Phytotherapie im Verdauungstrakt – ein Überblick

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Phytotherapie bzw. Pflanzenheilkunde hat eine lange Tradition bei Erkrankungen und Beschwerden im Magen-Darm-Trakt. Hier eine überarbeitete und gekürzte Zusammenstellung aus der Universität Duisburg-Essen mit den wichtigsten Heilpflanzen für den Bereich Gastroenterologie.

Appetitlosigkeit
Wirkprinzipien: Anregung der Sekretion von Magensaft und Verdauungssaft durch Bitterstoffe
in Bitterstoffpflanzen (Amara). Zu den Bitterstoffen gehören hauptsächlich Iridoidglykoside
und Mono- und Sesquiterpenalkaloide. Viele Bitterstoffe sind hitzelabil, darum die
Heilpflanzen nur kurz überbrühen oder kalt ansetzen. Den Tee eine halbe Stunde vor der Mahlzeit trinken.
Bitterstoffpflanzen sind beispielsweise:
– Wermut (Artemisia absinthium)
– Tausendguldenkraut (Centaurium erythraea)
– Gelber Enzian (Gentiana lutea)
– Schafgarbe (Achillea millefolium), zusätzlich auch verdauungsfördernd und
krampflösend im Gastrointestinaltrakt.
– Zichorie (Wegwarte), auch verdauungsfördernd, enthalten zum Beispiel in
Kaffeesurrogaten
– Artischockenblätter (Cynara scolymus), auch gallentreibend.
– Löwenzahnwurzel (Taraxacum officinale), auch gallentreibend.

Keine Anwendung bei Magengeschwüren und Zwölffingerdarmgeschwüren, relative Kontraindikation bei Gallenabflussstörungen.

Blähungen, Krämpfe
Angewendet werden sogenannte Carminativa. Hauptsächlich Anis-, Kümmel-, Fenchelsamen,
auch Dillsamen, wirken entkrampfend und entblähend. Verantwortlich für die Wirkung
sind vor allem die ätherischen Öle.
Entkrampfend auf die Muskulatur , weniger entblähend wirken Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium), Galgantwurzelstock(Galangae rhizoma) und Melisse (Melissae folium).
Ganz überwiegend krampflösend sind Kamillenblüten (Matricariae flos).
Die Samen von Fenchel, Kümmel, Anis und Dill müssen vor Verwendung frisch angequetscht werden. Die Zubereitung als Tee wirkt auch über die zugeführte Wärme entkrampfend.

Magenschleimhautentzündung und Magengeschwüre
Gewählt werden schleimbildende, den Magenschleimhautschutz verstärkende Heilpflanzen
(Muzilaginosa) und entzündungswidrig wirkende Heilpflanzen.
Zu den Muzilaginosa gehören
– Eibischwurzel (Althaeae radix)
– Malvenblätter (Malva silvestris, Malvae folium)
– Leinsamenschleim (Lini semen; geschrotet)

Entzündungswidrig und gleichzeitig krampflösend wirken Kamillenblüten, die auch als
sogenannte Rollkur eingesetzt werden (reichlich Kamillentee trinken, jeweils 10 – 15
Minuten auf dem Rücken, der rechten und linken Seite sowie dem Bauch liegen).
Die Süßholzwurzel (Liquiritiae radix) wirkt gleichzeitig schleimhautschützend,
entzündungswidrig und keimhemmend auf Helicobacter pylori. Bei längerer Anwendung oder höherer Dosierung des wirksamen Inhaltsstoffes Glycyrrhizin ist jedoch der mineralokortikoide
Effekt (Natrium-Retention mit entsprechenden Folgen) zu beachten.

Verstopfung (Obstipation)
Empfehlenswert sind nach einer angemessenen Nahrungsumstellung, reichlicher
Flüssigkeitszufuhr und regelmäßiger Bewegung Quell- und Füllstoffe, um die Peristaltik
anzuregen. Dazu soll reichlich getrunken werden (200-250 ml Wasser je Esslöffel).
– Leinsamen (geschrotet)
– Flohsamen (indischer und afrikanischer)
– Weizenkleie
– Fruchtfasern
Quell- und Füllstoffe dürfen über längere Zeit eingenommen werden. Kontraindika-
tionen sind allerdings Passagehindernisse. Zu beachten ist eine mögliche Absorption und damit Wirkungsherabsetzung gleichzeitig eingenommener Medikamente.

Stärkere Abführmittel (Laxanzien) wirken nicht über eine Vermehrung des Darminhaltes, sondern über eine Reizung des Darmes und eine antiabsorptive Wirkung. Das Darmepithel sezerniert mehr Flüssigkeit und die Muskularis kontrahiert sich. Laxanzien gehen bei Langzeitanwendung mit dem Risiko eines Kaliumverlustes einher, wodurch wiederum die Obstipation verstärkt werden kann. Sie sind hauptsächlich für eine akute Verstopfung über wenige Tage geeignet. Diese stärkeren Abführmittel werden vor allem durch die
Gruppe der Anthrachinonpflanzen gebildet.
Anthrachinonpflanzen sind zum Beispiel:
– Rhabarberwurzel
– Faulbaumrinde, Amerikanische Faulbaumrinde (stärker wirksam)
– Cascararinde
– Sennesfrüchte (Cassia senna)
– Aloe (Extrakt) (Aloe vera)
Als mögliche Nebenwirkungen können auftreten: Elektrolytstörungen, krampfartige Magen-Darm-Schmerzen, Albuminurie, bei chronischem Gebrauch eine Schwarzfärbung der
Darmschleimhaut (Pseuodmelanosis coli).
Kontraindikationen sind entzündliche Krankheiten des Magens und Darms, Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder unter 12 Jahren und abdominelle Schmerzen unbekannter Ursache.

Akuter Durchfall (Diarrhoe)
Bei Durchfall werden vor allem gerbstoffhaltige Heilpflanzen eingesetzt, um den Flüssigkeitsverlust via Darmschleimhaut über eine adstringierende Wirkung aufzuhalten. Auch
Quellstoffe sind günstig.
– Grüntee oder Schwarztee (für Kinder den 2. Aufguss eines Teebeutels
verwenden, für Erwachsene mindestens 5 Min. lang gezogener Tee)
– Heidelbeeren oder Heidelbeermuttersaft (erste Wahl in der Pädiatrie)
– Pektine, zum Beispiel in rohem, geriebenem Apfel
– Bananen, Karotten
– Tormentilla (Blutwurz)

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
Die Phytotherapie hat hier gegenwärtig nur eine untergeordnete Bedeutung.
Entzündungshemmende Wirkungen wurden
– Weihrauch (Boswellia serrata)
– Myrrhe (Myrrha)
– Flohsamen (Plantago psyllium)
zugeschrieben. Je nach Beschwerden können auch Heidelbeeren bei Durchfall, Ingwer bei
Übelkeit und Gelbwurzel (Curcuma) bei Verdauungsstörungen versucht werden.

Übelkeit und Erbrechen
Die Ursache sollte geklärt werden, damit eine gezielte Wahl getroffen werden kann. Bei Kinetosen (Reisekrankheit) hat sich Ingwerwurzel bewährt. Übelkeit ausgelöst durch eine gestörte Leber- und Gallenfunktion spricht auf Kamille, Pfefferminz- und Artischockenblätter an. Gegen Motilitätsstörungen ist ebenfalls Pfefferminze bewährt, auch als ätherisches Öl.

Gallenwegstherapeutika
Choleretika steigern die Synthese und Sekretion von Galle in der Leber. Cholekinetika
steigern den Gallenfluss aus der Gallenblase. Etliche Phytotherapeutika dieser Art wirken zugleich auch krampflösend
Bewährte Phytotherapeutika sind
– Artischockenblätter (Cynarae folium)
– Erdrauchkraut (Fumariae herba)
– Curcuma (Gelbwurz)
– Löwenzahnkraut und -wurzel (Taraxaci radix cum herba/radix)
– Schöllkraut (Chelidonii herba)
Eine Gallenabflussstörung muss vor Anwendung dieser Heilpflanzen ausgeschlossen sein.
Am stärksten krampflösend wirken Erdrauch- und Schöllkraut, am stärksten cholagog
Curcuma, Gelbwurz und Erdrauchkraut sowie Rettichwurzel.

Lebererkrankungen
Mariendistelfrüchte (Silybum marianum) können bei chronischen Leberkrankheiten
unterstützend eingesetzt werden. Silymarin als Wirkstoff aus der Mariendistel dient als leberschützendes Mittel bei Knollenblätterpilzvergiftung. Bei akuter Hepatitis (Leberentzündung) sind Mariendistelfrüchte ungeeignet.
Bewährt haben sich auch Artischockenblätter.

Quelle:
http://www.uni-due.de/naturheilkunde/de/uploads/8_Phytotherapie.pdf

Kommentar:
Diese Übersicht der Universität Duisburg-Essen fasst die wirksamsten Heilpflanzen und Indikationen für den Bereich Gastroenterologie im Grossen und Ganzen gut zusammen, auch wenn sie natürlich nicht vollständig ist und über einzelne Punkte immer diskutiert werden kann.
Es kann allerdings nicht genug betont werden, dass es nicht nur darauf ankommt, die richtige Heilpflanze für eine bestimmte Krankheit zu finden. Ebenso wichtig ist es, in welcher Form die Heilpflanze zur Anwendung kommt (z. B. Tee, verschiedene Varianten von Tinktur oder Extrakt).
Es ist nämlich eine ganze Anzahl von Heilpflanzen-Präparaten im Handel, von denen ausgesprochen fragwürdig ist, ob sie überhaupt eine Wirkung haben – neben fundierten Produkten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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