meinem Text sehen. Es geht um sorgf&auml;ltige Pr&uuml;fung &#8211; m&ouml;glichst von verschiedenen Seiten her.<br /> Dagegen ist meines Erachtens auch kein Gegenargument, dass &#8216;man im Augenblick aufgrund untauglicher Betrachtungsperspektive&#8217; das Wirken mancher Heilpflanzen nicht versteht. Damit k&ouml;nnen Sie jede Behauptung gegen kritische Fragen immunisieren. Wir m&uuml;ssen mit dem heutigen, immer unvollst&auml;ndigen und vorl&auml;ufigen Wissenstand nach einer sorgf&auml;ltigen Differenzierung streben.</p>
<p> Martin Koradi, Dozent f&uuml;r Phytotherapie / Pflanzenheilkunde</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Falk Fischer</title>
		<link>http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/05/sozialdemokratische-partei-sps-komplementaermedizin-heimatschutz-auch-fuer-unserioese-naturheilmittel.html/comment-page-1#comment-93</link>
		<dc:creator>Falk Fischer</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov -0001 00:00:00 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://heilpflanzen-info.ch/cms/?p=353#comment-93</guid>
		<description>Einen Heilmittelschatz ganz generell zu bewahren ist eine weise Entscheidung, nicht unbedingt eine rationale. Die Kritik, dass man Heilmittel nur dann als solche bewahren sollte, wenn man Kriterien f&#252;r ihren Wirksamkeitsnachweis nennen kann, zielt ins Leere. Im Bereich des Lebendigen gibt es kein Wissen, nur Ph&#228;nomenologie (ansonsten w&#252;rden wissenschaftliche Forschungsergebnisse ja nicht so h&#228;ufig widerrufen oder man bek&#228;me nicht so h&#228;ufig von unterschiedlichen Forschungsgruppen widerspr&#252;chliche Ergebnisse zur gleichen Arzneimitteluntersuchung. Immer wenn es um komplexe, ganzheitliche Systeme (also lebendige Systeme) geht, beruht alles scheinbare Wissen darauf, dass man nur Teilaspekte einer Ganzheit untersucht und prinzipiell nicht wissen kann, welche vielleicht wesentlichen Teile man nicht ber&#252;cksichtigt hat. Hat man Langzeitwirkungen und Nebenwirkungen einbezogen, wie lang ist Langzeit, stimmt &#252;berhaupt die Indikation oder hat man z.B. Kopfschmerzpatienten ohne R&#252;cksicht auf die Herkunft der Kopfschmerzen mit einem bestimmten Mittel behandelt, muss der Patient in einer bestimmten Weise f&#252;r das Heilmittel &#039;ge&#246;ffnet&#039; werden oder darf man unbesehen davon ausgehen, dass diese &#039;&#214;ffnung&#039; v&#246;llig ohne Belang ist. Wie kommt man eigentlich darauf, dass Heilmittel v&#246;llig kontextfrei wirken sollen, wo doch, wie die Gestalttheorie lehrt, rein gar nichts wirklich kontextfrei gedacht werden kann. Nur wenn man den Menschen als biochemische Maschine begreift (dass Wissenschaft qua eigenem Selbstverst&#228;ndnis gar nicht anders hinschauen kann und jede Innenperspektive leugnen muss, da sie sich ja streng &#252;ber Au&#223;enbeobachtungen definiert) kann man ein solches Wirknachweisverst&#228;ndnis vertreten.&lt;br /&gt; Die Psychotherapie zeigt alle Nasen lang, dass eine Einsicht heilen kann. Vielleicht heilen Heilpflanzen auch &#252;ber eine Art &#039;Begegnung&#039;, sozusagen von Lebewesen zu Lebewesen, die in einem Doppelblindsetting nat&#252;rlich nicht abgefragt werden kann.&lt;br /&gt; Wissenschaft und Sachlichkeit haben ihre beste Berechtigung im Bereich der Objekte. Wo es um Ganzheitlichkeit geht, gibt es kein wirkliches kontextfreies Wissen, nur Ph&#228;nomenologie. Wenn es also Hinweise aus &#220;berlieferungen gibt f&#252;r die Wirksamkeit von Heilpflanzen innerhalb einer bestimmten kulturellen Einbettung, dann sind diese ernst zu nehmen und nicht in wissenschaftlichem &#220;berschwang mit Sachlichkeitsargumenten (wo Lebewesen eben gerade keine Sachen sind) vorschnell &#252;ber Bord zu werfen. Ich habe wenige Angst vor dem ein oder anderen vielleicht unlauteren Gesch&#228;ftemacher, als dass f&#252;r diese paar Wenigen einst bew&#228;hrte Heilmittel, deren Wirken man im Augenblick aufgrund untauglicher Betrachtungsperspektive vielleicht nicht versteht, achtlos auf den M&#252;llhaufen zu werfen.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Einen Heilmittelschatz ganz generell zu bewahren ist eine weise Entscheidung, nicht unbedingt eine rationale. Die Kritik, dass man Heilmittel nur dann als solche bewahren sollte, wenn man Kriterien f&uuml;r ihren Wirksamkeitsnachweis nennen kann, zielt ins Leere. Im Bereich des Lebendigen gibt es kein Wissen, nur Ph&auml;nomenologie (ansonsten w&uuml;rden wissenschaftliche Forschungsergebnisse ja nicht so h&auml;ufig widerrufen oder man bek&auml;me nicht so h&auml;ufig von unterschiedlichen Forschungsgruppen widerspr&uuml;chliche Ergebnisse zur gleichen Arzneimitteluntersuchung. Immer wenn es um komplexe, ganzheitliche Systeme (also lebendige Systeme) geht, beruht alles scheinbare Wissen darauf, dass man nur Teilaspekte einer Ganzheit untersucht und prinzipiell nicht wissen kann, welche vielleicht wesentlichen Teile man nicht ber&uuml;cksichtigt hat. Hat man Langzeitwirkungen und Nebenwirkungen einbezogen, wie lang ist Langzeit, stimmt &uuml;berhaupt die Indikation oder hat man z.B. Kopfschmerzpatienten ohne R&uuml;cksicht auf die Herkunft der Kopfschmerzen mit einem bestimmten Mittel behandelt, muss der Patient in einer bestimmten Weise f&uuml;r das Heilmittel &#8216;ge&ouml;ffnet&#8217; werden oder darf man unbesehen davon ausgehen, dass diese &#8216;&Ouml;ffnung&#8217; v&ouml;llig ohne Belang ist. Wie kommt man eigentlich darauf, dass Heilmittel v&ouml;llig kontextfrei wirken sollen, wo doch, wie die Gestalttheorie lehrt, rein gar nichts wirklich kontextfrei gedacht werden kann. Nur wenn man den Menschen als biochemische Maschine begreift (dass Wissenschaft qua eigenem Selbstverst&auml;ndnis gar nicht anders hinschauen kann und jede Innenperspektive leugnen muss, da sie sich ja streng &uuml;ber Au&szlig;enbeobachtungen definiert) kann man ein solches Wirknachweisverst&auml;ndnis vertreten.<br /> Die Psychotherapie zeigt alle Nasen lang, dass eine Einsicht heilen kann. Vielleicht heilen Heilpflanzen auch &uuml;ber eine Art &#8216;Begegnung&#8217;, sozusagen von Lebewesen zu Lebewesen, die in einem Doppelblindsetting nat&uuml;rlich nicht abgefragt werden kann.<br /> Wissenschaft und Sachlichkeit haben ihre beste Berechtigung im Bereich der Objekte. Wo es um Ganzheitlichkeit geht, gibt es kein wirkliches kontextfreies Wissen, nur Ph&auml;nomenologie. Wenn es also Hinweise aus &Uuml;berlieferungen gibt f&uuml;r die Wirksamkeit von Heilpflanzen innerhalb einer bestimmten kulturellen Einbettung, dann sind diese ernst zu nehmen und nicht in wissenschaftlichem &Uuml;berschwang mit Sachlichkeitsargumenten (wo Lebewesen eben gerade keine Sachen sind) vorschnell &uuml;ber Bord zu werfen. Ich habe wenige Angst vor dem ein oder anderen vielleicht unlauteren Gesch&auml;ftemacher, als dass f&uuml;r diese paar Wenigen einst bew&auml;hrte Heilmittel, deren Wirken man im Augenblick aufgrund untauglicher Betrachtungsperspektive vielleicht nicht versteht, achtlos auf den M&uuml;llhaufen zu werfen.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Martin Koradi</title>
		<link>http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/05/sozialdemokratische-partei-sps-komplementaermedizin-heimatschutz-auch-fuer-unserioese-naturheilmittel.html/comment-page-1#comment-94</link>
		<dc:creator>Martin Koradi</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov -0001 00:00:00 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://heilpflanzen-info.ch/cms/?p=353#comment-94</guid>
		<description>Sehr geehrter Herr Fischer&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Danke f&#252;r Ihre interessanten und anregenden Gedanken. Ich will versuchen, Schritt f&#252;r Schritt darauf einzugehen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220; Wirklichkeit geht hier aus Wirkungen, also einem Beziehungsgeschehen hervor (&#228;hnlich wie Sie dies von Buber zitiert haben). Aber bevor zwei Teilchen, die als solche noch gar nicht in Erscheinung getreten sind, &#039;wirken&#039; k&#246;nnen, m&#252;ssen sie sich schon irgendwie miteinander verst&#228;ndigt haben, bevor sie in der Wirklichkeit aufgetaucht sind (als konkrete M&#246;glichkeiten).&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Ich verstehe (leider) nichts von Quantenphysik, weiss aber, dass deren Forschungsergebnisse durchaus unterschiedlich interpretiert werden. Wahrscheinlich trifft hier zu, was der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weiz&#228;cker (1912 - 2007) einmal gesagt hat: &#8220;Jeder Physiker hat eine Philosophie; und wer behauptet, keine zu haben, hat in der Regel eine besonders schlechte.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Ich bin mir nicht sicher, ob man quantenphysikalische Vorg&#228;nge mit dem Beziehungsgeschehen vergleichen kann, wie Martin Buber es beschreibt. Buber sieht als Basis einer Ich-Du-Beziehung ein gegenseitiges r&#252;ckhaltloses Sicheinlassen, welches atomare Teilchen wohl kaum aufbringen d&#252;rften.&lt;br /&gt; Und wenn Sie schreiben, dass zwei Teilchen sich &#8220;irgendwie miteinander verst&#228;ndigt haben&#8221; m&#252;ssen, dann m&#252;sste gekl&#228;rt werden, was Sie unter &#8220;Verst&#228;ndigung&#8221; verstehen.&lt;br /&gt; &#8220;Sich verst&#228;ndigen&#8221; meint ja &#8220;mitteilen, sich einigen&#8221; und es hat einen Bezug zu &#8220;Verstand&#8221;. Also scheint mir das Wort passend f&#252;r die Kommunikation unter Menschen und wohl auch unter Tierarten wie Affen, Delphinen oder Elefanten. Schon bei Ameisen, deren Verhalten im Stock vollkommen duftgesteuert ist, scheint es mir fraglich, von &#8220;Verst&#228;ndigung&#8221; zu sprechen, ebenso bei Pflanzen. Dass atomare Teilchen sich verst&#228;ndigen, scheint mir sehr fraglich.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;F&#252;r die Beurteilung von Heilpflanzen folgt daraus, dass man einfach vorsichtig sein muss, ein wirkliches Urteil &#252;ber sie zu f&#228;llen.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Dem kann ich auch ohne Quantenphysik zustimmen: Jedes Urteil ist vorl&#228;ufig.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;An der Uni Freiburg sind einmal Versuche mit W&#252;nschelruteng&#228;ngern gemacht worden. Sie sollten herausfinden, welche zwei von 10 Wassergl&#228;sern mit E605 vergiftet waren. Alle w&#228;ren gestorben. Allerdings zeigten zwei W&#252;nschelruteng&#228;nger bei einem Versuchsleiter (mehrere Versuchsleiter haben den Versuch angeleitet) regelm&#228;&#223;ig au&#223;ergew&#246;hnlich hohe Trefferquoten, obwohl auch dieser Versuchsleiter wie alle anderen verblindet war.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Wenn zwei W&#252;nschelruteng&#228;nger beim selben Versuchsleiter positive Resultate zeigten, k&#246;nnte dies ja auch auf eine Fehlerquelle bei diesem Versuchsleiter hinweisen.&lt;br /&gt; Wo wurde diese Studie publiziert? Ich finde dazu keinerlei Angaben im Internet, die einen Nachvollzug und eine &#220;berpr&#252;fung m&#246;glich machen w&#252;rden.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Meine Vorstellung von &#246;ffnen ist, dass man eine Art intersubjektiven Raum herzustellen versucht, sei es zwischen Patient und Therapeut oder zwischen Pflanze und Patient. Das kann man nicht ingenieursm&#228;&#223;ig machen, sondern &#228;hnelt eher einer Vorgehensweise wie beim Flirten (kann man auch nicht nach Plan machen). Meine Vermutung ist, dass der sch&#246;pferische - und damit auch heilende - Moment im Menschen einem makroskopischen Quantenzustand entspricht&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Warum nicht einfach von therapeutischer Beziehung reden, statt von &#8220;intersubjektivem Raum&#8221; oder von Quantenphysik? Das schiene mir eine Ausdrucksweise, die n&#228;her beim Leben ist.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Dieses Zauberwort kann in der Tat ein Wort des Therapeuten sein, ein Duft, eine Arznei, was auch immer, alles, was die Qualit&#228;t einer &#039;tiefen Erkenntnis&#039; annehmen kann&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Auch hier: Ich w&#252;rde da von therapeutischer Beziehung reden, das ist unzweifelhaft ein wichtiger Anteil jeder Therapie, hat aber nichts zu tun mit Heilpflanzen, Globulis oder anderen Mitteln.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;absurde Beispiele aus dem Wissenschaftsbetrieb....wo beste Wissenschaft vollst&#228;ndig in die Irre gef&#252;hrt hat&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Das ist doch gerade eine der St&#228;rken der Wissenschaft, dass sie Irrt&#252;mer korrigieren will und oft kann. Und es ist gerade nicht der Fall bei Methoden, die sich dogmatisch nur auf Tradition berufen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;.... auf die Selbstverantwortung der Menschen setzen, dass sie die M&#246;glichkeit haben, sich ggf. auch Waffensalbe einzukaufen, wenn sie meinen, dass ihnen dies hilft.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Ja, ich habe nichts dagegen, wenn die Menschen eine Waffensalbe kaufen, falls sie meinen, dass ihnen das gut tut. Nur wenn die Waffensalbe durch die Solidargemeinschaft (Grundversicherung Krankenkasse) und mit staatlicher Unterst&#252;tzung gekauft werden soll, erwarte ich eine offene Diskussion &#252;ber die Kriterien f&#252;r eine solche Unterst&#252;tzung bzw. Anerkennung. Ich kritisiere, dass sich die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Gr&#252;ne Partei (GPS) - leider - dieser Diskussion nicht stellen und an diesem Punkt offensichtlich Populismus und Beliebigkeit zu ihrer Maxime machen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Die Waffensalbe wird nicht von der Grundversicherung bezahlt. W&#252;rde sie nach hom&#246;opathischen oder anthroposophischen Prinzipien hergestellt und eingesetzt, m&#252;sste sie jedoch von der Arzneimittelbeh&#246;rde als Heilmittel registriert und von der Grundversicherung &#252;bernommen werden, weil Hom&#246;opathika und Anthroposophika von Nachweis der Wirksamkeit befreit sind. Akzeptiert und bezahlt wird hier, wovon Hom&#246;opathen und Anthroposophen sagen, dass es wirkt. Diesen Binnenkonsens halte ich f&#252;r einer demokratischen Gesellschaft nicht w&#252;rdig.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Ich hatte mal einen Placeboforscher in M&#252;nchen gesprochen, der nach l&#228;ngerer Diskussion schlie&#223;lich die Frage in den Raum stellte, ob eine Menschheit ohne Medizin oder eine Menschheit mit Medizin die letztlich ges&#252;ndere und &#252;berlebensf&#228;higere sei. So sicher k&#246;nne er sich da nicht entscheiden.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Wenn man eine solche Frage oder Aussage abstrakt auf &#8220;die Menschheit&#8221; bezieht, kommt man schnell in hochbrisante politische Gefilde. Man kann nat&#252;rlich sagen: &#8220;Lasst die Evolution walten, die &#220;berlebensf&#228;higeren werden sich ohne Medizin l&#228;ngerfristig durchsetzen und dadurch wird die Menschheit ges&#252;nder.&#8221;&lt;br /&gt; Keine Therapien mehr gegen AIDS und Malaria, keine Tumorbehandlungen, auch keine Notfallmedizin. Wir k&#246;nnten viele Kosten sparen und die Menschheit w&#252;rde ges&#252;nder......&lt;br /&gt; Ich weiss nicht, wie Sie zu einer solchen Haltung stehen. Ich finde sie menschenverachtend.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Ihrem &#8220;Placeboforscher&#8221; w&#252;rde ich geh&#246;rig die Kappe waschen.&lt;br /&gt; Statt abstrakt von &#8220;der Menschheit&#8221; zu sprechen, m&#252;sste man meines Erachtens Einzelsituationen bzw. konkrete Menschen anschauen. Da werden Sie bestimmt Menschen finden, denen die Medizin geschadet hat, aber auch - und ich w&#252;rde sagen &#252;berwiegend - Menschen, die von der Medizin profitieren. Meine Bekannte beispielsweise, knapp &#252;ber 50 Jahre alt, Arthrose wegen Fehlstellung, bewegt sich mit k&#252;nstlichem H&#252;ftgelenk wieder schmerzfrei. Ist doch wunderbar. Nun kann man nat&#252;rlich einwenden, dass sie im &#8220;medizinfreien Evolutionsmodell&#8221;, das Ihrem Placeboforscher offenbar vorschwebt, gar nicht so alt geworden w&#228;re und sich das Arthroseproblem gar nicht gestellt h&#228;tte. W&#228;re aber schon ein bisschen zynisch.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Es gibt ja eine ganze Reihe von F&#228;llen, wo die anerkannteste Kunst der Medizin die Patienten eigentlich fr&#252;hzeitig in den Tod gebracht hat.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Konkrete Beispiele w&#252;rden mich interessieren, ich w&#252;rde aber nicht bestreiten, dass es solche Situationen gibt. Medizin ist nicht frei von Ambivalenz, sie ist nicht einfach gut oder b&#246;se. Ambivalenztoleranz ist eine der F&#228;higkeiten, die wir heute am dringendsten ben&#246;tigen, nicht nur im Bereich von Medizin und Komplement&#228;rmedizin.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Vielleicht k&#246;nnte man hier &#039;dem Markt&#039; vertrauen - wer heilt, bekommt mehr Kunden, wer Misserfolge hat, bekommt mit der Zeit weniger Kunden.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Der Markt bestimmt also, was Qualit&#228;t ist? W&#252;rden Sie das bei den Fernsehprogrammen auch sagen? Hohe Einschaltquote = gute Qualit&#228;t?&lt;br /&gt; In der &#8220;Therapieszene&#8221; boomt das Familienstellen nach Hellinger, ein Verfahren, das meines Erachtens so ziemlich alle Regeln psychotherapeutischer Sorgfalt und Ethik vermissen l&#228;sst (mein Widerspruch basiert hier auf langj&#228;hrigen psychotherapeutischen Ausbildungen), aber tief sitzende Bed&#252;rfnisse nach Halt, Orientierung und Ambivalenz-Elimination befriedigt.&lt;br /&gt; Qualit&#228;t setzt sich nicht einfach so durch. Dazu braucht es Reflexion, Diskurs, Auseinandersetzung, sorgf&#228;ltige Abw&#228;gung und Wertung.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Der Markt - und explizit auch der Gesundheitsmarkt - ist doch extrem manipulierbar durch Werbung, PR und andere Marketingstrategien.&lt;br /&gt; Und das Hammer-Argument &#8220;Wer heilt hat recht&#8221; scheint mir sehr fragw&#252;rdig.&lt;br /&gt; Siehe dazu Naturheilkunde-Pr&#252;fstein Nr. 2 auf:&lt;br /&gt; http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/15/naturheilkunde-woran-erkennen-sie-fragwuerdige-aussagen.html&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Die Frage scheint mir hier, woher eine Methode ihren Wahrschein bekommt. Mit klinischer Wirksamkeit hat dies oft kaum etwas zu tun. Auf dem Markt kommt an, was gut ins gesellschaftliche Umfeld passt und verbreitete Bed&#252;rfnisse erf&#252;llt. Also m&#252;ssten zuerst das gesellschaftliche Umfeld und diese Bed&#252;rfnisse reflektiert werden, bevor vom Markterfolg auf Qualit&#228;t und Wirksamkeit geschlossen wird.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Vielleicht kann sich die Medizin von der Vorstellung einer pachtbaren oder definierbaren Verantwortung ein St&#252;ckweit freistrampeln und die Menschen selbst entscheiden und gegenseitig beraten lassen. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit w&#252;rde sich wom&#246;glich eine neue Gesundheitskultur entwickeln, bei der man den Menschen manchmal im besch&#252;tzenden &#220;berschwang auch Heilweisen vorenth&#228;lt, die gerade diesem einen Menschen in seinem Fall geholfen h&#228;tten, egal ob rational oder irrational.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Das t&#246;nt sehr nach &#8220;anything goes&#8221; und scheint mir ein gutes Prinzip, um Ideen zu kreieren und Hypothesen aufzustellen. In diesem Sinne soll meines Erachtens alles zugelassen und willkommen sein.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Wenn aber nun jeder und jede im eigenen &#8220;Anything goes&#8221; hocken bleibt, entsteht daraus eine sehr willk&#252;rliche, kontakt- und beziehungslose &#8220;Veranstaltung&#8221;. Entscheidend scheint mir daher: Wie scheiden wir (Selbst-) T&#228;uschungen und Irrt&#252;mer aus? - Dazu braucht es meiner Ansicht nach eine kritische Auseinandersetzung.&lt;br /&gt; Andernfalls w&#252;rde sich wohl eine Guru-Kultur entwickeln, weil ein grosser Teil der Menschen von der Menge an Versprechungen und Behauptungen &#252;berfordert w&#228;re und dankbar nach halt gebenden Dogmen greifen w&#252;rde (wie es heute schon geschieht).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Mehr Selbstverantwortung zu fordern oder zu erm&#246;glichen ist sch&#246;n und gut. Selbstverantwortung w&#252;rde aber voraussetzen, dass man sich fundiert mit einem Thema auseinandersetzt und dass man lernt, sich sorgf&#228;ltig eine eigene Meinung zu bilden. Sind Sie sicher, dass die Mehrzahl der Menschen dazu bereit w&#228;re?&lt;br /&gt; Dazu kommt noch, dass gerade ernsthaft erkrankte Menschen oft in einer sehr schwierigen Lage sind und gerne nach jedem angebotenen Strohhalm greifen. Ich kann Ihnen ziemlich ersch&#252;tternde Beispiele erz&#228;hlen von Krebspatienten, die in ihrer Not einem gr&#246;ssenwahnsinnigen Scharlatan wie Rike Geerd Hamer mit seiner &#8220;Germanischen Neuen Medizin&#8221; zum Opfer gefallen sind. W&#252;rden Sie da sagen: Selbstverantwortung - geht die Gesellschaft nichts an?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;... dass im heutigen Gesundheitsverst&#228;ndnis Gesundheit immer als Konsumgut verstanden wird...&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Sind Sie sicher, dass die Gesundheit in der Komplement&#228;rmedizin kein Konsumgut ist?&lt;br /&gt; Meiner Beobachtung nach gibt es da in der Praxis nicht so viele Unterschiede, wenn man genau hinschaut. Auch in der Komplement&#228;rmedizin treffe ich immer wieder auf Versprechungen, dass sich Gesundheit mit dem richtigen Mittel &#8220;machen&#8221; l&#228;sst. Es sind einfach andere Mittel und Methoden, aber ob die Grundhaltung wirklich so anders ist, w&#252;rde ich bezweifeln.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Ich sehe nur, dass einige Mittel auch in Deutschland vom Markt genommen werden, die ich bei mir oder im Bekanntenkreis als wirksam erfahren habe, wo aber der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis fehlt&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Vom Markt nehmen - das w&#252;rde ich nur bei Mitteln, die deutlich mehr Schaden als Nutzen anrichten k&#246;nnen. Transparenz w&#252;rde ich aber fordern. Es muss f&#252;r Konsumentinnen und Konsumenten klar ersichtlich sein, welche Heilmittel ihre Wirksamkeit belegt haben und welche sich um diese Arbeit dr&#252;cken und Wirksamkeit nur versprechen - wobei aber selbstverst&#228;ndlich auch Heilmittel ohne Wirksamkeitsnachweis wirksam sein k&#246;nnen.&lt;br /&gt; Allerdings: Sie schreiben, dass Sie und ihre Bekannten solche Mittel als wirksam erfahren haben. Woher nehmen Sie diese Gewissheit? Ich selber w&#252;sste im Einzelfall nie, wie die Krankheit ohne Behandlung verlaufen w&#228;re, ob nicht andere Faktoren f&#252;r die Heilung verantwortlich sind und wie stark der Placebo-Effekt eine Rolle gespielt hat. Genau deshalb werden doch kontrollierte Studien gemacht.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220; Meine Hoffnung w&#228;re, dass in diesem Sektor die Gesamtheit der Menschen intuitiv kl&#252;ger sind als eine Expertenelite&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Das halte ich f&#252;r sehr fraglich. Ich w&#252;rde aber mit Nachdruck den Dialog zwischen Experten und Nicht-Experten fordern und f&#246;rdern.&lt;br /&gt; Ich kann mir nicht vorstellen, wie Krebspatienten beispielsweise die Wirkung von Pflanzenstoffen wie Curcumin oder Eugenol beurteilen sollen, die zur Tumorbehandlung propagiert werden. Einfach alles ausprobieren geht ja nicht - der Zeithorizont ist beschr&#228;nkt und die Anzahl der angepriesenen Pr&#228;parate riesig.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Zudem muss man viele Naturheilmittel &#252;ber lange Zeit einnehmen. Falls keine Wirkung eintritt hat man das Geld schon zum Fenster hinaus geworfen und viel Hoffnung investiert, bis man den Misserfolg merkt.&lt;br /&gt; Als Einzelmensch &#8220;intuitiv&#8221; auf irgendetwas setzen verkommt zudem oft zur blossen Willk&#252;r. Einfach im Bekanntenkreis herum h&#246;ren ist auch keine gute L&#246;sung, weil jeder etwas anderes erz&#228;hlen wird.&lt;br /&gt; Und wie ermittelt man die intuitive Erkenntnis der &#8220;Gesamtheit der Menschen&#8221;?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Wie leicht sich zum Beispiel &#196;ngste und Bef&#252;rchtungen der Menschen bewirtschaften lassen, zeigt auf politischer Ebene doch der Erfolg von Populismen jedwelcher Couleur. Es gibt auch einen &#8220;Gesundheitspopulismus&#8221;.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Fischer:&lt;br /&gt; &#8220;Ins Extrem zugespitzt, w&#252;rde bei meinem Modell auch mal ein Kind sterben, weil Eltern zu einem vermeintlichen Wunderheiler gegangen sind statt in ein Krankenhaus. Daf&#252;r w&#252;rde aber vielleicht ein anderer Mensch nicht sterben, weil er gerade nicht ins Krankenhaus gegangen ist, sondern zu einem Wunderheiler (bei manchen liegt ja die Erfolgsquote durchaus hoch). Meine Vermutung w&#228;re, dass die Vor- und Nachteile sich in etwa gegenseitig aufheben, aber der Impuls zur Selbstverantwortung ein ganz anderes Gewicht erh&#228;lt und auch ein neues Gesundheitsbewusstsein schafft.&#8221;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Koradi:&lt;br /&gt; Ich w&#252;rde in Ihrem Modell m&#246;glicherweise die Eltern vor Gericht bringen wollen, weil sie die F&#252;rsorgepflicht f&#252;r ihr Kind nicht wahrgenommen haben. Kinder k&#246;nnen ja nicht f&#252;r sich entscheiden. Sie sind den allf&#228;lligen Verr&#252;cktheiten ihrer Eltern ausgeliefert und haben dann Anrecht auf Schutz durch die Gesellschaft.&lt;br /&gt; Und ja: Es mag Leute geben, die unn&#246;tigerweise ins Spital gehen und dort beispielsweise an einer Spitalinfektion sterben. Die h&#228;tten &#252;berlebt, wenn sie stattdessen zum Wunderheiler gegangen w&#228;ren. Aber halten Sie diese F&#228;lle f&#252;r h&#228;ufig?&lt;br /&gt; Glauben Sie, dass der Gang zum Wunderheiler ein Akt der Selbstverantwortung ist? Meinem Eindruck nach wird da die Verantwortung meistens einfach an eine andere Instanz abgegeben und es gibt eine ganze Menge von Leuten, die abh&#228;ngig sind von ihren Wunderheilern.&lt;br /&gt; St&#252;tzen Sie sich bei Ihrer Aussage, dass bei manchen Wunderheilern die Erfolgsquote hoch sei, auf Anekdoten? Das reicht mir nicht.&lt;br /&gt; Man m&#252;sste zudem genauere Kriterien erarbeiten, wann ein Spitalaufenthalt und wann ein Besuch beim Wunderheiler angesagt ist. Bei Warzen zum Beispiel bin ich &#252;berzeugt, dass manche &#8220;Wunderheiler&#8221; erfolgreich sind. Warzen lassen sich offenbar leicht durch Suggestion beeinflussen - sie sind allerdings auch selbstlimitierend und verschwinden nach einer gewissen Zeit auch von selbst, was die Beurteilung von Heilerfolgen erschwert.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Freundliche Gr&#252;sse&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Martin Koradi, Dozent f&#252;r Phytotherapie / Pflanzenheilkunde</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Sehr geehrter Herr Fischer</p>
<p> Danke f&uuml;r Ihre interessanten und anregenden Gedanken. Ich will versuchen, Schritt f&uuml;r Schritt darauf einzugehen.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo; Wirklichkeit geht hier aus Wirkungen, also einem Beziehungsgeschehen hervor (&auml;hnlich wie Sie dies von Buber zitiert haben). Aber bevor zwei Teilchen, die als solche noch gar nicht in Erscheinung getreten sind, &#8216;wirken&#8217; k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie sich schon irgendwie miteinander verst&auml;ndigt haben, bevor sie in der Wirklichkeit aufgetaucht sind (als konkrete M&ouml;glichkeiten).&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Ich verstehe (leider) nichts von Quantenphysik, weiss aber, dass deren Forschungsergebnisse durchaus unterschiedlich interpretiert werden. Wahrscheinlich trifft hier zu, was der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weiz&auml;cker (1912 &#8211; 2007) einmal gesagt hat: &ldquo;Jeder Physiker hat eine Philosophie; und wer behauptet, keine zu haben, hat in der Regel eine besonders schlechte.&rdquo;</p>
<p> Ich bin mir nicht sicher, ob man quantenphysikalische Vorg&auml;nge mit dem Beziehungsgeschehen vergleichen kann, wie Martin Buber es beschreibt. Buber sieht als Basis einer Ich-Du-Beziehung ein gegenseitiges r&uuml;ckhaltloses Sicheinlassen, welches atomare Teilchen wohl kaum aufbringen d&uuml;rften.<br /> Und wenn Sie schreiben, dass zwei Teilchen sich &ldquo;irgendwie miteinander verst&auml;ndigt haben&rdquo; m&uuml;ssen, dann m&uuml;sste gekl&auml;rt werden, was Sie unter &ldquo;Verst&auml;ndigung&rdquo; verstehen.<br /> &ldquo;Sich verst&auml;ndigen&rdquo; meint ja &ldquo;mitteilen, sich einigen&rdquo; und es hat einen Bezug zu &ldquo;Verstand&rdquo;. Also scheint mir das Wort passend f&uuml;r die Kommunikation unter Menschen und wohl auch unter Tierarten wie Affen, Delphinen oder Elefanten. Schon bei Ameisen, deren Verhalten im Stock vollkommen duftgesteuert ist, scheint es mir fraglich, von &ldquo;Verst&auml;ndigung&rdquo; zu sprechen, ebenso bei Pflanzen. Dass atomare Teilchen sich verst&auml;ndigen, scheint mir sehr fraglich.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;F&uuml;r die Beurteilung von Heilpflanzen folgt daraus, dass man einfach vorsichtig sein muss, ein wirkliches Urteil &uuml;ber sie zu f&auml;llen.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Dem kann ich auch ohne Quantenphysik zustimmen: Jedes Urteil ist vorl&auml;ufig.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;An der Uni Freiburg sind einmal Versuche mit W&uuml;nschelruteng&auml;ngern gemacht worden. Sie sollten herausfinden, welche zwei von 10 Wassergl&auml;sern mit E605 vergiftet waren. Alle w&auml;ren gestorben. Allerdings zeigten zwei W&uuml;nschelruteng&auml;nger bei einem Versuchsleiter (mehrere Versuchsleiter haben den Versuch angeleitet) regelm&auml;&szlig;ig au&szlig;ergew&ouml;hnlich hohe Trefferquoten, obwohl auch dieser Versuchsleiter wie alle anderen verblindet war.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Wenn zwei W&uuml;nschelruteng&auml;nger beim selben Versuchsleiter positive Resultate zeigten, k&ouml;nnte dies ja auch auf eine Fehlerquelle bei diesem Versuchsleiter hinweisen.<br /> Wo wurde diese Studie publiziert? Ich finde dazu keinerlei Angaben im Internet, die einen Nachvollzug und eine &Uuml;berpr&uuml;fung m&ouml;glich machen w&uuml;rden.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Meine Vorstellung von &ouml;ffnen ist, dass man eine Art intersubjektiven Raum herzustellen versucht, sei es zwischen Patient und Therapeut oder zwischen Pflanze und Patient. Das kann man nicht ingenieursm&auml;&szlig;ig machen, sondern &auml;hnelt eher einer Vorgehensweise wie beim Flirten (kann man auch nicht nach Plan machen). Meine Vermutung ist, dass der sch&ouml;pferische &#8211; und damit auch heilende &#8211; Moment im Menschen einem makroskopischen Quantenzustand entspricht&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Warum nicht einfach von therapeutischer Beziehung reden, statt von &ldquo;intersubjektivem Raum&rdquo; oder von Quantenphysik? Das schiene mir eine Ausdrucksweise, die n&auml;her beim Leben ist.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Dieses Zauberwort kann in der Tat ein Wort des Therapeuten sein, ein Duft, eine Arznei, was auch immer, alles, was die Qualit&auml;t einer &#8216;tiefen Erkenntnis&#8217; annehmen kann&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Auch hier: Ich w&uuml;rde da von therapeutischer Beziehung reden, das ist unzweifelhaft ein wichtiger Anteil jeder Therapie, hat aber nichts zu tun mit Heilpflanzen, Globulis oder anderen Mitteln.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;absurde Beispiele aus dem Wissenschaftsbetrieb&#8230;.wo beste Wissenschaft vollst&auml;ndig in die Irre gef&uuml;hrt hat&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Das ist doch gerade eine der St&auml;rken der Wissenschaft, dass sie Irrt&uuml;mer korrigieren will und oft kann. Und es ist gerade nicht der Fall bei Methoden, die sich dogmatisch nur auf Tradition berufen.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;&#8230;. auf die Selbstverantwortung der Menschen setzen, dass sie die M&ouml;glichkeit haben, sich ggf. auch Waffensalbe einzukaufen, wenn sie meinen, dass ihnen dies hilft.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Ja, ich habe nichts dagegen, wenn die Menschen eine Waffensalbe kaufen, falls sie meinen, dass ihnen das gut tut. Nur wenn die Waffensalbe durch die Solidargemeinschaft (Grundversicherung Krankenkasse) und mit staatlicher Unterst&uuml;tzung gekauft werden soll, erwarte ich eine offene Diskussion &uuml;ber die Kriterien f&uuml;r eine solche Unterst&uuml;tzung bzw. Anerkennung. Ich kritisiere, dass sich die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Gr&uuml;ne Partei (GPS) &#8211; leider &#8211; dieser Diskussion nicht stellen und an diesem Punkt offensichtlich Populismus und Beliebigkeit zu ihrer Maxime machen.</p>
<p> Die Waffensalbe wird nicht von der Grundversicherung bezahlt. W&uuml;rde sie nach hom&ouml;opathischen oder anthroposophischen Prinzipien hergestellt und eingesetzt, m&uuml;sste sie jedoch von der Arzneimittelbeh&ouml;rde als Heilmittel registriert und von der Grundversicherung &uuml;bernommen werden, weil Hom&ouml;opathika und Anthroposophika von Nachweis der Wirksamkeit befreit sind. Akzeptiert und bezahlt wird hier, wovon Hom&ouml;opathen und Anthroposophen sagen, dass es wirkt. Diesen Binnenkonsens halte ich f&uuml;r einer demokratischen Gesellschaft nicht w&uuml;rdig.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Ich hatte mal einen Placeboforscher in M&uuml;nchen gesprochen, der nach l&auml;ngerer Diskussion schlie&szlig;lich die Frage in den Raum stellte, ob eine Menschheit ohne Medizin oder eine Menschheit mit Medizin die letztlich ges&uuml;ndere und &uuml;berlebensf&auml;higere sei. So sicher k&ouml;nne er sich da nicht entscheiden.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Wenn man eine solche Frage oder Aussage abstrakt auf &ldquo;die Menschheit&rdquo; bezieht, kommt man schnell in hochbrisante politische Gefilde. Man kann nat&uuml;rlich sagen: &ldquo;Lasst die Evolution walten, die &Uuml;berlebensf&auml;higeren werden sich ohne Medizin l&auml;ngerfristig durchsetzen und dadurch wird die Menschheit ges&uuml;nder.&rdquo;<br /> Keine Therapien mehr gegen AIDS und Malaria, keine Tumorbehandlungen, auch keine Notfallmedizin. Wir k&ouml;nnten viele Kosten sparen und die Menschheit w&uuml;rde ges&uuml;nder&#8230;&#8230;<br /> Ich weiss nicht, wie Sie zu einer solchen Haltung stehen. Ich finde sie menschenverachtend.</p>
<p> Ihrem &ldquo;Placeboforscher&rdquo; w&uuml;rde ich geh&ouml;rig die Kappe waschen.<br /> Statt abstrakt von &ldquo;der Menschheit&rdquo; zu sprechen, m&uuml;sste man meines Erachtens Einzelsituationen bzw. konkrete Menschen anschauen. Da werden Sie bestimmt Menschen finden, denen die Medizin geschadet hat, aber auch &#8211; und ich w&uuml;rde sagen &uuml;berwiegend &#8211; Menschen, die von der Medizin profitieren. Meine Bekannte beispielsweise, knapp &uuml;ber 50 Jahre alt, Arthrose wegen Fehlstellung, bewegt sich mit k&uuml;nstlichem H&uuml;ftgelenk wieder schmerzfrei. Ist doch wunderbar. Nun kann man nat&uuml;rlich einwenden, dass sie im &ldquo;medizinfreien Evolutionsmodell&rdquo;, das Ihrem Placeboforscher offenbar vorschwebt, gar nicht so alt geworden w&auml;re und sich das Arthroseproblem gar nicht gestellt h&auml;tte. W&auml;re aber schon ein bisschen zynisch.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Es gibt ja eine ganze Reihe von F&auml;llen, wo die anerkannteste Kunst der Medizin die Patienten eigentlich fr&uuml;hzeitig in den Tod gebracht hat.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Konkrete Beispiele w&uuml;rden mich interessieren, ich w&uuml;rde aber nicht bestreiten, dass es solche Situationen gibt. Medizin ist nicht frei von Ambivalenz, sie ist nicht einfach gut oder b&ouml;se. Ambivalenztoleranz ist eine der F&auml;higkeiten, die wir heute am dringendsten ben&ouml;tigen, nicht nur im Bereich von Medizin und Komplement&auml;rmedizin.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Vielleicht k&ouml;nnte man hier &#8216;dem Markt&#8217; vertrauen &#8211; wer heilt, bekommt mehr Kunden, wer Misserfolge hat, bekommt mit der Zeit weniger Kunden.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Der Markt bestimmt also, was Qualit&auml;t ist? W&uuml;rden Sie das bei den Fernsehprogrammen auch sagen? Hohe Einschaltquote = gute Qualit&auml;t?<br /> In der &ldquo;Therapieszene&rdquo; boomt das Familienstellen nach Hellinger, ein Verfahren, das meines Erachtens so ziemlich alle Regeln psychotherapeutischer Sorgfalt und Ethik vermissen l&auml;sst (mein Widerspruch basiert hier auf langj&auml;hrigen psychotherapeutischen Ausbildungen), aber tief sitzende Bed&uuml;rfnisse nach Halt, Orientierung und Ambivalenz-Elimination befriedigt.<br /> Qualit&auml;t setzt sich nicht einfach so durch. Dazu braucht es Reflexion, Diskurs, Auseinandersetzung, sorgf&auml;ltige Abw&auml;gung und Wertung.</p>
<p> Der Markt &#8211; und explizit auch der Gesundheitsmarkt &#8211; ist doch extrem manipulierbar durch Werbung, PR und andere Marketingstrategien.<br /> Und das Hammer-Argument &ldquo;Wer heilt hat recht&rdquo; scheint mir sehr fragw&uuml;rdig.<br /> Siehe dazu Naturheilkunde-Pr&uuml;fstein Nr. 2 auf:<br /> <a href="http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/15/naturheilkunde-woran-erkennen-sie-fragwuerdige-aussagen.html" rel="nofollow">http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/15/naturheilkunde-woran-erkennen-sie-fragwuerdige-aussagen.html</a></p>
<p> Die Frage scheint mir hier, woher eine Methode ihren Wahrschein bekommt. Mit klinischer Wirksamkeit hat dies oft kaum etwas zu tun. Auf dem Markt kommt an, was gut ins gesellschaftliche Umfeld passt und verbreitete Bed&uuml;rfnisse erf&uuml;llt. Also m&uuml;ssten zuerst das gesellschaftliche Umfeld und diese Bed&uuml;rfnisse reflektiert werden, bevor vom Markterfolg auf Qualit&auml;t und Wirksamkeit geschlossen wird.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Vielleicht kann sich die Medizin von der Vorstellung einer pachtbaren oder definierbaren Verantwortung ein St&uuml;ckweit freistrampeln und die Menschen selbst entscheiden und gegenseitig beraten lassen. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit w&uuml;rde sich wom&ouml;glich eine neue Gesundheitskultur entwickeln, bei der man den Menschen manchmal im besch&uuml;tzenden &Uuml;berschwang auch Heilweisen vorenth&auml;lt, die gerade diesem einen Menschen in seinem Fall geholfen h&auml;tten, egal ob rational oder irrational.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Das t&ouml;nt sehr nach &ldquo;anything goes&rdquo; und scheint mir ein gutes Prinzip, um Ideen zu kreieren und Hypothesen aufzustellen. In diesem Sinne soll meines Erachtens alles zugelassen und willkommen sein.</p>
<p> Wenn aber nun jeder und jede im eigenen &ldquo;Anything goes&rdquo; hocken bleibt, entsteht daraus eine sehr willk&uuml;rliche, kontakt- und beziehungslose &ldquo;Veranstaltung&rdquo;. Entscheidend scheint mir daher: Wie scheiden wir (Selbst-) T&auml;uschungen und Irrt&uuml;mer aus? &#8211; Dazu braucht es meiner Ansicht nach eine kritische Auseinandersetzung.<br /> Andernfalls w&uuml;rde sich wohl eine Guru-Kultur entwickeln, weil ein grosser Teil der Menschen von der Menge an Versprechungen und Behauptungen &uuml;berfordert w&auml;re und dankbar nach halt gebenden Dogmen greifen w&uuml;rde (wie es heute schon geschieht).</p>
<p> Mehr Selbstverantwortung zu fordern oder zu erm&ouml;glichen ist sch&ouml;n und gut. Selbstverantwortung w&uuml;rde aber voraussetzen, dass man sich fundiert mit einem Thema auseinandersetzt und dass man lernt, sich sorgf&auml;ltig eine eigene Meinung zu bilden. Sind Sie sicher, dass die Mehrzahl der Menschen dazu bereit w&auml;re?<br /> Dazu kommt noch, dass gerade ernsthaft erkrankte Menschen oft in einer sehr schwierigen Lage sind und gerne nach jedem angebotenen Strohhalm greifen. Ich kann Ihnen ziemlich ersch&uuml;tternde Beispiele erz&auml;hlen von Krebspatienten, die in ihrer Not einem gr&ouml;ssenwahnsinnigen Scharlatan wie Rike Geerd Hamer mit seiner &ldquo;Germanischen Neuen Medizin&rdquo; zum Opfer gefallen sind. W&uuml;rden Sie da sagen: Selbstverantwortung &#8211; geht die Gesellschaft nichts an?</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;&#8230; dass im heutigen Gesundheitsverst&auml;ndnis Gesundheit immer als Konsumgut verstanden wird&#8230;&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Sind Sie sicher, dass die Gesundheit in der Komplement&auml;rmedizin kein Konsumgut ist?<br /> Meiner Beobachtung nach gibt es da in der Praxis nicht so viele Unterschiede, wenn man genau hinschaut. Auch in der Komplement&auml;rmedizin treffe ich immer wieder auf Versprechungen, dass sich Gesundheit mit dem richtigen Mittel &ldquo;machen&rdquo; l&auml;sst. Es sind einfach andere Mittel und Methoden, aber ob die Grundhaltung wirklich so anders ist, w&uuml;rde ich bezweifeln.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Ich sehe nur, dass einige Mittel auch in Deutschland vom Markt genommen werden, die ich bei mir oder im Bekanntenkreis als wirksam erfahren habe, wo aber der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis fehlt&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Vom Markt nehmen &#8211; das w&uuml;rde ich nur bei Mitteln, die deutlich mehr Schaden als Nutzen anrichten k&ouml;nnen. Transparenz w&uuml;rde ich aber fordern. Es muss f&uuml;r Konsumentinnen und Konsumenten klar ersichtlich sein, welche Heilmittel ihre Wirksamkeit belegt haben und welche sich um diese Arbeit dr&uuml;cken und Wirksamkeit nur versprechen &#8211; wobei aber selbstverst&auml;ndlich auch Heilmittel ohne Wirksamkeitsnachweis wirksam sein k&ouml;nnen.<br /> Allerdings: Sie schreiben, dass Sie und ihre Bekannten solche Mittel als wirksam erfahren haben. Woher nehmen Sie diese Gewissheit? Ich selber w&uuml;sste im Einzelfall nie, wie die Krankheit ohne Behandlung verlaufen w&auml;re, ob nicht andere Faktoren f&uuml;r die Heilung verantwortlich sind und wie stark der Placebo-Effekt eine Rolle gespielt hat. Genau deshalb werden doch kontrollierte Studien gemacht.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo; Meine Hoffnung w&auml;re, dass in diesem Sektor die Gesamtheit der Menschen intuitiv kl&uuml;ger sind als eine Expertenelite&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Das halte ich f&uuml;r sehr fraglich. Ich w&uuml;rde aber mit Nachdruck den Dialog zwischen Experten und Nicht-Experten fordern und f&ouml;rdern.<br /> Ich kann mir nicht vorstellen, wie Krebspatienten beispielsweise die Wirkung von Pflanzenstoffen wie Curcumin oder Eugenol beurteilen sollen, die zur Tumorbehandlung propagiert werden. Einfach alles ausprobieren geht ja nicht &#8211; der Zeithorizont ist beschr&auml;nkt und die Anzahl der angepriesenen Pr&auml;parate riesig.</p>
<p> Zudem muss man viele Naturheilmittel &uuml;ber lange Zeit einnehmen. Falls keine Wirkung eintritt hat man das Geld schon zum Fenster hinaus geworfen und viel Hoffnung investiert, bis man den Misserfolg merkt.<br /> Als Einzelmensch &ldquo;intuitiv&rdquo; auf irgendetwas setzen verkommt zudem oft zur blossen Willk&uuml;r. Einfach im Bekanntenkreis herum h&ouml;ren ist auch keine gute L&ouml;sung, weil jeder etwas anderes erz&auml;hlen wird.<br /> Und wie ermittelt man die intuitive Erkenntnis der &ldquo;Gesamtheit der Menschen&rdquo;?</p>
<p> Wie leicht sich zum Beispiel &Auml;ngste und Bef&uuml;rchtungen der Menschen bewirtschaften lassen, zeigt auf politischer Ebene doch der Erfolg von Populismen jedwelcher Couleur. Es gibt auch einen &ldquo;Gesundheitspopulismus&rdquo;.</p>
<p> Fischer:<br /> &ldquo;Ins Extrem zugespitzt, w&uuml;rde bei meinem Modell auch mal ein Kind sterben, weil Eltern zu einem vermeintlichen Wunderheiler gegangen sind statt in ein Krankenhaus. Daf&uuml;r w&uuml;rde aber vielleicht ein anderer Mensch nicht sterben, weil er gerade nicht ins Krankenhaus gegangen ist, sondern zu einem Wunderheiler (bei manchen liegt ja die Erfolgsquote durchaus hoch). Meine Vermutung w&auml;re, dass die Vor- und Nachteile sich in etwa gegenseitig aufheben, aber der Impuls zur Selbstverantwortung ein ganz anderes Gewicht erh&auml;lt und auch ein neues Gesundheitsbewusstsein schafft.&rdquo;</p>
<p> Koradi:<br /> Ich w&uuml;rde in Ihrem Modell m&ouml;glicherweise die Eltern vor Gericht bringen wollen, weil sie die F&uuml;rsorgepflicht f&uuml;r ihr Kind nicht wahrgenommen haben. Kinder k&ouml;nnen ja nicht f&uuml;r sich entscheiden. Sie sind den allf&auml;lligen Verr&uuml;cktheiten ihrer Eltern ausgeliefert und haben dann Anrecht auf Schutz durch die Gesellschaft.<br /> Und ja: Es mag Leute geben, die unn&ouml;tigerweise ins Spital gehen und dort beispielsweise an einer Spitalinfektion sterben. Die h&auml;tten &uuml;berlebt, wenn sie stattdessen zum Wunderheiler gegangen w&auml;ren. Aber halten Sie diese F&auml;lle f&uuml;r h&auml;ufig?<br /> Glauben Sie, dass der Gang zum Wunderheiler ein Akt der Selbstverantwortung ist? Meinem Eindruck nach wird da die Verantwortung meistens einfach an eine andere Instanz abgegeben und es gibt eine ganze Menge von Leuten, die abh&auml;ngig sind von ihren Wunderheilern.<br /> St&uuml;tzen Sie sich bei Ihrer Aussage, dass bei manchen Wunderheilern die Erfolgsquote hoch sei, auf Anekdoten? Das reicht mir nicht.<br /> Man m&uuml;sste zudem genauere Kriterien erarbeiten, wann ein Spitalaufenthalt und wann ein Besuch beim Wunderheiler angesagt ist. Bei Warzen zum Beispiel bin ich &uuml;berzeugt, dass manche &ldquo;Wunderheiler&rdquo; erfolgreich sind. Warzen lassen sich offenbar leicht durch Suggestion beeinflussen &#8211; sie sind allerdings auch selbstlimitierend und verschwinden nach einer gewissen Zeit auch von selbst, was die Beurteilung von Heilerfolgen erschwert.</p>
<p> Freundliche Gr&uuml;sse</p>
<p> Martin Koradi, Dozent f&uuml;r Phytotherapie / Pflanzenheilkunde</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Falk Fischer</title>
		<link>http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/05/sozialdemokratische-partei-sps-komplementaermedizin-heimatschutz-auch-fuer-unserioese-naturheilmittel.html/comment-page-1#comment-95</link>
		<dc:creator>Falk Fischer</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov -0001 00:00:00 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://heilpflanzen-info.ch/cms/?p=353#comment-95</guid>
		<description>Sehr geehrter Herr Koradi,&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; haben Sie ganz herzlichen Dank f&#252;r die lange Auseinandersetzung mit dem, was ich Ihnen geschrieben habe.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; In gro&#223;en Teilen stimme ich Ihrer Kritik an meiner Kritik durchaus zu. Auf Ihren Text m&#246;chte ich nicht in gleicher Gr&#252;ndlichkeit eingehen, weil das dann schnell uferlos wird.&lt;br /&gt; Ich komme ja urspr&#252;nglich aus der Physik, und mein Lieblingsthema ist die philosophische Grundlage der Quantenphysik. Hier sind alle Begriffe (da es nur sehr wenige gibt) sehr klar definiert. Und hier kann man auch den Begriff des Ganzen und der Wahrheit exakt fassen. Wirklichkeit geht hier aus Wirkungen, also einem Beziehungsgeschehen hervor (&#228;hnlich wie Sie dies von Buber zitiert haben). Aber bevor zwei Teilchen, die als solche noch gar nicht in Erscheinung getreten sind, &#039;wirken&#039; k&#246;nnen, m&#252;ssen sie sich schon irgendwie miteinander verst&#228;ndigt haben, bevor sie in der Wirklichkeit aufgetaucht sind (als konkrete M&#246;glichkeiten). Diese M&#246;glichkeitsszenerie unterhalb der Wirklichkeit (man m&#252;sste die ganzen Begriffe etwas genauer ausf&#252;hren, was ich mir aber hier erspare und daher ein bisschen salopper formuliere) ist alles mit allem instantan und raumlos verbunden (Raum und Zeit lassen sich nur anhand von Wirkungen formulieren, aber eben nicht &#039;vor&#039; dem &#039;Moment&#039; der Wirkung). So viel erst mal zum Ganzen. Damit kann man nat&#252;rlich nicht arbeiten. Um arbeitsf&#228;hig zu werden, muss man so genannte Heisenbergschnitte machen. Wenn man Gl&#252;ck hat, findet man Ausschnitte in der Wirklichkeit, die sich aus dem ganzen Untergrund an &#252;berschaubaren Wirkm&#246;glichkeiten relativ autonom abheben und isoliert betrachten lassen. In dem Ma&#223;e, wie man gute Begriffe bilden kann, kann man auch Wissen in den Beziehungen zwischen diesen Begriffen generieren. Leider wei&#223; man in lebendigen Kontexten selten, ab wann ein Begriff aufh&#246;rt oder anf&#228;ngt, wirklich gut zu sein. In vielen F&#228;llen ist man sich relativ sicher (z.B. bei der Waffensalbe, dass sie nicht sehr viel hilft), in anderen F&#228;llen weniger (z.B. Hom&#246;opathika). Damit komme ich zum Begriff der Wahrheit (in der Quantenphysik).&lt;br /&gt; Ein Photon z.B. kann ich in einem ganz bestimmten Zustand pr&#228;parieren (ihm z.B. eine ganz bestimmte Polarisation aufpr&#228;gen). Wenn ich diesen Zustand nicht kenne, gibt es keine M&#246;glichkeit, ihn mit Sicherheit zu erfahren. Was ich einzig erfahren kann, ist die Projektion des Zustandes auf meine Frage (meinen wom&#246;glich leicht schr&#228;gt aufgestellten Polarisationsfilter, der dann das Photon z.B. mit 80% Wahrscheinlichkeit durchl&#228;sst). In diesem einfachen Beispiel gibt es also den tats&#228;chlichen Polarisationszustand des Photons (die Wahrheit &#252;ber seine Polarisation), blo&#223; kann man sie nicht herausfinden, sich nur &#252;ber viele Versuche an gleichartig polarisierten Photonen der Wahrheit ann&#228;hern.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; F&#252;r die Beurteilung von Heilpflanzen folgt daraus, dass man einfach vorsichtig sein muss, ein wirkliches Urteil &#252;ber sie zu f&#228;llen. An der Uni Freiburg sind einmal Versuche mit W&#252;nschelruteng&#228;ngern gemacht worden. Sie sollten herausfinden, welche zwei von 10 Wassergl&#228;sern mit E605 vergiftet waren. Alle w&#228;ren gestorben. Allerdings zeigten zwei W&#252;nschelrouteng&#228;nger bei einem Versuchsleiter (mehrere Versuchsleiter haben den Versuch angeleitet) regelm&#228;&#223;ig au&#223;ergew&#246;hnlich hohe Trefferquoten, obwohl auch dieser Versuchsleiter wie alle anderen verblindet war.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Vielleicht wird damit auch klar, was ich mit der &#039;&#214;ffnung&#039; des Patienten meine. Wahrscheinlich hat Buber dazu sehr &#228;hnliches geschrieben (ich werde mir das Buch einmal kaufen). Meine Vorstellung von &#246;ffnen ist, dass man eine Art intersubjektiven Raum herzustellen versucht, sei es zwischen Patient und Therapeut oder zwischen Pflanze und Patient. Das kann man nicht ingenieursm&#228;&#223;ig machen, sondern &#228;hnelt eher einer Vorgehensweise wie beim Flirten (kann man auch nicht nach Plan machen). Meine Vermutung ist, dass der sch&#246;pferische - und damit auch heilende - Moment im Menschen einem makroskopischen Quantenzustand entspricht (dass es solche Zust&#228;nde geben kann, ist z.B. bei Thomas G&#246;rnitz, einem Weizs&#228;cker-Sch&#252;ler, sehr gut dargelegt nachzulesen). Wenn hier das Eichendorffsche &#039;Zauberwort&#039; f&#228;llt, kann es, wie es auch die Gestalttheorie wei&#223;, die gesamte Person umstimmen. Dieses Zauberwort kann in der Tat ein Wort des Therapeuten sein, ein Duft, eine Arznei, was auch immer, alles, was die Qualit&#228;t einer &#039;tiefen Erkenntnis&#039; annehmen kann (ich will den Begriff nicht weiter ausf&#252;hren, wird sonst zu lang).&lt;br /&gt; Wenn man politische Diskurse f&#252;hren will, was bezahlt werden soll und was nicht, kann man sich freilich auf nichts anderes berufen als auf bisher &#039;gedrechseltes&#039; Wissen, egal wie nahe es an jenem nicht aufkl&#228;rbaren (und allgemein kontextabh&#228;ngigen) Wahrheitsgehalt liegt. In &#228;hnlicher Weise, wie Sie aus heutiger Sicht absurde Beispiele von Waffensalbe u.&#228;. nennen, kann man ebenso absurde Beispiele aus dem Wissenschaftsbetrieb auff&#252;hren, wo beste Wissenschaft vollst&#228;ndig in die Irre gef&#252;hrt hat (z.B., schon etwas l&#228;nger zur&#252;ckliegend, die f&#252;hrende wissenschaftliche These, dass der Mensch eine Art Dampfmaschine sei, deren Funktionieren zu allererst von der Kalorienzufuhr abh&#228;nge; Atwater war es, der dies vertrat. Heute wird der Mensch als eine Art Computer dargestellt, was m&#246;glicherweise ebenso falsch ist).&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Man hat es also mit einer prinzipiellen Unsicherheit zu tun, und will man diskursf&#228;hig sein, muss man sich auf irgendetwas einigen. Das ist schon richtig. Habe ich auch nichts dagegen. Ich w&#252;rde nur st&#228;rker auf die Selbstverantwortung der Menschen setzen, dass sie die M&#246;glichkeit haben, sich ggf. auch Waffensalbe einzukaufen, wenn sie meinen, dass ihnen dies hilft. Bei allem m&#246;glicherweise Unverantwortlichem, was dabei entstehen mag, muss man immer auch umgekehrt sehen, wie viele Menschen im Namen der Wissenschaft - grob gesagt - umgebracht wurden (z.B. durch Lipobay, wahrscheinlich auch Viagra, Chemotherapien bei Krebs u.&#228;.). Ich hatte mal einen Placeboforscher in M&#252;nchen gesprochen, der nach l&#228;ngerer Diskussion schlie&#223;lich die Frage in den Raum stellte, ob eine Menschheit ohne Medizin oder eine Menschheit mit Medizin die letztlich ges&#252;ndere und &#252;berlebensf&#228;higere sei. So sicher k&#246;nne er sich da nicht entscheiden. Es gibt ja eine ganze Reihe von F&#228;llen, wo die anerkannteste Kunst der Medizin die Patienten eigentlich fr&#252;hzeitig in den Tod gebracht hat. Ich wei&#223; nicht, ob der Unterschied so gro&#223; w&#228;re, wenn man die Menschen selbst entscheiden lie&#223;e, wem sie glauben wollen. Vielleicht k&#246;nnte man hier &#039;dem Markt&#039; vertrauen - wer heilt, bekommt mehr Kunden, wer Misserfolge hat, bekommt mit der Zeit weniger Kunden. &#196;rzte fallen heute aus diesem &#039;Marktschema&#039; heraus, weil sie nicht als Person heilen, sondern als Vertreter einer eigentlich personenunabh&#228;ngig gedachten Heilkunst gesehen werden. Im Mittelalter hatte man ja auch noch geglaubt, dass ein Landesherr oder F&#252;rst die Geschicke der Gesellschaft organisieren m&#252;sse, weil in einem freien Markt das reine Chaos herrsche. Vielleicht kann sich die Medizin von der Vorstellung eine pachtbaren oder definierbaren Verantwortung ein St&#252;ckweit freistrampeln und die Menschen selbst entscheiden und gegenseitig beraten lassen. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit w&#252;rde sich wom&#246;glich eine neue Gesundheitskultur eintwickeln, bei der man den Menschen manchmal im besch&#252;tzenden &#220;berschwang auch Heilweisen vorenth&#228;lt, die gerade diesem einen Menschen in seinem Fall geholfen h&#228;tten, egal ob rational oder irrational.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Ich pl&#228;diere im allgemeinen nur sehr ungern f&#252;r neoliberale Marktkonzepte. Ich sehe aber, dass im heutigen Gesundheitsverst&#228;ndnis Gesundheit immer als Konsumgut verstanden wird und ich die Verantwortung f&#252;r mein Gesundsein implizit delegiere (wenn was schief geht, werfe ich eine Pille ein). In diesem Sinne k&#246;nnte man alle Heilmittel gew&#228;hren lassen, ohne dass man auch gleich alle als Kassenleistung deklarieren m&#252;sste. Das kann man ja freilassen. Ich sehe nur, dass einige Mittel auch in Deutschland vom Markt genommen werden, die ich bei mir oder im Bekanntenkreis als wirksam erfahren habe, wo aber der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis fehlt (bestimmte Pflanzenheilmittel, die nun unter D4-Bestimmungen fallen). Meine Hoffnung w&#228;re, dass in diesem Sektor die Gesamtheit der Menschen intuitiv kl&#252;ger sind als eine Expertenelite, die auch manchmal des Kaisers neue Kleider sieht (bei allem Klugen, was ich ihnen auch gerne zuerkenne). Ins Extrem zugespitzt, w&#252;rde bei meinem Modell auch mal ein Kind sterben, weil Eltern zu einem vermeintlichen Wunderheiler gegangen sind statt zu in ein Krankenhaus. Daf&#252;r w&#252;rde aber vielleicht ein anderer Mensch nicht sterben, weil er gerade nicht ins Krankenhaus gegangen ist, sondern zu einem Wunderheiler (bei manchen liegt ja die Erfolgsquote durchaus hoch). Meine Vermutung w&#228;re, dass die Vor- und Nachteile sich in etwa gegenseitig aufheben, aber der Impuls zur Selbstverantwortung ein ganz anderes Gewicht erh&#228;lt und auch ein neues Gesundheitsbewusstsein schafft.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Jetzt bin ich doch ausufernd lang geworden. Entschuldigen Sie meine Unf&#228;higkeit zur (eingangs noch erhofften) K&#252;rze.&lt;br /&gt; Ich erkenne Ihre sehr reflektierten Einw&#228;nde durchaus an, w&#252;rde aber ungern - au&#223;er in doch sehr deutlich sich abhebenden F&#228;llen - die Menschen vor sich selber sch&#252;tzen. Ein anderes Ethikkonzept w&#228;re mir lieber.&lt;br /&gt; Viele Gr&#252;&#223;e,&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Falk Fischer</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Sehr geehrter Herr Koradi,</p>
<p> haben Sie ganz herzlichen Dank f&uuml;r die lange Auseinandersetzung mit dem, was ich Ihnen geschrieben habe.</p>
<p> In gro&szlig;en Teilen stimme ich Ihrer Kritik an meiner Kritik durchaus zu. Auf Ihren Text m&ouml;chte ich nicht in gleicher Gr&uuml;ndlichkeit eingehen, weil das dann schnell uferlos wird.<br /> Ich komme ja urspr&uuml;nglich aus der Physik, und mein Lieblingsthema ist die philosophische Grundlage der Quantenphysik. Hier sind alle Begriffe (da es nur sehr wenige gibt) sehr klar definiert. Und hier kann man auch den Begriff des Ganzen und der Wahrheit exakt fassen. Wirklichkeit geht hier aus Wirkungen, also einem Beziehungsgeschehen hervor (&auml;hnlich wie Sie dies von Buber zitiert haben). Aber bevor zwei Teilchen, die als solche noch gar nicht in Erscheinung getreten sind, &#8216;wirken&#8217; k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie sich schon irgendwie miteinander verst&auml;ndigt haben, bevor sie in der Wirklichkeit aufgetaucht sind (als konkrete M&ouml;glichkeiten). Diese M&ouml;glichkeitsszenerie unterhalb der Wirklichkeit (man m&uuml;sste die ganzen Begriffe etwas genauer ausf&uuml;hren, was ich mir aber hier erspare und daher ein bisschen salopper formuliere) ist alles mit allem instantan und raumlos verbunden (Raum und Zeit lassen sich nur anhand von Wirkungen formulieren, aber eben nicht &#8216;vor&#8217; dem &#8216;Moment&#8217; der Wirkung). So viel erst mal zum Ganzen. Damit kann man nat&uuml;rlich nicht arbeiten. Um arbeitsf&auml;hig zu werden, muss man so genannte Heisenbergschnitte machen. Wenn man Gl&uuml;ck hat, findet man Ausschnitte in der Wirklichkeit, die sich aus dem ganzen Untergrund an &uuml;berschaubaren Wirkm&ouml;glichkeiten relativ autonom abheben und isoliert betrachten lassen. In dem Ma&szlig;e, wie man gute Begriffe bilden kann, kann man auch Wissen in den Beziehungen zwischen diesen Begriffen generieren. Leider wei&szlig; man in lebendigen Kontexten selten, ab wann ein Begriff aufh&ouml;rt oder anf&auml;ngt, wirklich gut zu sein. In vielen F&auml;llen ist man sich relativ sicher (z.B. bei der Waffensalbe, dass sie nicht sehr viel hilft), in anderen F&auml;llen weniger (z.B. Hom&ouml;opathika). Damit komme ich zum Begriff der Wahrheit (in der Quantenphysik).<br /> Ein Photon z.B. kann ich in einem ganz bestimmten Zustand pr&auml;parieren (ihm z.B. eine ganz bestimmte Polarisation aufpr&auml;gen). Wenn ich diesen Zustand nicht kenne, gibt es keine M&ouml;glichkeit, ihn mit Sicherheit zu erfahren. Was ich einzig erfahren kann, ist die Projektion des Zustandes auf meine Frage (meinen wom&ouml;glich leicht schr&auml;gt aufgestellten Polarisationsfilter, der dann das Photon z.B. mit 80% Wahrscheinlichkeit durchl&auml;sst). In diesem einfachen Beispiel gibt es also den tats&auml;chlichen Polarisationszustand des Photons (die Wahrheit &uuml;ber seine Polarisation), blo&szlig; kann man sie nicht herausfinden, sich nur &uuml;ber viele Versuche an gleichartig polarisierten Photonen der Wahrheit ann&auml;hern.</p>
<p> F&uuml;r die Beurteilung von Heilpflanzen folgt daraus, dass man einfach vorsichtig sein muss, ein wirkliches Urteil &uuml;ber sie zu f&auml;llen. An der Uni Freiburg sind einmal Versuche mit W&uuml;nschelruteng&auml;ngern gemacht worden. Sie sollten herausfinden, welche zwei von 10 Wassergl&auml;sern mit E605 vergiftet waren. Alle w&auml;ren gestorben. Allerdings zeigten zwei W&uuml;nschelrouteng&auml;nger bei einem Versuchsleiter (mehrere Versuchsleiter haben den Versuch angeleitet) regelm&auml;&szlig;ig au&szlig;ergew&ouml;hnlich hohe Trefferquoten, obwohl auch dieser Versuchsleiter wie alle anderen verblindet war.</p>
<p> Vielleicht wird damit auch klar, was ich mit der &#8216;&Ouml;ffnung&#8217; des Patienten meine. Wahrscheinlich hat Buber dazu sehr &auml;hnliches geschrieben (ich werde mir das Buch einmal kaufen). Meine Vorstellung von &ouml;ffnen ist, dass man eine Art intersubjektiven Raum herzustellen versucht, sei es zwischen Patient und Therapeut oder zwischen Pflanze und Patient. Das kann man nicht ingenieursm&auml;&szlig;ig machen, sondern &auml;hnelt eher einer Vorgehensweise wie beim Flirten (kann man auch nicht nach Plan machen). Meine Vermutung ist, dass der sch&ouml;pferische &#8211; und damit auch heilende &#8211; Moment im Menschen einem makroskopischen Quantenzustand entspricht (dass es solche Zust&auml;nde geben kann, ist z.B. bei Thomas G&ouml;rnitz, einem Weizs&auml;cker-Sch&uuml;ler, sehr gut dargelegt nachzulesen). Wenn hier das Eichendorffsche &#8216;Zauberwort&#8217; f&auml;llt, kann es, wie es auch die Gestalttheorie wei&szlig;, die gesamte Person umstimmen. Dieses Zauberwort kann in der Tat ein Wort des Therapeuten sein, ein Duft, eine Arznei, was auch immer, alles, was die Qualit&auml;t einer &#8216;tiefen Erkenntnis&#8217; annehmen kann (ich will den Begriff nicht weiter ausf&uuml;hren, wird sonst zu lang).<br /> Wenn man politische Diskurse f&uuml;hren will, was bezahlt werden soll und was nicht, kann man sich freilich auf nichts anderes berufen als auf bisher &#8216;gedrechseltes&#8217; Wissen, egal wie nahe es an jenem nicht aufkl&auml;rbaren (und allgemein kontextabh&auml;ngigen) Wahrheitsgehalt liegt. In &auml;hnlicher Weise, wie Sie aus heutiger Sicht absurde Beispiele von Waffensalbe u.&auml;. nennen, kann man ebenso absurde Beispiele aus dem Wissenschaftsbetrieb auff&uuml;hren, wo beste Wissenschaft vollst&auml;ndig in die Irre gef&uuml;hrt hat (z.B., schon etwas l&auml;nger zur&uuml;ckliegend, die f&uuml;hrende wissenschaftliche These, dass der Mensch eine Art Dampfmaschine sei, deren Funktionieren zu allererst von der Kalorienzufuhr abh&auml;nge; Atwater war es, der dies vertrat. Heute wird der Mensch als eine Art Computer dargestellt, was m&ouml;glicherweise ebenso falsch ist).</p>
<p> Man hat es also mit einer prinzipiellen Unsicherheit zu tun, und will man diskursf&auml;hig sein, muss man sich auf irgendetwas einigen. Das ist schon richtig. Habe ich auch nichts dagegen. Ich w&uuml;rde nur st&auml;rker auf die Selbstverantwortung der Menschen setzen, dass sie die M&ouml;glichkeit haben, sich ggf. auch Waffensalbe einzukaufen, wenn sie meinen, dass ihnen dies hilft. Bei allem m&ouml;glicherweise Unverantwortlichem, was dabei entstehen mag, muss man immer auch umgekehrt sehen, wie viele Menschen im Namen der Wissenschaft &#8211; grob gesagt &#8211; umgebracht wurden (z.B. durch Lipobay, wahrscheinlich auch Viagra, Chemotherapien bei Krebs u.&auml;.). Ich hatte mal einen Placeboforscher in M&uuml;nchen gesprochen, der nach l&auml;ngerer Diskussion schlie&szlig;lich die Frage in den Raum stellte, ob eine Menschheit ohne Medizin oder eine Menschheit mit Medizin die letztlich ges&uuml;ndere und &uuml;berlebensf&auml;higere sei. So sicher k&ouml;nne er sich da nicht entscheiden. Es gibt ja eine ganze Reihe von F&auml;llen, wo die anerkannteste Kunst der Medizin die Patienten eigentlich fr&uuml;hzeitig in den Tod gebracht hat. Ich wei&szlig; nicht, ob der Unterschied so gro&szlig; w&auml;re, wenn man die Menschen selbst entscheiden lie&szlig;e, wem sie glauben wollen. Vielleicht k&ouml;nnte man hier &#8216;dem Markt&#8217; vertrauen &#8211; wer heilt, bekommt mehr Kunden, wer Misserfolge hat, bekommt mit der Zeit weniger Kunden. &Auml;rzte fallen heute aus diesem &#8216;Marktschema&#8217; heraus, weil sie nicht als Person heilen, sondern als Vertreter einer eigentlich personenunabh&auml;ngig gedachten Heilkunst gesehen werden. Im Mittelalter hatte man ja auch noch geglaubt, dass ein Landesherr oder F&uuml;rst die Geschicke der Gesellschaft organisieren m&uuml;sse, weil in einem freien Markt das reine Chaos herrsche. Vielleicht kann sich die Medizin von der Vorstellung eine pachtbaren oder definierbaren Verantwortung ein St&uuml;ckweit freistrampeln und die Menschen selbst entscheiden und gegenseitig beraten lassen. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit w&uuml;rde sich wom&ouml;glich eine neue Gesundheitskultur eintwickeln, bei der man den Menschen manchmal im besch&uuml;tzenden &Uuml;berschwang auch Heilweisen vorenth&auml;lt, die gerade diesem einen Menschen in seinem Fall geholfen h&auml;tten, egal ob rational oder irrational.</p>
<p> Ich pl&auml;diere im allgemeinen nur sehr ungern f&uuml;r neoliberale Marktkonzepte. Ich sehe aber, dass im heutigen Gesundheitsverst&auml;ndnis Gesundheit immer als Konsumgut verstanden wird und ich die Verantwortung f&uuml;r mein Gesundsein implizit delegiere (wenn was schief geht, werfe ich eine Pille ein). In diesem Sinne k&ouml;nnte man alle Heilmittel gew&auml;hren lassen, ohne dass man auch gleich alle als Kassenleistung deklarieren m&uuml;sste. Das kann man ja freilassen. Ich sehe nur, dass einige Mittel auch in Deutschland vom Markt genommen werden, die ich bei mir oder im Bekanntenkreis als wirksam erfahren habe, wo aber der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis fehlt (bestimmte Pflanzenheilmittel, die nun unter D4-Bestimmungen fallen). Meine Hoffnung w&auml;re, dass in diesem Sektor die Gesamtheit der Menschen intuitiv kl&uuml;ger sind als eine Expertenelite, die auch manchmal des Kaisers neue Kleider sieht (bei allem Klugen, was ich ihnen auch gerne zuerkenne). Ins Extrem zugespitzt, w&uuml;rde bei meinem Modell auch mal ein Kind sterben, weil Eltern zu einem vermeintlichen Wunderheiler gegangen sind statt zu in ein Krankenhaus. Daf&uuml;r w&uuml;rde aber vielleicht ein anderer Mensch nicht sterben, weil er gerade nicht ins Krankenhaus gegangen ist, sondern zu einem Wunderheiler (bei manchen liegt ja die Erfolgsquote durchaus hoch). Meine Vermutung w&auml;re, dass die Vor- und Nachteile sich in etwa gegenseitig aufheben, aber der Impuls zur Selbstverantwortung ein ganz anderes Gewicht erh&auml;lt und auch ein neues Gesundheitsbewusstsein schafft.</p>
<p> Jetzt bin ich doch ausufernd lang geworden. Entschuldigen Sie meine Unf&auml;higkeit zur (eingangs noch erhofften) K&uuml;rze.<br /> Ich erkenne Ihre sehr reflektierten Einw&auml;nde durchaus an, w&uuml;rde aber ungern &#8211; au&szlig;er in doch sehr deutlich sich abhebenden F&auml;llen &#8211; die Menschen vor sich selber sch&uuml;tzen. Ein anderes Ethikkonzept w&auml;re mir lieber.<br /> Viele Gr&uuml;&szlig;e,</p>
<p> Falk Fischer</p>
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