Phytotherapie in der Urologie – ein kurzer Überblick

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Hier eine überarbeitete und gekürzte Zusammenstellung aus der Universität Duisburg-Essen mit den wichtigsten Heilpflanzen für Erkrankungen der Harnwege und der Prostata:

Die Indikationsbereiche für Phytotherapeutika in der Urologie sind die benigne
Prostatahypertrophie (BPH, gutartige Prostatavergrösserung; Phytopharmaka häufig erste Wahl bei beginnender Hypertrophie) und entzündliche Krankheiten der ableitenden Harnwege.

Benigne Prostatahypertrophie (gutartige Prostatavergrösserung)

Bei BPH werden antigonadotrope, aber auch reiz- und entzündungshemmende
Wirkungen der Heilflanzen ausgenutzt. Geeignet dafür sind
– Sägepalme (Sabal serrulata),
– Kürbiskerne (auch bei Reizblase, auch für Frauen)
– Brennnesselwurzel
Ein Prostatakarzinom (Prostatakrebs) muss ausgeschlossen sein. Die erwähnten Heilpflanzen wirken vor allem auf den Beschwerdekomplex ein, weniger auf die fortschreitende Hypertrophie (Vergrösserung der Prostata).
Die Einnahme der Heilpflanzen-Präparate muss langfristig angelegt sein.

Entzündungen der ableitenden Harnwege (z. B. Blasenentzündung / Zystitis)

Unterschieden wird zwischen Aquaretika (Diuretika) und Harnwegsdesinfizienzien.
Empfehlenswert ist immer eine gesteigerte Flüssigkeitszufuhr als zusätzliche Durchspülungstherapie.

Aquaretika haben keine saluretische Wirkung und wirken über eine Verdünnungsdiurese. Sie sind deshalb keine Diuretika im eigentlichen Sinne. Hierzu zählen
– Birkenblätter
– Brennesselkraut
– Goldrutenkraut
– Orthosiphon (Katzenbart)
– Schachtelhalmkraut
Eine aquaretische Wirkung zeigen
– Petersilienwurzel
– Wacholderbeeren

Harnwegsdesinfizienzien sind beispielsweise Heilpflanzen mit Senfölglykosiden (Kresse, Rettichpflanzen) und weitere.
– Bärentraubenblätter
– Brunnenkresse- und Kapuzinerkressekraut
– Meerrettichwurzel
– Preiselbeerblätter (mit Escherichia coli spezifischer Wirkung)
– Sandelholz, weißes
– Cranberrysaft (widersprüchliche Resultate)
Bärentraubenblätter dürfen nur über eine Woche und höchstens fünfmal im Jahr
eingesetzt werden. Sie sind bei saurem Urin weniger wirksam.
Die unter Prostatahypertrophie aufgeführten Heilpflanzen können bei Harnwegsinfekten mit Reizblase wegen ihrer reizmildernden Wirkung nützlich sein.

Kommentar & Ergänzung:

Im Überblick der Universität Dusiburg-Essen werden die wichtigsten drei Heilpflanzen gegen die Beschwerden der gutartigen Prostatavergrösserung korrekt aufgeführt:
Kürbissamen, Sabalfrüchte und Brennesselwurzel.

Im Abschnitt Aquaretika wird richtigerweise darauf hingewiesen, dass die erwähnten Heilpflanzen die Wasserausscheidung fördern, worauf die Bezeichnung “Aquaretka” bezug nimmt. Dagegen wird im Gegensatz zu den Saluretika die Ausscheidung von Salzen nicht gefördert. Dies trifft allerdings auf alle dort aufgeführten Heilpflanzen zu, die spezielle Erwähnung einer aquaretischen Wirkung bei Petersilienwurzel und Wacholderbeeren ist unnötig und irreführend.

Im Abschnitt “Harnwegsdesinfizienzien” herrscht im Text der Universität Duisburg-Essen ein ziemliches Chaos: Es müsste darstellerisch klar unterschieden werden zwischen:

– Antibakteriell wirkenden Heilpflanzen
a) mit Senfölglykosiden (Meerrettichwurzel, Kresse, Rettich)
b) Arbutin-Pflanzen (Bärentraubenblätter, Preiselbeerblätter)

– Cranberrysaft, welcher die Anheftung der uropathogenen Keimen an den Schleimhäuten hemmt
(und dessen Wirkung inzwischen besser dokumentiert ist).

– Sandelholz, welches früher als ätherisches Öl eingesetzt wurde (heute überholt und nicht mehr gebräuchlich)

Ob Bärentraubenblätter wirklich bei saurem Urin weniger wirksam sind, ist heute nicht mehr so klar. Es gibt auch eine Studie, die das in Frage stellt.

Abschliessend zu diesem Überblick der Universität Duisburg-Essen soll noch betont werden, dass es nicht nur darauf ankommt, die richtige Heilpflanze für eine bestimmte Krankheit zu finden. Ebenso wichtig ist es, in welcher Form die Heilpflanze zur Anwendung kommt (z. B. Tee, verschiedene Varianten von Tinktur oder Extrakt).
Es ist nämlich eine ganze Anzahl von Heilpflanzen-Präparaten im Handel, von denen ausgesprochen fragwürdig ist, ob sie überhaupt eine Wirkung haben – neben fundierten Produkten, die es natürlich auch gibt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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3 Antworten
  1. Petra Fischer
    Petra Fischer says:

    Die gute Zusammenstellung (auch für mich zum Lernen…) und das kritische Hinterfragen des Artikels haben mir gefallen, kurz und bündig.
    Meine Anmerkung betrifft die Aussage über die ‚widersprüchlichen Resultate‘ von Cranberrysaft (und Preiselbeersaft). Gemäss einer Metaanalyse (Jepson & Craig, 2008) kann man vor allem bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten von einer signifikant positiven Wirkung des Preiselbeersaftes ausgehen. Bei weiteren untersuchten Gruppen wie ältere Menschen und Menschen mit neurogener Blase (Paraplegiker, Kinder mit Spina bifida…) konnte dieser Effekt nicht nachgewiesen werden. Es entstanden auch keine nachteiligen Wirkungen.
    Dies zeigt für mich auch auf, dass die Anwendbarkeit positiver Resultate nicht verallgemeinert werden kann.

  2. stillstep
    stillstep says:

    Wirklich eine schöne Übersicht. Was vielleicht noch fehlt ist die „Phytoprävention“ des Prostatakarzinoms.
    Da in Südeuropa und Asien die Inzidenz deutlich geringer ist als in Nordeuropa wurden Inhaltsstoffe von Soja und Tomate als krebspräventiv herausgefiltert. Die Lycopene und Phytoestrogene.Eine bessere Quelle als diese habe ich leider nicht gefunden :
    http://www.med2click.de/Urologie/Onkologie%20und%20Tumoren/Prostatatumoren/Prostatakarzinom.19860.html

    Sicher lässt sich diese Liste auch noch erweitern.

  3. admin
    admin says:

    Ja, das ist durchaus ein interessanter Ansatz. Allerdings:
    – Es gibt unzählige Phytoöstrogene mit unterschiedlicher Struktur und unterschiedlicher Wirkung. Dieser Bereich ist daher noch sehr unüberschaubar und schwierig einzuschätzen. Bei Frauen ist zum Beispiel die Wirkung von Phytoöstrogenen manchmal von gerade vorhandenen körpereigenen Hormonspiegeln abhängig. Je nach Konzentration können so Phytoöstrogene östrogenartig oder antiöstrogen wirken. Das könnte ja beim Mann ähnlich sein.
    – Beim Lycopin (auch Lycopen oder Leukopin genannt) handelt es sich um ein Carotinoid aus der Tomate. Es gab Hinweise, dass der Konsum von Lycopin zu einem verminderten Risiko führt an Herz-Kreislauf-Erkrankung, Krebs (vor allem Prostatakrebs), Diabetes mellitus, Osteoporose und Unfruchtbarkeit. Eine neuere, große Studie mit rund 28.000 Teilnehmenden lässt jedoch vermuten, dass kein Zusammenhang zwischen Lycopin und Krebsrisiko besteht. Vielmehr zeigte sich, dass das verwandte Antioxidant β-Carotin das Risiko für Prostatakrebs steigert. Lycopin in höherer Dosierung als Nahrungsergänzungsmittel kann möglicherweise die Wirksamkeit von Strahlentherapie und Chemotherapie vermindern.
    Eine fundierte Einschätzung ergänzender pflanzlicher Wirkstoffe in der Krebsbehandlung gibt Jutta Hübner im Buch „Aloe, Ginkgo, Mistel & Co“

    Marttin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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