Archive for Juni, 2009

Schwere Beine – Vorzeichen eines späteren Venenleidens

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Leiden Frauen abends oft unter schweren, verdickten und schmerzhaften Füssen oder Beinen, kann dies auf Venenprobleme hinweisen, denen rechtzeitig entgegengewirkt werden sollte.

“Venenbeschwerden kündigen sich oft schon in jungen Jahren an, was Frauen grundsätzlich die Chance gibt, durch entsprechende Verhaltensänderungen und regelmäßige Bewegung einer zunehmenden Venenschwäche vorzubeugen”, erklärt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF). “Besenreiser können schon im Teenager-Alter auftreten und damit erste Hinweise auf eine Bindegewebsschwäche liefern.”

Um die Entstehung von Krampfadern zu vermeiden, sollte speziell bei sitzenden oder stehenden Tätigkeiten jede Gelegenheit zur Bewegung genutzt werden. Auch empfiehlt es sich, im Sitzen die Beine nicht übereinander zu schlagen. “Der Abbau von Übergewicht, täglich zwei Liter Flüssigkeit sowie lockere Kleidung und flache Schuhabsätze sind ebenfalls vorteilhaft, um Blutstauungen zu vermeiden. Sind Venenbeschwerden bereits ausgeprägt, helfen ärztlich verordnete Kompressions-Strümpfe”, empfiehlt der Frauenarzt.

Frauen sind gegenüber Männern anfälliger für Venenleiden, weil bei ihnen die Struktur des stabilisierenden Bindegewebes eher locker und dehnbar ist. Dazu kommt noch, dass Östrogen während jeder Schwangerschaft und Geburt das Gewebe zusätzlich weicher und die Venenwände nachgiebiger macht. “Zusätzliche Risikofaktoren für einen ungenügenden Blutrückfluss aus den Beinen sind Rauchen, Übergewicht, hohe Absätze und eine familiär bedingte Veranlagung für Bindegewebsschwäche”, sagt Dr. Albring.

Krampfadern, auch Varizen genannt, zählen zu den häufigsten chronischen Krankheitsbildern bei Frauen. Jede zweite Frau über 40 Jahre ist von Venenerkrankungen unterschiedlichen Schweregrades betroffen.

Quelle: www.frauenaerzte-im-netz.de

Kommentar & Ergänzung:

Bewegung ist fraglos ein zentraler Aspekt jedes venenfreundlichen Lebensstils.
Der Artikel betont aber zu Recht auch die Bedeutung familiärer Veranlagung und hormoneller Einflüsse während Schwangerschaften und Geburten. So gibt es auch bei Beachtung aller aufgeführten Vorbeugemassnahmen keine Garantie für gesunde Venen.
Ergänzend könnten noch einige Heilpflanzen erwähnt werden, deren günstige Einflüsse auf Venenbeschwerden durch Studien belegt ist:
Rosskastanien-Samen
Buchweizenkraut
Rotes Weinlaub

Wichtig ist dabei allerdings auch, in welcher Form die Heilpflanzen angewendet werden, weil es viele unwirksame Präparate gibt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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Komplementärmedizin: Fragwürdige PEK-Studie zur Wirksamkeit

Mittwoch, Juni 24th, 2009

Nun steht er also in unserer Verfassung, dieser Satz, wonach Bund und Kantone im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin sorgen müssen. Für meine eigene berufliche Tätigkeit als Dozent für Phytotherapie dürfte sich dieser Entscheid positiv auswirken. In diesem Sinne “Merci vielmal” an alle Befürworterinnen und Befürworter. Dass ich trotzdem gegen diese Vorlage war, hat mit den vielen damit verknüpften Versprechungen zu tun, die sich meines Erachtens kaum seriös umsetzen lassen (z. B. die Qualitätssicherung bei nichtärztlichen Komplementärtherapeuten) und mit den zahlreichen ungeklärten Fragwürdigkeiten (z. B. die Remoralisierung von Krankheit und Behinderung, wenn diese wieder wie in der Anthroposophischen Medizin als Folge von moralischem Versagen in früheren Leben gesehen wird). Details dazu hier im Blog unter “Naturheilkunde-Debatte”.

Differenzierungen statt Pauschalisierungen

Nun geht es also um die Umsetzung dieses Verfassungsartikels und es ist schwer zu hoffen, dass es jetzt auch zu inhaltlichen und konkreten Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Methoden und Grundhaltungen im Bereich der Komplementärmedizin kommt. Pauschale und vollkommen naive Schlagworte wie “Komplementärmedizin ist wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich” sollten nun der Vergangenheit angehören.

Differenzierungen wären gefragt im Sinne einer Feststellung von Herrn Kesseli, Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung, der geschrieben hat, Komplementärmedizin als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen sei etwa so sinnvoll wie zu sagen, alle Pilze seien giftig oder alle Pilze seien essbar.
Ich selber werde also die Umsetzung dieser Vorlage weiterhin im Auge behalten und dazu Fragen stellen.

Immer noch aktuell ist die Frage, worauf sich denn das pauschale, umfassende Schlagwort von der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Komplementärmedizin gründet.

Hoch einseitig-selektive Interpretation der PEK-Studie

Die Befürworterinnen und Befürworter der Vorlage vom 17. Mai redeten praktisch durchgängig davon, dass die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Komplementärmedizin wissenschaftlich erwiesen sei. Und zwar undifferenziert und umfassend für alle fünf zur Diskussion stehenden Methoden (Anthroposophische Medizin, Homöopathie, TCM, Neuraltherapie, Phytotherapie).

Das ist – jedenfalls was die Wirksamkeit angeht – vollkommen pauschal und so meines Erachtens nicht im Ansatz wahr.

Es gibt wirksame Elemente in der Komplementärmedizin und es gibt auch jede Menge Schrott.
Wenn man nun einfach alles pauschal für wirksam erklärt, vermeidet man die Arbeit, die damit verbunden ist, zu unterscheiden, was wirksam ist und was Schrott.

Das ist ausgesprochen billig und bequem.

Im NZZ-Blog schrieb der Befürworter der Vorlage vom 17. Mai und anthroposophische Arzt Hansruedi Albonico:

“Die Wiederaufnahme der ärztlichen Komplementärmedizin in die soziale Kranken- und Unfallversicherung ist an den Wirksamkeitsnachweis geknüpft. Und das ist gut so – ich bin nicht der Meinung, dass alle möglichen Methoden von der Grundversicherung bezahlt werden sollen. Die Wissenschaftlichkeit darf nicht der politischen Opportunität geopfert werden.”

Dem ist meines Erachtens zuzustimmen.

Albonico hält allerdings den wissenschaftlichen Nachweis für die fünf Methoden für erbracht und verweist dazu auf die sogenannte PEK-Studie, an deren Erstellung er selber beteiligt war.

Der PEK-Bericht wurde vom Bundesrat in Auftrag gegeben und im Frühjahr 2004 publiziert. PEK steht für «Programm Evaluation Komplementärmedizin». Der Bericht hatte zur Aufgabe, die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der fünf erwähnten Methoden der Komplementärmedizin zu überprüfen. Dies im Hinblick auf ihre eventuelle definitive Aufnahme in die Grundversicherung.

Wenn Albonico und auch die anderen Befürworter der Vorlage vom 17. Mai also pauschal davon sprechen, dass die Wirksamkeit der Komplementärmedizin wissenschaftlich belegt sei, so beziehen sie sich in der Regel auf diesen PEK-Bericht.

Nur: Liest man diesen Bericht im Detail, so ist die Situation gar nicht so eindeutig, wie die Befürworter das darstellen
Vor allem scheint mir, dass das PEK-Programm ausgesprochen einseitig aufgegleist wurde.

Dafür sprechen meines Erachtens eine ganze Anzahl von Argumenten:

Fragwürdige Sonderkritierien

Aus bestimmten Bereichen der Komplementärmedizin hört man die Ansicht, dass komplementärmedizinische Methoden nicht mit denselben Verfahren überprüft werden können, welche für die konventionelle Medizin gelten. Deshalb müssten spezielle, der Komplementärmedizin angepasste Überprüfungsverfahren zur Anwendung kommen, welche auf die Bedingungen der Komplementärmedizin zugeschnitten seien.

Fraglich bleibt dabei immer, inwieweit solche Einwände berechtigt sind, oder der Immunisierung komplementärmedizinischer Theorien gegen Kritik und Widerlegung dienen.

Ich bin nicht in der Lage, zu dieser Frage für alle zur Diskussion stehenden Methoden kompetent Stellung zu nehmen. Aus 25jähriger Tätigkeit als Ausbildner im Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin kann ich nur sagen, dass dieser Impuls zur Immunisierung gegen Kritik, Überprüfung oder Widerlegung meiner Erfahrung nach in der Komplementärmedizin weit verbreitet und jeweils sehr rasch zur Stelle ist.

Auch der langjährige und zum Teil sehr verbissen geführte Kampf vor allem von Anthroposophie und Homöopathie um Sonderlösungen mit aufgeweichten Überprüfungskriterien, wie er in Deutschland geführt wurde, hinterlässt den Eindruck von starken Immunisierungstendenzen.
Mir konnte jedenfalls noch niemand plausibel erklären, weshalb es solche Sonderregelungen braucht, warum genau diese und warum in diesem Ausmass.

Die schwierige und umstrittene Frage, ob die komplementärmedizinischen Einwände berechtigt sind oder der Immunisierung dienen, haben sich die Initiatoren der PEK-Studie entweder gar nicht gestellt oder dann offenbar schon zu Beginn eindeutig entschieden:
Die Komplementärmedizin soll im PEK-Programm nach Sonderregeln überprüft werden, die ihr entgegenkommen.

Die Frage steht damit zu mindestens im Raum, ob diese Anpassung bzw. Aufweichung der Kriterien nicht auch dazu dient, Schlupflöcher für unwirksame Verfahren offen zu halten.

Die Kriterien, nach denen die Überprüfung zu geschehen habe, wurden im Vorfeld von einem anthroposophischen Arzt entwickelt (“Kriterien Heusser”). Das wirft Fragen auf, ist doch die Anthroposophie einer derjenigen Methoden, welche durch eine strenge Überprüfung am meisten zu befürchten haben.
Wenn ein anthroposophischer Arzt die Kriterien entwickelt, nach denen unter anderem die Anthroposophische Medizin auf Wirksamkeit und Zweckmässigkeit überprüft werden soll, dann scheint mir das ähnlich wie wenn der Präsident des Wirteverbandes die Kriterien entwickeln würde, nach denen das Gesundheitsamt die Restaurants zu kontrollieren hat. Das heisst ja noch nicht, dass diese Kriterien schon von vorneherein schlecht sein müssen, aber besonders kritisch hinschauen würde ich da schon.

Einseitig zusammengesetzte Bewertungsteams – einseitige Auswahl und Interpretation der Studien

Für alle fünf Methoden wurden im PEK-Programm Bewertungsberichte erstellt. Die Autoren für diese Berichte wurden meinem Eindruck nach krass einseitig ausgewählt. So bestand das Autorenteam für die Überprüfung der anthroposophischen Medizin aus dem anthroposophischen Arzt Hansueli Albonico und zwei deutschen Mitarbeitern eines anthroposophisch dominierten Instituts, in dessen Verein nur Mitglied werden kann, wer vom Vorstand berufen wird. Ein ziemlich exklusiv anthroposophischer Club.

Kann man von einem so einseitig zusammengesetzten Autorenteam erwarten, dass es unabhängig auswählt, welche Studien zur Überprüfung der Anthroposophischen Medizin zugezogen werden sollen und welche “draussen bleiben”? Kann man von diesen Personen erwarten, dass sie die Studien mit der nötigen Distanz auswählen und interpretieren?
Meiner Ansicht nach wäre eine Annäherung an Objektivität nur möglich gewesen, wenn die Autorenteams aus Anhängern und Kritikern der jeweiligen Methode zusammengesetzt gewesen wären.

Der PEK-Bewertungsausschuss schreibt denn auch in seinem Schlussbericht (S. 74):

“ Allen 5 Bewertungsberichten ist deutlich anzumerken, dass die Autoren oder ein Teil der Autoren den Verfahren positiv gegenüber stehen bzw. von deren Wirksamkeit weitgehend überzeugt sind. Es steht ausser Frage, dass strikte Vertreter der üblichen Evidenzhierarchie die vorgelegten Bewer-
tungen mit Ausnahme bestimmter Einzelbereiche in der Phytotherapie als wissenschaftlich
unhaltbar und unangemessen positiv bewerten werden. Auch weniger skeptische Hoch-
schulmediziner werden viele Interpretationen als sehr optimistisch und wissenschaftlich nicht
überzeugend einschätzen.”

Den vollständigen PEK-Schlussbericht finden Sie hier:
www.bag.admin.ch/themen/krankenversicherung/00263/00264/04102/index.html

Meinem Eindruck nach prägt diesen PEK-Bericht an sehr vielen Stellen das Bemühen, effektive wissenschaftliche Überprüfung von den fünf Methoden möglichst fernzuhalten und die Komplementärmedizin in Watte zu packen.

Das halte ich – als Naturheilkundler – für falsch, weil es “positiv diskriminierend” ist. Man kann nicht ein bisschen Wissenschaft machen, gerade soviel, dass es noch reicht, um den Eindruck der wissenschaftlichen Bestätigung der Wirksamkeit zu erhalten.

Wissenschaft muss meines Erachtens nach allen Regeln sorgfältiger Wissenschaft gemacht werden, so genau und unerbittlich wie möglich. Danach kann man entscheiden, was man mit den Ergebnissen macht. Ich bin durchaus nicht der Ansicht, dass randomisierte Doppelblind-Studien in jedem Fall das letztgültige Mass aller Entscheidungen sein müssen.

Aber ich will Wissenschaft bestmöglicher Qualität – und dann die Möglichkeit, mich auf der Basis dieser Erkenntnisse so oder so zu entscheiden.

Dass die Befürworter der Vorlage vom 17. Mai den PEK-Bericht als Argument für ihre Behauptung nehmen, dass alle fünf Komplementärmedizin-Methoden wissenschaftlich erwiesenermassen wirksam seien, ist eine Irreführung.

Der Schussbericht selbst enthält zahlreiche Stellen, die dieser Aussage widersprechen. Zum Beispiel:

“Die vorliegenden placebokontrollierten Studien
zur Homöopathie belegen aus Sicht der Autoren der Meta-Analysen keinen eindeutigen Ef-
fekt über Placebo hinaus. Für die Phytotherapie zeigt sich dagegen wie im Bewertungsbe-
richt ein positives Ergebnis, für die traditionelle chinesische Arzneitherapie ist eine klare Be-
urteilung nicht möglich.
(PEK-Schlussbericht, S. 5)

Der PEK-Bericht kommt trotz (oder wegen) diesen Einseitigkeiten zum Schluss, dass die Wirksamkeit aller fünf Methoden wissenschaftlich erwiesen sei.
Das ist meines Erachtens völliger Unfug, wenn man nur ein bisschen an der Oberfläche kratzt.

Im Bereich “Anthroposophische Medizin” beispielsweise geht es in einem grossen Teil der ausgewerteten Studien um die Behandlung von Tumorerkrankungen mit Mistel-Präparaten. Das ist zwar der bekannteste Teil der Anthroposophischen Medizin. Die Wirksamkeit dieser Präparate wird sehr kontrovers diskutiert – nur: Es gibt ganz andere Elemente der Anthroposophischen Medizin, die offenbar nicht Gegenstand von Studien waren. Beispielsweise die Karma-Theorie, wonach moralische Verfehlungen im früheren Leben zu Behinderungen und Krankheiten in der Gegenwart führen. Das ist nicht nur eine zentrale Lehre von Rudolf Steiner, auf dem die ganze Anthroposophische Medizin basiert, sondern auch ein wichtiges Anliegen von Michaela Glöckler, der Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum. Egoistischer Erwerbssinn bewirkt nach Michaela Glöckler Disposition zu Infektionskrankheiten im nächsten Leben.
Nach Rudolf Steiner bewirkt Lügenhaftigkeit in einem früheren Leben geistige Behinderung im jetzigen.
Wenn also gesagt wird, die Wirksamkeit und Zweckmässigkeit der Anthroposophischen Medizin sei wissenschaftlich bestätigt, so fragt sich, ob diese Aussage auch für die Karma-Theorie gilt. Oder weshalb wurde die Karmalehre als Herzstück der anthroposophischen Weltanschauung (Adolf Baumann im “ABC der Anthroposophie”) und als bedeutendste Erkenntnis Rudolf Steiners (nach Michaela Glöckler) nicht auch untersucht? Die Wirksamkeit der Antroposophischen Medizin auf die nächste Inkarnation müsste doch belegt werden.
Hier würden die PEK-Autoren wohl sagen, so was kann man nicht wissenschaftlich untersuchen. Na gut, aber dann soll man auch nicht vollmundig und eben pauschal behaupten, Wirksamkeit und Zweckmässigkeit der Anthroposophischen Medizin seinen wissenschaftlich belegt.

Weitere Infos zum Thema “Anthroposophie & Karma und Krankheit” finden Sie hier:

Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Auf die PEK-Studie wirft dies meines Erachtens kein gutes Licht.

Umfragen mit fragwürdiger Aussagekraft

Ein grosser Teil der PEK-Studie besteht zudem auf Umfragen bei den Ärztinnen und Ärzten, die mit den entsprechenden Methoden arbeiten.

Man muss sich das einmal konkret vorstellen: Da werden zum Beispiel anthroposophische Ärzte zur Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Anthroposophischen Medizin befragt.
Das scheint mir etwa so erhellend wie eine Umfrage in allen Bäckereien der Stadt mit der Fragestellung, ob Brot ein nützlichen, gesundes und zweckmässiges Lebensmittel sei.
Dann wurden Umfragen gemacht bei den Patientinnen und Patienten komplementärmedizinischer Arztpraxen.
Das entspricht etwa einer Umfrage bei den Kundinnen und Kunden von Bäckereien, ob ihnen Brot schmeckt oder nicht.
Jedenfalls werden Überzeugte befragt. Kein Wunder, kommt dabei ein positives Ergebnis heraus.

Ich bin nicht gegen solche Umfragen. Es sieht aber ganz danach aus, als ob diese Umfragen stärker gewichtet wurden als seriös aufgebaute Studien. Hansueli Albonico zitiert dazu im NZZ-Blog aus dem entsprechenden Handbuch mit den Anweisungen für die PEK-Studie:
“Zur Darlegung der Wirksamkeit gehören in erster Linie die praktischen Erfahrungen der Ärzte, die Anwendungstradition und praxisnahe Evaluationsverfahren. Die prospektiven kontrollierten Studien werden als zweitrangig eingestuft.”

Das ist wissenschaftlich gesehen wohl ziemlich fahrlässig. In den “praktischen Erfahrungen” komplementärmedizinischer Ärzte und ihrer Patientinnen, die mit solchen Umfragen gesammelt werden, stecken alle Irrtümer, Selbsttäuschungen und positiven Vorurteile mit drin, wie sie nun mal menschlich sind.

Unsere Überzeugungen und Theorien bestimmen weitgehend, welche Erfahrungen wir machen.

Unsere Überzeugungen und Theorien bestimmen weitgehend, wie wir unsere Erfahrungen interpretieren.

Unsere Überzeugungen und Theorien bestimmen weitgehend, welche unserer Erfahrungen wir in Erinnerung behalten und welche wir vergessen. Was unseren Überzeugungen entspricht, wird eher erinnert, was ihnen widerspricht, wird eher vergessen.

Darum kann man nicht einfach auf Umfragen beispielsweise bei anthroposophischen Ärzten und ihren Patienten setzen, um Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Anthroposophischen Medizin zu bestimmen.

Genau um solche Verzerrungen zu minimieren, macht man kontrollierte Studien.
Aber die PEK geht davon aus, dass die Umfragen aussagekräftiger sind als die Studien.
Das scheint mir ziemlich naiv.

Der PEK-Bericht ist meinem Eindruck nach nicht annähernd geeignet, um über die Wirksamkeit der fünf Methoden Homöopathie, Neuraltherapie, Anthroposophische Medizin und Phytotherapie etwas Fundiertes auszusagen.

Ernsthafte und so weit wie möglich unabhängige Forschung zur Unterscheidung von wirksamen und unwirksamen Elementen in der Komplementärmedizin wäre aber sehr erwünscht.

Wenn Hansruedi Albonico im NZZ-Blog schreibt:
“Die Wissenschaftlichkeit darf nicht der politischen Opportunität geopfert werden”, dann ist meines Erachtens mit dem PEK-Bericht genau das geschehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch

Krebsvorbeugung: Karotten am Stück gekocht enthalten mehr Falcarinol

Montag, Juni 22nd, 2009

Ein Inhaltsstoff der Karotte soll günstig gegen Krebs wirken. Allerdings entfaltet sich dieser Effekt um einiges besser, wenn man das Gemüse am Stück statt klein geschnitten kocht.

Gewöhnlich landet Karottengemüse in Scheiben, Würfeln oder Streifen in der Pfanne. Genau davon raten Wissenschaftler der Universität Newcastle ab. Sie haben herausgefunden, dass der Krebsschutz aus dem Gemüse um 25 Prozent höher ist, wenn man es am Stück zubereitet und erst gekocht weiterverarbeitet.

Eine zentrale Rolle spielt hier der natürliche Pflanzenschutzstoff Falcarinol, den Wissenschaftler der britischen Universität gemeinsam mit Kollegen der Universität Dänemark vor vier Jahren entdeckten. In Versuchen an Ratten zeigte sich, dass die Tiere, die Karotten bzw. Falcarinol erhielten, um ein Drittel seltener Krebs entwickelten als die Ratten der Kontrollgruppe.

Größere Oberfläche bewirkt Nährstoffverlust

Die Forscher haben daraufhin untersucht, was mit Karotten während des Kochens geschieht. Durch das Erhitzen sterben Zellen. Diese verlieren dadurch die Fähigkeit, Wasser zu speichern und geben es ab. Durch den reduzierten Flüssigkeitsanteil der Karotte erhöht sich die Falcarinol-Konzentration im Gemüse.

Wird die Karotte geschnitten gekocht, bekommt sie allerdings eine größere Oberfläche. Dadurch verliert sie mehr wasserlösliche Inhaltsstoffe wie Zucker und Vitamin C – Falcarinol inklusive. “Wenn man die Karotten ganz belässt und erst später schneidet, bleiben die Nähr- und Geschmacksstoffe im Gemüse”, erklärt Kirsten Brandt, Hauptautorin der Studie.

Besser im Geschmack

Ein Blindversuch mit zehn Testpersonen zeigte, dass acht von zehn Testern die am Stück gekochten Karotten zudem besser schmeckten. Das liegt daran, dass der Zuckergehalt, der ihnen ihren charakteristischen Geschmack verleiht, in ganzen Karotten höher war als in geschnittenen.

Quelle:
http://www.focus.de

Kommentar:

Karotten sind wohl wirklich ein gesundes Gemüse. Die Übergänge zwischen Heilpflanzen und Nahrungsmitteln sind sowieso fliessend.
Und die Argumente dafür, Karotten am Stück zu kochen, scheinen mir überzeugend.
Allerdings muss auch bei dieser Meldung festgehalten werden:
Die Erkenntnis, dass Falcarinol bei Ratten im Labor künstlich erzeugten Tumoren vorbeugt, heisst noch längst nicht, dass damit auch bei Menschen ein Schutzeffekt erwartet werden kann.

Solche Meldungen bzw. Interpretationen sind daher immer etwas vorschnell. Sie erwecken den Eindruck, dass man sich mit Karottenessen gegen Krebs schützen kann.
Und dieser Eindruck kommt wohl unserem Bedürfnis nach Schutz vor dieser Bedrohung entgegen. Vielleicht wirken solche Meldungen daher vor allem als Anxiolytika, als angstlösende Mittel also.
Viele Meldungen aus der Wissenschaft, aber auch aus der Naturheilkunde, werden auf diese Art letztlich psychologisch aufgeladen und bekommen dadurch viel mehr Gewicht und Bedeutung, als sie eigentlich hätten.

Diese Einwände richten sich also gegen vorschnelle Meldungen mit weitreichenden Schlüssen, die auf dünnem Eis stehen. Sie richten sich ganz und gar nicht gegen den gesundheitlichen und kulinarischen Wert von Karotten. Guten Appetit!

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Buchtipp: Pflanzenbestimmung für Anfänger

Montag, Juni 22nd, 2009

“Was blüht denn da?”, von Dietmar Aichele, Kosmos Verlag

Ein Klassiker unter den Pflanzenbestimmungsbüchern. Der Aufbau nach Blütenfarbe und Anzahl der Kronblätter macht die Pflanzenbestimmung einfach auch für Personen ohne Kenntnis der Pflanzenfamilien. Das perfekte Bestimmungsbuch für Anfängerinnen und Anfänger. Es sind allerdings lange nicht alle Pflanzen Mitteleuropas aufgeführt, sondern nur die häufigsten 600. Für den Anfang ist das aber vielleicht sogar ein Vorteil, weil eine allzu grosse Zahl von Pflanzen auch verwirren könnte. Es fehlen in diesem Buch auch die Alpenpflanzen. Es eignet sich also vor allem für tiefere Regionen und kaum für den Alpenraum.

Die Pflanzen werden mittels präzis gezeichneten Farbbildern vorgestellt. Es gibt “Was blüht denn da?” auch in einer Variante mit Farbfotos. Zu Bestimmungszwecken sind aber in den meisten Fällen gute Zeichnungen ergiebiger.
Zu den meisten aufgeführten Pflanzen gibt es einen kleinen Abschnitt mit interessanten Infos zu ihrer Lebensweise. Es wird erwähnt, wenn es sich um eine Heilpflanze handelt, und allenfalls werden Inhaltsstoffe aufgeführt. Näher auf Heilwirkungen eingegangen wird aber nicht.
Dieses Buch ist ein guter Einstieg in die Pflanzenkunde, wer aber weiter kommen will in diesem Gebiet, sollte sich darüber hinaus ein Bestimmungsbuch zulegen, welches nach Pflanzenfamilien aufgebaut ist.
“Was blüht denn da?” eignet sich auch gut als Begleitung zu meinen Heilpflanzen-Exkursionen.
Nähere Infos in unserem Buchshop:
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/shop/bluetenpflanzen-allgemein/

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Chemotherapie: Schleimhautentzündungen vorbeugen zum Beispiel mit Salbeitee

Montag, Juni 22nd, 2009

Unter der Behandlung mit Zytostatika kann es zu Schädigungen der Schleimhaut kommen, vor allem im Mund und im Verdauungstrakt. Im Rahmen seines Vortrages beim Pharmacon Meran erläuterte Professor Dr. Ulrich Jaehde von der Universität Bonn, welche vorbeugenden Maßnahmen der Apotheker Patienten und Angehörigen vermitteln kann. Dazu zählen unter anderem eine sorgfältige Mundhygiene, der Verzicht auf Zigaretten sowie die Verwendung weicher Zahnbürsten und alkoholfreier Mundspüllösungen (zum Beispiel Salbeitee). Als weitere Prophylaxe-Maßnahme kann die sogenannte Kryotherapie angewendet werden, das 30-minütige Lutschen von Eiswürfeln.

Quelle:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de

Kommentar & Ergänzung:
Erfreulich, dass von universitärer Seite wieder mal der altbewährte Salbeitee erwähnt wird als vorbeugendes Mittel gegen Schleimhautentzündungen im Mundraum. Salbei enthält als Inhaltsstoff die stark antioxidativ wirkende Rosmarinsäure. Da die Schädigung der Schleimhäute bei Chemotherapien mit der Bildung von freien Radikalen zusammenhängt, scheint eine vorbeugende Wirkung von Salbeitee zumindestens plausibel.
Interessant wäre meines Erachtens zudem die Frage, ob sich die Kyrotherapie mit einer Heilpflanzen-Anwendung kombinieren liesse, beispielsweise indem die Eiswürfel aus Salbeitee hergestellt werden. Dies dürfte allerdings geschmacklich nicht von allen Leuten goutiert werden.

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Cistus incanus – Grippemittel mit vielen offenen Fragen

Montag, Juni 22nd, 2009

In letzter Zeit häuften sich Pressemitteilungen über die gute Wirksamkeit von Cystus052 als Vorbeugemittel gegen Influenza A (H1N1). Inzwischen wird die Pflanze auch als Mittel gegen Schweinegrippe propagandiert.

Dazu im folgenden zwei fachliche Stellungnahmen in von mir bearbeiteter Form:

Cistus incanus: Gegen Grippe A(H1N1) wirksam?

Cystus052 ist ein Extrakt aus der Pflanze Cistus incanus. Das Produkt wird im gleichen Atemzug mit Neuraminidase-Hemmern wie Tamiflu® (Oseltamivir) genannt. Angeboten wird der Extrakt gegenwärtig in drei Varianten als Medizinprodukt: Als Sud, als Gurgellösung und als Lutschtablette. Ungeklärt bleibt dabei, wie viel Extrakt in einer Tablette enthalten ist. Es besteht die Hypothese, dass die polymeren Polyphenole aus dem Extrakt an die Viruspartikel in einer unspezifischen Art und Weise binden, die Eiweisse der Virushülle denaturieren und dadurch die Adsorption der Viren an die Zielzellen verhindern. Ob von diesen in-vitro und tierexperimentellen Untersuchungen auf eine klinisch relevante Wirksamkeit geschlossen werden kann, ist mehr als fraglich. Gegen die Hypothese, dass polymere Polyphenole auch systemisch antiviral wirksam sein könnten, spricht, dass solche Moleküle kaum bioverfügbar sind.
Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung 19/2009/p78
www.pharmavista.net

Cistus – Ein neuartiger Grippeschutz auf pflanzlicher Basis?

Schnupfen, Husten, Heiserkeit erweisen sich als treue Begleiter nasskalter Tage und fordern die körperlichen Abwehrkräfte. Jedes Jahr stellt sich die Frage nach einem zuverlässigen Schutz vor Erkältungen oder gar einer Grippe. Eine ausgewogene, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung mit Vitamin C-reichen Früchten, viel Gemüse, Vollkorn- und Milchprodukten trägt dazu bei, das Immunsystem auf Trab zu halten. Viele Menschen suchen weitere Unterstützung in der Pflanzenheilkunde. Einen vielversprechenden Ansatz zur Grippevorbeugung sieht die Forschung in Extrakten aus der Heilpflanze Cistus incanus. Sie gehört zur Familie der Zistrosengewächse und wird in der Naturheilkunde gegen Durchfall oder zur Behandlung von Hauterkrankungen wie Neurodermitis verwendet.

Der Blattextrakt von Cistus incanus ist reich an hochpolymeren Polyphenolen, die zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen. Studien der Universität Münster, des Friedrich-Löffler-Instituts in Tübingen und der Charité Berlin zeigen, dass gewisse Vertreter dieser Stoffgruppe Krankheitserreger wie Viren verhüllen und ihre Anheftung an die Zellen verhindern können. Die Zahl der eindringenden Viren reduziert sich also. Untersuchungen mit Mäusen bestätigen die Abwehrwirkung auf Grippeviren. Allerdings zeigen sich diese Resultate ausschließlich für den Cistus-Extrakt “CYSTUS052″, der ein bestimmtes Spektrum verschiedener polyphenolischer Verbindungen enthält. Entscheidend für die antivirale Wirkung ist außerdem, dass der Extrakt äußerlich durch Lutschen, Gurgeln oder Inhalieren zur Anwendung kommt. “Ein Schlucken der Wirkstoffe kann nicht gegen Grippeviren helfen, da die wirksamen Inhaltsstoffe vom Darm praktisch nicht aufgenommen werden”, erklärt Prof. Stephan Ludwig von der Universität Münster den aktuellen Stand der Forschung.

Dieser entscheidende Aspekt ist bei vielen Cistus-Präparaten nicht berücksichtigt. Denn häufig handelt es sich um Kapseln zum Schlucken, die keine Wirkung gegen Viren haben. Meist fehlen Angaben dazu, ob die Präparate den wirksamen Cistus-Extrakt “CYSTUS052″ überhaupt enthalten. Vor allem über das Internet werden Cistus-Nahrungsergänzungsmittel mit Bezeichnungen wie “Abwehr-Kapseln” oder direkten Hinweisen auf eine Anti-Grippe-Wirkung vermarktet. Eine solche Werbung ist unzulässig, weil Lebensmittel der Ernährung dienen und nicht der Vorbeugung von Krankheiten. Sie dürfen deshalb nicht krankheitsbezogen beworben werden.
Quelle:
aid infodienst, Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft e. V.
Heilsbachstraße 16, 53123 Bonn, http://www.aid.de

Kommentar & Ergänzung:

Viele Leute, die der Pflanzenheilkunde positiv gegenüber stehen, saugen alle Erfolgsmeldungen, wie sie zur Zeit beispielsweise von der Cistus-Propaganda verbreitet werden, vollkommen unkritisch auf.
Offenbar ist für diese “Szene” alles so wunderbar, was von den Heilpflanzen kommt, dass keinerlei Platz ist für die sorgfältige Prüfung solcher Versprechungen.
Mir scheint es dagegen wichtig, dass wir diesen Meldungen zwar interessiert begegnen, aber auch die notwendigen kritischen Fragen nicht ausser acht lassen.
Sowohl die “Deutsche Apothekerzeitung” als auch der “aid infodienst” sprechen zentrale ungeklärte Punkte bezüglich Cistus an:

Ergebnisse aus dem Labor und aus Tiermodellen lassen sich nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Das wird bei Nahrungsergänzungsmitteln und Heilpflanzen-Präparaten oft nicht berücksichtigt, wenn sie vorschnell und ungeprüft propagiert werden. So wird dann beispielsweise beim Thema Cistus die nicht ganz unwesentliche Frage ausgeblendet, ob die Wirkstoffe überhaupt aus dem Verdauungstrakt resorbiert werden.
Ich bin sehr für die Anwendung von Heilpflanzen-Präparaten, aber nicht für die naive Gläubigkeit gegenüber allen Versprechungen, die aus den Bereichen Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde / Komplementärmedizin stammen. Kritische Fragen sind nötig, nicht nur gegenüber der “Chemie”, sondern genauso bei Naturheilmitteln.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Zu viele unnötige Medikamente für Kinder

Donnerstag, Juni 18th, 2009

Zwei von drei Kindern wurden in den letzten vier Wochen mit Medikamenten behandelt. Das ist ein zentrales Resultat der infas-Studie “Kinder und Arzneimittel”, für welche im Auftrag der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – bundesweit 3.200 Eltern befragt wurden.
Der ABDA schreibt in einer Pressemeldung:

“Je jünger das Kind, desto häufiger bekommt es Medikamente. Auch die Hälfte der Eltern, die den Gesundheitszustand ihres Kindes als ,sehr gut‘ einstufen, hat ihm im letzten Monat Arzneimittel verabreicht.”
Die Studie wurde am 17. Juni 2009 in Berlin an einer Pressekonferenz vorgestellt.

Die “Süddeutsche” fasst zusammen:

“Ohne Sinn und Verstand: Eltern in Deutschland geben ihren Kindern zu viele Medikamente und Pillen – auch zur Vorbeugung. Wissen über alternative Behandlungsmethoden fehlt oft.”

Dass 60 Prozent der befragten Eltern ihren Kindern in den vergangenen vier Wochen mindestens ein Medikament gegeben, sei ein überraschend hohes Ergebnis, sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt am Pressegespräch. Der Anteil von jüngeren Kindern, die schon Pillen schluckten, liege noch einmal deutlich höher.

“Ich glaube, dass manche Eltern ihren Kindern zu schnell Medikamente geben”, stellte Schmidt fest. Es seien vor allem Vitaminpillen oder andere Produkte zur Nahrungsergänzung, die den Kindern verabreicht würden. Dies liegt seiner Einschätzung nach auch an der umfangreichen Werbung, die für diese Präparate gemacht werde.

Viele nähmen diese Informationen häufig zu unkritisch an. Laut der Umfrage unter 3208 Eltern mit Kindern bis zu 17 Jahren antworteten etwa 43 Prozent, dass sie für ihre Kinder zur Vorsorge Vitaminpräparate rezeptfrei in der Apotheke gekauft hätten.

Plädoyer für den Wadenwickel

Bei den jüngeren Eltern fehlt nach Schmidts Worten immer häufiger das Wissen über alternative Behandlungsmethoden.

“Die Kenntnis der sogenannten Volksheilkunde hat erheblich nachgelassen”, erklärte Schmidt.

Viele Mütter und Väter wüssten einfach nicht mehr, dass mit Wadenwickeln bei Fieber ein gutes Resultat erzielt werden könne.
Nur 16 Prozent hätten in der Umfrage erklärt, dieses Hausmittel bei der jüngsten Erkältung ihres Kindes angewandt zu haben. 36 Prozent hingegen hätten noch vorrätige Medikamente eingesetzt oder sich auf eigene Faust neue besorgt.

Dabei kommt es laut den Resultaten der Studie oft zu einer falschen Anwendung. So gaben elf Prozent der Befragten an, ihren Kindern Medikamente für Erwachsene zu geben, nur eben in einer tieferen Dosis.
Dies ist nach Schmidts Aussagen ein großes Problem. So bekamen auch jüngere Kinder von ihren Eltern bei Kopfschmerz zum Beispiel eine halbe Tablette Aspirin. Dabei sei der Aspirin-Wirkstoff in Deutschland erst vom 14. Lebensjahr an zugelassen.

Insgesamt gibt es zu wenig speziell für Kinder konzipierte Medikamente. Nach Worten von Wolfgang Rascher von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin beträgt der Anteil der ambulant verschriebenen, nicht für Kinder und Jugendliche zugelassenen Medikamente zwischen zehn und 20 Prozent.

Quelle: www.sueddeutsche.de

Kommentar & Ergänzung:

Keine Frage: Es gibt Situationen, in denen ein Kind ein passendes Medikament braucht. Ich schliesse dabei ausdrücklich auch synthetische Medikamente mit ein, weil ich das dogmatische Beharren auf ausschliesslich “natürlichen” Heilmitteln, wie es leider in manchen Bereichen von Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde vertreten wird, für sehr fragwürdig halte.

Nötig ist meines Erachtens eine optionale Haltung, die Wahlmöglichkeiten aufzeigt und je nach Situation die passendste Variante auswählt.

Die Studie der ABDA zeigt allerdings ein bedenkliches Phänomen, das ich als Medikalisierung der Kindheit bezeichnen würde.

Kindern wird dadurch eine Grundhaltung vermittelt, nach welcher medikamentöse Unterstützung zur Bewältigung des Alltags unerlässlich ist.

Selbst kleinste Unebenheiten im Leben werden medikamentös geglättet.

Dabei kommen durchaus auch Naturheilmittel zum Einsatz. In gewissen Kreisen kann ein Kind kaum mehr seinen Ellbogen am Tischbein anschlagen, ohne dass drei hilfreiche Engel mit Notfall-Tropfen daher kommen.

Ein bisschen mehr Zutrauen in die Selbstheilungkräfte des Organismus und in die Fähigkeit, mit kleineren Unebenheiten selber fertig zu werden, könnte nicht schaden.

Sehr erfreulich ist der Hinweis von ABDA-Präsident Friedemann Schmidt auf die Bedeutung von einfachen Hausmitteln wie zum Beispiel den Wadenwickeln – schliesslich bringen solche Massnahmen den Apotheken keinen Umsatz.

Die Aussage von Friedemann Schmidt, wonach die Kenntnis der sogenannten Volksheilkunde erheblich nachgelassen habe, müsste meines Erachtens Konsequenzen haben.

Dieses Defizit macht die Menschen nämlich abhängiger vom medizinischen System. Und weil sie dadurch wegen jeder Kleinigkeit eine ärztliche Konsultation in Anspruch nehmen, trägt dies zur Kostensteigerung bei.

Meiner Ansicht nach eignen sich Spitex-Organisationen ausgesprochen gut für eine fundierte, seriöse Vermittlung von Wissen über wirksame und hilfreiche Selbstbehandlungsmassnahmen. Am “Seminar für Integrative Phytotherapie” bilden wir Pflegefachleute aus dem Bereich Spitex aus, damit sie Heilpflanzen-Anwendungen professionell in ihre Arbeit einfliessen lassen können.
Infos dazu auch bei der Interessengemeinschaft Phytotherapie & Pflege:
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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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Leopardenblume mit Wirkstoff gegen Prostatakrebs?

Mittwoch, Juni 17th, 2009

Forscher am Universitätsklinikum Göttingen untersuchen, ob ein pflanzlicher Wirkstoff aus einem Liliengewächs beim metastasierten Prostatakrebs wirkungsvoll angewendet werden kann. Das Projekt wird von der Deutschen Krebshilfe unterstützt.

Prostatakrebs ist in westlichen Gesellschaften eine der häufigsten Krebsarten bei Männern. In asiatischen Ländern wie China, Japan und Indien spielt dieser Tumor dagegen nur eine untergeordnete Rolle. “Die Ursache dafür liegt wahrscheinlich in der asiatisch geprägten Ernährung mit viel pflanzlicher Kost anstatt tierischer Eiweiße und Fette”, erläutert Privatdozent Peter Burfeind vom Universitätsklinikum Göttingen. “Experten vermuten, dass die Krebs-vermeidenden Effekte der Nahrung in erster Linie auf Pflanzeninhaltsstoffe mit schwach östrogenen Eigenschaften zurückzuführen sind.” Diese sogenannten Isoflavone besitzen ähnliche Eigenschaften wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen und werden deshalb auch “Phyto-Östrogene” genannt.

Der Prostatakrebs wächst bei fast allen Patienten hormonabhängig. Dabei stimuliert vor allem das männliche Geschlechtshormon Testosteron das Krebswachstum. Doch auch das weibliche Hormon Östrogen wird in geringen Mengen von den Hoden und im Fettgewebe hergestellt. Es fungiert im männlichen Stoffwechsel und damit auch in der Prostata als Gegenspieler des Testosterons und kann so auch das Wachstum von Tumorzellen hemmen. Bei der Entstehung eines bösartigen Prostatatumors sind diese hormonabhängigen Signalwege jedoch in vielen Fällen gestört. Wegen der genetischen Veränderungen (Mutationen) geht dann vom Östrogen der gleiche wachstumsfördernde Stimulus aus wie vom Testosteron.

Die Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Göttingen hat nun ein Phyto-Östrogen mit tumorspezifischer Wirkung identifiziert, das präzis an der Stelle eingreift, wo das Östrogen das Zellwachstum beeinflusst: Das Isoflavon mit dem Namen Tectorigenin bindet an die Zelloberfläche der Krebszellen und kann so unter anderem modulierende Östrogen-Signalwege wiederherstellen, welche im Prostatakarzinom eine Tumor-verhindernde Funktion einnehmen.

Tectorigenin ist ein Wirkstoff aus der Wurzel des Liliengewächses Belamcanda chinensis. Diese Heilpflanze wird in der traditionellen chinesischen und koreanischen Medizin angewendet. “Wir wollen nun untersuchen, ob Tectorigenin zur Therapie beim Prostatakarzinom angewendet werden kann”, sagt Paul Thelen vom Universitätsklinikum Göttingen. Erste Experimente seien vielversprechend: So konnten die Forscher bereits im Labor mit Extrakten aus Belamcanda chinensis das Wachstum von Krebszellen bremsen und sogar im Tiermodell die Ausbreitung eines Tumors verlangsamen. “Zudem ist es denkbar, dass diese Substanz eines Tages auch vorbeugend gegen Prostatakrebs eingesetzt werden könnte”, sagt der Wissenschaftler. Bis zum Einsatz in klinischen Studien besteht aber noch weiterer Forschungsbedarf.

Quelle: www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Es kann nicht genug betont werden, dass solche Ergebnisse aus dem Labor oder dem Tiermodell noch kaum etwas aussagen über eine mögliche Wirksamkeit beim kranken Menschen.
Trotzdem ist das Forschungsprojekt aus Göttingen natürlich interessant.

Phytoöstrogene aus der Gruppe der Isoflavone sind im Pflanzenreich weitverbreitet. Sie kommen beispielsweise vor im Rotklee, der seit einigen Jahren zu den Phytoöstrogen-Heilpflanzen gezählt wird, und in Soja-Produkten, welche vor allem in der asiatischen Ernährung grosse Bedeutung haben.
Interessant wäre es zu erfahren, welche Vorteile das Tectorigenin nach Ansicht der Forscher aus Göttingen gegenüber anderen Isoflavonen besitzt.

Betreffend einer vorbeugenden Wirkung gegen Prostatakrebs könnte die asiatische Ernährung mit ihrem vielfältigen Angebot an Isoflavonen gegenüber dem Einsatz von Tectorigenin als isolierte Einzelsubstanz überlegen sein. Dass die Vorbeugung mit isolierten Einzelsubstanzen problematisch sein kann, zeigt sich zum Beispiel im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel. Sie können niemals die breite Palette an Stoffen zuführen, die eine normale Ernährung enthält und die der Organismus braucht, und sie zeigen manchmal sogar bedenkliche unerwünschte Nebenwirkungen.

Bei Belamcanda chinensis handelt es sich um die Leopardenblume, eine Pflanzenart aus der Untergattung Hermodactyloides in der Gattung Schwertlilien (Iris) innerhalb der Familie der Schwertliliengewächse (Iridaceae). Die Zuteilung zu den Liliengewächsen im Text der Ärztezeitung scheint also irrtümlich zu sein.
Die Leopardenblume ist in Süd- und Ostasien (Japan, China, Taiwan und Nord-Indien) heimisch und in den nördlichen USA eingebürgert.

Sie wird in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) eingesetzt und ist giftig. Die Bezeichnung Leopardenblume geht auf die dunkle Fleckung der Blüten zurück, die entfernt an ein Leopardenfell erinnert.
Es gibt eine Reihe von synonymen Bezeichnungen für Belamcanda chinensis:
Iris domestica, Pardanthus chinensis, Gemmingia chinensis, Belamcanda puncta, Ixia chinensis.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Wundheilung: körpereigenes Wasserstoffperoxid aktiviert weisse Blutkörperchen

Montag, Juni 8th, 2009

Ein natürliches Bleichmittel, das vom Organismus selbst produziert wird, scheint eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Infektionen und bei der Wundheilung zu spielen. Forscher der Harvard Medical School konnten bei Zebrafischen, die über ähnliche Gene wie der Mensch verfügen, nachweisen, dass nach einer Gewebeverletzung Wasserstoffperoxid freigesetzt wird. Dieses Wasserstoffperoxid ist offenbar ein Signal für die weißen Blutkörperchen, sich an der geschädigten Stelle zu versammeln und den Heilungsprozess einzuleiten. Die in der Zeitschrift “Nature” publizierte Studie könnte helfen, Krankheiten wie Asthma besser zu verstehen.

Asthma, Blockierungen in der Lunge sowie einige entzündliche Darmerkrankungen wurden gemäss BBC immer wieder mit großen Mengen an weißen Blutkörperchen in Verbindung gebracht. Obwohl die Zebrafische auf den ersten Blick nichts mit dem Menschen gemeinsam zu haben scheinen, verfügen sie über einen ähnlichen genetischen Aufbau und werden oft für die Erforschung biologischer Vorgänge eingesetzt. Das Team um Timothy Mitchison fügte den Fischen ein Gen hinzu, welches bei Vorhandensein von Wasserstoffperoxid leuchtet.

Wurden die Schwanzflossen der Zebrafische verletzt, wurde Wasserstoffperoxid stoßweise von der Wunde in das umgebende Gewebe freigesetzt. Auf dieses Signal schienen nun Gruppen weißer Blutkörperchen zu reagieren. Wurde die Fähigkeit zur Herstellung des Wasserstoffperoxids blockiert, reagierten die weißen Blutkörperchen nicht mehr. Mitchison erläuterte, dass man seit einiger Zeit gewusst habe, dass bei einer Verletzung weiße Blutkörperchen auftauchen. Spektakulär an der neuesten Entdeckung sei, dass die weissen Blutkörperchen eine Wunde aus einiger Entfernung erkennen können. Bis jetzt habe man allerdings nicht gewusst, worauf sie reagieren.

Es gebe zwar Erkenntnisse darüber, was die weißen Blutkörperchen dazu veranlasst, auf chronische Infektionen zu reagieren. Bei einer isolierten Wunde sei das genaue Signal bisher jedoch nicht bekannt gewesen.

Im menschlichen Organismus wird Wasserstoffperoxid vor allem an drei Stellen hergestellt und zwar in der Lunge, im Darm und in der Schilddrüse. Bei Krankheiten wie Asthma hält es Mitchison für denkbar, dass das Lungenepithel wegen einer chronischen Irritation zu viel Wasserstoffperoxid bildet. Damit ließen sich möglicherweise die zu großen Mengen an weißen Blutkörperchen erklären.

Quelle:
www.journalmed.de

Originalpublikation:
http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/pdf/nature08119.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Aus Sicht der Naturheilkunde scheint mir an diesem Bericht interessant, dass Honig auf Wunden Wasserstoffperoxid freisetzt.
Wasserstoffperoxid ist in verschiedenen Bereichen ein bewährtes Desinfektionsmittel. Diese antimikrobielle Wirkung wurde – neben anderen Faktoren – für die günstige Wirkung von Honig zur Wundheilung verantwortlich gemacht. Wenn Wasserstoffperoxid nun weisse Blutkörperchen anlockt, welche die Wundheilungsprozesse einleiten, könnte dies auch beim Einsatz von Honig für die Wundheilung eine Rolle spielen.
Mehr Infos zum Thema “Honig und Wundheilung” finden Sie hier:
Honig: Altes Wundheilmittel im Aufwind

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Waldbeeren & Fuchsbandwurm – diffuse Ängste

Sonntag, Juni 7th, 2009

Ein großer Teil der Bevölkerung ist ziemlich verunsichert, wenn es um selbst gesammelte Pilze, Beeren oder Heilkräuter geht. Schliesslich hört man immer wieder vom Fuchsbandwurm, der zu schweren Erkrankungen führen kann. Fuchskot kann Eier des Fuchsbandwurms enthalten und dadurch als Infektionsquelle dienen.
Doch eigentlich, erklärt Katharina Alpers vom Robert-Koch-Institut (RKI), stehen die Befürchtungen in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Risiko.

Seit 2001 gibt es in Deutschland eine Meldepflicht beim RKI für die vom Kleinen Fuchsbandwurm verursachte Alveoläre Echinokokkose: Zwischen 2001 und 2008 sind in Deutschland 149 neue Krankheitsfälle aufgetreten, im Schnitt 18,6 Fälle pro Jahr. Beate Grüner, die in der Echinokokkose-Spezialambulanz der Uniklinik Ulm Patienten aus ganz Deutschland behandelt, geht zwar von einer Dunkelziffer aus und rechnet mit etwa 70 Fällen jährlich. Doch selbst mit dieser Annahme bleibe die Alveoläre Echinokokkose eine seltene Krankheit, hält sie fest.

Einen Grund für die tief sitzenden Ängste sieht Alpers im schweren Verlauf der Krankheit. Eine weitere Erklärung, die sie als Parasitologin immer wieder erlebt hat: “Irgendwie scheinen Würmer den Menschen größere Angst zu machen als andere Erreger.”

Im Entwicklungskreislauf des Kleinen Fuchsbandwurms (Echinococcus multilocularis) sind wir Menschen ein Fehlzwischenwirt. Der Mensch nimmt die Bandwurmeier über den Mund auf. Via Magen und Darm gelangt die Larve in den Blutkreislauf und die Leber. “Zu mehr als 99 Prozent setzen sich die Larven dort fest, es entwickelt sich ein tumorähnliches Gebilde”, sagt Grüner. Auch umliegendes Gewebe sowie Lunge oder Gehirn können im Verlauf der Krankheit befallen werden.

Weil Frühsymptome häufig fehlen, kann eine einmal ausgebrochene Erkrankung über viele Jahre unbemerkt bleiben. “Oft wird sie per Zufall entdeckt, wenn die Leute einen Check-up machen lassen.” Früher endeten 90 Prozent der Erkrankungsfälle tödlich, “heute können wir 90 Prozent der Patienten gut helfen, aber die Behandlung gehört unbedingt in eine erfahrene Hand”, betont Grüner. Medikamente halten das Tumorwachstum auf, ganz abtöten können sie den Erreger aber nicht. Sie müssen deshalb lebenslang eingenommen werden.

Die lange Inkubationszeit von fünf bis fünfzehn Jahren macht es ausgesprochen schwierig, den Übertragungsweg nachzuweisen. Versucht wurde dies 1995 in einer Untersuchung in Römerstein auf der Schwäbischen Alb. Die Gemeinde liegt in einer Region, in der von einem dauerhaften Befall der Füchse auszugehen ist – gemäss Robert-Koch-Institut: Schwäbische Alb, Alb-Donau-Region, Oberschwaben und Allgäu. Bis zu 75 Prozent der Füchse sind dort infiziert. Diese Rate ist nicht überall gleich hoch. In Hessen sind es vergleichsweise laut Umweltministerium etwa 30 Prozent.

In Römerstein wurden 2560 Personen für die Studie untersucht. In einem Fall wurde eine Alveoläre Echinokokkose festgestellt. 49 Personen zeigten Antikörper im Blut, ohne dass ein Befall gefunden wurde. Ähnliche Resultate ergab eine Studie sieben Jahre später in Leutkirch. Professor Peter Kern hat die Römerstein-Studie koordiniert. Er koordiniert auch das Europäische Echinokokkose-Register Ulm, wo alle bekannt gewordenen Infektionen mit dem Fuchsbandwurm erfasst und dokumentiert werden. “Ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Waldfrüchten und einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm lässt sich nicht herleiten”, erklärt er. Nicht einmal Jäger oder Forstarbeiter gehörten zu den speziell gefährdeten Personen.

Das größte Risiko sieht Professor Kern ohnehin nicht im Fuchs sondern im Hund – vorausgesetzt er bekommt gelegentlich eine Maus zu fassen. Denn kleine Nagetiere sind der perfekte Zwischenwirt für den Kleinen Fuchsbandwurm. Frisst der Hund eine infizierte Maus, wird er zum Endwirt, wodurch sich der Entwicklungskreislauf schließt.

Fuchsbandwurmeier, die der Hund mit dem Kot ausscheidet und die im Fell haften, können über die streichelnde Hand, die unbedacht zum Mund geführt wird, durch den Menschen aufgenommen werden. Ein einmaliger Kontakt genüge jedoch nicht, so Kern. Entscheidend für die Infektion sei das “lange bestehende, enge Zusammenleben” von Mensch und Hund. Auch Katzen können Endwirt sein, wenn auch kein idealer: “Der Fuchsbandwurm geht im Katzendarm schlecht an.”

Der oft vertretenen These, dass Landwirte zur gefährdeten Gruppe zählen, weil sie bei der Feldarbeit mit dem aufgewirbelten Staub auch Fuchsbandwurmeier einatmeten, steht Kern skeptisch gegenüber. “Zu einem Bauernhof gehört in der Regel auch ein Hund”, erläutert er – und damit schließt sich für ihn der Kreis. Er empfiehlt daher, Hunde “alle drei Monate zu entwurmen”. Nach dem Kontakt mit dem Tier, hauptsächlich vor dem Essen, seien die Hände waschen.

Noch gibt es zahlreiche Unklarheiten, sowohl zum Übertragungsweg als auch zur für den Menschen riskanten Dosis. Auch begünstigende genetische Faktoren werden diskutiert. Gewiss scheint: Die Betroffenen müssen über einen längeren Zeitraum immer wieder mit den Eiern des Fuchsbandwurms in Kontakt kommen, damit die Krankheit auch ausbricht. Und die Abwehrkräfte spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. “Es ist wie bei fast jeder Infektionskrankheit”, erklärt Grüner, “meist schafft es das Immunsystem, den Erreger zu eliminieren.”

Besorgte Waldkindergärtnerinnen, die sich in der Echinokokkose-Sprechstunde erkundigen, ob sie ihre Schützlinge noch in den Wald lassen können, bekommen darum von ihr die Antwort: “Sie können, wenn sie bodennahe Früchte und Kräuter und auch die Hände vor dem Essen waschen.”
Steffen G. Fleischhauer, Diplom-Ingenieur für Landschaftsplanung und Lehrbeauftragter für “Essbare Wildpflanzen”, gibt zu bedenken, dass er Füchse viel häufiger auf Feldern sieht als im Wald. “Wer ganz sicher gehen will, müsste dann eigentlich auch Erdbeeren abkochen.”

Vorsichtsmaßnahmen gegen Fuchsbandwurm

Füchse bewegen sich gerne entlang natürlicher Grenzen wie Bachläufen oder Trampelpfaden, erklärt Manfred Eckhardt, Jagdsachbearbeiter bei Hessen-Forst. Kot setzen sie gerne an markanten Stellen ab: auf Baumstümpfen, großen Steinen oder Wegkreuzungen. Wer ganz sichergehen will, sollte entlang solcher Linien Früchte erst ab Kniehöhe sammeln.

Die Beeren sollten gründlich gewaschen werden, um allfällige Fuchsbandwurmeier möglichst zu entfernen. Wer ganz sicher sein will, muss sie jedoch kochen: erst ab etwa 70 Grad sterben die Eier. Einfrieren hilft nicht.

Quelle: www.fr-online.de

Kommentar:
Im Umgang mit dem Thema Fuchsbandwurm spiegelt sich wohl auch die starke Naturentfremdung unserer Kultur. Ein angemessenes Verhalten in der Auseinandersetzung mit Risiken der Natur scheint dabei zunehmend verloren zu gehen. Dabei lassen sich zwei gegensätzliche Extreme beobachten.

Einerseits gibt es eine naive Idealisierung der Natur, die ausschliesslich als wohlwollend und heilend interpretiert wird. Die Haltung zeigt sich zum Beispiel, wenn Leute begeistert Wildsalate und Wildgemüse sammeln und essen, ohne dass sie sich vorgängig die Kenntnisse aneignen, mit denen sich die Pflanzen sicher erkennen und unterscheiden lassen. Heilpflanzen gelten auf dem Boden dieser Einstellung einseitig als vollkommene und wunderbare Helfer. Dass sie auch unerwünschte Nebenwirkungen haben können und deshalb nur mit Sorgfalt und Fachwissen eingesetzt werden sollten, fällt dabei ausser Betracht.

Andererseits gibt es aber auch die Dramatisierung von Naturrisiken, wie sie zeitweise beim Thema Fuchsbandwurm zu beobachten ist. Dabei gehen dann oft völlig die Proportionen verloren. Der oben zusammengefasste Artikel der “Frankfurter Rundschau” rückt hier einiges zurecht.

Es scheint mir eine Herausforderung für uns heutige Menschen, die Risiken im Umgang mit der Natur weder zu verharmlosen noch zu dramatisieren. Am besten gelingt dies meines Erachtens, wenn wir mit der Natur wieder vertrauter werden. Heilpflanzenkunde und Heilkräuter-Exkursionen sind ein möglicher Weg in diese Richtung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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