Archive for Mai, 2009

Studie zeigt: Diabetiker können “der Krankheit davonlaufen”

Dienstag, Mai 19th, 2009

Die meisten Diabetiker können nach einer Untersuchung des Heidelberger Sportwissenschaftlers Gerhard Huber ihre Krankheit aus eigener Kraft wirkungsvoll bekämpfen. «Diabetes mellitus Typ 2 ist tatsächlich eine Krankheit, der man regelrecht davonlaufen kann», erklärte Huber in einem Gespräch mit der dpa. Die günstige Wirkung von Bewegung auf die meisten Krankheiten sei bekannt. «In der Regel hilft Sport aber nur, den Krankheitsverlauf zu verzögern oder wirkt sich positiv auf das Allgemeinbefinden aus», sagte Huber. «Bei Diabetes kann durch ausreichende Bewegung aber tatsächlich die Uhr zurückbewegt werden.»

Der Sportwissenschaftler begleitete ein Pilotprojekt der DAK. Diese Krankenkasse bot in neun Städten spezielle Bewegungskurse für Diabetiker an, die gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie (DVGS) entwickelt wurden. An der Studie beteiligten sich 250 Diabetiker.

«Vor allem die Ausdauer der Teilnehmer war zu Beginn enorm eingeschränkt», sagte Huber. Die Leistung der Teilnehmer erreichte anfangs nur ein Drittel des Normalwertes der jeweiligen Altersgruppe. Im Verlaufe von zehn Wochen sei die Leistungsfähigkeit allerdings auf mehr als 50 Prozent gestiegen. «Aus anderen Studien wissen wir außerdem, dass regelmäßige Bewegung den Blutzuckerspiegel nachhaltig senkt», so Huber.

Auf der Basis dieser Erkenntnisse will die DAK nun als erste gesetzliche Krankenkasse den Baustein Bewegung fest in das Therapiekonzept bei Diabetes Typ 2 einbauen. Dies sollte bundesweit auch von anderen Krankenkassen umgesetzt werden, betonte der Sportwissenschaftler. «Diabetiker müssen lernen, Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.» Das bestehende Gesundheitssystem sei aber darauf nicht ausgerichtet. «Es gibt eine Vielzahl von Medikamenten. Die werden verschrieben – und alle sind glücklich», kritisierte Huber.

Angesichts der steigenden Anzahl von Diabetes-Erkrankungen würden dadurch viele Chancen verschenkt. «Der Arzt müsste den Patienten eigentlich Druck machen und sie zur Bewegung zwingen», sagte der Sportwissenschaftler. «Zugleich müsste er sie beraten und Angebote nennen können – dafür gibt es aber keinen Abrechnungsposten.» Zudem fehle es an Infrastruktur. Sport-Studios seien für die zirka 6,4 Millionen Menschen mit Diabetes die falsche Adresse. «Die wenden sich an Menschen, die allenfalls ein Fettpölsterchen loswerden möchten», sagte Huber. «Bei unseren Patienten geht es aber um Menschen, die Fettpolster abbauen und ihren Lebensstil umfassend ändern müssen.»

Quelle: http://www.journalmed.de/newsview.php?id=25846

Kommentar:

Ob es sinnvoll ist, wenn man Diabetikerinnen und Diabetiker zu mehr Bewegung “zwingt”, wie es Sportwissenschaftler Huber fordert, das sei hier in Frage gestellt.
Zwang ist im Umgang mit Gesundheit ein problematischer Ansatz. Er erinnert an die “Pflicht zur Gesundheit”, die im “Dritten Reich” eingefordert wurde.

Diabetes ist aber eine ernsthafte Krankheit mit zahlreichen möglichen Begleit- und Folgeerkrankungen (nach Gesundheitsbericht Diabetes 2007, auf wikipedia):

Der Gesundheitsbericht Diabetes 2007 gibt einen Überblick über die Häufigkeit des Auftretens von Begleit- und Folgekrankheiten bei 120.000 betreuten Typ-2-DiabetikerInnen:
75,2 % Bluthochdruck
11,9 % Diabetische Retinopathie
10,6 % Neuropathie
9,1 % Herzinfarkt
7,4 % periphere Arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
4,7 % Apoplex (Apoplexia cerebri, Schlaganfall)
3,3 % Nephropathie (Niereninsuffizienz)
1,7 % diabetisches Fußsyndrom
0,8 % Amputation
0,3 % Erblindung

Grundlage vieler Folgeerkrankungen sind dauerhafte Veränderungen strukturbildender Eiweiße und negative Effekte von Reparaturvorgängen, beispielsweise der ungeordneten Bildung neuer Blutgefäße oder Unterdrückung der Neubildung von Ersatzblutgefäßen bei Beschädigungen.

Kompetente und professionelle Motivation wäre daher sehr gefragt. Blosser Zwang macht es sich da auch zu einfach.

Vor allem müsste die Motivation zu mehr Bewegung nicht erst einsetzen, wenn sich ein Diabetes schon entwickelt hat. Mir ist aber klar, dass dies kein einfaches Unterfangen ist.
Arbeit und Schule, der Alltag vieler Menschen überhaupt, gestaltet sich gegenüber früher sehr viel bewegungsärmer. Andererseits gab es wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit ein derart grosses Angebot an Sportgelegenheiten und Fitnessstudios.
Letztlich wäre es wohl am sinnvollsten, wenn Bewegung wieder mehr in den normalen Alltag eingebaut werden könnte. Bewegung ist ein Grundpfeiler der Naturheilkunde.

Eine mögliche Motivation zu mehr Bewegung im Alltag sehe ich auch im Interesse an der Natur. Wer eine Beziehung zu Pflanzen und Tieren hat, wird weniger geneigt sein, jede freie Minute hinter dem Computer oder vor dem TV-Gerät zu verbringen.
In diesem Sinne sehe ich Heilpflanzen-Exkursionen und Kräuterwanderkurse auch als einen Motivationsbeitrag für einen gesünderen, bewegungsreicheren Lebensstil.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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Phänologie – was ist das?

Dienstag, Mai 19th, 2009

Die Einteilung des Jahres nach den Erscheinungen in der Pflanzenwelt

Üblicherweise teilen wir das Jahr in vier Jahreszeiten ein. Es gibt aber auch noch eine feinere Einteilung in zehn biologisch begründete “phänologische Jahreszeiten”. Im Unterschied zu den astronomischen oder kalendarischen Jahreszeiten sind die phänologischen Jahreszeiten nicht auf den Tag genau festgelegt, sondern abhängig von den Jahr für Jahr zu unterschiedlichen Terminen einsetzenden Entwicklungen in der Natur. Jeder phänologischen Jahreszeit sind darum Zeigerpflanzen zugeordnet. So fängt der Vollfrühling mit der Apfelblüte an – und die tritt von Jahr zu Jahr und auch von Gegend zu Gegend zu unterschiedlichen Terminen auf.

Vorfrühling: Startet mit Blüte von Hasel, Märzenbecher und Schneeglöckchen, endet mit Blüte der Salweide.

Erstfrühling: Startet mit Blüte der Forsythie sowie von Beerensträuchern wie der Stachelbeere und Obstbäumen wie Kirsche, Pflaume und Birne, von Schlehe und Ahorn; Laubentfaltung von Birke und Buche.

Vollfrühling: Blüte von Apfel, Flieder, Rosskastanie; Laubentfaltung von Eiche und Hainbuche.

Frühsommer: Blüte von Holunder, Roggen, Robinie sowie Blütehöhepunkt der Wiesen und Getreidefelder; am Schluss des Frühsommers erste Heumahd.

Hochsommer: Lindenblüte, Reife von Johannisbeere und Winterroggen.

Spätsommer: Heideblüte, Reife früher Obstsorten und der Eberesche, Getreideernte, zweite Heumahd.

Frühherbst: Blüte der Herbstzeitlosen, Reife von Holunder und Rosskastanie, Höhepunkt der Obsternte.

Vollherbst: Kartoffelernte, allgemeine Laubverfärbung.

Spätherbst: Zeit des allgemeinen Laubfalls, Abschluss der Vegetationszeit.

Winter: Zeitraum zwischen Ende der Vegetationszeit und Haselblüte. Winterbeginn mit dem Auflaufen des Winterweizens.

Quelle: http://www.nabu.de/naturerleben/naturtipps/jahreszeiten/

Kommentar:

Phänologie bietet spannende Entdeckungen und ist zu Unrecht kaum bekannt.
Während der astronomische Kalender mit seiner Orientierung an den Gestirnen für uns Menschen relativ abstrakt bleibt, verbindet der phänologische Kalender mit den Entwicklungsvorgängen der Tier- und Pflanzenwelt im Laufe des Jahres. Phänologie schult die Wahrnehmung für die Natur in unserer Umgebung und fördert damit den Naturkontakt.

Auf einer sehr fundamentalen Ebene scheint mir dies wertvoll für Gesundheit und Lebensqualität. In einem ähnlichen Sinne wirkt das Interesse an Heilpflanzen, Wildgemüse und Wildsalate. Falls Sie an einer kleinen oder längeren “Lehrzeit” interessiert sind, um vertrauter zu werden mit der Natur, dann finden Sie dazu auf www.phytotherapie-seminare im Kurskalender aktuelle Daten für Heilpflanzen-Exkursionen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Geistige Aktivität verzögert Alzheimer

Dienstag, Mai 19th, 2009

Das Fithalten des Gehirns in späteren Lebensabschnitten könnte eine wirksame Möglichkeit zur Verzögerung einer Alzheimer-Erkrankung sein. Geistige Aktivitäten haben lebenslang positive Effekte.

Forscher des Institute of Psychiatry at King’s College London analysierten die Daten von 1.320 Demenz-Patienten. Dazu zählten auch 382 Männer. Die Untersuchung zeigte eine Verzögerung des Krankheitseintritts bei Männern, die länger Berufstätig waren und damit das Gehirn fit hielten. Einzelheiten der Studie wurden im International Journal of Geriatric Psychiatry publiziert.
Lebenslange geistige Aktivität wirkt gegen Demenz

Fachleute gehen davon aus, dass eine Präventionsmöglichkeit gegen Demenz darin besteht, durch lebenslange geistige Aktivität so viele Verbindungen zwischen den Zellen zu schaffen wie nur möglich. Diesen Ansatz bezeichnet man allgemein als kognitive Reserve. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass eine gute Bildung mit einem tieferen Demenz-Risiko in Zusammenhang steht.

Die aktuelle Untersuchung geht davon aus, dass das Fortführen geistiger Aktivitäten in späteren Jahren ebenfalls günstige Auswirkungen haben kann. Menschen, die erst spät in Pension gingen, erkrankten auch erst später an Alzheimer. Jedem zusätzlichen Jahr im Berufsleben stand eine Verzögerung der Demenz-Erkrankung um rund sechs Wochen gegenüber.

Einer der Autoren der Untersuchung betonte, dass die Möglichkeit der späteren Veränderung der kognitiven Reserve dem Konzept “Nutze es oder verlier es” noch mehr Gewicht verleihe. Dieses Konzept geht davon aus, dass ein aktives Leben im Alter bedeutende Vorteile für die Gesundheit bringt. Die Wissenschaftler räumen aber ein, dass sich der Charakter der Pensionszeit verändert und diese für manche Menschen intellektuell genauso anregend sein kann wie das Arbeitsleben.

Einer der Forscher ergänzte, dass die geistige Anregung durch die Berufstätigkeit den Abbau der geistigen Fähigkeiten verhindern könne. Damit würde auch das mögliche Einsetzen einer Demenz-Erkrankung hinausgezögert. Weitere Untersuchungen seien allerdings noch nötig, bis man verstehen könne, wie eine Demenz hinausgezögert oder sogar verhindert werden kann.

Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=1242316114981

Kommentar und Ergänzung:

Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Heilpflanzen-Präparate, synthetische Medikamente – das Angebot an Mitteln zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit ist riesig. Kaum eines der vielen Mittel erfüllt die Erwartungen.

In der Pflanzenheilkunde bzw. Phytotherapie stehen Knoblauch, Ginseng und Ginkgo für diesen Anwendungsbereich im Vordergrund. Am besten wissenschaftlich dokumentiert und belegt sind Ginkgo-biloba-Extrakte, welche im Frühstadium der Demenz die Alltagsbewältigung der kranken Person verbessern können.

Der Artikel im International Journal of Geriatric Psychiatry weißt aber auf den wohl wichtigsten Punkt der Demenz-Prophylaxe hin: Das Hirn bleibt fit, wenn man es benutzt. Das ist zwar kein vollständiger Schutz gegen Demenz, aber es ist viel wirksamer als all die vielen angepriesenen Mittelchen (und erst noch spannender..)

Die Kräuterheilkunde ist ein faszinierendes Gebiet, doch manchmal sind nichtmedikamentöse Massnahmen wie regelmässige geistige Aktivität oder körperliche Bewegung viel wichtiger. Manchmal scheint mir, dass auch im Bereich von Komplementärmedizin bzw. Naturheilkunde etwas vorschnell ein Mittel empfohlen wird, wo einfachere, nichtmedikamentöse Vorgehensweisen sinnvoller wären. Das Gehirn brauchen, damit es fit bleibt, entspricht zudem voll und ganz den Grundsätzen der Naturheilkunde. Allerdings müsst wohl noch genauer geklärt werden, welche Art von geistiger Aktivität den besten Präventionseffekt hat.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie: Ingwer lindert & Übelkeit bei Chemotherapie

Sonntag, Mai 17th, 2009

Für diesen Effekt scheinen entzündungshemmende Eigenschaften verantwortlich zu sein.

Bei einer Chemotherapie können Ingwer-Präparate die Übelkeit von Patienten deutlich bessern. In einer Doppelblindstudie linderte das Heilpflanzen-Präparat das Unwohlsein der Teilnehmenden verglichen mit einem Scheinpräparat um 40 Prozent. Wesentlich ist offenbar, dass der Ingwer bereits vor dem Start der Chemotherapie genommen wird.

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen von Chemotherapien. Etwa 70 % der Patienten klagen über solche Beschwerden. In der Studie untersuchten Onkologen der Universität Rochester 644 Patienten, welche mindestens drei Chemotherapie-Behandlungen hatten.

Sie erhielten zusätzlich zu den üblichen Medikamenten gegen Erbrechen drei Tage vor jeder Behandlung sowie drei Tage danach entweder Ingwer in verschiedener Dosierung oder ein Scheinpräparat. Bei Dosierungen von 0,5 bis einem Gramm Ingwer ließ die Übelkeit um 40 % nach. Studienleiterin Julie Ryan, die das Ergebnis Ende Mai auf einem Onkologenkongress in Orlando vorstellen will, führt dies auf die entzündungshemmenden Eigenschaften der Ingwer-Pflanze zurück.

Quelle: http://derstandard.at/

Kommentar:

Eine erfreuliche Meldung für die Phytotherapie. Wer positiv zu Phytotherapie bzw. Pflanzenheilkunde eingestellt ist, wird geneigt sein, solche Informationen wie ein Schwamm aufzusaugen. Wir Menschen sind allgemein sehr offen für Meldungen, welche unsere Überzeugungen bestätigen. Fakten und Ansichten, die unseren Überzeugungen in Frage stellen, haben es dagegen sehr viel schwerer.

Das ist ein Grund dafür, weshalb ein sorgfältiger und auch (selbst-)kritischer Umgang mit solchen Informationen wichtig ist, auch im Bereich von Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin.
Vom bedeutenden Aufklärer und Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) stammt der Aphorismus:

“Es wäre vielleicht alles besser, wenn man die Menschen lehrte, wie sie denken sollen und nicht ewighin, was sie denken sollen.”
(aus: Sudelbücher, F438)

Es geht also nicht nur um das “was” einer solchen Meldung, um den Inhalt. Es geht auch um das “wie”, um den Umgang damit. Zum “Wie” gehört zum Beispiel, wie man einen solchen Text in einen Zusammenhang stellen kann, wie er sich auf seine Qualität hin befragen lässt.

Diese Ingwer-Studie aus der Universität Rochester ist zwar abgeschlossen, steht aber noch ganz am Anfang ihres Weges, was die Interpretation der Ergebnisse und die Integration in den Wissensschatz der Phytotherapie anbelangt.

Wissenschaftliche Ergebnisse bekommen ihren Wert, wenn sie sich der Kritik der Fachwelt gestellt und dabei “überlebt” haben. Der Ingwer-Studie steht erst noch bevor, dass sie an einem Fachkongress vorgestellt und dabei (eventuell, aber hoffentlich) diskutiert wird. Als weiteren Schritt braucht es die Publikation der Studie mit allen wichtigen Daten und Informationen zu Aufbau, Durchführung und Auswertung der Studien in einer seriösen Fachzeitschrift. Seriös meint hier, dass unabhängige Experten vor der Veröffentlichung beurteilen, ob die Planung und Durchführung der Studie korrekt vonstatten ging.

Daraus lässt sich nun der Schluss ziehen, dass die Meldung im “Standard” zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht viel Gewicht hat.
Allerdings passt das Ergebnis der Studie, nämlich die Linderung von Übelkeit bei Chemotherapie, sehr gut zum bisherigen Stand der Ingwer-Forschung. Bei Reiseübelkeit / Reisekrankheit ist Ingwer schon bisher ein gut bewährtes Phytotherapeutikum und auch bei Übelkeit in der Schwangerschaft wird er diskutiert.
Siehe dazu:

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/02/14/ingwer-gegen-schwangerschaftserbrechen.html

Diese Kompatibilität mit dem bisherigen Forschungsstand gibt den Ergebnissen aus Rochester mehr Glaubwürdigkeit.
Trübt das Stellen von kritischen Fragen nicht die Freude an der Pflanzenheilkunde?
Das könnte meines Erachtens der Fall sein, wenn man sich blind-gläubig mit dem “Ganzen” der Pflanzenheilkunde identifiziert.

Es kann aber auch eine Quelle der Freude werden, in einem bestimmten Fachbereich wie der Phytotherapie seine Urteilsfähigkeit zu entwickeln, kompetenter zu werden und unterscheiden zu können, welche Teile davon seriös und fundiert sind, und welche weniger oder gar nicht (falls Sie an Weiterbildung oder Ausbildung in diese Richtung interessiert sind, siehe www.phytotherapie-seminare.ch).

Verabschieden muss man sich dabei allerdings von der undifferenzierten Vorstellung, die Pflanzenheilkunde sei als Ganzes wahr und wunderbar.
Die Schulung und Entwicklung der Urteilsfähigkeit scheint mir sehr wichtig, gibt es doch im Bereich von Komplementärmedizin und Naturheilkunde sehr viele Leute, die begierig und sehr einseitig nach Bestätigung für ihre Überzeugungen Ausschau halten, aber sehr verschlossen sind gegenüber Einschränkungen, Schwächen und Widersprüchen der eigenen Methoden. So kommt man aber auf einen Holzweg, der sich für Patientinnen und Patienten als riskant erweisen könnte.

Dagegen kann man eigentlich nur die Lust und Freude an der Unterscheidung und an der Entwicklung der Urteilsfähigkeit propagieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Antioxidanzien fördern möglicherweise Diabetes

Samstag, Mai 16th, 2009

Dieser Beitrag fasst Informationen zusammen über problematische Wirkungen von Antioxidanzien (Vitamin C, Vitamin E) auf Sportler und auf die Insulinsensitivität. Er macht am Schluss einem Abstecher zur Hormesis-Vorstellung, die auf Paracelsus gründet und für die Phytotherapie und die Toxikologie interessant ist

Antioxidanzien als Nahrungsergänzungsmittel reduzieren einer neuen Untersuchung zufolge die Empfindlichkeit des Organismus gegenüber Insulin. Damit können sie die günstige Wirkung von Sport zunichte machen. Bei ausgewogener Ernährung gibt es deshalb weiterhin aus medizinischer Sicht keinen Grund, Antioxidanzien als Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, hält der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) fest. Der Schaden durch solche Nahrungsergänzungsmittel könnte größer sein als der Nutzen.

Antioxidanzien sind ausgesprochen beliebte Nahrungsergänzungen. Sie sollen die durch Stoffwechselvorgänge im Körper entstehenden so genannten freien Radikale abfangen. Dazu gehören zum Beispiel Vitamin C und E. Freie Radikale sind chemisch speziell aggressive Moleküle, die in den letzten Jahren immer wieder für Alterungsprozesse und verschiedene Erkrankungen verantwortlich gemacht wurden. Deutsche Forscher der Universität Jena und US-amerikanische Wissenschaftler machen zusätzlich in Form von Tabletten aufgenommene Antioxidanzien für eine wachsende Unempfindlichkeit gegenüber Insulin verantwortlich, die oft am Anfang eines Diabetes steht (PNAS 2009, online vorab veröffentlicht).

In ihrer Untersuchung konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass trotz eines 4-wöchentlichen Sportprogramms die Insulin-Empfindlichkeit des Organismus bei gleichzeitiger Einnahme von zusätzlichen 1.000 Milligramm Vitamin C und 400 Milligramm Vitamin E unverändert blieb. Vergleichspersonen, welche keine Vitamine in Tablettenform schluckten, waren dagegen deutlich empfindlicher für Insulin und konnten so Glukose im Blut besser verwerten.

Freie Radikale beeinflussen Glukose-Verwertung

Dieser Resultate bestätigen, dass Diabetiker von regelmäßiger körperlicher Aktivität erheblich profitieren. Kurzes intensives Intervall-Training kann den Blutzucker-Spiegel von Diabetikern noch etwas wirkungsvoller senken als reines Ausdauer-Training (BMC Endocrine Disorders 2009, Band 9: Seite 3). “Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass Sport Übergewicht verhindert bzw. verringert und so indirekt die Insulinsensitivität erhöht. Heute wissen wir, dass Bewegung auch direkt die Empfindlichkeit für Insulin steigert. Interessanterweise entstehen bei körperlicher Aktivität freie Radikale in der Muskulatur”, erläutert Dr. Thorsten Siegmund vom BDI.

Die freien Radikale scheinen nach diesen Studien relevant für eine optimale Verwertung von Glukose zu sein. Parallel dazu werden bei körperlicher Betätigung jedoch auch Schutzmechanismen aktiviert, um die Radikale wieder abbauen zu können, nachdem die günstigen Effekte erreicht sind. Hohe Dosen an Vitamin C und E in Form von Tabletten schwächen diesen positiven Effekt einer verbesserten Insulinempfindlichkeit offensichtlich ab.

Natürliche Nahrungsmittel sind gesünder

Der Nutzen von Antioxidanzien als Nahrungsergänzungsmittel ist seit längerem umstritten. Jüngste Studien deuten darauf hin, dass sie möglicherweise die Lebenserwartung sogar verkürzen können. “In der Regel ist es völlig unnötig, Vitamin-Tabletten einzunehmen. Wer sich gesund ernährt, nimmt ausreichend Mineralstoffe und Vitamine auf, so dass künstliche Nahrungsergänzungsmittel nur selten erforderlich sind”, erklärt Dr. Siegmund. So enthalten zum Beispiel Obst und Gemüse Vitamine und Antioxidanzien in ausreichender Menge.

“Nach allem, was wir bisher wissen, wirken sich die einzelnen Substanzen in natürlichen Nahrungsmitteln positiver auf die Gesundheit aus als einzelne, in hoher Dosierung verabreichte Vitamine oder Mineralstoffe. So ist zum Beispiel auch zu erklären, dass Obst und Gemüse zwar viele Antioxidanzien enthalten, aber – wahrscheinlich durch die Anwesenheit andere Substanzen – trotzdem einer entstehenden Insulin-Unempfindlichkeit entgegen wirken können”, so der Ernährungsmediziner vom Klinikum München-Bogenhausen.

(Quelle: http://www.internisten-im-netz.de)

Hormesis – eine Idee, die auf Paracelsus zurückgeht

Wer nach dem Freizeitsport Vitamine einnimmt, um sein Immunsystem zu stärken, erreicht also nach der beschriebenen Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2009; doi: 10.1073/pnas.0903485106) genau das Gegenteil.
Er verhindert, dass die Bildung von freien Radikalen die Insulinsensitivität erhöht, die eine wesentliche Voraussetzung für die präventive Wirkung von Sport ist. ??

Michael Ristow vom Institut für Ernährungswissenschaften an der Universität Jena versucht durch diese Untersuchung seine Theorie der “Mitohormesis” zu beweisen. Hormesis ist eine auf Paracelsus (1493 – 1541) zurückgehende Idee, nach der kleine Mengen einer schädlichen oder giftigen Substanz günstige Wirkungen auf den Organismus haben. ??Bei der Mitohormesis sind die schädlichen Stoffe die durch sportliche Betätigung aus den Mitochondrien freigesetzten freien Radikale (reactive oxygen species, kurz: ROS). Sie sollen dazu fähig sein, die Insulinsensitivität zu verbessern, wofür es laut Ristow eine Reihe von tierexperimentellen Hinweisen gibt. ??

Um seine Theorie auch beim Menschen zu belegen, bat Ristow 39 junge Männer, ein vierwöchiges Fitnessprogramm zu absolvieren. An fünf Tagen der Woche sollten sie jeweils über 85 Minuten sportlichen Aktivitäten nachgehen. Die Hälfte der Teilnehmer schluckte begleitend Vitamine (1.000 mg/die Vitamin C plus 400 IU/die Vitamin E). Nach Ablauf der vier Wochen wurden Muskelbiopsien entnommen. ??Sie zeigten, dass die antioxidativen Vitamine tatsächlich die Fähigkeit hatten, die Bildung von ROS zu unterdrücken. Die Konzentration von TBARS (Thiobarbitursäure-reaktiver Substanzen), ein Marker für die Bildung von ROS, war jedenfalls bei den Sportlern, die keine Vitamine eingenommen hatten, doppelt so hoch.?

Der Sport erhöhte die Expression von Genen, welche regulierend auf die Insulinempfindlichkeit einwirken. Dieser Effekt wurde ebenfalls nur bei den Versuchpersonen gefunden, die keine Vitaminpräparate eingenommen hatten. Mehr noch und das ist aus diabetologischer Sicht bedeutsam: Die sportliche Aktivität verbesserte die Insulinsensitivität (gemessen in einem Clamp-Versuch und anhand des Markers Adiponectin) ebenfalls nur bei den Sportlern, die keine Vitamine einnahmen. ?Die Vitamine könnten darum, sofern andere Wissenschaftler zu gleichen Resultaten kommen, die positiven Effekte des Sports auf die Gesundheit aufheben. Man müsse sogar davon ausgehen, dass Antioxidantien das Diabetes-Risiko eventuell steigern, indem sie die Bildung von ROS verhindern, wird der Ernährungswissenschaftler in der Pressemitteilung zitiert. ??

Das ist eine weitreichende Spekulation, welche in einer randomisierten Untersuchung noch zu prüfen wäre. Die im letzten Jahr im Britischen Ärzteblatt publizierte POPADAD-Studie hatte gezeigt, dass die Einnahme von Vitaminen bei Diabetikern keinen günstigen, aber auch keinen ungünstigen Einfluss auf das Fortschreiten der arteriellen Verschlusskrankheit hatte (BMJ 2008; 337; a1840). ??Diese Untersuchung reihte sich ein in eine Serie von Studien, die einstmals angenommene positive Auswirkungen von antioxidativen Vitaminen auf Krebs und Herzkreislauferkrankungen widerlegten, ohne aber ein ernstzunehmendes Diabetesrisiko durch die Einnahme solcher Vitamine aufzudecken.??

Gegen eine vitaminreiche Ernährung erhebt Ristow keine Einwände. Die gesundheitsfördernde Wirkung von frischem Obst und Gemüse bleibe unbestritten und außerdem könnten Vitamintabletten den Verzehr von Obst und Gemüse keinesfalls ersetzen – denn diese wären offenbar gesund, obwohl sie Antioxidantien enthielten.

Quelle: www.aerzteblatt.de

Kommentar und Ergänzung:

Als Hormesis (griech.: “Anregung, Anstoß”, englisch: Adaptive Response) wird der schon von Paracelsus formulierte biologische Effekt bezeichnet, dass geringe Dosen schädlicher oder giftiger Substanzen eine günstige Wirkung auf den Organismus haben können.
Es ist denkbar, dass verschiedene durch Heilpflanzen ausgelöste therapeutische Effekte aus diesem Prinzip zu erklären sind.

Für einige stark wirkende Einzelsubstanzen aus Pflanzen (Forte-Phytotherapeutika nach Rudolf Fritz Weiss) ist ein solcher dosisabhängiger Umkehreffekt gut nachweisbar (z. B. Digitalis, Colchicin, Opium).

Hormetische Effekte werden oft auch dadurch erklärt, dass niedrige Dosen von schädlichen Substanzen die körpereigenen Abwehrkräfte stärken. Das lässt sich in gewisser Weise als eine Form der Abhärtung auffassen. Hier gibt es Verbindungen zu Konzepten der Naturheilkunde (zum Beispiel zu Hydrotherapie nach Sebastian Kneipp).

Im Sinne einer Hormesis lässt sich auch die pflanzliche Immunstimulation deuten (z. B. bei Echinacea-Produkten) Sie sollen – ohne im Sinn einer Impfung zu wirken – das Immunsystem des Körpers unspezifisch ankurbeln, um so Infektionen abzuwehren.

Mitohormesis wird nun also ein biochemischer Vorgang genannt, bei welchem die Aktivierung von Mitochondrien zu einer Vermehrung von freien Radikalen in der Zelle führt, welche letztlich zu einer Aktivierung der zelleigenen Abwehr gegen Sauerstoffradikale führt. Dieses Konzept der Mitohormesis versucht Michael Ristow unter anderem mit der beschriebenen Studie zu beweisen.

Die Hormesis-Vorstellungen werden zunehmend auch in der Toxikologie diskutiert. Dazu noch ein paar Informationen aus einem Beitrag auf http://science.orf.at:

Die Toxikologie überdenkt ihre Grundlagen

Die Verbindung zwischen Dosis und Wirkung einer Substanz gilt als grundlegendes Konzept der Toxikologie. Nach Meinung eines US-Wissenschaftlers hat man sich in dieser Disziplin jahrzehntelang an falschen Vorstellungen orientiert. Ihm zufolge gilt in weiten Teilen der Toxikologie ein alternatives Modell. Das Neue daran: Schädliche Substanzen können in geringen Konzentrationen auch positive Wirkungen entfalten.

Wie Edward J. Calabrese von der University of Massachusetts in einem Überblicksartikel berichtet, hat das von ihm bevorzugte, so genannte Hormese-Modell auch praktische Folgen, etwa für die Abschätzung von Krebsrisiken.

“Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist”, wusste schon Theophrast von Hohenheim, besser bekannt unter dem Namen Paracelsus. Der Ausspruch des Arztes und Chemikers ist auch heute noch gültig, allerdings war damit nicht gesagt, auf welche Art eine Substanz bei zunehmender Konzentration zum Gift wird.
Antwort darauf geben die grundlegenden toxikologischen Modelle, die den Dosis-Wirkungs-Zusammenhang beschreiben. Seit Anfang des konzeptuellen Denkens in der Toxikologie in den 1930er Jahren habe das so genannte Schwellenwertmodell (“threshold model”) die Vorstellungen der Fachwelt bestimmt, schreibt Edward J. Calabrese in seinem Beitrag.

Dieses geht davon aus, dass eine Substanz eine bestimmte Konzentration überschreiten muss, um toxische Effekte zu bewirken. Unter diesem Grenzwert seien hingegen keine nachteiligen Effekte anzunehmen.

Zwei traditionelle Vorstellungen

Dieses Modell wurde bisher herangezogen, um die Risiken für die öffentliche Gesundheit abzuschätzen – beispielsweise den Schwermetallen Cadmium, Blei und Quecksilber. Nur im Fall von Karzinogenen, also Krebs auslösenden Substanzen, sieht die Sache anders aus.

Hier stützt man sich auf das so genannte lineare Modell, bei dem es keinen “sicheren” Konzentrationsbereich gibt. Mit anderen Worten: Wie gering die Dosis eines Kanzerogens auch sein mag, sie trägt auf jeden Fall zur Vergrösserung des Krebsrisikos bei.

Der Gegenentwurf: Hormese

Die US-Gesundheitsbehörde FDA und zahlreiche weitere Institutionen im Gesundheitswesen seien diesen beiden Modellen mehr oder weniger blind gefolgt, kritisiert Calabrese in seinem Artikel.

Es sei aber auch ein anderer Wirkungsverlauf bekannt, der als Hormese-Modell bezeichnet wird. Beispielsweise sei an dem – mittlerweile verbotenen – Insektizid DDT gezeigt worden, dass es bei Ratten in hohen Dosen als Karzinogen wirkt, das Tumorrisiko bei geringen Konzentrationen hingegen reduziert.

Paradigmenwechsel für die Biowissenschaft?

Dieses Verhalten sei aber nicht die Ausnahme in der Toxikologie, sondern die Regel, betont Calabrese – und beruft sich dabei auf eine an der University of Massachusetts aufgebaute Datenbank.

Dementsprechend sieht er im Prinzip der Hormese einen Paradigmenwechsel, der die gesamten Biowissenschaften erfasst: “Dies verändert unser Verständnis davon, wie biologische Systeme mit niedrigen Dosen chemischer oder physikalischer Einflüsse umgehen.”

Nicht mit Homöopathie zu verwechseln

Dies habe eine Reihe von Konsequenzen, etwa für das Design toxikologischer Studien, gesundheitliche Risikoabschätzungen und nicht zuletzt für die optimale Anwendung von Medikamenten. Die Regel “Stimulation bei niedrigen Dosen, Schädigung bei hohen Dosen” erinnert oberflächlich betrachtet auch an das Prinzip der Homöopathie, dürfe jedoch auf keinen Fall mit ihr gleichgesetzt werden, hält der US-Wissenschaftler fest.

Denn hormetische Effekte entfalten sich in einem Konzentrationsbereich von 10-4 bis 10-9 molaren Lösungen. Homöopathie hingegen wird im Bereich unter 10-18 Mol/Liter betrieben, deren Wirkstoffe sind also mitunter billiardenfach stärker verdünnt.

Quelle: http://science.orf.at/science/news/132681, 15.2.05

Der Artikel “Challenging Dose-Response Dogma” von Edward J. Calabrese erschien im Wissenschaftsmagazin “The Scientist” (Band 19, Ausgabe vom 14.2.05).

Ich bin nicht im Bild darüber, wie die toxikologische Diskussion um die Hormese weitergegangen ist und wo sie heute steht.
Es scheint mir aber lohnend, über dieses Thema aus Sicht der Phytotherapie genauer nachzudenken. Denn wir haben in Heilpflanzen-Präparaten Vielstoffgemische in Konzentrationen, in denen hormetische Vorgänge durchaus eine Rolle spielen könnten.

Interessant ist auch, dass sowohl Thorsten Siegmund vom BDI als auch Michael Ristow die Antioxidanzien im Gesamtverbund von Obst und Gemüse positiv sehen, als isolierte und hochdosierte Einzelstoffe aber weit skeptischer beurteilen.
Auch das kommt dem Vielstoffgemisch-Konzept der Phytotherapie entgegen, welches quasi von einem Orchester an Wirkstoffen ausgeht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzen-Forschung gegen Schlafkrankheit

Samstag, Mai 16th, 2009

Es gibt viele Krankheiten, welche für die Forschung und die Medizin interessant sind. Herzinfarkt, Krebs, Alzheimer, auch Rheuma oder Grippe: In diesen Bereichen werden Medikamente entwickelt, die Forschung lohnt sich für die Pharmafirmen. Es gibt jedoch auch bedeutende Krankheiten, welche Millionen von Menschen bedrohen und an deren Behandlung trotzdem weltweit nur wenige Wissenschaftler arbeiten. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Thomas Schmidt vom Institut für Phytochemie der Universität Münster.

Schmidt ist ein Kenner der sogenannten “Neglected Diseases”, der vernachlässigten Krankheiten, die in Afrika, Lateinamerika oder Asien nach Schätzungen von Gesundheitsexperten eine Milliarde Menschen bedrohen, und für die keine wirksamen Medikamente existieren.

Ein Beispiel dafür ist die Schlafkrankheit, an der in Afrika jährlich schätzungsweise 50 000 Menschen sterben, erklärt Schmidt. Die Schlafkrankheit wird von einzelligen Lebewesen über die Tse-Tse-Fliege als Wirt übertragen. Vor 80 Jahren, als zahlreiche der heutigen afrikanischen Staaten noch von Kolonialmächten beherrscht wurden, seien noch sehr einfache Medikamente produziert worden, sagt Schmidt. Inzwischen interessiere sich für die Schlafkrankheit und etwa 13 weitere Krankheiten, welche von Einzellern übertragen werden, aber kaum noch jemand.

Wer von der Schlafkrankheit infiziert wird, dessen Gehirn wird durch die Infektion angegriffen. Mit der Zeit fallen die Patienten in einen Dämmerzustand, der meistens zum Tod führt. Mangelnde Hygiene in bitter armen Regionen führe zur Ausbreitung dieser und anderer Krankheiten, sagt Schmidt – Medikamente zu entwickeln, sei für die Pharmaindustrie in der Regel aber nicht lukrativ genug.

Schmidt ist unabhängig, und die Suche nach Wirkstoffen gegen die vernachlässigten Krankheiten ist bereits seit Jahren eines seiner Spezialthemen. Weil bekannt ist, dass Arnika im 19. Jahrhundert auch gegen Malaria in Deutschland angewendet wurde, testete Schmidt zuerst diese Heilpflanze als potenzielles Gegenmittel zur Schlafkrankheit. Später wurden Korbblütler wie Gänseblümchen oder Sonnenblume untersucht. Für die Experimente arbeitet der Forscher mit dem Schweizer Tropeninstitut zusammen.

Als eine sudanesische Kollegin am münsterischen Institut arbeitete, brachte sie Korbblütler aus ihrer Heimat mit. Schmidt testete diese ebenfalls gegen die Erreger der Schlafkrankheit. Sie zeigten eine speziell starke Wirkung. Für eine dieser Pflanzen hat der Münsteraner in der Zwischenzeit den Wirkstoff, der den Erreger vernichtet, isoliert.

“Eine grundlegende Erkenntnis, aber nur ein kleiner Schritt, bis zur Entwicklung eine Medikaments”, erklärt der Heilpflanzen-Experte. Denn über die Nebenwirkungen einer solchen Phytomedizin ist noch so gut wie nichts bekannt. Fest steht allerdings, dass der Wirkstoff auch gesunde Zellen zerstört, beispielsweise an Schleimhäuten.

Der Weg bis zum wirksamen Arzneimittel ist noch weit. Schmidt ist jedoch optimistisch. “Das Wichtigste wissen wir jetzt: Es gibt Gegenmittel.” Weitere Untersuchungen sind in Vorbereitung. Schmidt wird weitermachen: “Es gibt noch viele vernachlässigte Krankheiten.”

Quelle: Ibbenbürener Volkszeitung, www.ivz-online.de

Kommentar:

Diese Heilpflanzen-Forschung an der Universität in Münster ist natürlich sehr weit weg von einer Anwendung in der Phytotherapie.

Es ist aber einer der spannendsten Aspekte der neuzeitlichen Phytotherapie, dass sie in einem grossen Bogen die Erfahrungen der traditionellen Pflanzenheilkunde mit den Ergebnissen moderner Arzneipflanzenforschung verbindet.
Seriöse, sorgfältige Phytotherapie kann meiner Ansicht nach auf keinen dieser beiden Bereiche verzichten.

Das heisst: Nicht einfach nur auf alte Tradition “abfahren”, weil Tradition sich auch oft geirrt hat, und sich in vielen Fällen nicht einfach 1 :1 in die Gegenwart übertragen lässt.
Aber auch nicht nur isolierte Forschungsergebnisse sammeln abgetrennt von Kultur und Geschichte der Heilpflanzen. Sondern beides in Verbindung bringen – wach und interessiert die alten Überlieferungen aufnehmen und mit neuen Forschungen vergleichen und überprüfen.

Die Experimente in Münster zeigen zudem, dass sich die wissenschaftliche Phytotherapie-Forschung für Heilpflanzen aus aller Welt interessiert. Genutzt wird schliesslich, was sich als wirksam und zweckmässig erweist. Zahlreiche Heilpflanzen aus Afrika, Asien, Amerika und Austalien haben so unsere mitteleuropäische traditionelle Pflanzenheilkunde bereichert.

Erinnert sei hier beispielsweise an Ginkgo biloba (bei Demenz und peripheren arteriellen Durchblutungsstörungen), Ginseng (Stress, Rekonvaleszenz), Teufelskralle (Rheuma, Arthrose), Ballonrebe (Ekzeme, Allergien), Kapland-Pelargonie ( = Umckaloabo, Bronchitis, Sinusitis, Erkältungskrankheiten, als Immunstimulans), Echinacea ( = Sonnenhut, als Immunstimulans), Traubensilberkerze (Wechseljahrbeschwerden wie zum Beispiel Wallungen), Ingwer (Reisekrankheit, Übelkeit), Aloe (Wundheilung), Weihrauch (Polyarthritis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa).

Es gibt aber auch bei den einheimischen Heilpflanzen immer wieder Überraschungen durch neue Forschungsergebnisse, zum Beispiel die entzündungshemmenden Effekte der Hagebutte bei Arthrose, die allerdings noch nicht ausreichend geklärt und belegt sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Phytotherapie – wo sie helfen kann

Freitag, Mai 15th, 2009

Die Grundlage unseres gegenwärtigen Wissensstandes über die Anwendung von Heilpflanzen ist die
oft Jahrhunderte lange traditionelle Anwendung von Pflanzen in der Volksmedizin.

Allerdings hat die traditionelle Pflanzenheilkunde nicht nur viele wertvolle Erkenntnisse auf der Grundlage von Erfahrungen gewonnen. Sie hat sich auch an zahlreichen Punkten über Jahrhunderte gründlich geirrt, weil wir Menschen mit unseren Erfahrungen einer ganzen Reihe von Täuschungsmöglichkeiten ausgesetzt sind.

Deshalb versucht eine neuere Phytotherapie die alten Erfahrungen aufzugreifen und sie mit wissenschaftlichen Methoden zu bestätigen oder zu widerlegen. Diese Arzneipflanzenforschung ist bestrebt, von modellhaften Labortests bis hin zu klinischen Studien an
Patienten Fakten für den therapeutischen Wert und die Unbedenklichkeit von Heilpflanzen-Präparaten (Phytopharmaka) zu liefern.

In folgenden Anwendungsbereichen hat sich die Phytotherapie alleine oder kombiniert mit anderen therapeutischen Maßnahmen bewährt:

(Die aufgeführten Arzneipflanzen stellen nur eine kleine Auswahl dar. Weil die Heilpflanzen bei Präparaten meist mit dem lateinischen Namen aufgeführt sind, ist auch dieser angegeben:

- Vorbeugung von Krankheiten:

Stärkung des Immunsystems, sogenannte Immunstimulation:
Roter Sonnenhut, Echinacea purpurea

Schwitzkuren bei Erkältungen bzw. beginnenden grippalen Infekten:

Holunderblüten, Sambucus nigra
Lindenblüten, Tilia – Arten, z. B. Tilia cordata (Winterlinde) und Tilia platyphyllos (Sommerlinde)

- Befindlichkeitsstörungen im Verdauungstrakt:

Entzündungen im Bereich der Mundhöhle (z. B. Mundschleimhautentzündung, Aphthen):
Salbei, Salvia officinalis
Blutwurz, Tormentill, Potentilla erecta

Blähungen, Krämpfe im Verdauungstrakt:
Kamille, Matricaria recutita
Kümmel, Carum carvi
Fenchel, Foeniculum vulgare
Pfefferminze, Mentha piperita

Appetitlosigkeit:
Arzneipflanzen mit Bitterstoffen:
Gelber Enzian, Gentiana-Arten
Tausendguldenkraut, Centaurium erythraea
Fieberklee, Bitterklee, Menyanthes trifoliata

Arzneipflanzen mit aromatisch-bitterem Geschmack:
Wermut, Artemisia absinthium
Schafgarbe, Achillea millefolium

Magenübersäuerung, Hyperacidität:
Käsepappel, Chäslichrut, Malva – Arten, vor allem Malva silvestris und Malva neglecta

Lebererkrankungen, Leberschutz:
Mariendistel, Silybum marianum

Erkrankungen der Galle:
Artischocke, Cynara scolymus
Löwenzahn, Taraxacum officinale

Durchfallerkrankungen:
Tormentill, Blutwurz, Potentilla erecta
Heidelbeeren (getrocknet!), Vaccinium myrtillus

Verstopfung:
Faulbaum, Frangula alnus
Senna, Cassia – Arten
Rhabarber, Rheum palmatum
Leinsamen, Linum usitatissimum
Flohsamen, Plantago ovata
Rizinus (als Rizinusöl), Ricinus communis

- Erkrankungen im Bereich der Atemwege:

Reizhusten – Tees mit schleimhaltigen Heilpflanzen:
Eibisch, Althaea officinalis
Isländisches Moos, Cetraria islandica
Wald-Malve, Wilde Malve, Malva silvestris
Spitzwegerich, Plantago lanceolata

Auswurffördernde Hustenmittel:

a) Arzneipflanzen mit ätherischem Öl:
Thymian, Thymus vulgaris
Anis, Pimpinella anisum
Eukalyptus, Eucalyptus globulus
Latschenkiefer, Pinus mugo

b) Arzneipflanzen mit Saponinen:
Schlüsselblume, Primula veris
Efeu, Hedera helix

c) Arzneipflanzen mit anderen Wirkstoffen:
Sonnentau, Drosera rotundifolia

- Erkrankungen im Urogenitaltrakt

Erhöhung der Harnmenge,
besonders bei Steinleiden oder
Entzündungen der ableitenden
Harnwege, z. B. Blasenentzündung (Cystitis)

Birke, Betula pendula
Hauhechel, Ononis spinosa
Schachtelhalm, Equisetum arvense
Wacholder, Juniperus communis
Goldrute, Solidago virgaurea

Antimikrobiell wirkend bei Blasenentzündung:
Bärentraube, Arctostaphylos uva-ursi
Preiselbeersaft

Unterstützung bei gutartiger
Prostatavergrösserung (Prostatahyperplasie, BPH):

Weidenröschen, Epilobium angustifolium (eher volksheilkundlich)
Sägepalme, Serenoa repens, Sabal serrulata
Kürbissamen, Cucurbita pepo

- Herz-Kreislaufbeschwerden:

Leichte Herzmuskelschwäche, “Altersherz”:
Weißdorn, Crataegus-Arten, v. a. Crataegus monogyna und Crataegus laevigata (= Crataegus oxyacantha)

Krampfadern, chronisch-venöse Insuffizinez, venöse Stauungen in den Beinen:
Rosskastanie, Aesculus hippocastanum

Durchblutungsstörungen:
Ginkgo, Ginkgo biloba
Vorbeugung gegen Arteriosklerose (= “Verkalkung”):
Knoblauch, Allium sativum
Artischocke, Cynara scolymus

- Nervöse Störungen:

Leichte und mittelschwere
Depressionen:

Johanniskraut, Hypericum perforatum

Einschlafstörungen:
Baldrian, Valeriana officinalis
Melisse, Melissa officinalis
Hopfen, Humulus lupulus
Lavendel, Lavandula angustifolia

- Erkrankungen aus Gynäkologie / Frauenheilkunde

Prämenstruelles Syndrom, Beschwerden im Klimakterium (Wechseljahrbeschwerden):
Mönchspfeffer, Keuschlamm, Vitex agnus-castus
Nordamerikanisches Wanzenkraut, Traubensilberkerze, Cimicifuga racemosa

- Hauterkrankungen:

Ringelblume, Calendula officinalis
Arnika, Arnica montana
Hamamelis, Zaubernuss, Hamamelis virginiana
Ballonrebe, Cardiospermum halicacabum
Mahonie, Zierberberitze, Mahonia aquifolia
Nachtkerze, Oenothera biennis
Kamille, Matricaria recutita

Wichtig ist aber im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde immer:
Es kommt nicht nur darauf an, welche Heilpflanzen bei welchen Beschwerden eingesetzt werden können.
Genauso viel Sorgfalt verlangt die Frage, in welcher Form eine bestimmte Heilpflanze angewendet werden soll, zum Beispiel als Tee, Tinktur, Extrakt, ätherisches Öl, Inhalation, Bad, Salbe etc.
Zudem gibt es grosse Unterschiede beispielsweise bezüglich der Qualität von Tinkturen, Extrakten etc.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Abstimmung Komplementärmedizin: Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes – zweifelhafte Versprechen

Mittwoch, Mai 13th, 2009

Fragen an Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP, BE), Präsidiumsmitglied des JA-Komitees.

Sehr geehrte Frau Sommaruga

Die Befürworterinnen und Befürworter der Abstimmungsvorlage vom 17. Mai zur Förderung der Komplementärmedizin versprechen bei einem JA bessere Bedingungen für sogenannt traditionelle Heilmittel. Sie beklagen sich über unnötige und harte Schikanen durch die Heilmittelbehörde SWISSMEDIC, hohe Kosten und bürokratische Hindernisse.
“Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes” – das tönt sehr sympathisch, blendet aber meines Erachtens einen grossen Teil der Realität vollkommen aus.

Die Darstellung jedenfalls scheint mir sehr einseitig und irreführend. Es mag durchaus zutreffen, dass es an manchen Punkten übertriebene Kosten oder allzu hohe bürokratische Hürden gibt.
Unterschlagen wird bei diesem einseitigen Gejammer aber dreierlei:

1. Die Bevorzugung von Homöopathica und Anthroposophica durch Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis.

Viele Heilmittel der Komplementärmedizin werden von der Heilmittelbehörde SWISSMEDIC aufgrund von politischen Vorgaben bevorzugt behandelt.
Grundsätzlich ist es schon mal so, dass Medikamente der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin bei SWISSMEDIC von jedem Nachweis einer Wirksamkeit befreit sind, während dies von “normalen” Medikamenten und auch von neuen Heilmitteln aus der Phytotherapie selbstverständlich verlangt wird.

Homöopathische und anthroposophische Medikamente müssen keinerlei Belege für ihre Wirksamkeit einreichen, es reicht der Nachweis, dass es sich um ein Medikament nach homöopathischen Grundregeln oder anthroposophischen Angaben handelt.

Homöopathika und Anthroposophika werden ohne auf ihre Wirksamkeit geprüft zu werden von der Krankenkasse aus der Grundversicherung bezahlt (BAG-Spezialitätenliste 70.01 Homöopathica und Anthroposophica) Das wissen allerdings die meisten Leute im “Volk” nicht, die im Glauben gelassen werden, es gehe in der Abstimmung vom 17. Mai um das Bezahlen homöopathischer oder anthroposophischer Medikamente. Die aber sind schon längst in der Grundversicherung, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt.

Frau Sommaruga, wie lässt sich Ihrer Meinung nach diese Bevorzugung der Homöopathika und Anthroposophika rechtfertigen? Sie sagen doch, die Wirksamkeit der Therapiemethoden Homöopathie und Anthroposophie sei durch alle wissenschaftlichen Studien belegt (Tagesschau vom 9. April). Wie rechtfertigt sich dann diese Ungleichbehandlung? Die Bevölkerung weiss nichts von diesem ungleichen Status und dieser Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis.
Finden Sie das als profilierte Konsumentenschützerin nicht stossend? Wäre nicht Transparenz (Produktedeklaration) das absolute Minimum?

Die Bevorzugung von Heilmitteln der Homöopathie und Anthroposophie durch Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis hat jedenfalls Konsequenzen, die Ihnen als Konsumentenschützerin meiner Ansicht nach gar nicht gefallen können.

Ein Beispiel:

Verschiedene Johanniskraut-Extrakte aus der Phytotherapie sind als Heilmittel bei leichten und mittleren Depressionen gut belegt mit Dutzenden von Patientenstudien.
Verschreibt sie ein Arzt oder eine Ärztin, werden sie darum von der Krankenkasse über die Grundversicherung bezahlt. Phytotherapeutika erreichen diesen Status im Gegensatz zu Homöopathika und Anthroposophika allerdings nur, wenn sie diese Belege wirklich liefern.

Johanniskraut-Extrakte werden jedoch seit Jahren nicht nur über die Grundversicherung abgerechnet, sondern auch direkt in Apotheken und Drogerien gekauft und selber bezahlt. Nun zeigte sich, dass einige dieser Heilpflanzen-Präparate mit gewissen Medikamenten Wechselwirkungen machen können, indem sie deren Abbau in der Leber beschleunigen. Daraufhin wurde der Verkauf von solchen gut belegten Johanniskraut-Extrakten auf Apotheken beschränkt. Und was machen nun die Drogerien? Sie weichen aus auf homöopathische Johanniskraut-Präparate zum Beispiel von Similasan. Hier ist das Johanniskraut (Hypericum perforatum) sehr stark verdünnt (D12/D15/D30, D 12 = 1 : 1 000 000 000 000).

Klar ist: Hier sind Wirkstoffe nur noch in allerkleinsten Spuren vorhanden und Wechselwirkungen daher ausgeschlossen. Darf die Drogerie also verkaufen.

Nur stellt sich dann zwangsläufig die Frage: Lassen sich die wechselwirkenden Inhaltsstoffe herausverdünnen, aber die Wirkung bleibt trotzdem dieselbe? Kaum denkbar. Diese Frage wird allerdings nicht geklärt, weil ja eben Homöopathika keinerlei Wirksamkeitsnachweis bringen müssen. Ganz nebenbei spart der Hersteller durch diese Bevorzugung auch alle Forschungs- und Entwicklungskosten. Er übernimmt einfach den Ruf, den sich die Johanniskraut-Extrakt-Präparate durch seriöse Forschung aufgebaut haben, und das ohne Eigenleistung. Zudem entspricht der Verkauf dieses homöopathischen Hypericum-Produktes auch nicht den Regeln der klassischen Homöopathie. Aber was soll‘s…
Geht es um solche Trittbrettfahrer, wenn Sie von der Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes reden?
Die Konsumentinnen und Konsumenten wissen kaum über diese Unterschiede Bescheid und werden meines Erachtens oft getäuscht.

Und was halten Sie von Pflanzentinkturen, die nach Vorschrift des Homöopathischen Arzneibuches (HAB) hergestellt werden, und daher bequemerweise (kein Wirksamkeitsnachweis) und viel billiger bei SWISSMEDIC als Homöopathika angemeldet werden, aber beim Patienten als Phytotherapeutika propagiert werden und auch so zum Einsatz kommen? Sind es solche etwas eigenartigen Grauzonen, für die Sie sich einsetzen?

2. Hausspezialitäten von Apotheken und Drogerien

Vor allem Ständerat Rolf Büttiker hat auf SF 1 (Arena) und Radio DRS 1 vage angedeutet, worum es beim “Bewahren des traditionellen Heilmittelschatzes” auch gehen könnte. Er hat gefährdete Heilmittelabgabemöglichkeiten der Drogerien und Apotheken angedeutet.

Zwischenbemerkung: Rolf Büttiker hat in beiden Sendungen die achtjährige Ausbildung der Drogisten herausgestrichen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ein Drogist oder eine Drogistin absolviert eine gute, seriöse 4jährige Ausbildung. Die meisten Mitarbeitenden in einer Drogerie haben diesen Abschluss. Wer als Geschäftsführer eine eigene Drogerie leiten möchte, geht noch für zwei anspruchsvolle Jahre Vollzeit an die Drogistenschule in Neuenburg, nachdem er oder sie zwei Jahre als Angestellter in einer Drogerie gearbeitet hat. Ein solcher Drogist HF (früher dipl. Drogist) hat also sechs Jahre Ausbildung. Auf eine 8jährige Ausbildung kommt nur, wer die zwei Jahre als Angestellter zur Ausbildung zählt. Ich bin selber ursprünglich dipl Drogist und finde es unredlich, von einer achtjährigen Ausbildung “der Drogisten” zu sprechen. Es ist dieses immer wieder anzutreffende aufplustern und sich grösser und kompetenter machen, das mich in der komplementärmedizinischen “Szene” zunehmend stört.

Rolf Büttiker hat in der Arena und auf DRS 1 wohl auf die sogenannten Hausspezialitäten angespielt, welche Apotheken und Drogerien ohne Wirksamkeitsnachweis verkaufen dürfen.
Dazu würden dann zum Beispiel all die Entschlackungskuren und Schlankheitsmittel gehören, welche von Apotheken und Drogerien jeden Frühling vor der Badesaison vor allem den Frauen angedreht werden. Aus fachlicher Sicht in der Regel vollkommener Schrott, allenfalls noch mit Gewöhnungsgefahr und mit Nebenwirkungen (Darmkrämpfe), weil oft starke Abführmittel enthaltend.

Der “Wunderfigurtee” zum Beispiel, den ich in einer Apotheke in Bern gekauft habe: Enthält als wirksame Bestandteile nur Abführpflanzen und entwässernde Heilpflanzen. Verspricht im Beipackzettel: “Beim Trinken von 1 Liter täglich kommen Sie Ihrer Traumfigur 2 – 3 Kilogramm pro Woche näher!” Kein Einzelfall!
So nimmt niemand ab, allenfalls gibt es einen Wasserverlust und eine Annäherung ans Traumfigurziel “Dörrfrucht”. Betrug an den Konsumentinnen, würde ich sagen.
Offenbar geht es um solche “Perlen” bei der Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes, für welche Sie sich einsetzen.
Was sagen Sie dazu als profilierte Konsumentenschützerin?
Auch hier scheint mir: Die Apotheken und Drogerien sollten ihre Hausaufgaben machen und weniger Schrott verkaufen, statt nach (noch mehr) staatlichen Schonräumen zu rufen.

3. Appenzeller Heilmittel-Liste

Oder geht es um die über dreitausend Heilmittel, die nur durch die Heilmittelkontrolle des Kantons Appenzell zugelassen und durch das neue Heilmittelgesetz in ihrer Existenz gefährdet sind? Der Kanton Appenzell verlangt ja generell keinerlei Wirksamkeitsbelege für “seine” Heilmittel, im Gegensatz zur SWISSMEDIC, die nur bei Homöopathika und Anthroposophika darauf verzichtet.

Auch auf dieser Appenzeller-Heilmittelliste gibt es vielleicht ein paar wertvolle Produkte, aber auch sehr viel Schrott und Konsumententäuschung. Darunter wieder viele Entschlackungskuren und Abmagerungsmittel. Ist das wirklich der traditionelle Heilmittelschatz, den es zu erhalten gilt?
Finden Sie, dass Sie etwas Gutes tun für die Naturheilkunde, wenn Sie auch den Schrott unter Heimatschutz stellen? – Ich finde ganz und gar nicht, dass ein solches Vorgehen für die Entwicklung einer fundierten und seriösen Naturheilkunde sinnvoll wäre.

Oder finden Sie, dass der Staat generell Heilmittel zulassen sollte, ohne Ansprüche zu erheben bezüglich Wirksamkeitsbelege oder nur schon fachlich fundierte Zusammensetzungen? Aber dann könnte man ja auf eine Heilmittelkontrolle ganz verzichten und müsste der Bevölkerung keine Qualitätssicherung vorgaukeln.

Wie viele dieser “Naturheilmittel”, die Sie unter dem Begriff des “traditionellen Heilmittelschatzes” unter Heimatschutz stellen wollen, können wirklich “Tradition” in Anspruch nehmen? Nicht sehr viele, würde ich vermuten.

Und ist Tradition wirklich schon Legitimation genug?

Maria Treben hat in ihren Schriften in den 1980er Jahren die Ringelblume pauschal gegen allerlei Krebsarten empfohlen. Das lässt sich traditionell aus alten Schriften begründen. Ringelblume wurde früher sogar “Herba canceri” genannt. Dieser “traditionelle” Therapievorschlag hat einigen Kindern mit Leukämie das Leben gekostet. Die Zeitschrift “Stern” hat dies damals recherchiert. Das Recht auf freie Meinungsäusserung erlaubt es Autorinnen wie Maria Treben, solche fahrlässigen Behandlungsvorschläge in ihren Schriften zu verbreiten. Obwohl das höchst problematische ist, stelle ich dieses Recht aufgrund von demokratischen Gründen nicht in Frage.

Kann ich aber nun aufgrund dieser Tradition ein Heilmittel aus Ringelblume gegen Krebs herstellen und propagieren? – Reicht auch hier die Tradition als Legitimation?
Oder gibt es hier dann doch wieder über die Tradition hinausgehend Kriterien, vielleicht sogar medizinische, die ein solches Heilmittel verhindern?

Und warum dann nicht auch bei den Entschlackungsmitteln und Schlankheitskuren?
Würden Sie dort einfach sagen, wenn die Leute dran glauben, ist das Qualitätsbeweis genug? Aber warum kümmern Sie sich dann als Konsumentenschützerin zum Beispiel um kritische Bewertungen von Kosmetika, Waschmitteln, Ferienkatalogen, Versicherungen usw.? Dort könnte man ja auch sagen, wenn die Leute dran glauben und es ihnen gut tut…

Aber ausgerechnet beim Thema Naturheilmittel / Komplementärmedizin befürworten Sie offenbar unter dem Begriff “traditioneller Heilmittelschatz” einen Schonraum für Schrott und Konsumententäuschung? Ich finde diese “positive Diskriminierung” verfehlt und wäre sehr interessiert daran von Ihnen zu hören, was sie genau unter “Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes” verstehen. Bisher habe ich im Vorfeld der Abstimmung vom 17. Mai dazu nur vage Andeutungen mitbekommen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Makuladegeneration: Vorbeugend wirken Fisch, Nüsse, Bewegung

Mittwoch, Mai 13th, 2009

Mit dem Begriff Makuladegeneration wird eine Gruppe von Erkrankungen des menschlichen Auges zusammengefasst, welche die Makula lutea (“der Punkt des schärfsten Sehens”) – auch “Gelber Fleck” genannt – der Netzhaut betreffen. Die Makuladegeneration geht mit einem allmählichen Funktionsverlust der dort befindlichen Gewebe einher.

Die Krankheit geht nicht vom Nervengewebe der Netzhaut aus, sondern von seinen Unterstützungsstrukturen, dem retinalen Pigmentepithel, der Bruch-Membran und der Aderhaut. Schreitet die Krankheit fort, wird durch Absterben von Netzhautzellen die Sehfähigkeit im zentralen Gesichtsfeld beeinträchtigt. Die weitaus häufigste Variante der Makuladegeneration ist die Altersbedingte (oder Senile) Makuladegeneration (AMD), welche definitionsgemäß erst nach dem 50. Lebensjahr auftritt.

Durch die geänderte Altersstruktur hat sich der Anteil der Menschen, die von solchen Erkrankungen betroffen sind, deutlich erhöht. In den Industriestaaten ist die Altersbedingte Makuladegeneration die Hauptursache für eine Erblindung bei Menschen im Alter von über 50 Jahre. Sie ist verantwortlich für 32 % Prozent der Neuerblindungen, gefolgt von Glaukom (Grüner Star) und diabetische Retinopathie mit je 16 % der Neuerblindungen.

Weltweit sind 25 bis 30 Millionen Menschen an Makuladegeneration erkrankt und rund 500.000 Neuerkrankungen kommen jährlich dazu.
(Quelle: Wikipedia)

Schutz durch Omega-3-Fettsäuren?

Der Konsum von Fisch, Nüssen, Olivenöl und anderen Lebensmitteln, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, reduziert das Risiko für altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Das hat eine Untersuchung aus Australien mit fast 2500 Teilnehmern gezeigt. Zehn Jahre nach dem Start der Studie hatten Teilnehmer mit einer Fischmahlzeit pro Woche 31 Prozent seltener eine AMD. Wer ein oder zweimal wöchentlich Nüsse aß, hatte ein 35 Prozent tieferes AMD-Risiko
Quelle: www.aerztezeitung.de
Originalpublikation: Arch Ophthalmol 127, 2009, 656

Bewegung – ein Schutzfaktor gegen Augenerkrankungen

Ausdauersport schützt offenbar vor Verlust der Sehfunktion. Jeder gelaufene Kilometer reduziert das Risiko, an einer Makuladegeneration oder einer Katarakt (Grauer Star, Trübung der Augenlinse) zu erkranken. Die genauen Zusammenhänge sind noch nicht geklärt, doch wahrscheinlich spielt die kardiorespiratorische Fitness eine Rolle.
Paul Williams vom Lawrence Berkeley National Laboratory hatte die Daten von rund 41.000 Läufern aus der National Runner’s Health Study bearbeitet. Im Verlaufe des Untersuchungszeitraums von gut sieben Jahren erkrankten 733 Männer am grauen Star. Die Erkrankungsrate bei den Frauen war zu tief, um aussagekräftige Resultate zu liefern.

Studienteilnehmer, welche mehr als 64 Kilometer wöchentlich liefen, hatten ein 35 Prozent tieferes Katarakt-Risiko als solche, die weniger als 16 km pro Woche zurücklegten. Zusätzlich nahm Williams auch die Laufleistung der Probanden über 10 km unter die Lupe – ein guter Indikator für die allgemeine Fitness. Auch hier ergab sich eine Korrelation: Die schnellsten Männer hatten ein niedrigeres Erkrankungsrisiko als diejenigen, welche ein eher gemütliches Tempo vorlegten.

Regelmäßiger Ausdauersport bot aber auch vor einer Makuladegeneration einen gewissen Schutz. Total trat diese Augenerkrankung bei 125 Teilnehmern (sowohl Frauen als auch Männer) auf. Personen, welche mehr als vier Kilometer pro Tag liefen, waren seltener betroffen: Ihr Risiko war halb so hoch.

Die genauen Ursachen für diese Zusammenhänge seien noch unklar, schreibt Williams. Weitere Untersuchungen sollten hier Klarheit bringen. Zudem gelte es zu untersuchen, ob sich schon moderate Bewegung wie Walking günstig auswirke. Die Teilnehmer der aktuellen Untersuchung seien zum größten Teil sportlich aktiver gewesen als es allgemeine Empfehlungen vorsehen.

Gegen Kurzsichtigkeit hilft Sport wohl nicht

Auch Dieter Schnell, Sportophthalmologe vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands hält fest: “In kleineren Studien wurde bisher bereits gezeigt, dass Ausdauerbelastung des Körpers selbst bei normalsichtigen Menschen die Sicht zumindest kurzfristig verbessern kann.”
Zudem könne sportliche Aktivität in bestimmter Form das Fortschreiten einiger Augenkrankheiten verlangsamen, in Einzelfällen sogar verhindern. “Besonders Menschen mit Durchblutungsstörungen empfehlen wir daher, Ausdauersport zu betreiben”, betont Schnell. Bei Kurzsichtigkeit (Myopie) oder Weitsichtigkeit (Hyperopie oder Hypermetropie) seien dagegen kaum Verbesserungen durch körperliche Aktivitäten feststellbar.

Quelle:
www.aerztlichepraxis.de,
Investigative Ophthalmology and Visual Science 50 (2009), 95-100 bzw. 101-106

Kommentar und Ergänzung:

Makuladegeneration ist eine schwierig zu behandelnde Krankheit. Auch aus dem Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde wären daher überrissene Versprechungen unseriös.
Der Augenarzt Markus O. Schreier hat sich sorgfältig mit den Möglichkeiten der Phytotherapie im Bereich der Augenheilkunde befasst. Er schreibt zum Thema:

“Bei der altersbedingten trockenen Form der Makuladegeneration scheinen Green-Tea-Phenole als Antioxidans und Radikalfänger wirksam zu sein. Ginkgo biloba verbessert die Mikrozirkulation der kleinen Blutgefässe durch Verminderung der Blutviskosität und erhöht die Hypoxietoleranz. Daneben wirkt es als Radikalfänger und Antioxidans.”
In: Karl-Uwe Marx (Hrsg.); Komplementäre Augenheilkunde, Hippokrates Verlag 2006

Mich hat aber auch die Untersuchung von Paul Williams zur positiven Wirkung von Bewegung beeindruckt. Dass Bewegung gesund ist, das ist ja keineswegs eine neue Erkenntnis. Im Vordergrund stehen dabei als “Profiteure” aber meistens der Bewegungsapparat oder das Herz-Kreislauf-System. Nun gibt es in letzter Zeit zunehmen detailliertere Forschungsresultate, nach denen Bewegung weit über diese Bereiche hinaus günstig wirkt – auf die psychische Stabilität beispielsweise, bei Demenz, und nun sogar gegen Augenerkrankungen.
Ich finde es immer erfreulich, wenn so etwas “simples” wie Bewegung wirksam ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Naturheilkunde bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa

Mittwoch, Mai 13th, 2009

Mit Weihrauch, Flohsamen und Probiotika gegen die Entzündung im Darm

Zahlreiche Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sind interessiert an Verfahren aus Naturheilkunde oder Komplementärmedizin. Wie wirksam sind diese Methoden?

In einer großen repräsentativen Untersuchung wurden 1000 Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (CED) zum Thema Komplementärmedizin und Alternativmedizin befragt. Mehr als die Hälfte der Kranken hatte schon Erfahrungen mit einer solchen Medizinform gemacht, schreibt Privatdozent Dr. Jost Langhorst von der Abteilung für Innere Medizin der Universität Duis-burg-Essen, Kliniken Essen-Mitte, in der “Zeitschrift für Komplementärmedizin”.

Ausprobiert hatten die Studienteilnehmer hauptsächlich Homöopathie (52 %), Phytotherapie (44 %) und Ayurveda (Weihrauch, 40 %). Über die Hälfte der Befragten (54 %) nahm probiotische Lebensmittel (z.B. Milchsäurebakterien oder Hefen) ein. ??Zur Wirkung der klassischen Naturheilverfahren existieren nur wenige klinische Studien. Belegt ist, dass Stressbelastung entzündliche Darmerkrankungen aktivieren kann. An diesem Punkt setzen die ordnungstherapeutischen Maßnahmen an. Dazu zählen Änderungen des Lebensstils und der Ernährung sowie Bewegung. Um psychosozialen Stress zu reduzieren, werden unter anderem Meditation, autogenes Training, Yoga, Qigong und Achtsamkeitstherapie empfohlen.

Gut geeignet: Die mediterrane Küche

Für die Ernährung gelten bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen grundsätzlich dieselben Vorgaben wie für Gesunde. An die mediterrane Küche angelehnte Vollwertkost soll die Patienten ausreichend mit Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien versorgen. Nur in akuten entzündlichen Stadien ist Schonkost vorzuziehen.

Linderung durch Bakterien und Bierhefe?

Die häufigste Maßnahme aus dem Bereich “Naturheilkunde” ist die Einnahme von Probiotika. Für Escherichia coli Nissle (ein säurebildendes Bakterikum) ist die Wirksamkeit so gut belegt, dass die Einnahme sogar in die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) aufgenommen wurde. Die Bakterien erschweren das Anhaften krankheitsauslösender Keime an der Darmwand. ??Saccharomyces boulardii ist eine Hefe und wirkt vorbeugend gegen Durchfälle, die eventuell durch die Einnahme von Antibiotika entstehen können. Auch für Lactobacillus GG (Milchsäurebakterien) gibt es bereits CED-Studien. Bei akutem Durchfall im Schub wird auch der zusammenziehende Effekt von Heilerde genutzt. ??Für die Wirksamkeit einer Bewegungstherapie existieren kaum Belege. Allerdings ist bekannt, dass Personen, die im Freien körperlich arbeiten, seltener an Morbus Crohn bzw. Colitis ulcerosa erkranken. Deshalb wird Ausdauersport empfohlen. Im akuten Schub allerdings soll sich der Kranke schonen. ??

Phytotherapie: Flohsamen, Heidelbeere, Blutwurz….

In der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) nutzt man beispielsweise die entzündungshemmende Wirkung des Flohsamens, der zudem das Stuhlvolumen vergrössert und die Darmtätigkeit reguliert. Auch Weihrauch wird angewandt. Für den Einsatz von Myrrhe – in Kombination mit Kamille und Kaffeekohle – läuft zurzeit eine Untersuchung, berichtet der Experte. Die Gerbstoffe in getrockneten Heidelbeeren und Blutwurz wirken zusammenziehend und entzündungshemmend. Beim Ingwer wird die anregende Wirkung auf die Darmmuskulatur und die durchfallhemmende Komponente geschätzt.

Einsatz von Wurmeiern noch in Erprobung

Auch die physikalische Therapie (z.B. Infrarot- und UV-Licht, Massage) kommt bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zur Anwendung. Von Kneipp‘schen Leibwaschungen oder Leibwickeln werden krampflösende, blähungstreibende und schlaffördernde Effekte erwartete. Leibauflagen mit Kümmel, Kamille oder Heublumen kommen ebenfalls zum Einsatz. Für die Akupunktur als Teil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) liegen Untersuchungen vor, welche die Wirksamkeit belegen. Für die Homöopathie existieren keine CED-Studien, berichtet Dr. Langhorst. ??Die Anwendung von Wurmeiern gilt noch als experimentell. Die Theorie tönt interessant: Die Würmer sollen das Immunsystem aktivieren. ??

Kümmelöl-Auflage ?
Ein Teelöffel Kümmelöl mit sanftem Druck in die Bauchdecke einmassieren. Darauf kommt ein feuchtwarmes Tuch, welches mit einem warmen trockenen Baumwolltuch abgedeckt wird. Darüber wird dann für eine halbe Stunde eine Wärmflasche gelegt.

Medical Tribune Deutschland, Ausgabe 17 / 2009 S.20,
Jost Langhorst, ZKM 2009; 1: 12-19

Kommentar und Ergänzung zu den Empfehlungen aus der Phytotherapie:

Zum Flohsamen: Diese schleimhaltige Heilpflanze wirkt vor allem schützend auf die Schleimhäute. Bei Verstopfung nimmt man sie mit viel Wasser, damit die Polysaccharide quellen können, bei Durchfall dagegen mit weniger Wasser, weil dann die überschüssige Flüssigkeit gebunden wird. Daueranwendung möglich

Zum Weihrauch: Heilpflanzen-Präparate zum Einnehmen verwenden. Langzeitanwendung nötig, sonst bringt‘s wohl kaum etwas. Räuchern wie in der Kirche oder auch im Handel erhältliche Salben und Bäder sind unwirksam.

Zum Blutwurz (Tormentill): Stark gerbstoffhaltige Heilpflanze, wirkt stopfend bei Durchfall, würde ich nur zeitlich limitiert einnehmen (ein paar Tage).

Zur Heidelbeere: Wirken nicht nur wegen den Gerbstoffen stopfen (in getrockneter Form), sondern durch die blauen Farbstoffe (Anthocyane) wohl auch entzündungshemmend.
Siehe:
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/01/09/farbstoffe-auch-heidelbeeren-hemmen-entzuendungen.html

Kümmelöl: Wirkt vor allem krampflösend, weil Kümmelöl wie jedes ätherische Öl gut durch die Haut resorbiert wird, könnte das Einmassieren auf der Bauchdecke wirksame sein. Will man den Kümmel gegen Blähungen einsetzen, braucht es Kümmeltee oder Kümmeltinktur peroral.

Ingwer: Könnte neben der anregenden Wirkungen auf die Darmperistaltik (Darmbewegungen) auch gegen Entzündungen wirken. Darauf deuten jedenfalls Laboruntersuchungen hin.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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