Archive for April, 2009

Abstimmung Komplementärmedizin: Danke, Herr Kesseli

Montag, April 20th, 2009

Chefredaktor Bruno Kesseli schrieb in der Schweizerischen Ärztezeitung (2006;87: 3) :

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen ver-
breitet zu sein.”

Das ist meiner Ansicht nach die einzige besonnene und konstruktive Haltung zum Thema Komplementärmedizin.

Es gibt wirksame und unwirksame Komplementärmedizin. Es ist nicht einfach, zwischen wirksam und unwirksam zu unterscheiden, aber wer seriöse Komplementärmedizin anbieten will, kommt um diese Unterscheidung nicht herum. Dann stellt sich sofort die Frage, nach welchen Kriterien diese Unterscheidung zu machen ist, und hier fängt die Arbeit erst an.

Auf diesem Hintergrund finde ich es ausgesprochen fragwürdig, wenn nun im Zuge der Abstimmung vom 17. Mai die Befürworter der Vorlage pauschal und undifferenziert behaupten, dass die Wirksamkeit aller fünf zur Diskussion stehenden Methoden (TCM, Homöopathie, Phytotherapie, Neuraltherapie, Anthroposophische Medizin) wissenschaftlich belegt sei.

Das ist meines Erachtens nicht im Ansatz wahr.

Mein eigener Fachbereich, die Phytotherapie, ist unter den fünf erwähnten Methoden wohl unbestritten die am besten wissenschaftlich dokumentierte. Trotzdem gibt es viele Heilpflanzen, über die kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen.
Es sind immer einzelne Heilpflanzen in bestimmten Zubereitungsformen (z.B. Extrakte), für die kontrollierte Studien existieren. Das heisst für mich nicht, dass andere Heilpflanzen nicht angewendet werden dürften, aber man muss um diese Unterschiede wissen und offen damit umgehen.

Wer Komplementärmedizin undifferenziert als Gesamtpaket toll findet und fördern will, unterstützt damit das “Lagerdenken” zwischen Medizin und Komplementärmedizin. In diesem Sinne scheint mir die Abstimmung vom 17. Mai nicht gerade konstruktiv. Der Slogan der Befürworter – “Natürlich gemeinsam” – ist zwar sympathisch, doch wage ich zu bezweifeln, ob ein solcher Verfassungsartikel dazu beitragen wird.

Als jemand, der seit über 25 Jahren versucht, Brücken zu bauen zwischen Medizin und Naturheilkunde, bin ich nicht sehr glücklich über die erneute Polarisierung, welche diese Abstimmung mit sich bringt – und dies vor allem wegen der pauschalen “Heiligsprechung” der Komplementärmedizin durch die Befürworter.

Die Haltung von Bruno Kesseli dagegen würde dazu beitragen, die Feindbilder zwischen Medizin und Komplementärmedizin aufzuweichen.

Darum wäre mein Slogan:
Mehr differenzieren, weniger pauschalisieren, wenn es um Wirksamkeiten geht.
Kritische Punkte in der Komplementärmedizin ansprechen und klären, statt unter den Tisch wischen.

Ich bin sicher, dass dadurch die Komplementärmedizin Fortschritte machen und die Kooperation von Medizin und Komplementärmedizin sich verbessern würde.

Für mich ist immer noch offen, ob ich am 17. Mai JA oder NEIN stimmen werde, aber ich erwarte von den Befürwortern dieses Verfassungsartikels viel differenziertere Argumente.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Anthocyane aus Beeren mit MAO-Hemmer-Effekt

Mittwoch, April 15th, 2009

Viele Beeren enthalten hohe Konzentrationen an roten und blauen Farbstoffen, den so genannten Anthocyanen. Ihnen werden viele gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben. Regensburger Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass neben den schon bisher bekannten Schutzmechanismen die Anthocyane noch weitere Schutzfunktionen für Zellen übernehmen.

Mitarbeiter vom Lehrstuhl für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Regensburg berichten in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Pharmacological Research, dass die Farbstoffe gleichzeitig als Hemmstoffe von zwei Enzymen fungieren, die für den Gehirnstoffwechsel eine bedeutende Rolle spielen. In Untersuchungen an total 25 verschiedenen Beereninhaltsstoffen fanden sich mehrere Farbstoffe, die einen hemmenden Effekt auf die Monoaminooxidasen (MAO) A und B entfalteten.

MAO-Hemmstoffe gehören seit langem zu den bewährten Medikamenten in der Behandlung von Morbus Parkinson und von Depressionen. Zwar erreichten die Beerenwirkstoffe nicht die Wirkungsstärke von handelsüblichen Arzneimitteln, doch es sei vorstellbar, dass ihre Einnahme mit der Nahrung gesundheitliche Vorteile biete, meinen die Forscher. Die Enzyme MAO A und B wirken in den Mitochondrien, den Energiekraftwerken der Zelle. Ihre Hemmung führt zum verlangsamten Abbau verschiedener Neurotransmitter wie Noradrenalin, Dopamin und Serotonin sowie einiger Hormone wie zum Beispiel Adrenalin. Das bewirkt, dass im Gehirnstoffwechsel dann vermehrt Neurotransmitter zur Signalübertragung bereit stehen.

Ungeklärt ist zur Zeit noch, welche Menge Beeren täglich zu essen wären, um eine messbare Hemmung von MAO A und B in der Praxis herbeizuführen. Speziell reich an Anthocyanen sind Heidelbeeren und Holunderbeeren, welche davon je zwischen 600 und 1400mg pro 100g enthalten. Als weitere Nahrungsquellen mit hohem Anthocyananteil erwähnendwert sind blaue Weintrauben, Kirschen und Rotkohl bzw. Blaukraut.

Quelle:
Pressestelle Universität Regensburg / http://idw-online.de

Kommentar:
Reich an Anthocyanen ist auch Cassis (Schwarze Johannisbeere).
Natürlich handelt es sich hier nur um ein Laborexperiment und es wäre völlig überzogen, daraus schon auf konkrete Wirkungen von Anthocyanen aus der Nahrung auf Krankheitsprozesse wie Morbus Parkinson oder Depressionen zu schliessen.

Daran, dass anthocyanreiche Beeren wertvolle Nahrungsbestandteile sind, kann aber meines Erachtens kaum gezweifelt werden. Zubereitungen mit 25 – 35 % Anthocyanosiden aus Heidelbeeren werden innerlich eingesetzt bei krankhaft erhöhter Durchlässigkeit der Kapillaren, vor allem bei diabetischer Retinopathie, zur Verbesserung der Nachtsehleistung und zur Epithelregenerierung bei Magengeschwüren und Darmgeschwüren sowie äusserlich zur Förderung der Vernarbung von Wunden.
An diesem Beispiel zeigt sich wieder einmal, dass die Übergänge zwischen Nahrungspflanzen und Heilpflanzen oft fliessend sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin

Mittwoch, April 15th, 2009

In einem Blog-Text habe ich vor ein paar Tagen in Frage gestellt, ob “Anthroposophische Medizin” staatlich gefördert werden soll, wie die Befürworter der Vorlage vom 17. Mai es verlangen. Dies auf dem Hintergrund von anthroposophischen Karma-Theorien, wonach Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in früheren Leben bewirkt werden, und von anthroposophischen Wurzelrassentheorien, wonach die Arier an der Spitze der Menschheitsentwicklung stehen.
Beide Konzepte halte ich für hoch problematisch.

Den Ursprungs-Blogbeitrag finden Sie hier:

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/03/volksabstimmung-zur-foerderung-der-komplementaermedizin-ja-oder-nein.html

Auf diesen Beitrag habe ich einen Kommentar bekommen von Christopher Wichert, für den ich mich bedanke. Ich gebe diesen Kommentar hier wieder und werde daran anschliessend ausführlich antworten, weil ich das Thema für wichtig erachte:

“Hallo,
vielleicht darf ich einiges korrigierend hinzufügen. Steiners Karma Ausführungen haben in der Medizinischen Praxis überhaupt nichts zu suchen und zwar schon aus “rein anthroposophischen” Gründen. Nach Steiner sind Karmaverhältnisse jeweils im Einzelfall zu erforschen eine Ableitung aus Generalisierungen ist methodisch unzulässig. Das würde für Ihr Beispiel Lungenentzündung bedeuten: Seinen Untersuchungen hat sich ergeben, dass Lungenentzündung meist die und die karmischen Ursachen hat. Es ist aber nicht zulässig zu schließen, hier liegt eine Lungenentzündung vor, also….
Zweitens und wohl noch wichtiger: für jede Krankheit soll die Heilung gessucht werden, wie auch immer die karmischen Ursachen sein mögen. Karmische Gesichtspunkte dürfen den Heil-willen in keiner Weise beeinflussen.
Zur Rassen Frage: könnten Sie die Beiträge von Lorenzo Ravagli zur Kenntnis nehmen. Zumindest wird da deutlich, dass Steiner klarer und entschiedener als die meisten seiner Zeitgenossen abgelehnt hat, Menschen aufgrund ihrer “Rassezugehörigkeit” zu beurteilen oder gar zu bewerten.

Herzliche Grüße
C.Wichert”

Sehr geehrter Herr Wichert

Ich bin mir Ihren Aussagen nicht einverstanden und werde unter Punkt 1 antworten auf
die Aussage, dass Steiner‘s Karma-Aussagen in der Medizinischen Praxis nichts zu suchen haben.

Unter Punkt 2 folgt dann weiter unten die Antwort auf Ihre Aussage, dass Rudolf Steiner es abgelehnt habe, Menschen aufgrund ihrer “Rassenzugehörigkeit” zu beurteilen oder gar zu bewerten.

Punkt 1: Karmavorstellungen als Ursache für Behinderung und Krankheit sind für Anthroposophie und Anthroposophische Medizin zentral.

Der lupenreine Anthroposoph Adolf Baumann nennt die Karmaidee in seinem “ABC der Anthroposophie” gar das Herzstück der anthroposophischen Weltanschauung (Bern 1986).

Michaela Glöckner, die langjährige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum schreibt im von ihr herausgegebenen Buch “Anthroposophische Medizin” (Verlag Freies Geistesleben, 1993, S. 27/28):

“Rudolf Steiners bedeutendste Leistung war es, zu der blossen Annahme von wiederholten Erdenleben, wie sie von vielen Menschen geteilt wird (z. B. Goethe, Lessing, Friedrich der Grosse, Stefan Zweig, Wilhelm Busch), mit Hilfe seiner Geistesforschung zu einer umfassenden Darstellung der Gesetzmässigkeit zu kommen, nach denen sich die wiederholten Erdenleben vollziehen.
Erst die Kenntnis dieser Gesetzmässigkeiten macht ein vollbewusstes Mitarbeiten am Krankheitsschicksal möglich.”

Deutlicher könnte man die Bedeutung des Karmas in der “Anthroposophischen Medizin” meines Erachtens kaum ausdrücken – auch für die Gegenwart.

Michaela Glöckler schreibt nicht nur immer wieder zu diesem Thema. Sie hält auch Vorträge wie beispielsweise am 03.02.2005:
“Krankheit und Schicksal. Zur Aktualität des Karma-Gedankens in der heutigen Medizin” (Quelle: Schweiz. Zschr. GanzheitsMedizin Jg.16, Heft 7/8, November 2004).

Und Glöckler ist nicht irgendwer, sondern mit ihrer Stellung am Goetheanum die zentrale Figur in der Anthroposophischen Medizin.

In Ausbildungen und Weiterbildungen für anthroposophische Ärzte und Ärztinnen taucht das Thema Karma & Krankheit regelmässig auf – oft ausdrücklich mit Bezug auf Band 120 der Gesamtausgabe, in dem Steiner ausführlich über dieses Thema spricht.

Bei Steiner taucht Karma als Verursacher von Krankheit und Behinderung immer wieder auf.
Beispielsweise im Buch “Die Offenbarungen des Karma” (Gesamtausgabe Bd. 120), Vortrag vom 18. Mai 1910: Krankheit und Gesundheit in Beziehung zu Karma; Vortrag 19. Mai 1910: Heilung und Unheilbarkeit von Krankheiten in Beziehung zu Karma; Vortrag 20. Mai 1910: Natürliche und zufällige Erkrankungen in Beziehung zu Karma.

Eine Hauptursache von Krankheit und Behinderung sieht Steiner darin, dass der entsprechende Mensch zu locker oder zu stark inkarniert ist. Hier hat eine wahrhaft anthroposophische Therapie anzusetzen.

Kommt man mit Anthroposophischer Medizin in Kontakt, kommt das Thema Arbeit am Karma allerdings oft gar nicht oder dann eher in einer späteren Phase auf den Tisch. Steiner sah seine Lehre als Geheimwissenschaft. Er betonte, dass gewisse Teile der “Geheimkunde” auch heute nur solchen mitgeteilt werden können, die sich den Prinzipien der Einweihung unterwerfen. Das Thema “Karma” würde wohl auch einige Leute erschrecken, die nur auf der Suche nach einer natürlichen und “ganzheitlichen” Therapie sind, aber ohne spezielles Interesse am anthroposophischen Weltbild.

In ihrem Buch “Begabung und Behinderung” (Verlag Freies Geistesleben, 2004) schreibt Michaela Glöckler:

“Entsprechend prägt sich im heutigen physischen Leib ab, was als Ätherleib im vorigen Erdenleben erlebt hat und in diesem wiederum, was den Astralleib im vorigen Leben bewegte. Angesichts dieser Gesetzmässigkeit, dass im nächst niederen Wesensglied die Arbeitsergebnisse des nächsthöheren aufgenommen und ins unbewusste Körperleben integriert werden, wird auch verständlich, warum es nur begrenzt sinnvoll ist, die Ursachen für Krankheiten und Behinderungen in diesem einen Erdenleben beziehungsweise allein in Konstitution, Vererbung und Umwelt zu suchen. Ihren wirklichen Grund haben sie in längst vergangenen Erdenleben, ja, was den physischen Leib betrifft, reichen sie in das vierte vorige Leben zurück.”
(S. 49/50, Schrägsetzung im Original)

Und auf Seite 71:

“Neid, auch maskierter Neid, der sich im Hang zu kritisieren darlebt” bewirkt im “späteren Leben seelische Schwäche, Unselbständigkeit und die Neigung, sich immer häufiger rat bei anderen zu suchen; konstitutionelle Schwäche im nächsten Leben.”

“Neigung zur Lügenhaftigkeit bewirkt im späteren Leben, dass man anderen Menschen nicht mehr unmittelbar in die Augen schauen kann. Im nächsten Leben hat man es schwerer, zu seiner Umgebung in ein gutes Verhältnis zu kommen. Man leidet darunter, nicht verstanden zu werden…Disposition, dass die Organfunktionen weniger aufeinander angestimmt sind.”

Seite 74:

“Kein Interesse an den Himmelsvorgängen, insbesondere an den Sternen” bewirkt nach Wiedergeburt “Bindegewebeschwäche, schlaffer Körperbau”.

“Kein Interesse an Musik” führt in einem nächsten Leben zu “Asthma, Neigung zu Lungenkrankheiten”.

Seite 76:

“Egoistischer Erwerbssinn” bewirkt “Disposition zu Infektionskrankheiten im nächsten Leben”. Nun weiss ich endlich, weshalb es in Afrika so viele AIDS-Kranke gibt. Nicht etwa wegen dem Kondom-Verbot des Papstes – nein! Das waren in ihrem vorherigen Leben alles Egoisten!

Seite 77:

“Gewohnheitsmässiges egoistisches Handeln disponiert im nächsten Leben zu frühem Altern” – Wie schön, diese ausgleichende Gerechtigkeit im Kosmos. Darum geht es wohl in der Anthroposophie: Allen Verhältnissen und Geschehnissen einen von Steiner vorgekauten Sinn zu geben – egal wie ungerecht oder zufällig sie sein mögen.

Das halte ich politisch für hoch fragwürdig und diskriminierend für Behinderte und Kranke. Dieses Krankheitsverständnis soll meiner Ansicht nach nicht vom Staat gefördert werden, wie es die Befürworter der Vorlage vom 17. Mai erwarten.

In einem Artikel zur Infektionskrankheit Sars schreibt Michaela Glöckler:

“Was hier für den Zusammenhang von Gesundheit und Krankheit in ein und demselben Erdenleben erforscht worden ist, gilt
gemäß den Gesetzmäßigkeiten von Reinkarnation und Karma auch von einem Leben zum nächsten beziehungsweise
übernächsten (siehe Kasten mit Zitat von Rudolf Steiner).”
(in: Das Goetheanum 20/2003)

Im Steiner-Zitat, auf das Glöckler verweist, heisst es dann:
(überspringen Sie das Zitat, wenn Steiner Sie langweilt)

“…. Was Sie in diesem Leben wiederholt erleben, das
kommt in Ihrem folgenden Leben als Grundcharakter. Ein melancholisches Tempera-
ment kommt daher, daß der Mensch im vorigen Leben viele traurige Eindrücke gehabt
hat, die ihn immer wieder in eine traurige Stimmung versetzt haben; dadurch hat eben der
nächste Ätherleib eine Neigung für eine traurige Stimmung. Umgekehrt ist es bei denen,
die allem im Leben eine gute Seite abgewinnen, die dadurch in ihrem Astralleib Lust und
Freude, frohe Erhebung erzeugt haben; das gibt im nächsten Leben eine bleibende Cha-
raktereigenschaft des Ätherleibes und bewirkt ein heiteres Temperament. Wenn der
Mensch aber, trotzdem ihn das Leben in eine harte Schule nimmt, all das Traurige kraft-
voll überwindet, dann wird im nächsten Leben sein Ätherleib geboren mit einem choleri-
schen Temperament. Man kann also, wenn man all das weiß, geradezu sich seinen Äther-
leib für das nächste Leben vorbereiten. Diejenigen Eigenschaften nun, die der Ätherleib in
dem einen Leben hat, die erscheinen im nächsten Leben im physischen Leib. Wenn also
jemand schlechte Gewohnheiten und Charaktereigenschaften hat und nichts dagegen tut,
sie sich abzugewöhnen, tritt das im nächsten Leben als eine Disposition des physischen
Leibes auf, und das ist tatsächlich die Disposition zu Krankheiten. So sonderbar sich das
auch für Sie anhören mag, aber diese Disposition für bestimmte Krankheiten, und beson-
ders für Infektionskrankheiten, rührt tatsächlich her von schlechten Gewohnheiten im
vorhergehenden Leben.»
(Hervorhebung von mir, M.K.)
Aus: Rudolf Steiner: Menschheitsentwicklung und Christus-Erkenntnis (GA 100), Vortrag vom 22. Juni 1907.

Ergänzend noch ein paar Zitate von Rudolf Steiner zu diesem Thema – weil es eigentlich nur Rudolf Steiner ist, der in der Anthroposopischen Medizin etwas zu sagen hat.

Wen die Steiner-Zitate langweilen, der oder die kann auch direkt zum Punkt 2 springen, aber erhellend sind die Zitate des “Menschheitsführers” schon.

“Und da zeigt die Geisteswissenschaft, dass ein flatterhaftes Leben, das keine Hingabe und keine Liebe kennt, dass ein oberflächliches Leben in der einen Verkörperung sich ausdrückt in dem Hang zur Lügenhaftigkeit in der nächsten Verkörperung; und der Hang zur Lügenhaftigkeit zeigt sich in der zweitnächsten Inkarnation in den unrichtig gebauten Organen. – So können wir drei aufeinanderfolgende Inkarnationen in ihren Wirkungen karmisch verfolgen: Oberflächlichkeit und Flatterhaftigkeit in der ersten Inkarnation, Hang zur Lügenhaftigkeit in der zweiten und physische Krankheitsdisposition in der dritten Inkarnation.”
(GA Bd 120, Seite 74, Vortrag “Krankheit und Gesundheit in Beziehung zu Karma”)

Tja, das wäre dann so etwas wie eine anthroposophische Theorie zur Entstehung körperlicher Behinderung – das mit den unrichtig gebauten Organen aufgrund von Flatterhaftigkeit und Lügenhaftigkeit?

“Nehmen wir zum Beispiel eine solche Krankheit wie die Lungenentzündung. Sie ist eine Wirkung in der karmischen Folge, welche dadurch entsteht, dass der Betreffende während seiner Kamalokazeit zurückblicken kann auf einen Charakter, der in sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in sich hatte sozusagen ein Bedürfnis, sinnlich zu leben……Denn gerade in der Überwindung der Lungenentzündung, in der Selbstheilung, welche dabei vom Menschen angestrebt wird, wirkt die menschliche Individualität entgegen luziferischen Mächten, führt einen förmlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Mächte. Daher ist in der überwindung der Lungenentzündung eine Gelegenheit, dasjenige abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation war. So sehen wir förmlich wirken in der Lungenentzündung den Kampf des Menschen gegen die luziferischen Mächte.”
(GA 120, S. 87, Vortrag von Rudolf Steiner “Heilung und Unheilbarkeit von Krankheiten in Beziehung zu Karma”)

Was lernen wir daraus?
1. Pass auf, wenn du das Bedürfnis sinnlich zu leben hast. Kann zu Lungenentzündung führen. Allerdings erst im übernächsten Leben…
2. Typisch anthroposophisch: Es geht immer irgendwie um Engel und Dämonen, Luzifer und Ahriman…der ewige Kampf zwischen hellen und dunklen Mächten, manichäisch eben.

Ergiebig bezüglich Karma und Behinderung ist der Band “Lebensfragen im Lichte von Reinkarnation und Karma” (GA 125). Lydie und Andreas Baumann-Bay, zwei ausgestiegene Anthroposophen, schreiben dazu in ihrem Buch “Achtung Anthroposophie – ein kritischer Insider-Bericht” (Zürich 2000):

“Wer als Jugendlicher neidisch war, wird im Alter (also noch in der gleichen Inkarnation) mit Unselbständigkeit gestraft, und in der nächsten Verkörperung als schwächliches Kind geboren. Aber demit noch nicht genug! Weil die Schicksalsmächte nichts dem Zufall überlassen, wird dieses Kind nicht einfach irgendwann und irgendwo geboren, sondern ausgerechnet bei den Menschen, die es im Vorigen Leben beneidet hat. Steiner wörtlich: ‘So werden wir unter diejenigen Menschen hineingeboren, die wir beneidet haben, oder die wir getadelt haben’ (S. 197)
Wenn also meine Nachbarin auf mich oder mein neues Auto neidisch ist, so geht sie das Risiko ein, im nächsten Leben mein Kind zu werden. Und damit sie auch recht abhängig von mir wird, wird sie mit einer schwächlichen Konstitution ausgestattet.
Schlimmer noch ergeht es einem lügenhaften Menschen. Er wird nach Steiner im Alter zunächst scheu und im folgenden Leben als geistig Behinderter geboren: ‘Da tritt das Kind nicht nur schwach auf, sondern so, dass es überhaupt kein rechtes Verhältnis zu seiner Umgebung gewinnen kann, dass es schwachsinnig ist.’ (S. 197) Wenn also mein Ehepartner mich ständig belügt, läuft er Gefahr, im nächsten Leben mein schwachsinniges Kind zu werden.”

Soviel zum Thema: Lügen als Grund für geistige Behinderung:
Was meinen Behindertenverbände dazu, dass eine solche Weltanschauung nun an Universitäten und in der Weiterbildung von Aerzten und Aerztinnen geleht werden soll?

Und zu Schluss nochmals:

“Denn es ist schon interessant, zu sehen, dass moralische Defekte, die mit dem Karma zusammenhängen, dass diese so starke Kräfte sind, wo karmische Immoralität ist, dass sie unweigerlich in Deformationen des physischen Organismus auftreten.” (GA 317, Heilpädagogischer Kurs, S. 57)

Wieder ein Beitrag zur anthroposophischen Theorie der Entstehung von körperlicher Behinderung?

Ich kann mich nur wiederholen: Ich finde, dass solch fragwürdige Fantasien staatlicherseits nicht unterstützt werden sollten.

Punkt 2: Abwertende Aussagen von Rudolf Steiner
Nun noch zu Ihrer Aussage, Herr Wichert, dass Steiner es abgelehnt habe, Menschen aufgrund ihrer “Rassenzugehörigkeit” zu beurteilen oder gar zu bewerten.

Im Vortrag vom 22. Nov. 1907 (GA 100, S. 240 / 241) ist die Rede von den Europäern. Sie “sind hinaufgestiegen zu einer höheren Kulturstufe, während die Indianer stehengeblieben und dadurch in Dekadenz gekommen sind”. Dazu gibt es eine Zeichnung: Eine aufsteigende Linie beschriftet mit “Entwickelung der Menschheit”, die an der Spitze zu den Europäern führt. Dazu zwei seitlich-waagrechte Abzweigungen, eine Beschriftet mit “Affengeschlecht, dekadente Abzweigung” und (weiter oben) “Indianer, dekadente Abzweigung”. Steiner erklärt dazu: “Die Seitenzweige, die nicht mehr in die Verhältnisse hineinpassen, werden dekadent. Wir haben also einen geraden Entwickelungsstamm und abgehende Seitenzweige, die verfallen (siehe Zeichnung).”

Die Originalzeichnung (Tafelbild)  können Sie hier sehen (aus GA 100, Vortrag 22. Nov. 1907, S. 240 / 241:

http://rudolf-steiner.blogspot.com/2008/09/augen-zu-und-drucken.html

Keine Beurteilung, keine Abwertung mit dem Begriff “Dekadente Abzweigung” für Indianer??

Im selben Vortrag Seite 243 eine Zeichnung mit aufsteigender Entwicklungslinie, angeschrieben mit Mensch, an der Spitze mit Arier. Auf hier zahlreiche Abzweigungen von der Entwicklung zum Arier, zum Beispiel Fische, Reptilien Säugetiere, Affen, Indianer.
Dazu passend in GA 11, S. 32 / 33: Nach Steiner “obliegt es in der Gegenwart den Ariern, die Denkkraft und das, was zu ihr gehört, zu entwickeln.”
“Nicht etwa deshalb, weil es den Europäern gefallen hat, ist die indianische Bevölkerung ausgestorben, sondern weil die indianische Bevölkerung die Kräfte erwerben musste, die sie zum Aussterben führten.” (Rudolf Steiner, GA 121, S. 79)

Die Ausrottung der Indianer wird hier als karmische Notwendigkeit dargestellt – eine glatte Leugnung europäischer Ausrottungspolitik. Aber auch hier: Karmisch ist offenbar alles in Ordnung. Wie schön.

“ Die Menschen würden ja, wenn die Blauäugigen und Blondhaarigen aussterben, immer dümmer werden, wenn sie nicht zu einer Art Gescheitheit kommen würde, die unabhängig ist von der Blondheit. Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit. Geradeso wie sie wenig in das Auge hineinschicken, so bleiben sie im Gehirn mit ihren Nahrungssäften, geben ihrem Gehirn die Gescheitheit. Die Braunhaarigen und Braunäugigen, und die Schwarzhaarigen und Schwarzäugigen, die treiben das, was die Blonden ins Gehirn treiben, in die Augen und Haare hinein Daher werden sie Materialisten, gehen nur auf dasjenige, was man sehen kann,….”
(GA 348, S. 98 / 99 Vortrag 13. 12. 1922)

Diese auf den ersten Blick nur absurden Sätze bekommen eine erschreckende Dimension, wenn man weiß, daß zur gleichen Zeit ein gewisser Lanz von Liebenfels, ein geistiger Wegbereiter Hitlers, ganze Bücher mit seinen Fantasien von der Herrschaft der Blondhaarigen und Blauäugigen füllte. Fantasien, die in den 30er Jahren grausame Wirklichkeit werden sollten. Lanz von Liebefels und Rudolf Steiner holten sich ihre Rassenvorstellungen aus der Theosophie. Hitler und seine engsten Mitstreiter schöpften die ihren letztlich aus den selben Quellen.

Ich kann Ihnen gerne noch weitere Aussagen von Rudolf Steiner liefern mit ausgesprochen abwertenden Aussagen gegenüber Chinesen, Japanern (die so dumm sind, dass sie ein Schiff, das von Europäern konstruiert wurde, nur im Kreis herum steuern können, GA 354, S. 85/86/87) , Slawen (die sich weigern, von den Germanen zu lernen, GA 174b, S. 42)……
Oder die Negern. Lesen Sie doch mal den ganzen Vortrag vom 3. März 1923 (GA 349). Da können Sie erfahren, dass die Neger Egoisten sind, weil sie eine schwarze Haut haben und darum alle Wärme zurückhalten, dafür kochen sie dann innerlich und besitzen ein starkes Triebleben und Instinktleben.

Sehen Sie da keine Beurteilung und Bewertung, Herr Wichert?
Solche Zitate entspringen im übrigen nicht einfach irgendwelchen Launen des Meisters, sondern seiner Wurzelrassenlehre, bei welcher die Arier an der Spitze der geistigen Entwicklung stehen.

Gutes Material zu diesem Thema gibt es auch bei der “Aktion Kinder des Holocausts”:
http://www.akdh.ch/archiv.html#anthroposophie

Ich stelle die Frage, ob ein “Seher”, der derart absurde Behauptungen aufgestellt hat, glaubwürdig ist in seinen medizinischen Aussagen.

Die Anthroposophische Medizin basiert ja fast ausschliesslich auf seinen Erkenntnissen aus höheren, übersinnlichen Welten (Akasha-Chronik).Wenn der Mann aber dort tatsächlich auch die Indianer als dekadente Abzweigung in der Entwicklung der Menschheit (und viel ähnlichen Bullshit) gehen hat, scheinen mir seine medizinischen “Erkenntnisse” auch nicht sehr überzeugend.

Weitere Beiträge:

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

Freundliche Grüsse

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Falschaussage von Simonetta Sommaruga zur Komplementärmedizin-Abstimmung

Mittwoch, April 15th, 2009

Ich selber habe mich – als Naturheilkundler – noch nicht entschieden, ob ich am 17. Mai Ja oder Nein stimmen soll und verfolge die Äusserungen zu diesem Thema mit grossem Interesse.

Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) hat in der Tagesschau vom 9. April, 19.30 nun aber eine Aussage gemacht, die so irreführend und falsch ist, dass sie meiner Meinung nach nicht einfach so im Raum stehen gelassen werden sollte. Darum hier ein paar Fragen an Simonetta Sommaruga:

Sehr geehrte Frau Sommaruga

Ich schätze Ihre Politik in der Regel, gerade weil sie nicht so von einseitigem Lagerdenken geprägt ist, sondern differenziert argumentiert.
Im Bereich der Komplementärmedizin vermisse ich aber in Ihren Äusserungen dieses differenzierte Denken vollständig.

In der Tagesschau SF1 vom 9. April 2009, 19.30 Uhr, sagten Sie:

“Wenn Bundesrat Couchepin aber die Zulassungsverfahren korrekt anwendet und umsetzt und unvoreingenommen prüft, dann gehe ich heute davon aus, dass die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung zugelassen werden, weil sie nämlich wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind, das haben alle wissenschaftlichen Studien gezeigt.”

Die Aussage, dass alle wissenschaftlichen Studien zeigen, dass die fünf Methoden (gemeint: Homöopathie, Anthroposophische Medizin, TCM, Phytotherapie, Neuraltherapie) wirksam sind, ist einfach nicht wahr.

Oder wie verwenden Sie den Begriff “wirksam sein” im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Studien?

1. Der Patient oder die Patientin findet, dass es ihm / ihr besser geht?
Dann müssten Sie konsequenterweise auch Scientology und Uriella als Heilmethode über die Grundversicherung zulassen. Sehr viele Patientinnen und Patienten sind dort begeistert von den “Erfolgen”. Und ich mag es zwar jedem Menschen gönnen, wenn es ihm besser geht – Mit Wissenschaft hat da aber noch kaum etwas zu tun.

2. Oder heisst “wissenschaftlich wirksam” für Sie, der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin sind von der Wirkung überzeugt?
Das wäre meines Erachtens sehr “arztgläubig” und naiv.

3. Oder verstehen Sie unter “wirksam sein”, dass auch unterschieden wird zwischen der Methode oder dem Heilmittel als solchem und den in allen Fällen mitwirkenden Faktoren wie Placebo-Effekt, natürliche Selbstheilungsprozesse und natürliche Auf- und Abs bei chronischen Verläufen. Das wäre dann ja etwa das, was Wissenschaft unter anderem mit Studien mehr oder weniger erfolgreich versucht zu unterscheiden.

Wenn mit der Aussage, dass alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit zeigen Punkt 1 und/oder 2 meinen, dann ist höchst fraglich, ob man von “wissenschaftlich” reden kann.

Wenn Sie Punkt 3 meinen, dann ist Ihre Aussage krass falsch.

Es stimmt einfach nicht, dass alle wissenschaftlichen Studien für alle fünf Methoden die Wirksamkeit belegen.
Es gibt diesbezüglich Differenzen, Widersprüche, grosse Unterschiede….

Wer nicht einfach aus einem komplementärmedizinischen Lagerdenken auf das Feindbild Schulmedizin starrt, sieht meines Erachtens, dass beispielsweise die Studienlage im Bereich “Homöopathie” und “Anthroposophische Medizin” desolat ist.
Hier nur zwei Links dazu (es gäbe Dutzende):

http://www.evimed.ch/AGORA/HTZ000/downloads/asthmahomoeopathie.pdf
Diese Studie berücksichtigt auch die homöopathischen Regeln der individuellen Arzneimittelfindung und damit einen der häufigsten Einwände der Homöopathie-“Szene” gegen die Überprüfung mit Studien.

Was halten Sie, Frau Sommaruga, von dieser Studie?

Halten Sie trotzdem fest an Ihrer Aussage, dass alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit der Komplementärmedizin zeigen?
Dann wäre diese Studie also einfach für Sie keine Wissenschaft? Mit welcher Begründung?

http://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Homoeopathie-ist-eine-widerlegte-Methode/story/16361064

Die Reaktionen auf diesen Artikel in der Öffentlichkeit sind übrigens sehr typisch. Jeder, der irgendwo eine kritische Anmerkung macht im Bereich der Komplementärmedizin, muss sich die Unterstellung anhören, er sei von der Pharmaindustrie gekauft (das kenne ich selber zur Genüge). So laufen halt die Feindbilder. Und so muss man sich auch nicht mit den Argumenten auseinandersetzen.

Halten Sie entgegen den Arbeiten von Professor Ernst an Ihrer Aussage fest, dass alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit der Komplementärmedizin zeigen?
Mit welcher Begründung?

Ich selber bin nicht der Meinung, dass Studien immer das letztgültige Mass sein sollten.

In meinem eigenen Fachgebiet – der Phytotherapie – sind nur etwa ein Dutzend Heilpflanzen aus wissenschaftlicher Sicht ausreichend fundiert. Das mindert den Wert für mich keineswegs.

Ich bin aber strikt dagegen, offene Fragen, Widersprüche und Defizite in der Komplementärmedizin auszublenden, nur weil “Komplementärmedizin” eine sympathische Sache ist. Diese Scheuklappen sehe ich bisher bei fast allen Befürworterinnen und Befürworter der Vorlage vom 17. Mai. Hauptsache mehr Komplementärmedizin!

Das erschwert es mir sehr, mich für ein “JA” zu entscheiden.

In über 25 Jahren Lehrtätigkeit im Terrain Naturheilkunde / Kompelmentärmedizin habe ich nämlich auch zur Genüge mitbekommen, wie verbreitet hier Allmachtsdenken, gefährliche Selbstüberschätzung und sektiererische Tendenzen sind – und wie massiv die Probleme bezüglich Qualitätssicherung.

So pauschale, absolute und irreführende Aussagen wie die Ihre in der Tagesschau verhindern genau die konstruktive Zusammenarbeit zwischen “Schulmedizin” und Komplementärmedizin, die mir am Herzen liegt. So werden gegenseitige Feindbilder gefestigt, statt aufgeweicht.

Und noch eine letzte Frage:

Falls Studien nicht zur Unterscheidung von Wirksamkeit und Unwirksamkeit herangezogen werden sollen: Welche Kriterien dann?
Oder geben Sie diese Unterscheidung ganz auf? Dann sind wir aber wieder bei Scientology und Uriella.

Freundliche Grüsse

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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Komplementärmedizin-Abstimmung: Beda Stadler blogt….

Dienstag, April 14th, 2009

Der Berner Immunologe Beda Stadler blogt neu auf www.nzz.ch zur Abstimmung über den Verfassungsartikel betreffend Förderung der Komplementärmedizin am 17. Mai 2009.

Das finde ich grundsätzlich begrüssenswert, existiert doch eine fundierte Auseinandersetzung über dieses wichtige Thema bisher kaum.

Allerdings kommen die Beiträge von Beda Stadler, wie ich sie bisher kenne, hauptsächlich krass polemisch, aber dafür sehr faktenarm bis faktenfrei daher.

Ein Schuss Polemik mag gewiss manchmal wie Salz & Pfeffer in der Suppe wirken.
Aber von Beda Stadler, der für sich eine rationalistische Position in Anspruch nimmt, erwarte ich vor allem präzise, fundierte Argumente. Den ersten Stadler-Beitrag im NZZ-Blog vom 14. April würde ich in die Kategorie fakten- und argumentefrei einordnen.

Aber wer weiss – da gibt es ja vielleicht noch Steigerungspotenzial.

Beda Stadler als reiner Polemiker – das wäre übrigens ist das Beste, was den VertreterInnen von Homöopathie und Anthroposophie passieren kann: Ein lupenreines Feindbild, welches das eigene Lager schön zusammenhält und dann auch motivieren wird, an die Urne zu gehen.

So werden doch die alten Gräben zwischen AnhängerInnen von Komplementärmedizin und “Schulmedizin” schön gepflegt und befestigt, bewährte Feindbilder restauriert und konserviert. So bleibt immer gewährleistet, dass keine Seite auf die Idee kommt, dass sie von der anderen vielleicht sogar etwas lernen könnte…..

Auf dieser Ebene möchte ich eine solche Auseinandersetzung lieber nicht führen.
Ich warte aber gespannt auf präzise Argumente in verständlicher Form.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementämedizin-Abstimmung: Fragen an Ständerat Büttiker

Dienstag, April 14th, 2009

Ständerat Rolf Büttiker gibt auf
http://bazonline.ch/schweiz/standard/Natuerlich-nuetzt-Homoeopathie/story/23650760

ein Interview zur Abstimmung über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin vom 17. Mai 2009.

Da meines Erachtens bisher jede seriöse Auseinandersetzung mit dieser Vorlage fehlt, hier ein paar Fragen an Rolf Büttiker:

Sehr geehrter Herr Büttiker

Es ist immer schön und gut, für mehr Komplementärmedizin zu plädieren. Aber entscheidende Fragen, werden meines Erachtens auch in diesem Interview weder gestellt noch beantwortet.

Beispiel:

Frage der Journalistin: Es ist umstritten, ob die Komplementärmedizin überhaupt wirkt. Muss die Allgemeinheit zahlen, was gar nichts nützt? ?
Antwort von Rolf Büttiker: “Natürlich nützt sie. Komplementärmedizin ist wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich – wie es das Gesetz verlangt.”

Pauschaler geht es meiner Ansicht nicht mehr. Man kann doch nicht undifferenziert und allumfassend sagen, dass Komplementärmedizin (jede?) wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist.

Bestimmte Methoden oder Heilmittel der Komplementärmedizin sind bei gewissen Krankheiten wirksam, zweckmässig und/oder wirtschaftlich.

Bestimmte Methoden oder Heilmittel der Komplementärmedizin sind bei gewissen Krankheiten unwirksam, unzweckmässig und/oder unwirtschaftlich.

Genau wie bestimmte Methoden oder Heilmittel der “Schulmedizin” bei gewissen Krankheiten wirksam, zweckmässig und/oder wirtschaftlich sind.

Und bestimmte Methoden oder Heilmittel der “Schulmedizin” bei gewissen Krankheiten unwirksam, unzweckmässig und/oder unwirtschaftlich sind.

Allerdings gibt es in der “Schulmedizin” Kriterien, nach denen bespielsweise die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit beurteilt werden kann. Kriterien die (zumindestens potentiell) transparent sind, wenn auch nicht fehlerfrei.

Die entscheidende Frage ist nun: Wenn Sie, Herr Büttiker, wissenschaftliche Kriterien wie Studien für die Komplementärmedizin nicht anwenden wollen, welche Kriterien verwenden Sie dann?

Auf diese Frage hätte ich gerne eine konkrete Antwort, bevor ich mich für ein Nein oder Ja am 17. Mai entscheide.

Bestimmt einfach jede Komplementärmethode für sich selber, was wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist?
Nach welchen Kriterien genau?

Reichen ein paar begeisterte Berichte von Patientinnen und Patienten? Wird bei der Bewertung solcher Berichte unterschieden zwischen Placebo-Effekt, natürlicher Selbstheilung und natürlichem Auf- und Ab- im Krankheitsverlauf chronischer Beschwerden (wie es die “Schulmedizin” mit Studien versucht)?

Oder hat diese Unterscheidung für Sie keine Bedeutung?

Dann müssten aber konsequenterweise auch die als Heilmittel propagierten Wässerchen der Uriella-Sekte über die Grundversicherung abgerechnet werden? Diese Frage ist ernstgemeint, nicht nur als Provokation.

Es kann sein, dass diese Unterscheidung für den Patienten oder die Patientin nicht so wichtig ist. Aber ist sie Ihrer Meinung nach auch irrelevant betreffend Zulassung zur Grundversicherung?

Kann ich selber dann auch eine Heilmethode zur Grundversicherung anmelden, wenn ich begeisterte Patientenberichte vorweisen kann? – Oder kommt es dann vor allem oder ausschliesslich auf geschicktes Lobbying an, wer zur Grundversicherung zugelassen wird und wer nicht?

Weiter unten im Interview sagen Sie, Herr Büttiker:
“Arzt und Patient sollen entscheiden, welche Methode sinnvoll ist.”

Das ist ja schön, das hört man als Patient immer gerne, darauf habe ich schon lange gewartet.
Für meine Rückenbeschwerden haben sich Spiraldynamik und Pilates als sehr wirksam erwiesen. Physiotherapie und Chiropraktik, die von der Grundversicherung übernommen werden, haben nur begrenzt geholfen.

Ich könnte meinen Hausarzt mit guten Argumenten überzeugen, mir Spiraldynamik oder Pilates zu verschreiben.
Warum werden diese Methoden nicht auch in die Grundversicherung aufgenommen?

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, dass Physiotherapie, Homöopathie, Anthroposophische Medizin etc. von der Grundversicherung bezahlt werden soll, Spiraldynamik und Pilates aber nicht? Ich nehme ja nicht an, das Sie einfach alles in die Grundversicherung nehmen wollen, was Arzt und Patient sinnvoll finden. Ihre Kriterien würden mich sehr interessieren.

Heilmittel aus der Phytotherapie müssen in Studien zeigen, dass sie über den Placebo-Effekt, die natürliche Selbstheilung und das natürliche Auf- und Ab der Beschwerden bei chronischen Verläufen hinaus eine Wirkung haben, wenn sie als Heilmittel zugelassen werden wollen. Einer ganzen Anzahl von Phytotherapeutika ist dieser Qualitätsnachweis auch gelungen. Sie werden heute schon von der Grundversicherung bezahlt.

Homöopathische und Anthroposophische Heilmittel werden von den Behörden bevorzugt, indem sie von jedem Wirkungsnachweis befreit sind.
Wie begründen Sie, Herr Büttiker, diese Ungleichbehandlung?

Wenn man einen Teil der komplementärmedizinischen Pharma-Industrie vom Wirksamkeitsnachweis befreit, warum nicht auch die “normale” Pharma-Industrie? Zur Klarstellung: Es ist nicht meine Position, dass man Novartis, Roche und Co. vom Wirkungsnachweis befreien soll. Bei dem hübschen Sümmchen, das Herr Vasella sich nimmt, braucht er nicht noch zusätzliche Geschenke.

Aber mich würden die Kriterien interessieren, mit denen Sie diese Ungleichbehandlung begründen. Als Liberaler müssten Sie doch für Gleichbehandlung aller Marktteilnehmer sein?

Ich bin dafür, dass alle Heilmittel, ob komplementärmedizinische oder “schulmedizinische”, die über die Grundversicherung abgerechnet werden sollen, überzeugend aufzeigen müssen, dass sie einen Effekt haben über den Placebo-Effekt, die natürlichen Selbstheilungsvorgänge und das natürliche Auf- und Ab- chronischer Verläufe hinaus.
Nun werden Sie wohl sagen, dass man das bei komplementärmedizinischen Heilmitteln mit wissenschaftlichen Methoden eben nicht kann. Ganz abgesehen davon, dass diese Vorstellung meistens nicht stimmt und eine Schutzbehauptung zur Immunisierung gegen Kritik ist:
Mich interessiert, nach welchen Kriterien Sie diese Unterscheidung dann machen wollen.

Freundliche Grüsse

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Passivrauchen schädigt Gehirn

Montag, April 13th, 2009

Amerikanische Wissenschaftler haben erforscht, ob sich auch Passivrauchen auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns auswirkt. In einer Querschnittsuntersuchung, der Health Survey for England, wurden fast 5000 nicht rauchende Erwachsenen mit einem Alter von mindestens 50 Jahren erfasst.

Die Passivrauchexposition wurde objektiv durch die Bestimmung der Konzentration von Kotinin im Speichel festgestellt. Bei Kotinin handelt es sich um ein Abbauprodukt des Nikotins.

Die Studienteilnehmer nahmen an einer kognitiven Testserie teil, die verbales Gedächtnis, rechnerische Fähigkeiten, Zeitorientierung und Wortflüssigkeit erfasste.
Verglichen mit Personen, die in der Quartile mit der geringsten Kotininkonzentration lagen, schnitten Probanden in der zweiten, dritten und vierten Quartile in den kognitiven Tests schlechter ab. Dabei liess mit steigender Kotininkonzentration die kognitive Leistung nach. Das Viertel mit der höchsten Kotininkonzentration im Speichel zeigte ein um 44 % erhöhtes Risiko für kognitive Einbußen.

Auslöser der kognitiven Beeinträchtigung sind vermutlich die Auswirkungen von Passivrauch auf Herz und Kreislauf und daraus folgende Durchblutungsstörungen.

Quelle: Medical Tribune – 41. Jahrgang – Nr. 15/2009
Originalpublikation: DJ. Llewellyn et al., BMJ 2009; 338: b462

Kommentar:

Gesundheit lässt sich oft nicht einfach fördern oder herstellen mit Heilpflanzen, Globulis oder Medikamenten. Gesundheit hat immer auch Aspekte, die mit unserem Zusammenleben verknüpft sind, mit unserer Kultur und Gesellschaft. In diesem Sinne darf sich Naturheilkunde meines Erachtens nicht fixieren auf die isolierte Behandlung von Individuen mit Naturheilmittel. Sie muss den gesellschaftlichen Kontext mit einbeziehen.

Allerdings gibt es beim Thema “Gesundheit” auch ein Risiko sektiererischer Entgleisung. Es muss sorgfältig im Auge behalten werden, wer wem nun seine Gesundheitsvorstellungen aufdrängt oder sie für allgemein verbindlich erklärt. Augenmass ist hier gefragt. Das gilt auch beim Thema “Rauchverbote”.

Diese Studie zeigt allerdings einmal mehr, wie wichtig der Schutz von Nichtrauchern ist durch Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Restaurants und an Arbeitsplätzen.
Bei diesem Thema wird ja immer wieder über die Einschränkung der Freiheit der Raucherinnen und Raucher durch intolerante Nichtraucher geklagt und über eine Diskriminierung der rauchenden Bevölkerungsgruppe. Das ist aber doch gar nicht der entscheidende Punkt.

Es geht meines Erachtens nicht darum, das Rauchen zu verbieten, sondern einzig um den Schutz der Nichtraucher. Ich möchte als Nichtraucher mich frei auch in Restaurants bewegen können, ohne mit stinkenden Kleidern und brennenden Augen bestraft zu werden. Die Auswahl an rauchfreien Restaurants ist immer noch sehr beschränkt und meine Geduld in dieser Hinsicht aufgebraucht.

Die Stimmberechtigten des Kantons Zürich haben ein ziemlich restriktives Rauchverbot in Restaurants beschlossen. Dass unsere Volkswirtschaftsdirektorin Rita Furrer (SVP) diesen Volksentscheid offenbar verwässert und die Umsetzung verzögert, finde ich unakzeptabel. Die Gastro-Lobby hat dort wohl zuviel Einfluss.

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Frauenpolitikerin in Afganistan ermordet

Sonntag, April 12th, 2009

Vier bewaffnete Männer haben in der südafghanischen Stadt Kandahar am Sonntag laut Polizeiangaben eine für Frauenrechte engagierte Politikerin erschossen. Die vier Männer fuhren auf zwei Motorrädern vor dem Haus der Politikerin vorbei und schossen auf sie, als sie aus dem Auto aussteigen wollte. Das gab der Polizeichef der Provinz Kandahar bekannt.

Die Taliban bekannten sich zu dem Anschlag auf die Kommunalpolitikerin.
Die ermordete Provinzrätin Sitara Achaksai besass neben der afghanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie hatte die Jahre der Taliban-Herrschaft im deutschen Exil verbracht. Nach deren Sturz kehrte sie zurück, um für Frauenrechte zu kämpfen, wie ein Mitglied der Frauenvereinigung von Kandahar erklärte.

Quelle: ap / nzz online

Kommentar:
Schreiben Sie Herrn Karzai einen Brief:
http://www.amnesty.de/downloads/frauenrechte-brief-karzai?

Und unterstüzen Sie die Aktion “Tinte gegen Taliban”:
http://www.zeit.de/2007/06/Afghanistan-Schule

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Schwangerschaft: Schadet Feinstaub dem Ungeborenen?

Sonntag, April 12th, 2009

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass Luftverschmutzung Kinderlungen erst im Schulalter zu schaffen machen kann. Eine Schweizer Studie, die auf dem europäischen Lungenkongress (der European Respiratory Society ERS) in Berlin vorgestellt wurde, zeigt aber nun: Zu viel Feinstaub in der Luft kann auch schon bei ungeborenen Kindern die Entwicklung der Lungen beeinträchtigen und insofern bereits Föten im Mutterleib schädigen.

Für die Untersuchung hat der Wissenschaftler Philipp Latzin von der Universität Bern den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Lungenleiden bei 241 Neugeborenen erforscht. Dazu wurde die Qualität der Luft erfasst, welche Schwangere je nach Wohnort einatmen, wobei im Einzelnen die Werte für Ozon, Stickstoffdioxid und Feinstaub (PM10) und die Nähe des Wohnorts der werdenden Mütter zu Hauptverkehrsstraßen berücksichtigt wurden.

Nach der Geburt wurde die Lungenfunktion der Säuglinge im Alter von fünf Wochen und während diese schliefen gemessen. Veränderungen in den Atemfrequenzen der Neugeborenen wurden hauptsächlich nach einer starken Feinstaubbelastung während der Schwangerschaft festgestellt. Verglichen mit Müttern, die fern einer Hauptstraße gelebt hatten, atmeten die Babys von Müttern an belebten Verkehrsadern schneller, nämlich 48-mal statt 42-mal pro Minute. Bei Babys, deren Mütter vor allem im letzten Schwangerschaftsdrittel Luftverschmutzung ausgesetzt waren, wurde zudem eine größere Neigung zu Atemwegsentzündungen beobachtet.

Zur Erklärung der festgestellten Auswirkungen gibt es mehrere Theorien. Latzin vermutet, dass Luftverschmutzung die Lungen der Mütter angreift und den Blutzufluss zur Plazenta senkt, welcher für den Austausch von Nährstoffen und Sauerstoff zwischen Mutter und Fötus sorgen soll. Weniger Blutzufluss würde heissen, dass ungeborene Kinder weniger Nährstoffe während der Schwangerschaft bekommen. Einer anderen Theorie zufolge könnten Feinstaubpartikel über die Lunge ins Blut der Mutter und dann auch in das Blut des Kindes gelangen und dann dessen Atemrhythmus verändern. Eine weitere Möglichkeit wäre eine durch Feinstaub ausgelöste Stoffwechselstörung der Mutter, die eine reduzierte Bildung von Wachstumsfaktoren zur Folge haben könnte, was beispielsweise die Ausbildung der Lungenbläschen beim Kind beeinträchtigen würde.

Insgesamt sehen die Forscher ihre Resultate als Beweis dafür an, dass die Grenzwerte für Luftverschmutzung weiter reduziert werden sollten. Wenn ihre Hypothese tatsächlich stimmen sollte, könnten auch schon vorgeburtliche Einflüsse auf die Atemwege zu einem Anstieg der Häufigkeit von Lungenkrankheiten beitragen und zu einer verminderten Lebenserwartung führen.

Quelle: www.kinderaerzte-im-netz.de

Kommentar:

Ein weiterer Hinweis darauf, dass Gesundheit nicht einfach als individuelles “Produkt” aufgefasst werden kann, sondern dass es auch darum geht, gemeinsam “gesunde Verhältnisse” zu schaffen.

Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, es gehe auch im Bereich von Naturheilkunde / Komplementärmedizin zu stark ausschliesslich um die Suche nach den richtigen “Chügeli”, Tröpfli, Diäten, Heilpflanzen-Präparaten etc., die dann gesund machen sollen. Die Frage nach Gesundheit und Krankheit fixiert sich dann sehr auf das einzelne Individuum und der Kontext, in welchem dieser Mensch lebt, gerät ausser Sichtweite.

Aber hier, im individuellen Bereich, glaubt man halt etwas machen zu können, während man sich dem Feinstaub gegenüber ohnmächtig fühlt. Ein Teil des heute betriebenen Aufwandes an Nahrungsergänzung, Entgiftung etc. scheint mir Ausdruck einer Resignation, was die Gestaltung gesunder Lebensverhältnisse betrifft.

Ich bin natürlich dafür, geeignete Heilpflanzen zur Behandlung bestimmter Beschwerden zu suchen.

Ich würde dies aber nicht mit der überhöhten Erwartung verknüpfen, dass solche Naturheilmittel mir Gesundheit sichern in einer ungesunden Welt.

Und ich würde mir ob all der Schreckensmeldungen ab und zu auch die Frage stellen, ob unsere Welt wirklich an jedem Punkt so riskant ist, dass es kübelweise Nahrungsergänzungsmittel, Heilkräuter, Globuli, Bachblüten und was weiss ich nicht noch alles braucht, um damit klarzukommen.

Vielleicht würde da auch manchmal eine entspanntere Haltung bezüglich solch individueller “Rettungsstrategien” gut tun, ohne dass wir aber an gemeinsamen Zielen – zum Beispiel einer Reduktion von Feinstaub – Abstriche machen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Neuraltherapie und die Komplementärmedizin-Abstimmung vom 17. Mai

Sonntag, April 12th, 2009

In der “NZZ am Sonntag” von 12. April 2009 setzt sich Urs Guthauser unter dem Titel “Noch nie etwas von Quantenphysik gehört?” für die Neuraltherapie ein, um die es in der Abstimmung vom 17. Mai unter anderem geht. Urs Guthauser ist Facharzt für Chirurgie und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Neuraltherapie. Der Artikel zeigt meines Erachtens einige Grundprobleme, die wir im Spannungsfeld zwischen Medizin und Komplementärmedizin haben.

Guthauser argumentiert vor allem mit Erkenntnissen der Quantenphysik, die von der Schulmedizin nicht zur Kenntnis genommen würden.
Nun ist Quantenphysik aber ein diffiziles Terrain. Tönt hoch wissenschaftlich und hat damit erstaunlicherweise auch in Esoterik-Kreisen eine hohe Glaubwürdigkeit. Andererseits versteht der allergrösste Teil der Menschen – ich schliesse mich hier ein – davon nicht einen Schimmer. Das ist eine gute Voraussetzung für Einnebelung.

Klar scheint mir: Die Ergebnisse der Quantenphysik werden von den Fachleuten unterschiedlich interpretiert, gerade auch was ihre Bedeutung für die Medizin anbelangt.
Sehr erstzunehmende Physiker wie Prof. Martin Lambeck haben beispielsweise mit präzisen Argumenten gegen die Vereinnahmung der Quantenphysik durch Fritjof Capra Stellung genommen.

Bezüglich der Abstimmung vom 17. Mai stellt sich nun die Frage:
Warum soll eine Interpretation der Quantenphysik, wie sie Urs Guthauser für die Neuraltherapie in Anspruch nimmt, und die sich in der wissenschaftlichen Diskussion (jedenfalls bisher) nicht durchsetzen konnte, von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern auf politischen Weg bevorzugt werden. Notabene durch Stimmende, die von Quantenphysik überwiegendst keine Ahnung haben.

Dafür müsste man mir sehr starke Argumente liefern, und das tut Urs Guthauser meines Erachtens nicht.

Guthauser wendet sich gegen Doppelblind-Studien und macht dieses Instrument der Erkenntnisgewinnung tendenziell eher lächerlich. Seine Begründung dieser Ablehnung bleibt aber sehr nebulös. An anderer Stelle legt er dar, dass komplementärmedizinische Methoden mit schulmedizinischen Möglichkeiten eben nicht messbar seien, weil sie auf der quantenphysikalischen Ebene wirken.

Zumindestens gegen die Doppelblind-Studien ist das kein Argument. Eine Doppelblind-Studie misst die Linderung von Beschwerden an Patienten. Wie diese Linderung zustande kommt – ob quantenphysikalisch oder “konventionell”, ist in diesem Zusammenhang egal. Was also spricht konkret gegen Doppelblind-Studien zur Überprüfung der Neuraltherapie? – Ich würde nicht behaupten, dass Doppelblindstudien der einzige gültige Massstab sind. Da könnte ich auch in meinem Bereich – der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde – “den Laden dichtmachen”, weil nur ein paar Dutzend Heilpflanzen-Präparaten “doppelblind” belegt sind.

Allerdings sollte, wer Doppelblindstudien ablehnt, schon genauer erläutern, wie er denn gedenkt, eine Wirksamkeit seiner Methode plausibel zu machen. Wenn Urs Guthauser im Artikel einfach behauptet, die positiven Effekte der Neuraltherapie seinen “klar erkennbar, auch wenn sie nicht immer messbar sind”, dann reicht das nicht.

Es braucht eine ernsthafte und sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Placebo-Phänomen, weil dieser Effekt bei allen therapeutischen Massnahmen auftritt, ob sie nun “schulmedizinisch” sind oder “komplementär”. Bei Injektionen, wie sie die Neuraltherapie einsetzt, ist der Placebo-Effekt zudem in der Regel grösser als bei Tees oder Tabletten. Guthauser wischt das Placebo-Phänomen etwas gar schnell vom Tisch.

Es braucht eine Auseinandersetzung mit dem oft hohen Anteil, welchen Selbstheilungvorgänge und normale Schwankungen im Verlauf chronischer Krankheiten an der Besserung von Beschwerden haben. Wer diese Effekte vorschnell der eigenen Therapie zuschreibt, macht sich etwas vor und täuscht möglicherweise auch Patientinnen und Patienten.

Ich sehe im Artikel von Urs Guthauser keine Offenheit für solch kritische Reflexion (aber vielleicht täusche ich mich da).

Im Gegenteil: Der Artikel kommt ziemlich überheblich daher gegenüber allen, die halt zu borniert sind um Quantenphysik zu verstehen und immer noch skeptisch gegenüber der Neuraltherapie. Kein gute Voraussetzung für eine offene Diskussion.

Guthauser spielt undifferenziert mit dem Feindbild “Schulmedizin”:
“Die Schulmedizin sieht den Körper getrennt vom Geist. Sie sieht den Körper als aus Einzelteilen zusammengesetzte Maschine.”
So habe ich mich von meinem Hausarzt jedenfalls noch nie auch nur ansatzweise betrachtet bzw. behandelt gefühlt. Nicht einmal von meinem Augenarzt oder von meiner Ärztin für physikalische Therapie könnte ich das behaupten. Was soll also diese pauschale Verzerrung. Wer sich so behandelt fühlt, soll sich einen anderen Arzt oder eine andere Ärztin suchen.

Und wenn Guthauser schreibt, dass die Schulmedizin den Körper getrennt vom Geist sieht, dann stimmt das so generell auch nicht. Wissenschaft ist meiner Ansicht nach tendenziell eher monistisch und weniger dualistisch.

Die pauschale Polemik gegenüber der “Schulmedizin”, die in diesem Artikel anklingt, ist eines der Kernprobleme im Bereich der Komplementärmedizin. Genauso fragwürdig ist aber natürlich umgekehrt auch die (oft) faktenfreie Polemik eines Beda Stadlers, der die “Komplementärmedizin” in der Regel sehr undifferenziert in einen Topf wirft.

Ich hatte mal sehr viel Verständnis für die Klagen aus der Komplementärmedizin über die Feindbilder der “Schulmedizin”. Es hat lange gedauert bis ich gemerkt habe, dass sehr viele ärztliche und nichtärztliche Vertreter der Komplementärmedizin ihrerseits massiv auf das Feindbild “Schulmedizin” angewiesen sind.
Seither versuche ich mich möglichst ausserhalb dieser Lager zu positionieren.

Links zu weiteren Beiträgen zur Abstimmung vom 17. Mai finden Sie unten rechts.

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