Archive for Dezember, 2008

Naturinseln entdecken und kennen lernen

Donnerstag, Dezember 18th, 2008

Bin gerade auf ein interessantes Zitat gestossen:

“Sehen Sie, sagte mir einst Assessor Gutenberger, als wir miteinander zum Rothen Bühlthor hinausspazierten, sehen Sie, wie man mir diesen Platz ruinirt hat! Ich sah hin; wo seit undenklicher Zeit Schutthaufen gelegen hatten, zog sich auf dem geebneten Boden eine schnurgerade Reihe junger Äpfelbäume hin, die Fläche aber war mit Klee eingesät worden, der üppig heranwuchs. Ruinirt? fragte ich lächelnd. Ruinirt, wiederholte er, hier standen die herrlichsten Exemplare von Xanthium strumarium, von Leonurus cardiaca, Onopordon acanthium, Hyoscyamus niger,* das alles ist vertilgt und was sieht man? Äpfelbäume, Klee, die kann man überall sehen! Seitdem gehe ich nicht leicht mehr zum nun auch ruinirten Rothen Bühlthor hinaus, ohne an diese ruinirte Gesellschaft zu denken. Wie Vieles ist seitdem auf diese Weise ruinirt worden!”
* = Spitzklette, Herzgespann, Eselsdistel, Bilsenkraut
(G. v. Martens, 1855, Quelle: Michael Lohmann, Naturinseln in Stadt und Dorf, BLV Verlag 1986)

Erstaunlich, dass die Zerstörung von Naturinseln in der Stadt schon vor über 150 Jahren ein Thema war und als Verlust erlebt wurde.
Seither wurde die Natur in der Stadt noch sehr viel weiter zurück gedrängt. Allerdings gibt es in manchen Städten seit etwa 10 Jahren eine Kehrtwende. Viele Stadtgärtnereien sind toleranter geworden gegen “Wildwuchs”. Heilkräuter und Wildblumen bekommen so wieder eine Chance in der Stadt. An vielen Orten werden sogar Naturinseln geschaffen, zum Beispiel Trockenstandorte auf Verkehrsinseln. Da wachsen dann mitten in der Stadt Zürich Pflanzen, die ich sonst vor allem vom Wallis oder vom Bündnerland her kenne. Vielen Dank an die Stadtgärtnerei!
Die Zahl der Pflanzenarten ist in der Stadt etwa doppelt so hoch wie auf einer gleich grossen Fläche Kulturland. Beteiligt an der Rückkehr der Natur in die Stadt sind auch viele Gartenfreundinnen und Gartenfreunde. Auch im privaten Garten ist die Toleranz gegenüber von Wildkräutern gewachsen. Es wird nicht mehr einfach alles sofort eliminiert, was als “Gastkraut” im Garten auftaucht. Davon profitieren auch Schmetterlinge, Wildbienen, Vögel und andere Tiere.

Allerdings nehmen viele Bewohnerinnen und Bewohner der Städte und Dörfer die vorhandenen Naturinseln gar nicht oder nur sehr am Rande wahr. Das hat wohl damit zu tun, dass man weit gehend nur das sieht, was man schon kennt. Heilkräuter-Exkursionen können hier zu einer reichhaltigeren Natur-Wahrnehmung beitragen, indem sie die Augen schärfen auch für die kleinen Wunder an der Hausecke, auf dem Vorplatz, am Strassenrand etc. Dadurch wird der Alltag an vielen Stellen farbiger, lebendiger und spannender. Auf meiner Website www.phytotherapie-seminare.ch finden Sie im “Kurskalender” jetzt erste Kurse aus dem Jahresprogramm 2009.

Es geht aber nicht nur um ein Wecken der eigenen Wahrnehmung. Wenn mehr Menschen ein Auge haben für die Naturinseln in der Stadt, dann stärkt das quasi auch die “Lobby” für die Stadtnatur. Und eine grössere Vielfalt an Pflanzen und Tieren in der Stadt wirkt sich wohl wieder positiv auf das Wohlbefinden der Menschen aus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Künstliche Rauschsubstanz in “Spice”-Kräutermischung entdeckt

Montag, Dezember 15th, 2008

Seit einigen Wochen tauchen in den Medien verstärkt Berichte auf über eine Kräutermischung namens “Spice”. Das bisher nur wenig bekannte Produkt ist so innerhalb weniger Monate zur “Modedroge” geworden. Spice – zu Deutsch – “Gewürz” wurde zunächst vor allem von Insidern aus der Kifferszene konsumiert, also jungen Erwachsenen mit regelmäßigem und intensivem Cannabiskonsum. Für diese Gruppe ist Spice attraktiv, weil es ähnlich wie Haschisch oder Marihuana zu wirken scheint, aber bei Urinkontrollen nicht nachgewiesen werden kann. Unklar blieb bisher, auf welchen Inhaltsstoff der Mischung die Rauschwirkung zurückzuführen ist. Die als Bestandteil von “Spice” verwendeten Kräuter nämlich weisen keine entsprechenden Wirkstoffe auf. In Deutschland haben bereits verschiedene Institutionen und Behörden Analysen in Auftrag gegeben, doch konnte die Wirkung noch nicht geklärt werden. Das Drogenreferat der Stadt Frankfurt hat deshalb einige Proben von “Spice” durch das Frankfurter Pharmaunternehmen THC-Pharm analysieren lassen. Diese Firma verfügt als Hersteller von Cannabis-ähnlichen Wirkstoffen zu medizinischen Therapiezwecken über grosse Erfahrung mit solchen Substanzen.
Stadträtin Dr. Rottmann sagte, dass die Frage nach der Zusammensetzung von “Spice” wichtig sei, um gesundheitliche Folgen des Konsums abschätzen zu können.
THC-Pharm ist es nun erstmals gelungen, einen relevanten Wirkstoff in “Spice” nachzuweisen und so das Geheimnis der Modedroge zu knacken. Demnach werden die berauschenden Effekte keineswegs von den natürlichen Kräutern selbst hervorgerufen. Vielmehr wurde in den analysierten Proben von “Spice Gold”, “Arctic Synergie” und “Yukatan Fire” die Substanz JWH-018 in unterschiedlicher und stark schwankender Konzentration gefunden. JWH-018 ist ein auf chemischem Wege hergestelltes Cannabinoid, das ähnlich dem in der Cannabispflanze enthaltenen Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) über die Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn wirkt. JWH-018 besitzt einen ähnlichen Effekt wie THC, ist jedoch deutlich potenter. Der Wirkstoff kann durch Rauchen aufgenommen werden. Im Grunde genommen handelt es sich bei Spice also um eine Kräutermischung mit einem chemischen Zusatz, der ähnliche Wirkungen wie Cannabis erzeugt. Oder anders gesagt: Eine geschickt mit Kräutern getarnte psychoaktive Chemikalie. Nur sie bewirkt die von “Kiffern” geschätzten Rauschzustände. Über mögliche gesundheitsschädigende Nebenwirkungen und Langzeitfolgen von JWH-018 ist bisher so gut wie nichts bekannt. THC-Pharm hält den Konsum von “Spice” für einen unkontrollierten und riskanten Feldversuch.

Quelle: www.frankfurt.de/sixcms/detail.php

Kommentar: Es zeigt sich auch hier wieder, dass man nicht jeder Propaganda trauen kann, die ein natürliches Produkt verspricht. Im Bereich der Naturheilmittel gibt es immer wieder ähnlich gelagerte Fälle. So werden in Heilpflanzen-Präparaten aus Asien nicht selten synthetische Stoffe gefunden. Auch bei Grapefruitkern-Extrakten, die vor einigen Jahren sehr populär waren, wurde damals in vielen Proben ein Desinfektionsmittel als Zusatz entdeckt, das in einem Naturprodukt nichts zu suchen hat. Darum gilt das bewährte Motto: Augen auf, beim Naturheilmittel-Kauf. Und von “Spice” lässt wohl besser die Finger, wer nicht als Versuchskaninchen herhalten will.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Tausend unscheinbare Wunder am Wegrand

Samstag, Dezember 13th, 2008

Kürzlich stiess ich auf ein bemerkenswertes Zitat:

“Die Rastlosigkeit des Alltags lässt den Menschen unserer Zeit auch am Wochenende und im Urlaub nicht zur Ruhe kommen. Selbst auf Spaziergängen und Wanderungen hastet er einem Ziel entgegen, ohne nach rechts oder links zu sehen, und unterbricht nur selten einmal Gespräche oder Gedanken, wenn ein Hase, aufgeschreckt aus seiner Sasse, über den Weg flitzt oder ein Reh in hohen Fluchten in ein Kornfeld taucht. Die tausend unscheinbaren Wunder am Wege übersieht er und schilt seine Kinder Bummelanten, wenn sie stehenbleiben und einer Spinne bei der Arbeit zusehen, oder gar verwunderte Fragen stellen.
Welchen Freuden und welchem Reichtum sie sich verschliessen, wird den wenigsten bewusst. Und doch – oder gerade deshalb – lohnt es sich, den Zugang zu den wunderbaren Lebensgesetzen und Erscheinungen der Natur wieder zu suchen.”

Was glauben Sie: Wann wurde dieser Text geschrieben?

Das Zitat stammt aus dem Vorwort des Buches “Wandern mit offenen Augen”, von Hans-Wilhelm Smolik. Erschienen ist es in der 1. Auflage im Jahr 1957. Von der Sprache und der Ausdrucksweise her könnte man ein solches Alter ja vermuten. Überraschend ist aber schon, dass bereits vor über 50 Jahren die Entfremdung des Menschen von der Natur angesprochen wurde.
Nun, der Text ist jedenfalls heute noch aktuell. Es lohnt sich sehr, die kleinen Wunder am Wegrand wieder genauer wahrzunehmen. Man kann sich so in der Pflanzenwelt viele Freunde und Bekannte schaffen. Solche Pflanzenfreundschaften können das Leben bereichern und Halt geben auch in schwierigen Zeiten.

Dabei sollten wir meiner Ansicht nach allerdings die Pflanzen nicht vermenschlichen, wie es in manchen Bereichen der Pflanzenheilkunde heute geschieht. Eine solche Vermenschlichung geschieht zum Beispiel, wenn den Heilpflanzen die Absicht unterstellt wird, uns gesund zu machen. Und ebenso bei Berichten über vertraute Kommunikation und “Gesprächen” mit Pflanzen. Hier nimmt der Mensch sich meines Erachtens schlicht zu wichtig. Pflanzen sind nicht auf uns gerichtet, sondern ganz einfach für sich selber da. Sie wollen nichts für uns und nichts von uns (abgesehen natürlich von Zimmerpflanzen und anderen Kulturpflanzen, die unsere Pflege brauchen).
Das scheint mir im Umgang mit Pflanzen eine bescheidenere und angemessenere Haltung. Mit der Vorstellung, dass die Pflanzen uns etwas mitteilen und wir sie verstehen können, setzen wir uns dagegen ganz schön ins Zentrum dieser “Veranstaltung”.
Das soll uns nun aber ganz und gar nicht daran hindern eine Beziehung zu Pflanzen zu pflegen. Das ist nun aber eine anspruchsvollere Beziehung auf dem Hintergrund, dass die Pflanze nichts für mich will und auch nichts von mir. Die Pflanze bleibt dabei ganz für sich und ich phantasiere sie nicht als auf mich gerichtet. Und weil die Pflanze nicht vermenschlicht wird, bleibt sie mir immer auch ein Stück weit fundamental fremd.
Treffend ausgedrückt hat das der Naturlyriker Nikolaus Lenau:
An Blumen freut sich mein Gemüte,
und ihren Rätseln lausch ich gern.
Wie nah sie uns durch Duft und Blüte,
und durch ihr Schweigen doch so fern.

(Nikolaus Lenau, 1802-1850, Schriftsteller, Naturlyriker, in: Savonarola, erschienen 1837)
Diese teilweise Fremdheit scheint mir ein wesentlicher Aspekt in der Beziehung zu Pflanzen. Beziehungen zu vermenschlichten Pflanzen scheinen mir dagegen ziemlich fragwürdig: Mit der schönen Vorstellung, dass hier eine Pflanze immer wohlwollend und heilend für mich da ist, ohne eigene Ansprüche, lässt sich zwar angenehm leben. Das ist aber eine Beziehung, wie sie eher für die Beziehung zwischen einem Säugling und seinen Eltern angemessen ist. Ein Säugling ist darauf angewiesen, dass liebende Erwachsene seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllen und die eigenen Ansprüche für eine gewisse Zeit zurückstellen.
Wer Pflanzen vermenschlicht und zu wohlwollenden Wesen stilisiert mit dem Bedürfnis, uns zu heilen, sucht darin möglicherweise eher einen Anflug dieser urspünglichen Kind-Mutter-Beziehung.
Wenn wir eine Beziehung zu Pflanzen pflegen, welche die Pflanzen nicht vermenschlicht, sondern sie selbst sein lässt, gibt das auch mehr Raum für ein ästhetisches Erleben der Pflanzenwelt. Um die Schönheit wahrzunehmen und zu geniessen, ist eine Prise Fremdheit und Distanz wesentlich, wenn nicht gar unabdingbar. Das zeigt auch die Geschichte der Naturästhetik. Um die Schönheit der Berge und der Natur wahrzunehmen, brauchte es eine gewisse Distanzierung. Doch davon später einmal mehr.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

P.S.: Heilkräuter-Exkursionen sind eine gute Gelegenheit, um die Tausend Wunder am Wegrand immer besser wahrzunehmen. Angebote dazu finden Sie im Kurkalender auf meiner Website www.phytotherapie-seminare.ch

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 3

Donnerstag, Dezember 11th, 2008

Auf meine Kritik an den fahrlässigen Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl bekomme ich immer wieder mehr oder weniger empörte Mails. Ich dokumentiere hier eines dieser Mails und nehme Stellung zu den darin enthaltenen Aussagen. Ich halte dies für einen guten Weg, um die zugrunde liegende Problematik zu verdeutlichen.

Bei der Auseinandersetzung um diese Thematik geht es meiner Ansicht nach vor allem um ethische Fragen, welche für die Naturheilkunde von zentraler Bedeutung sind. Für mehr kritische Auseinandersetzung in der Naturheilkunde und weniger blinde Gläubigkeit!

Zum Sachverhalt:
In fünf Artikeln habe ich die Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl mit zahlreichen fachlichen Argumenten kritisiert. Storl verspricht eine natürliche Heilung von Borreliose ohne Antibiotika-Therapie. Von den Heilpflanzen hält er die Karde für die grosse Borreliose-Heilerin. Fundierte Begründungen oder Dokumentationen dazu haben weder er noch seine AnhängerInnen bisher geliefert. Ich halte diese Versprechungen für hoch riskant, wenn Menschen in frühen Borreliose-Stadien sich entsprechend den Storl‘schen Tipps anstelle einer Antibiotika-Therapie mit Karde behandeln. Während die Borrelien im Frühstadium nämlich mit Antibiotika verhältnismässig sicher ausgeschaltet werden können, wird das in späten Phasen zum Teil schwierig bis unmöglich. Wolf-Dieter Storl als Autor und Peter Wanner als Besitzer des AT-Verlages setzen damit Borreliose-Infizierte einem Invaliditätsrisiko aus.
Wer meine Argumente dazu nachlesen will, findet die Links zu den Texten am Schluss dieses Beitrages.

Nun das von mir anonymisierte Mail im Wortlaut, zuerst am Stück, dann Schritt für Schritt mit meiner Antwort:

“Betreff: Hetze gegen Storl

Sehr geehrter Herr Koradi,

Sie haben eine sehr schöne Seite und sicher sind Sie auch sehr erfahren, was die
Phytotherapie angeht… aber der Grund, warum ich auf Ihrer Seite “gelandet” bin, ist der
Inhalt Ihres Artikels auf folgender Seite:

http://www.news4press.com/1/MeldungDetail.asp?Mitteilungs_ID=273466

Ich würde meinen PatientInnen natürlich auch nicht von einer Antibiotika-Therapie
abraten, vor allem nicht im Anfangsstadium. Aber was mich wirklich stört, ist die
Tatsache, dass wenn Phytotherapie zur Heilung beiträgt, entweder der Placeboeffekt
gewirkt hat oder eine “Wunderheilung” vorliegt. Sie schreiben da – Zitat: “Wenn nun aber
die Krankheit in einem grösseren Teil der Fälle von selbst zum Stillstand kommt, sind
völlig unkontrollierte Heilungsberichte, wie Storl sie präsentiert, als Belege für eine
Wirksamkeit nichts wert. Schliesslich kann ja der betroffene Mensch ganz einfach zu der
Gruppe gehören, welche die Krankheit (vorläufig?) auch ohne Behandlung übersteht.. Es ist
sogar wahrscheinlich, dass er dazu gehört. Die Erfahrung, dass es jemandem besser geht
während oder nach einer bestimmten Therapie, sagt noch nichts aus über die Wirksamkeit
dieser Therapie, weil ganz viele andere Faktoren mitbeteiligt sein können (Selbstheilung
des Organismus, Placebo-Effekte, Veränderungen in den Lebensumständen, zusätzliche
begleitende Therapien, die üblichen Hochs und Tiefs im Verlauf chronischer
Erkrankungen).” Diese Behauptungen werden nie bei einer schulmedizinischen Behandlung
aufgestellt. Und es ist ja nun mal unbestritten, dass Antibiotika, gerade bei den
Spirochäten, nicht das Allheilmittel sind, weil sie – nachgewiesenermaßen – so oft nicht
greifen. Ich finde die Ausführungen von Herrn Storl, gerade was die Folgeinfektionen
durch Antibiotikagabe betrifft, teilweise auch grenzwertig. Ich bin mir aber sicher, dass
es nicht das Optimum sein kann, zu einem Zeitpunkt, wo jede erdenkliche Abwehrkraft
benötigt wird, dem Patienten nur ein Mittel zu geben, dass das Immunsystem schwächt.
Letzten Endes ist es doch so, dass sich der Mensch immer selber heilt (“Selbstheilung des
Organismus”) und alle Medizin ihn dabei nur unterstützt.

Schade, das Sie sich so ins Zeug gelegt haben, um Herrn Storl anzugreifen, denn ich
selber kenne inzwischen einige “austherapierte” Menschen, die mit Hilfe der in dem Buch
angeregten Therapien wieder schmerzfrei geworden sind – und das schon über einen langen
Zeitraum. Etwas das die Antibiotika-Therapien davor leider nicht zu leisten in der Lage
waren.

Ich wünsche Ihnen noch viele erfolgreiche Seminare und verbleibe

mit freundlichen Grüßen
S. B.”

Nun im Detail mit meinen Antworten – die Autorin des Mails ist Heilpraktikerin (M.K.):

“Ich würde meinen PatientInnen natürlich auch nicht von einer Antibiotika-Therapie
abraten, vor allem nicht im Anfangsstadium.”

Das spricht für Ihre Seriosität. Aber genau diese Differenzierung macht Wolf-Dieter Storl an keiner Stelle. Er polemisiert über weite Strecken unsachlich, irreführend und sehr spekulativ gegen Antibiotika, droht mit schweren Folgeschäden (Krebs! MS! Diabetes!) und verspricht dann natürliche Heilung ohne Antibiotika. Da steht nirgends ein Hinweis wie:
,Leute, im Frühstadium der Borreliose ist eine Antibiotika-Therapie eine recht sichere Sache, während meine Ideen noch völlig ungeklärt sind. Also macht zumindestens im Frühstadium eine Antibiotika-Behandlung, weil es später dafür zu spät sein kann.”
Das wäre seriös.
Jeder darf seine Ideen präsentieren. Aber das Fehlen dieser Differenzierung und die mangelnde Zurückhaltung mit Heilungsversprechungen gehören zu meinen Hauptkritikpunkten an seinen Ausführungen.

“Aber was mich wirklich stört, ist die Tatsache, dass wenn Phytotherapie zur Heilung beiträgt, entweder der Placeboeffekt gewirkt hat oder eine “Wunderheilung” vorliegt.”

Mir scheint, Sie werfen mir hier etwas vor, das ich weder geschrieben noch gesagt habe.
Wenn ich Sie richtig verstehe, unterstellen Sie mir eine Aussage im Stil von: Phytotherapie ist immer bloss Placebo oder eine “Wunderheilung”.
Von mir werden Sie (hoffentlich) nie eine solch pauschale Aussage hören. Vielleicht haben Sie auf meiner Website auch gesehen, dass ich mich seit über 25 Jahren intensiv mit Phytotherapie auseinandersetze. Das würde ich wohl kaum tun, wenn ich alle Wirkungen von Pflanzen nur als Placebo-Effekt betrachten würde.
Mit einem Placebo-Effekt und mit der natürlichen Neigung des Organismus, von selber wieder gesund zu werden, müssen wir bei Therapien aller Art rechnen, egal ob “schulmedizinisch”, homöopathisch, phytotherapeutisch oder was auch immer.

“Sie schreiben da – Zitat:
,Wenn nun aber
die Krankheit in einem grösseren Teil der Fälle von selbst zum Stillstand kommt, sind
völlig unkontrollierte Heilungsberichte, wie Storl sie präsentiert, als Belege für eine
Wirksamkeit nichts wert. Schliesslich kann ja der betroffene Mensch ganz einfach zu der
Gruppe gehören, welche die Krankheit (vorläufig?) auch ohne Behandlung übersteht.. Es ist
sogar wahrscheinlich, dass er dazu gehört. Die Erfahrung, dass es jemandem besser geht
während oder nach einer bestimmten Therapie, sagt noch nichts aus über die Wirksamkeit
dieser Therapie, weil ganz viele andere Faktoren mitbeteiligt sein können (Selbstheilung
des Organismus, Placebo-Effekte, Veränderungen in den Lebensumständen, zusätzliche
begleitende Therapien, die üblichen Hochs und Tiefs im Verlauf chronischer
Erkrankungen).‘”

Aber liebe Frau B.: Das sind doch ganz einfach bestens belegte Fakten bei Borreliose: die Hochs und Tiefs bei chronischem Verlauf, die Tatsache, dass die Krankheit oft in einem frühen Stadium auch von selbst wieder abklingt und vielleicht (vorläufig?) zum Stillstand kommt.
Diese Punkte müssen meiner Ansicht nach genauso wie der Placebo-Effekt bei der verantwortungsvollen Beurteilung von Heilungsberichten berücksichtigt werden. Das scheint mir eine ethische Frage. Davor können Sie doch nicht einfach den Kopf in den Sand stecken, wie Wolf-Dieter Storl dies sehr konsequent tut. Wenn man in klinischen Studien Phytotherapeutika mit Placebo-Präparaten vergleicht, zeigt sich durchgängig: Auch ein reines Placebo wirkt oft verblüffend. Es gibt aber auch viele Phytotherapeutika, die dann besser wirken als Placebo.
Natürlich zeigt sich das gleiche Phänomen auch beim Vergleich von synthetischen Medikamenten mit Placebos.
Ich finde, dass wir uns in der Phytotherapie dem durchaus faszinierenden Phänomen “Placebo” offen stellen sollten. In Heilungsprozessen spielt der Placebo-Effekt bei allen Therapierichtungen eine Rolle. Darum müssen wir mit ihm rechnen wenn wir die Wirksamkeit einer Pflanze beurteilen wollen.
Im Übrigen arbeiten recht viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Pharmazie und Medizin daran zu zeigen, dass viele Phytotherapeutika besser wirken als Placebo. Ich kann Ihnen gerne Namen nennen.

“Diese Behauptungen werden nie bei einer schulmedizinischen Behandlung
aufgestellt.”

In diesem Punkt täuschen Sie sich meines Erachtens fundamental. In der Medizin ist die Auseinandersetzung mit der Placebo-Frage und einer möglichen Selbstheilung des Organismus ein Kernthema. Nur aus diesem Grund basiert die medizinische Forschung auf randomisierten Doppelblind-Studien. Es geht dabei darum, eine Therapie im Vergleich zu Placebo zu testen, damit deutlich wird, welchen Anteil an der Wirkung dem Medikament als solchem zu kommt und welchen Anteil dem Placebo-Effekt oder der natürlichen Selbstheilung des Organismus. Die Medizin nimmt hier die seelischen Aspekte des Heilens und die Selbstheilungskräfte des Organismus viel ernster als es weite Kreise in der Naturheilkunde-Szene tun, die vor diesen Phänomenen einfach die Augen verschliessen, wenn sie ihre Heilungsgeschichten verkaufen. So wie Wolf-Dieter Storl: Folgt auf die Einnahme von Kardentinktur eine Besserung, ist es offenbar immer die Karde, die geheilt hat. Kein Gedanke daran, dass es auch ein Placebo-Effekt, ein für die chronische Borreliose charakteristisches Auf-und-Ab oder eine Selbstheilung sein könnte. Jedenfalls macht Storl an keiner Stelle solche Einschränkungen. Das nenne ich abgrundtief unseriös. Es blendet einen wesentlichen Teil der Realität aus.
Ich verlange von Wolf-Dieter Storl keine Doppelblind-Studien, die er natürlich nicht liefern kann. Ich verlange aber sorgfältige Begründungen, eine vollständige Dokumentation, eine differenzierte Darstellung und eine verantwortungsvolle Beurteilung von Heilungsgeschichten. Nur vollmundig von Hunderten von Erfolgen zu reden – und darüber hinaus nichts zu liefern – genügt nicht. Solche Sprüche sind meines Erachtens typisch für Scharlatane.
Und zu einer sorgfältigen Darstellung von Heilungsversprechungen würde auch gehören, nicht nur die Möglichkeiten bunt auszumalen, sondern auch die Grenzen der eigenen Therapievorschläge zu thematisieren.
Doppelblind-Studien sind für mich nicht das Mass aller Dinge. Aber sie sind zu mindestens eine Form der Qualitätskontrolle, mit der versucht wird, unwirksame von wirksamen Therapievorschlägen zu unterscheiden. Darum werden auch im Bereich der Phytotherapie solche Doppelblind-Studien durchgeführt.
Wer Doppelblind-Studien ablehnt müsste zu mindestens darlegen, wie er/sie sich die Unterscheidung von wirksamen und unwirksamen Therapien vorstellt (unter Berücksichtigung von Placebo-Effekt, natürlichem Verlauf der Krankheit, charakteristischen Auf-und-Ab‘s etc.)
Meiner Ansicht nach müssten wir uns im Bereich der Naturheilkunde sehr intensiv überlegen, wie denn eine Qualitätssicherung jenseits von Doppelblind-Studien überhaupt aussehen könnte. Und als absolutes Minimum von Qualitätssicherung würde ich verlangen:
Sorgfältige, umfassende Dokumentation von Krankheitsverläufen durch mehrere unabhängige BehandlerInnen, vergleichen und zusammentragen dieser Ergebnisse, kritische Diskussion. Nur was der kritischen Diskussion standhält, kann als vorläufig bewährt gelten. Genau diese Punkte würde ich auch von Wolf-Dieter Storl erwarten bezüglich seiner Heilungsversprechungen. Beweise habe ich nie verlangt. Storl selber schreibt von “nachweislichen Heilungen” (Spuren Nr. 85 / 2007). Wer solch grossartige Versprechungen macht, soll den Nachweis aber auch liefern.
Die blinde Gläubigkeit, wie sie in der Naturheilkunde-Szene leider verbreitet ist, wird uns keinen Schritt weiter bringen.

“Und es ist ja nun mal unbestritten, dass Antibiotika, gerade bei den
Spirochäten, nicht das Allheilmittel sind, weil sie – nachgewiesenermaßen – so oft nicht
greifen.”

Dass Antibiotika bei chronischen Verläufen der Borreliose oft nicht mehr wirklich greifen, scheint mir tatsächlich unbestritten. Das ist ja aber gerade ein Punkt, der die Antibiotika-Therapie im Frühstadium so wichtig macht, wenn die Chance einer Heilung durch Antibiotika noch gross ist. Diesen Punkt auszublenden werfe ich Wolf-Dieter Storl vor. Und die relative Hilflosigkeit bezüglich Antibiotika-Therapie bei chronischen Borrelioseformen spricht noch in keiner Weise für die Wirksamkeit der Karde oder anderer Tipps von Wolf-Dieter Storl. Wer eine Heilwirkung behauptet steht in der Pflicht, sie glaubwürdig zu begründen. Schöne Geschichten reichen da nicht.

“Ich finde die Ausführungen von Herrn Storl, gerade was die Folgeinfektionen
durch Antibiotikagabe betrifft, teilweise auch grenzwertig.”

Storl droht mit Krebs, multipler Sklerose, Diabetes, Autoimmunerkrankungen bei wiederholten Antibiotika-Anwendungen. Können Sie sich ausmalen, was diese Drohungen für Borreliose-Kranke bedeuten, die auf Antibiotika-Therapien angewiesen sind. Belege oder auch nur plausible Begründungen für diese Behauptungen liefert Storl auch hier keine.

“Ich bin mir aber sicher, dass es nicht das Optimum sein kann, zu einem Zeitpunkt, wo jede erdenkliche Abwehrkraft benötigt wird, dem Patienten nur ein Mittel zu geben, dass das Immunsystem schwächt.”

Dass Antibiotika generell das Immunsystem schwächen, ist eine oft gehörte Behauptung. Haben Sie dazu genauere Begründungen oder Belege? Ich bin mir nicht sicher, dass dies so stimmt. Meiner Meinung nach ist aber grosse Zurückhaltung mit Antibiotika-Therapien angesagt, weil viele Bakterien zunehmend resistent werden. Da haben wir ein echtes Problem.

“Letzten Endes ist es doch so, dass sich der Mensch immer selber heilt (,Selbstheilung des
Organismus‘) und alle Medizin ihn dabei nur unterstützt.”

Ja, das kann sein. Nur manchmal ist der Mensch nicht in der Lage, von selbst gesund zu werden. Dann gibt es bleibende Schäden (wie bei Borreliose möglich) oder der Mensch stirbt.
Dann braucht es manchmal trotz allem Antibiotika. Ihnen muss ich das nicht sagen. Wolf-Dieter Storl aber drückt sich vor diesem Punkt. Er verspricht schon im Buchtitel: “Borreliose natürlich heilen”.

“Schade, das Sie sich so ins Zeug gelegt haben, um Herrn Storl anzugreifen,”

Mich hat entsetzt, dass ein derart fragwürdiges, riskantes Buch in der Naturheilkunde-Szene keinerlei Widerspruch ausgelöst hat. Dafür aber jede Menge blinder Gläubigkeit. Finden Sie diese Monokultur eigentlich erstrebenswert? Kritik nur am feindlichen Lager, der sogenannten “Schulmedizin”, und ja nicht im eigenen Kreis?
Mich hat entsetzt, dass ich im Internet nur Jubelmeldungen gefunden habe zum Thema Borreliose & Karde & Storl. Ausser in den Borreliose-Foren, bei den wirklich Betroffenen, dort wurden die Heilsversprechungen von Wolf-Dieter Storl von Beginn weg auch sehr kritisch kommentiert (was dann gelegentlich zur Folge hat, dass ihnen von Storl-AnhängerInnen vorgeworfen wird, dass sie halt nicht gesund werden wollen….so anmassend erlebe ich diese “Szene” nicht selten).
Lesen Sie doch dazu mal den Kommentar einer Borreliose-Betroffenen:
heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/12/07/borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitraege-zur-debatte.html#comments
Ich bin überzeugt davon, dass es kritische Auseinandersetzungen braucht, wenn die Naturheilkunde weiter kommen will. Das ist eine Frage der Qualitätsentwicklung.
In der Betreff-Zeile Ihres Mails schreiben Sie von “Hetze gegen Storl” Ich weiss nicht, was Sie unter “Hetze” verstehen. Mir ist dieser Impuls ziemlich fremd. Aber dass solch fragwürdige und riskante Heilungsversprechungen einfach so unwidersprochen im Raum stehen, nehme ich wirklich in keiner Weise hin. Diese Debatte wird darum weiter gehen.

“denn ich selber kenne inzwischen einige “austherapierte” Menschen, die mit Hilfe der in dem Buch angeregten Therapien wieder schmerzfrei geworden sind – und das schon über einen langen Zeitraum. Etwas das die Antibiotika-Therapien davor leider nicht zu leisten in der Lage waren.”

Das mag ich allen Betroffenen von Herzen gönnen.
Aber auch hier wieder: Damit diese Heilungsberichte beurteilt und ernsthaft diskutiert werden könnten, bräuchte es genaue Dokumentationen von Behandlungsverläufen. Was genau wurde wann mit welchem Erfolg unternommen? Und es wäre wichtig, allfällige Begleitmassnahmen und Begleitmedikationen zu berücksichtigen. Ich höre immer wieder von Erfolgen der Kardentherapie bei Leuten, die vorhergehend auch Antibiotika-Behandlungen hatten. Der Erfolg wird dann oft sehr fraglos der Karde zugeschrieben. So geht das meines Erachtens nicht.

Fachbeiträge zur Kritik an der Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl:

Karde gegen Borreliose: Immer noch wirre Behauptungen statt fundierte Begründungen!
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/132919_Karde-Kraut-Borreliose-wirre.pdf

Karde – kein Kraut gegen Borreliose!
www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/110646_Karde-Kraut-Borreliose.pdf

Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: “Borreliose natürlich heilen” von Wolf-Dieter Storl,
AT-Verlag 2007
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125713_Borreliose-Storl-Karde-1.pdf

Karde gegen Borreliose – Heilungsversprechungen der fragwürdigsten Art
www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125527_Storl-Karde-Borreliose.pdf

Fahrlässig-riskante Überhitzungstherapie bei Borreliose
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/10/01/fahrlaessig-riskante-ueberhitzungstherapie-bei-borreliose.html

Beiträge zur Debatte:

Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 1
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/11/06/pflanzenheilkunde-hoch-fragwuerdige-esoterische-theorien-ein-beispiel.html

Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 2
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/12/07/borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitraege-zur-debatte.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 4
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/02/25/karde-borreliose-therapie-nach-storl-beitraege-zur-debatte-4.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 5

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/07/14/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitrage-zur-debatte-5.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Honig verkürzt Wundheilung bei Brandwunden

Donnerstag, Dezember 11th, 2008

Honig könnte ein ideales Mittel sein zur Behandlung milder bis moderater Brandwunden. Dies zeigt eine entsprechende Cochranestudie (DOI: 10.1002/14651858.CD005083.pub2). Der Einsatz von Honig verkürzt laut dieser Studie die Wundheilungszeit im Vergleich zur Behandlung mit Verbänden. Honig wurde bereits im alten Ägypten zur Behandlung von Wunden verwendet. Wie genau Honig zur Wundheilung beiträgt, ist nicht genau geklärt.
Scheinbar wird durch Honig die Gewebeerneuerung begünstigt. Aktuelle Studien interessieren sich vor allem für die antibakteriellen Effekte.??
Die Metaanalyse unter Leitung von Andrew Jull von der University of Auckland umfasste 19 Studien mit 2.554 Patienten mit verschiedenen Wunden. Es zeigte sich, dass der Einsatz von Honig die Wundheilungsdauer moderater Verbrennungen wirksamer reduzieren konnte als Mullverbände. Bei Schürf-, Schnitt-, Riss- und chirurgischen Wunden sowie Ulzera hingegen fanden die Forscher in den ausgewerteten Studien keinen Vorteil von Honig im Vergleich zu herkömmlichen Verbänden.
Studienleiter Andrew Jull erklärte:
“Wir betrachten diese Ergebnisse mit Vorsicht, aber es scheint tatsächlich so, als könne Honig die Heilung von Brandverletzungen beschleunigen”.??Die Wissenschaftler raten allerdings auf Grund ihrer Daten nicht zur Behandlung anderer Wunden mit Honig. Die Wissenschaftler der University of Auckland wollen aber weiterhin untersuchen, welche Effekte Honig genau hat und wie sich diese nutzen lassen.
Quelle: www.aerzteblatt.de

Kommentar:
Die Anwendung von Honig zur Wundbehandlung hat in der traditionellen Heilkunde und in der Naturheilkunde eine lange Geschichte. Traditionen soll man aber nicht einfach blind übernehmen, weil sie sich oft auch über Jahrhunderte geirrt haben. Tradition allein ist keine Legitimation. Stattdessen ist eine sorgfältige und kritische Auseinadersetzung mit den Erfahrungen traditioneller Heilkunde gefragt.

Für mich ist nicht so klar, dass Honig bei anderen Wunden als Brandwunden keine Vorteile bringt. Jahrelange Erfahrung mit der Behandlung von Wunden durch einen medizinischen Honig (Medihoney) hat beispielsweise die Universitäts-Kinderklinik in Bonn. Laut Angaben dieser Universität macht Medihoney sogar multiresistenten Keimen wie dem sogenannten MRSA den Garaus und laut einer australischen Studie entwickelten die Bakterien auch keine Resistenz (www.stern.de, 27. 7. 2006).
Warum Honig antibakteriell wirkt, ist heute bekannt: Die Bienen setzen bei der Herstellung ein Enzym namens Glucose-Oxidase hinzu. Dieses Enzym bewirkt, dass aus dem Zucker im Honig fortlaufend in geringen Mengen Wasserstoffperoxid entsteht, ein wirksames Antiseptikum. Da es permanent nachgebildet wird, genügen bereits kleine Konzentrationen, um die Wundbakterien zu töten. Gewöhnlich müsste man viel größere Mengen verwenden, weil die Wirksamkeit von Wasserstoffperoxid mit der Zeit nachlässt. In großen Konzentrationen schädigt Wasserstoffperoxid aber nicht nur die Bakterien, sondern ebenso die Hautzellen.
Honig zeigt hier also interessante Vorteile. Allerdings sollte man sich meiner Ansicht nach davor hüten, den Honig nun pauschal zum allumfassenden Wundheiler zu erklären. Dazu sind noch zu viele Fragen offen:
Welche Qualität von Honig wirkt am sichersten?
In welcher Art und Weise wird Honig optimal angewendet?
Bei welchen Wundarten und in welchen Stadien des Wundheilungsprozesses?

Wer sorgfältig und professionell mit dem Thema “Honig & Wundheilung” umgehen will, wird sich mit solchen Fragen auseinandersetzen müssen.

Bei Brandwunden scheint mir zudem klar, dass ich bei allen ernsthafteren Fällen nicht zur Honigbehandlung auf eigene Faust raten würde. Und bezüglich Erster Hilfe bei Brandwunden gilt immer noch der Grundsatz: Kühlen mit Wasser!

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Handystrahlung schädigt Gedächtnis bei Ratten

Dienstag, Dezember 9th, 2008

Eine Studie an der Universität Lund (Schweden) zeigt Schäden am Gedächtniszentrum bei Ratten. Nach einem Jahr regelmässiger Bestrahlung wurden Nervenschäden in den für das Gedächtnis zuständigen Hirnbereichen festgestellt. Zudem schnitten die Tiere in Gedächtnistests schlechter ab.

Die Wirkung von Mobilfunkstrahlung auf den Menschen ist seit Jahren umstritten. Sowohl für die Ungefährlichkeit der elektromagnetischen Wellen als auch für ihre Gefährlichkeit gibt es Aussagen von entsprechenden Studien.
Die Forscher der Universität Lund testeten die Wirkung der Handystrahlung auf das Gedächtnis. Ein Jahr lang setzen sie Ratten jede Woche zwei Stunden elektromagnetischer Strahlung in den von Handys genutzten Frequenzen aus.
Für einen Gedächtnistest platzierten sie dann die Tiere in einer Box, in welcher vier Objekte verteilt waren. Die Objekte waren dabei in jedem Durchgang ein wenig anders angeordnet und beim zweiten Durchgang wurden zwei der Objekte gegen andere ausgewechselt. In dritten Durchgang folgte der eigentliche Test: Weil Ratten sich normalerweise länger mit unbekannten oder weniger bekannten Objekten beschäftigen, verglichen die Wissenschaftler die Reaktionen der Ratten, die zuvor elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt waren, mit unbestrahlten Kontrollratten.
Das Resultat: Die Kontrollratten wendeten mehr Zeit dafür auf, die Objekte aus dem ersten Durchgang zu beschnuppern, denn der Kontakt mit diesen war länger her und dadurch wurden sie interessanter. Die bestrahlten Ratten dagegen behandelten beide Objektsorten als fremd und unterschieden nicht zwischen den im ersten und zweiten Durchgang gesehenen Objekten. Nach Meinung der Forscher ist dies ein Hinweis auf eine gestörte Merkfähigkeit der bestrahlten Ratten.
Diese nicht gerade beruhigenden Ergebnisse gewinnen an Brisanz, wenn man sie mit früheren Resultaten des Wissenschaftlerteams kombiniert: Die Forscher hatten darin gezeigt, dass die Strahlung die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger macht. Diese sorgt normalerweise dafür, dass Stoffe aus dem Blut nicht in das Gehirn übertreten. Bei bestrahlten Ratten war aber das Albumin, ein Protein, welches als Transportmolekül im Blut fungiert, in das Gehirngewebe eingedrungen.
Die Wissenschaftler entdecken gleichzeitig auch Nervenschäden in der Hirnrinde und im Hippocampus, dem Gedächtniszentrum des Gehirns. Das Albuminleck konnte bereits unmittelbar nach der Bestrahlung nachgewiesen werden. Die Zellschäden traten dagegen erst nach vier bis acht Wochen auf. Darüber hinaus stellten die Forscher auch Veränderungen der Genaktivität fest, und das nicht nur bei einzelnen Genen sondern auch bei ganzen Gruppen funktionell verbundener Genabschnitte.

Quelle: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-9219-2008-12-08.html
Originalquelle: The Swedish Research Council, 08.12.2008 – NPO

Kommentar:
Zwar kann man Ergebnisse von Ratten nicht unbesehen auf den Menschen übertragen. Die Erkenntnisse aus Lund sind aber meines Erachtens brisant genug, um erhöhte Vorsicht beim Gebrauch von Handys unbedingt nahezulegen. Dies gilt in viel stärkerem Mass noch für den zum Teil exzessiven Handygebrauch bei Kindern und Jugendlichen.
Untersuchungen an Labortieren werden oft auch eingesetzt, um bei Medikamenten die Sicherheit bezüglich Toxizität zu überprüfen. Dabei wird solchen Studien häufig vorgeworfen – manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht – dass unrealistisch hohe Dosierungen verwendet wurden, die sich gar nicht auf den Menschen übertragen lassen.
Zu mindestens was die Zeitdauer betrifft, kann dem Gedächtnisexperiment der Universität Lund dieser Vorwurf nicht gemacht werden. Zwei Stunden Handygebrauch pro Woche ist ein Mass, das viele Nutzerinnen und Nutzer locker erreichen oder gar überschreiten.
Mobiltelefon ausschalten, wann immer möglich, scheint mir jedenfalls kein schlechter Grundsatz. Naturheilkunde sollte sich nicht nur auf die einzelnen Individuen konzentrieren, sondern auch wach sein für gesundheitlich relevante gesellschaftliche Entwicklungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Akupunktur wirkt gegen Übelkeit nach Bestrahlung – Scheinakupunktur aber auch

Montag, Dezember 8th, 2008

Akupunktur lindert Übelkeit bei Krebspatienten – auch wenn gar nicht zugestochen wird. Zu diesem Schluss kommt eine schwedische Studie an der Universität Linköping. Sowohl eine Akupunktur nach den Grundsätzen der traditionellen chinesischen Medizin als auch eine Scheinakupunktur reduziert bei 95 von 100 Patienten die Übelkeit.
An der Studie nahmen 215 Patienten teil, die als Folge einer Strahlentherapie an Brechreiz litten. Bei der Scheinakupunktur wurden stumpfe, zusammenschiebbare Nadeln verwendet, die nicht in die Haut eindrangen, sondern sie nur berührten.
Die üblichen medizinische Maßnahmen verschafften nur jedem vierten Patienten Erleichterung, wie die Wissenschaftlerin Anna Enblom für ihre Doktorarbeit herausfand. Enblom folgert aus ihrer Untersuchung, dass der Erfolg der Akupunktur offensichtlich nicht auf die traditionelle Methode an sich zurück geht. Stattdessen wirke die verstärkte Zuwendung, welche eine Akupunkturbehandlung mit sich bringe: Patienten führten Gespräche mit dem Akupunkteur, sie würden berührt und hätten mehr Zeit für sich und mehr Entspannung.
Nun gehe es als nächstes darum herausfinden, welcher Teil der Prozedur rund um die Akupunktur den Brechreiz lindert, sagte Enblom. Dann könne diese Komponente gezielt für die Behandlung von Patienten mit Krebs unter Strahlentherapie genutzt werden.
Quelle: www.aerztezeitung.de, 1. 12. 2008

Kommentar: Es ist sehr häufig der Fall, dass eine Besserung durch bestimmte therapeutische Massnahmen gar nicht auf die Faktoren zurückzuführen ist, die wir uns vorstellen. Das Ritual und der Kontext einer Behandlung sind zum Beispiel oft sehr viel wichtiger als uns bewusst ist. Das ist durchaus ein Aspekt, den zu berücksichtigen sich auch im Umgang mit Heilpflanzen lohnt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 2

Sonntag, Dezember 7th, 2008

Auf meine Kritik an den fahrlässigen Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl bekommen ich immer wieder mal empörte Mails von überzeugten AnhängerInnen der Kardentherapie. Ich dokumentiere hier eines dieser Mails und antworte auf die darin enthaltenen Aussagen, weil sich hier beispielhaft einige meines Erachtens hoch fragwürdige Grundmuster zeigen, die in der Naturheilkunde leider ziemlich verbreitet sind. Die Auseinandersetzung um diese Punkte scheint mir für die Naturheilkunde wichtig.

Zum Sachverhalt:
In fünf Artikeln habe ich die Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl mit zahlreichen fachlichen Argumenten kritisiert. Storl verspricht eine natürliche Heilung von Borreliose ohne Antibiotika-Therapie. Von den Heilpflanzen hält er die Karde für die grosse Borreliose-Heilerin. Fundierte Begründungen oder Dokumentationen dazu haben weder er noch seine AnhängerInnen bisher geliefert. Ich halte diese Versprechungen für hoch riskant, wenn Menschen in frühen Borreliose-Stadien sich entsprechend den Storl‘schen Tipps anstelle einer Antibiotika-Therapie mit Karde behandeln. Während die Borrelien im Frühstadium nämlich mit Antibiotika verhältnismässig sicher ausgeschaltet werden können, wird das in späten Phasen zum Teil schwierig bis unmöglich. Wolf-Dieter Storl als Autor und Peter Wanner als Besitzer des AT-Verlages setzen damit Borreliose-Infizierte einem Invaliditätsrisiko aus.
Wer meine Argumente dazu nachlesen will, findet die Links zu den Texten am Schluss dieses Beitrages.

Aufschlussreich sind nun die Reaktionen der AnhängerInnen von Wolf-Dieter Storl auf diese Kritik. Bisher kam jedenfalls noch keine einzige Reaktion, die konkret auf eines meiner Argumente einging.
(das Mail wurde von mir anonymisiert, ist aber sonst unverändert)

“Sehr geehrter Herr Koradi

ich finde Ihre Aussagen über das Buch von Herrn Storl unverschämt. Herr Storl hat, ebenso wie Sie, eine fundierte Ausbildung. Ich lese zur Zeit dieses Buch und Sie dürfen sicher gehen, dass ich ebenfalls die Karde ausprobieren werde. Es gibt immer mehrere Wahrheiten, nicht nur Ihre, und daher finde ich es vermessen, anderen “gute Ratschläge” zu erteilen, dass das Buch “Borreliose natürlich heilen” die Gesundheit gefährde. Meine Bekannte (Heilpraktikerin) hat ebenfalls ihre Borreliose mit der Karde und Saunabesuchen geheilt. Dafür ist eine sogenannte “wissenschaftliche Beweisung” nicht erforderlich. Vielmehr spricht Bände, wer etwas erlebt und erfährt. Und wer heilt hat immer recht. Die Schulmedizin jedenfalls unterdrückt Symptome, davon bin ich geheilt.
Ich gehe davon aus, dass Sie das Buch von Herrn Storl gelesen haben, dann dürfte Ihnen wohl auch nicht entgangen sein, dass Antibiotika sämtliche Viren, Bakterien usw. mutieren lässt. Das ist eine Tatsache. Ich erlebe es hier im Krankenhaus, wie Menschen damit abgeschossen werden, und die Wirkung der Antibiotika ist und bleibt ebenso umstritten, heilen tut sie auch nicht. Fragen Sie unsere Ärzte und die werden Ihnen bestätigen, dass Antibiotika eben nicht die Borreliose heilt. Das hat sie vielleicht mal vor 20 Jahren getan. Menschliche Grösse hat nur der, der auch neben sich andere Meinungen existieren lässt und nicht ständig versucht, zu dementieren. Vielleicht sollten Sie sich da mal etwas zurücknehmen.

Mit freundlichem Gruss

R. F.

Ich werde mich nun Schritt für Schritt mit diesem Text auseinandersetzen und darauf antworten (M.K.):

“Ich finde Ihre Aussagen über das Buch von Herrn Storl unverschämt.”

Was genau finden Sie unverschämt? Fachliche Kritik? Warum gehen Sie auf keinen einzigen meiner zahlreichen Kritikpunkte ein? – Darf Kritik nicht sein? Ist Kritik unverschämt? Und wo würde Ihre Haltung politisch hinführen, wenn Kritik generell als unverschämt gelten würde?
Oder finden Sie unverschämt, dass ich die Aussagen von Storl verantwortungslos und fahrlässig nenne? Das ist eine ethische Beurteilung auf der Grundlage von Argumenten. Bringen Sie Gegenargumente
Was Wolf-Dieter Storl macht finden Sie offenbar nciht unverschämt: Grossartige Heilungsversprechungen machen ohne fundierte Begründungen. Damit Hoffnungen wecken. Betroffene im Frühstadium einer Borreliose dadurch von einer wirksamen Antibiotika-Therapie abhalten und sie so dem Risiko von Spätschäden aussetzen….das alles scheint für Sie nicht unverschämt zu sein??
(M.K.).

“Herr Storl hat, ebenso wie Sie, eine fundierte Ausbildung.”

Daran habe ich nicht gezweifelt. Allerdings bezeichnet sich Storl ja als Ethnobotaniker. Da dies meines Wissens kein offizieller Titel ist, sagt es wenig aus. Und es stellt sich die Frage, ob ein Ethnobotaniker von seiner Ausbildung her fundierte Kenntnisse über Borreliose und ihre Behandlung hat. Borreliose-Fachleute jedenfalls haben Wolf-Dieter Storl fachliche Schwächen, Irrtümer und Fehlinformationen vorgehalten (Beispiele dafür in meinen Texten, z. B. im Borreliose-Jahrbuch 2006).
Fachleute sind jedenfalls nicht einfach in jedem Gebiet kompetent – ein Ethnobotaniker nicht unbedingt in den Bereichen Medizin und Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Bezüglich der Wirkungen und Anwendungmöglichkeiten von Heilpflanzen zeigt Storl‘s Buch zahlreiche Schwächen, wenn man es am Stand des phytotherapeutischen Wissens misst.
Nun können Sie natürlich sagen: Das phytotherapeutische Fachwissen ist falsch, Storl dagegen hat recht. Das ist aber schon eher unwahrscheinlich, vor allem weil Storl seine Aussagen ohne fundierte Begründungen lässt. Die fachlich-phytotherapeutischen Kritikpunkte finden Sie in meinen Artikeln(M.K.).

“Ich lese zur Zeit dieses Buch und Sie dürfen sicher gehen, dass ich ebenfalls die Karde ausprobieren werde.”

Diese Entscheidung steht Ihnen natürlich frei. Mir ist nur wichtig, dass Borreliose-Infizierte auch Gegenargumente hören können, falls sie dafür offen sind. Und dann abwägen und entscheiden können in Kenntnis dieser Gegenargumente (M.K.).

“Es gibt immer mehrere Wahrheiten, nicht nur Ihre…..”

Komisch: Wenn Sie schreiben, dass es immer mehrere Wahrheiten gibt, dann tönt das, wie wenn es für Sie nur eine Wahrheit gibt, nämlich die, dass es mehrere Wahrheiten gibt….
Ich habe nicht die Idee oder den Anspruch, eine Wahrheit zu haben. Meiner Ansicht nach entwickelt jeder Mensch seine eigene Interpretation der Welt. Keine dieser Interpretationen kann den Anspruch auf Wahrheit erheben. In diesem Sinne gibt es für mich auch nicht mehrere Wahrheiten, sondern nur verschiedene Interpretationen. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass wir nun nicht jeder mit seiner Interpretation auf einer isolierten Insel sitzen bleiben sollten, sondern dass es den Austausch und die Auseinandersetzung über die unterschiedlichen Interpretationen braucht. Nur so können wir einer Wahrheit näher kommen, ohne sie je endgültig zu erreichen. Diese Auseinandersetzung um verschiedene Interpretationen und um eine Annäherung an eine gemeinsame Wahrheit scheint mir eine Voraussetzung für ein Zusammenleben der Menschen. Daraus entsteht eine gemeinsame Basis die fehlt, wenn jeder unberührt von anderen Interpretationen auf seiner Interpretationsinsel (bzw. seiner “Wahrheit”) sitzt.
Wenn Sie von mehreren Wahrheiten sprechen, verwenden Sie den Begriff “Wahrheit” meines Erachtens in sehr ungewöhnlicher Form. Im Begriff “Wahrheit” ist üblicherweise enthalten, dass es nur eine Wahrheit gibt. Nur wie schon gesagt: Ich selber würde den Begriff “Wahrheit” viel vorsichtiger verwenden (M.K.).

“…und daher finde ich es vermessen, anderen ,gute Ratschläge‘ zu erteilen, dass das Buch ,Borreliose natürlich heilen‘ die Gesundheit gefährde.”

Eine kleine, aber nicht unwichtige Nuance, die Sie vielleicht übersehen haben: Ich schreibe nicht, dass das Buch von Storl die Gesundheit gefährde, sondern dass es sie gefährden kann. Ich bin vorsichtiger, als Sie mir unterstellen. Ein Risiko besteht meines Erachtens in zwei Fällen:

- Wenn im Frühstadium, in dem Antibiotika noch helfen würden, eine antibiotische Therapie verpasst und durch Tipps des Wolf-Dieter Storl ersetzt wird. Hier besteht ein Risiko für Spätschäden bis hin zur Invalidität.
- Wenn eine Überhitzungstherapie bei 42°C Körpertemperatur durchgeführt wird, wie Storl es in der ersten Auflage empfiehlt. Hier besteht ein Risiko für die Schädigung wichtiger Körpereiweisse und für Kreislaufzusammenbrüche.

Diese zwei Risikopunkte nehme ich sehr ernst und das habe ich in meiner Kritik so beschrieben (M.K.).

“Meine Bekannte (Heilpraktikerin) hat ebenfalls ihre Borreliose mit der Karde und Saunabesuchen geheilt.”

Genau solche vollkommen vagen Heilungsgeschichten sind mein Hauptkritikpunkt auch am Buch von Wolf-Dieter Storl (aber offenbar haben Sie die Kritik gar nicht gelesen, die Sie so unverschämt finden…). Eine Borreliose zu diagnostizieren ist oft sehr anspruchsvoll. Ich höre in der Naturheilkunde-Szene im Dutzend Geschichten nach folgendem Schema:
Zeckenstich gehabt – Stichstelle entzündet sich – Karde genommen – Entzündung geht weg – Borreliose geheilt – ein Wunder!
Gibt alles strahlende Heilungsberichte der Karde.
Ob wirklich eine Borreliose vorgelegen hat, wurde in der Mehrzahl dieser schönen Anekdoten nie geklärt. Ein Krankheits- und Heilungsverlauf müsste präzis und umfassend dokumentiert und publiziert werden, damit man sich dazu ein fundiertes Urteil bilden könnte. Dazu gehört auch die genaue Diagnose zu Beginn der Krankheit. Wolf-Dieter Storl hat aber noch keine einzige solche Krankengeschichte publiziert.
In der Mehrzahl der Fälle kommt eine Borreliose-Infektion von selber zum Stillstand und der Organismus kann sie überwinden. Vielleicht gehört ja Ihre Bekannte einfach zu diesem grösseren und glücklicheren Teil der Borreliose-Opfer? Warum berücksichtigen Sie dieses Phänomen nicht, wenn Sie von Heilung sprechen. Auch Wolf-Dieter Storl geht an keiner Stelle darauf ein. Darf man diesen zentralen Aspekt einfach unterschlagen und auch diejenigen Fälle als Erfolg der eigenen Karden-Therapie verbuchen, in denen die Selbstheilungskräfte des Organismus für die Heilung verantwortlich sind? Ich finde sehr klar nein! Das ist einer meiner wichtigsten Kritikpunkte an Storl. Und bei chronifizierter Borreliose wird jede Besserung sofort als Erfolg der Karde verbucht, obwohl ein schwankender Verlauf mit Auf-und-Ab‘s für diese Krankheit charakteristisch ist. Verschlechterungen dagegen gelten nie als Versagen der Kardentherapie. Diese einseitige Buchhaltung finde ich langsam zum Schreien.
Hat Ihre Bekannte übrigens wirklich 42°C Körpertemperatur erreicht in der Sauna? – Soviel braucht es ja nach Storl (1. Auflage), damit die Borrelien absterben. In diesem hohen Temperaturbereich stellt sich dann die Frage, wer zuerst stirbt: Der borrelioseinfizierte Mensch oder die Borrelien. Zur Überhitzungstherapie siehe Link unterhalb dieses Textes (M.K.).

“Dafür ist eine sogenannte ,wissenschaftliche Beweisung‘ nicht erforderlich.”

Ich verlange nirgends Beweise, nur eine sorgfältige, vollständige Dokumentation der geschilderten Heilungsgeschichten und eine plausible Begründung (M.K.).

“Vielmehr spricht Bände, wer etwas erlebt und erfährt. Und wer heilt hat immer recht.”

Schon mal etwas davon gehört, dass sich “Erfahrung” auch täuschen kann?
(siehe: Pflanzenheilkunde: “Erfahrung” allein genügt nicht zur Begründung!
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/11/07/pflanzenheillkunde-erfahrung-allein-genuegt-nicht-zur-begruendung.html )
“Wer heilt hat immer Recht.” – Das ist ein alter “Kampfspruch” der Naturheilkunde gegen die sogenannte “Schulmedizin”. Er geht meines Erachtens naiverweise davon aus, dass die Heilung immer durch die behandelnde Person bzw. die angewandte Therapie bewirkt wird. Ausgeblendet wird der bei jeder Behandlung mitwirkende Placebo-Effekt, die Möglichkeit der Selbstheilung des Organismus und des schwankenden Verlaufs vieler chronischer Krankheiten. Meines Erachtens ist es auf diesem Hintergrund ziemlich anmassend, jede Besserung sogleich als “Recht-haben” zu interpretieren(M.K.).

“Die Schulmedizin jedenfalls unterdrückt Symptome, davon bin ich geheilt.”

Warum nur werde ich den Eindruck nicht los, dass Sie - auch an dieser Stelle – nur eine “Wahrheit” gelten lassen.
Sie arbeiten in einer Klinik mit Tumorpatienten. Was finden Sie eigentlich schlecht daran, wenn die Schmerzen von Tumorpatienten gelindert werden? Nennen Sie das auch eine Unterdrückung von Symptomen? Zudem scheint mir, dass die von Ihnen verteufelte “Schulmedizin” durchaus auch ursächliche Therapien durchführt. Eine Antibiotikatherapie im Frühstadium einer Borreliose kann Borrelien relativ zuverlässig eliminieren. Keine ursächliche Therapie? Ihre Aussage sieht meines Erachtens danach aus, als würden Sie den Ratschlägen von Wolf-Dieter Storl zutrauen, dass sie die Ursachen behandeln. Was macht Sie da so sicher? (M.K.)

“Ich gehe davon aus, dass Sie das Buch von Herrn Storl gelesen haben, dann dürfte Ihnen wohl auch nicht entgangen sein, dass Antibiotika sämtliche Viren, Bakterien usw. mutieren lässt. Das ist eine Tatsache.”

Auch hier wieder: Warum reiben Sie eigentlich mir unter die Nase, dass es “immer mehrere Wahrheiten” gibt, wenn Sie selber so reden, wie wenn nur eine Wahrheit existiert – nämlich Ihre?
Wir haben ein ernstes Problem damit, dass viele Bakterienstämme Resistenzen gegen verschiedenste Antibiotika entwickeln. Ihre Aussage ist aber sehr absolut. Viren zum Beispiel werden gar nicht mit Antibiotika behandelt. Wie also können Antibiotika Viren mutieren lassen? Bakterien mutieren übrigens von selbst. Dazu braucht es keine Antibiotika (M.K.).

“Ich erlebe es hier im Krankenhaus, wie Menschen damit abgeschossen werden, und die Wirkung der Antibiotika ist und bleibt ebenso umstritten, heilen tut sie auch nicht. Fragen Sie unsere Ärzte und die werden Ihnen bestätigen, dass Antibiotika eben nicht die Borreliose heilt. Das hat sie vielleicht mal vor 20 Jahren getan.”

Wie können Sie in einem Krankenhaus arbeiten, in dem Patienten durch Antibiotika “abgeschossen werden”? – Können Sie das ethisch verantworten?
Auch hier wieder: Mir scheint, Sie kennen nur eine Wahrheit – Ihre. Sie sagen: Antibiotika heilen nicht. Ich sage: Antibiotika heilen in manchen Fällen – zum Beispiel im Frühstadium von Borreliose – in manchen Fällen heilen sie aber auch nicht.
Dass es grundsätzlich Antibiotika gibt, die Borrelien unschädlich machen, ist meines Erachtens sehr gut dokumentiert, zum Beispiel durch die Forschungen von Professor Sievers an der Hochschule Wädenswil. Allerdings gibt es Borreliose-Stadien, in denen das Antibiotikum die Borrelien im Organismus in ihren “Verstecken” kaum mehr erreicht (M.K.).

“Menschliche Grösse hat nur der, der auch neben sich andere Meinungen existieren lässt und nicht ständig versucht, zu dementieren. Vielleicht sollten Sie sich da mal etwas zurücknehmen.”

Schon wieder so eine absolute Aussage (Menschliche Grösse hat nur der…).
Ich bin übrigens durchaus der Ansicht, dass verschiedene Meinungen existieren sollen. Vor meiner fachlichen Kritik an den Versprechungen von Wolf-Dieter Storl hatte es jedenfalls nur seine Meinung dazu im Internet und diejenige seiner AnhängerInnen. Nun gibt es auch eine andere Meinung zu diesem Thema und die Leute können sich eine eigene Meinung bilden. Sie müssten sich doch eigentlich freuen, wenn ich meine andere Meinung publiziere. Warum also werfen Sie mir das vor? (M.K.)

Untenstehend mein Antwortmail an Frau F., abgeschickt noch vor den detaillierten Antworten im obigen Abschnitt (M.K.).

Sehr geehrte Frau F.
Ich bin sehr erstaunt von Ihnen zu hören, dass die Ärzte in Ihrer Klinik Antibiotika als unwirksam gegen Borrelien bezeichnen. Wie Sie meinen storl-kritischen Texten entnehmen können, geht es mir vor allem um die Borreliose im Frühstadium. In dieser Phase halte ich eine antibiotische Therapie für wichtig. Wer sich statt dessen auf die Empfehlung von Wolf-Dieter Storl und seine Kardentinktur verlässt, geht meines Erachtens ein Risiko für Spätschäden ein, wenn er oder sie nicht das Glück hat, zu derjenigen Gruppe zu gehören, bei der die Krankheit auch ohne Behandlung zum Stillstand kommt.
Können Sie mir die E-mail-Adressen der entsprechenden Ärzte senden, damit ich um eine Stellungnahme zu dieser Frage ersuchen kann?
Andernfalls werde ich einfach direkt an die Klinikleitung schreiben.
Freundliche Grüsse
Martin Koradi

“Sehr geehrter Herr Koradi,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Ich habe kürzlich mit einer Ärztin gesprochen, die meiner Meinung war, und die das von mir gezeigte Buch von Herrn Storl interessant fand und zum überlegen brachte. Ich habe dann mit ihr privat aufgrund meiner Ausbildung ein Gespräch bezüglich dieses Themas geführt. Sie dürfen davon ausgehen, dass die Ärzte hier in der Klinik mit Rücksicht auf ihre Stellungen und Arbeitsplätze nicht mit Ihnen in Kontakt gehen werden.
Mein Anschreiben an Sie war aus meinem persönlichen Interesse und vielen jahrelangen Erfahrungen mit der Naturheilkunde entstanden. Und ich (54 Jahre) nehme seit ca 35 Jahren keine Antibiotika und erfreue mich eines guten Immunsystems. Die letzte Antibiotikaeinnahme erfolgte bei mir als junge Frau und ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Seit dieser Einnahme hatte ich daraus resultierende nachfolgen, wie z.B. erhebliche intermittierende Pilzinfektionen über 30 Jahre hinweg und alles, was sich danach an Bakterien andockte. Erst die Homöopathie und die Naturheilkunde (mit dem höheren Bewusstsein, wie sie eben von Herrn Storl geschildert wird) haben mir mit Hilfe meiner Heilpraktikerin und vielen Blutdunkelfelduntersuchungen meine jetzige Gesundheit wiedergebracht. Nun habe ich leider das Pech gehabt, im Sommer von 2 Zecken angefallen worden zu sein und seitdem habe ich die zugehörigen Symptome der Borreliose. Ich gebe mich nicht in die Hände der Schulmedizin, weil ich dann um die vielen aggressiven Untersuchungsmethoden fürchte, nur um der Wissenschaft Willen, “damit man es weiss auf schwarz hat”. Ich werde die gleiche Methode bei mir durchführen, die meine Heilpraktikerin nach dem Buch von Herrn Storl an sich mit positivem Ergebnis durchgeführt hat, und ich weiss schon jetzt, dass dies gelingt – und das ohne das Bewusstsein, dass dies gefährlich sei. Ausserdem habe ich in schon mehrfacher, von mir gelesener Literatur, auch von Schulmedizinern geschrieben, erfahren, dass Antibiotika nicht mehr die gewünschten Wirkungen zeigt, wie sie es vor ca. 40 – 50 Jahren tat. Und ich bezweifle auch in meinem Fall, dass dies helfen wird. Ich baue ja nicht mein Immunsystem über Jahre hinweg mit viel trinken, Entgiftungen und Entschlackungen, Vitaminen sowie Mineralstoffen auf, um es dann mit Hilfe von Antibiotika zu zerstören. Die danach resultierenden Folgen nach dieser Einnahme sind für mich schlimmer, als die Borreliose-Symptome, die ich bis jetzt habe. Ich könnte Ihnen in ca. 3 Monaten darüber berichten, wenn Sie Interesse hätten.

Ich finde nur nicht gut, wenn alles, was für andere Menschen die Wahrheit ist, ständig dementiert wird. Das scheint in Deutschland so üblich zu sein, dass alles niedergemacht wird, was man selbst noch nicht erlebt hat. Ich werde es durchleben und dann wissen.
Mit freundlichen Grüssen

R. F.

Ich werde mich nun mit diesem Mail wieder Schritt für Schritt auseinandersetzen (M.K.):

“Ich habe kürzlich mit einer Ärztin gesprochen, die meiner Meinung war, und die das von mir gezeigte Buch von Herrn Storl interessant fand und zum überlegen brachte.”

Worin genau war die Ärztin Ihrer Meinung? Etwas “interessant finden”, das kann einfach Höflichkeit sein (M.K.).

“Sie dürfen davon ausgehen, dass die Ärzte hier in der Klinik mit Rücksicht auf ihre Stellungen und Arbeitsplätze nicht mit Ihnen in Kontakt gehen werden.”

Verstehe ich Sie richtig: Die Ärzte in Ihrer Klinik halten Antibiotika bei Borreliose für wirkungslos, trauen sich aber nicht, das öffentlich zu sagen, weil sie sonst entlassen werden? Eigentlich sind also alle auf Ihrer Seite, nur sind sie so unterdrückt, dass sie ihre Meinung nicht äussern dürfen? Verkennen Sie da nicht vielleicht etwas? Warum haben Sie mir geschrieben, dass ich die Ärzte Ihrer Klinik fragen könne und dass diese mir bestätigen würden, dass Antibiotika bei Borreliose nicht wirken? (M.K.)

“Die letzte Antibiotikaeinnahme erfolgte bei mir als junge Frau und ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Seit dieser Einnahme hatte ich daraus resultierende nachfolgen, wie z.B. erhebliche intermittierende Pilzinfektionen über 30 Jahre hinweg und alles, was sich danach an Bakterien andockte.”

Na ja, immerhin scheint Ihre Niere dank Antibiotika die Infektion unbeschädigt überstanden zu haben. Ohne Antibiotika kann so was bös enden.
Dass Antibiotika temporär zum Beispiel die Döderleinbakterien in der Vagina zerstören können und sich aus der darausfolgenden Dysbalance im Scheidenmilieu Pilzinfektionen ergeben können ist bekannt. Dass Sie aber über 30 Jahre hinweg Pilzinfektionen und allenfalls bakterielle Erkrankungen auf diese eine Antibiotika-Therapie zurückführen, scheint mir eine sehr gewagte Interpretation. Meines Wissens gibt es keine plausiblen Hinweise, dass die Behandlung einer Nierenbeckenentzündung das Immunsystem schädigt – und dies dann noch über 30 Jahre. Woher haben Sie diese Vorstellung? (M.K.)

“Erst die Homöopathie und die Naturheilkunde (mit dem höheren Bewusstsein, wie sie eben von Herrn Storl geschildert wird) haben mir mit Hilfe meiner Heilpraktikerin und vielen Blutdunkelfelduntersuchungen meine jetzige Gesundheit wiedergebracht.”

Meinem Eindruck nach knüpfen Sie sehr rasch scheinbar eindeutige Zusammenhänge im Sinne von Ursache und Folge:

Antibiotika – als Folge davon 30 Jahre lang immer wieder krank.

Homöopathie, (höhere) Naturheilkunde, Blutdunkelfelduntersuchung – aktuelle Gesundheit.

Was macht Sie so sicher bezüglich dieser Zusammenhänge? Legen Sie die Zusammenhänge nicht vielmehr entlang Ihrer vorbestehenden Überzeugungen?
Aufschlussreich finde ich immer wieder, wie konsequent sich esoterisch angehauchte Menschen auf eine höhere Ebene phantasieren. Wozu brauchen Sie eigentlich diese Vorstellung vom höheren Bewusstsein? Was passt Ihnen nicht auf der Horizontalen mit all den anderen, gewöhnlichen Menschen? Zu langweilig? Zu komplexes Zusammenleben? Zu viele Konflikte? – Wie schön, wenn man sich da in ein höheres Bewusstsein absetzen kann (M.K.).

“Ich gebe mich nicht in die Hände der Schulmedizin, weil ich dann um die vielen aggressiven Untersuchungsmethoden fürchte, nur um der Wissenschaft Willen, ,damit man es weiss auf schwarz hat‘.”

Wer hat Sie so einseitig indoktriniert? Ihre Heilpraktikerin? Meiner Ansicht nach sind Sie gegen-abhängig von der “Schulmedizin”.
Es gibt Leute, die sind vollkommen abhängig von der Medizin und glauben, schlucken und tun alles, was diese anbietet und vorschlägt. Und es gibt Leute die sind gegen-abhängig, weil sie unter keinen Umständen etwas annehmen können, was die Medizin für nötig erachtet. Gegen-abhängige sind genauso wenig frei wie abhängige. Beide können nicht wählen, was ihnen selber und ihrer Situation am angemessensten ist. Sie müssen sich ja nicht einfach allen aggressiven Untersuchungsmethoden unterwerfen. Sie können als mündige Patientin doch mitreden und wählen. Abgesehen davon, dass ich gar nicht sehe, was für aggressive Untersuchungsmethoden in der Borreliosediagnostik denn drohen würden. Woher kommt dieses hohe Bedrohungsgefühl? Wer hat Ihnen das eingeredet? So sind Sie doch nicht auf die Welt gekommen? (M.K.)

“Ich werde die gleiche Methode bei mir durchführen, die meine Heilpraktikerin nach dem Buch von Herrn Storl an sich mit positivem Ergebnis durchgeführt hat, und ich weiss schon jetzt, dass dies gelingt – und das ohne das Bewusstsein, dass dies gefährlich sei.”

Wie schon in der Antwort auf Ihr erstes Mail erwähnt: Ihr Schluss von einer Besserung auf eine Wirkung der Storl‘schen Ratschläge scheint mir sehr vorschnell. Und die Vorstellung, dass eine bestimmte Behandlung mit Garantie wirkt, ist meines Erachtens immer fragwürdig. Das läuft auf eine Art von Heilungsgarantie hinaus und spricht eher für eine Idealisierung einer Methode. Der Mensch und seine Krankheiten sind viel zu komplex, als dass es Heilungsgarantien geben könnte (M.K.).

“Ausserdem habe ich in schon mehrfacher, von mir gelesener Literatur, auch von Schulmedizinern geschrieben, erfahren, dass Antibiotika nicht mehr die gewünschten Wirkungen zeigt, wie sie es vor ca. 40 – 50 Jahren tat.”

Ja, manche Antibiotika wirken gegen bestimmte Keime nicht mehr. Das ist ein ernsthaftes Problem. Aber manche Antibiotika wirken gegen manche Keime immer noch. Warum interpretieren Sie so einseitig? (M.K.)

“Ich baue ja nicht mein Immunsystem über Jahre hinweg mit viel trinken, Entgiftungen und Entschlackungen, Vitaminen sowie Mineralstoffen auf, um es dann mit Hilfe von Antibiotika zu zerstören.”

Ich würde sehr bezweifeln, ob man mit viel trinken, Entgiftungen (welche Gifte genau?) und Entschlackungen (was für Schlacken genau?), Vitaminen sowie Mineralstoffen sein Immunsystem aufbauen kann. Das Thema “Entgiften & Entschlacken” ist meines Erachtens eine Medikalisierung. Uns wird eingeredet, dass wir voller Gifte und Schlacken sind, damit wir uns behandlungsbedürftig fühlen. Nur so kann man uns allezeit therapieren. Aber erklären Sie mir doch mal, welche Gifte und was für Schlacken Sie ausgeleitet haben, damit Ihr Immunsystem stark wird. Und dass Vitamin- und Mineralstoffpräparate in den meisten Fällen mehr schaden als nützen, sollte sich inzwischen eigentlich herumgesprochen haben.
Dass Bakterien gegen bestimmte Antibiotika resistent werden können, ist ein reales Problem. Dass Antibiotika ihr Immunsystem zerstören würden, müssten Sie mir erst noch plausibel machen. Dafür haben ich bisher keinen glaubhaften Hinweis gefunden. Auch hier wieder: Woher kommt diese Angst? Wer hat Sie so einseitig indoktriniert? (M.K.)

“Die danach resultierenden Folgen nach dieser Einnahme sind für mich schlimmer, als die Borreliose-Symptome, die ich bis jetzt habe. Ich könnte Ihnen in ca. 3 Monaten darüber berichten, wenn Sie Interesse hätten.”

Haben Sie sich mal genauer über die möglichen Langzeitfolgen der Borreliose informiert? Vielleicht ändert sich Ihre Einschätzung, wenn Sie mal etwas in Borrelioseforen nachlesen, womit Borreliose-Infizierte sich herumschlagen müssen.
Ich wäre grundsätzlich sehr interessiert an Ihrem Bericht. Allerdings müssten Sie dabei ein paar Grundregeln beachten, damit er aussagekräftig ist:
1. Es braucht ein genaue Diagnose. Ist es überhaupt Borreliose? Diese Diagnose ist oft schwierig sicher zu stellen. Sie müssten mir auch Laborwerte liefern. Damit soll ausgeschlossen werden, dass eine allfällige Besserung auf das Konto von Kardentinktur verbucht wird, obwohl es sich gar nicht um eine Borreliose gehandelt hat (passiert laufend, diese Verwechslung).
2. Es braucht einen genau protokollierten Krankheitsverlauf inklusive allfälliger Begleitmedikation. Was haben Sie sonst noch alles gemacht oder eingenommen?
3. Ein Bericht nach drei Monaten ist nicht aussagekräftig. Spätere Stadien der Borreliose können nach langer Zeit erst auftreten. Daher bräuchte ich einen Bericht nach drei Monaten, sechs Monaten, einem Jahr, zwei Jahren, fünf Jahren, zehn Jahren.
4. Falls Sie irgendwann den Eindruck haben, geheilt zu sein, wäre eine genaue Abschlussuntersuchung nötig, inklusive Laborwerten. Bei chronischen Verläufen ist es normal, dass man sich zwischen durch besser oder gar gesund fühlt.

Links zur fachlichen Kritik an den Heilungsversprechungen von Wolf-Dieter Storl:

- Karde gegen Borreliose: Immer noch wirre Behauptungen statt fundierte Begründungen!
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/132919_Karde-Kraut-Borreliose-wirre.pdf

Karde – kein Kraut gegen Borreliose!
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/110646_Karde-Kraut-Borreliose.pdf

Karde gegen Borreliose – Heilungsversprechungen der fragwürdigsten Art
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125527_Storl-Karde-Borreliose.pdf

Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: “Borreliose natürlich heilen” von Wolf-Dieter Storl,
AT-Verlag 2007
http://www.phytotherapie-seminare.ch/docs_db/125713_Borreliose-Storl-Karde-1.pdf

Fahrlässig-riskante Überhitzungstherapie bei Borreliose
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/10/01/fahrlaessig-riskante-ueberhitzungstherapie-bei-borreliose.html

Weitere Beiträge zur Debatte:

Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 1
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/11/06/pflanzenheilkunde-hoch-fragwuerdige-esoterische-theorien-ein-beispiel.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 3
www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2008/12/11/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitraege-zur-debatte-3.html

Karde & Borreliose-Therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 4

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/02/25/karde-borreliose-therapie-nach-storl-beitraege-zur-debatte-4.html

Karde & Borreliose-therapie nach Wolf-Dieter Storl: Beiträge zur Debatte 5:

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/07/14/karde-borreliose-therapie-nach-wolf-dieter-storl-beitrage-zur-debatte-5.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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In-vitro-Fertilisation: Schein-Akupunktur besser als echte Akupunktur

Samstag, Dezember 6th, 2008

Ein irritierendes Resultat zeigt eine Studie chinesischer Reproduktionsmediziner an der Universität Hongkong zur Akupunktur: Die scheinbare Nadelung bewirkte laut der Publikation in Human Reproduction (2008; doi: 10.1093/humrep/den380) höhere Schwangerschaftsraten als die echte Akupunktur.?An der Studie nahmen 370 Frauen teil, die sich ihren Kinderwunsch mithilfe einer In-vitro-Fertilisation (IVF) erfüllen wollten.

Die Hälfte der Frauen erhielt am Tag des Embryotransfers eine echte, die andere Hälfte eine Scheinakupunktur. Die Behandlungen unterschieden sich nur darin, dass die Nadeln bei der Scheinakupunktur eine stumpfe Spitze hatten und darum nicht in die Haut eindrangen. Nur 16 Prozent der Frauen ahnte bei der späteren Befragung, dass sie in der Placebo-Gruppe waren (aber auch acht Prozent in der Gruppe mit der echten Akupunktur war dieser Meinung). ??Von den 185 Frauen, die neben der IVF eine echte Akupunktur bekommen hatten, wurden 81 schwanger. Die Schwangerschaftsrate betrug 44 Prozent und war damit signifikant geringer als in der Gruppe, in der die IVF mit einer Scheinakupunktur kombiniert wurde. Dort wurden von 185 Frauen 102 schwanger. Das sind 55 Prozent. Auch die Rate der Lebendgeburten war nach der Scheinakupunktur mit 38,4 Prozent höher als nach der echten Akupunktur (29,7 Prozent), auch wenn die Differenz hier nicht signifikant war.??Eine Erklärung für die Überlegenheit kann Ernest Hung Yu Ng von der Universität Hongkong nicht geben.

Die Auswirkungen auf die Durchblutung in der Gebärmutter und im Endometrium waren in beiden Gruppen identisch. Auch bei den Stressparametern (Cortisol im Serum und Angaben in einem Angst-Fragebogen) gab es keine Differenzen. Stress gilt als ein möglicher Grund für ein Versagen der IVF. Deshalb geben sich die Kliniken alle Mühe, die Behandlung in einer entspannten Atmosphäre anzubieten.
Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=34425
Originalarbeit: : http://humrep.oxfordjournals.org/cgi/reprint/den380v3.pdf

Kommentar:
Interessante Studien werfen oft mehr neue Fragen auf, als sie beantworten. Leider fehlt eine Vergleichsgruppe, die nur eine IVF erhielt ohne Scheinakupunktur und ohne echte Akupunktur. Damit bleibt offen, ob das Nadeln (stumpf oder spitz) gegenüber der IVF allein etwas gebracht hat.
Studien geben kaum je ein endgültiges Ergebnis im Sinne einer Wahrheit bekannt. Sie sind eher Wegmarken in einem Diskussionsprozess und müssen interpretiert werden. Das Phänomen Akupunktur ist noch nicht im Ansatz geklärt und die Studien sind zum Teil sehr widersprüchlich. Zu einzelnen Beschwerden gab es zum Beispiel Studien, in denen sich Akupunktur bezüglich Schmerzlinderung einer klassisch medizinischen Behandlung als ebenbürtig oder gar überlegen zeigte. Gleichzeitig häufen sich aber auch Studien wie die eben dargestellte, bei denen Scheinakupunktur ebenso wirksam war wie echte Akupunktur. Wie bei jeder Behandlung wird ein Teil des Effektes auch hier dem Placebo-Phänomen zuzurechnen sein. Es könnte aber auch sein, dass die Behandlung selbst zwar eine Wirkung hat, dass diese aber unspezifischer ist, als es die Theorie der Traditionellen Chinesischen Medizin vertritt. Es kommt in der Geschichte des Heilens immer wieder vor, dass eine heilkundliche Theorie sich zunehmend bis in die kleinsten Verästelungen ausdifferenziert und dass sie dabei immer komplexer wird. Je komplexer aber eine Theorie ist, desto weniger wird sie einfach so von sich aus an der Erfahrung scheitern, weil für jeden Misserfolg immer genügend Rechtfertigungsgründe bereitstehen, um die Theorie zu retten. So kann sich dann eine solche Theorie über Jahrtausende halten. Das war in der abendländischen Medizin mit der Humoralpathologie (Viersäfte-Lehre) nicht viel anders.

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Ginkgo-Studie findet keine vorbeugende Wirkung gegen Demenz

Freitag, Dezember 5th, 2008

Ein Versuch, der Entwicklung von Morbus Alzheimer durch die Einnahme von Ginkgo-Extrakten vorzubeugen, ist in einer großen randomisierten Studie gescheitert. Gemäss der Veröffentlichung im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2008; 300: 2253-2262) war das Präparat eines deutschen Herstellers wirkungslos.??

Auch in den USA erfreuen sich Extrakte aus den Blättern von Ginkgo biloba großer Popularität. Laut einer Umfrage sollen 4,5 Millionen Erwachsene dort regelmäßig das pflanzliche Mittel einnehmen, in der Hoffnung, dass es kognitive Funktionen und Gedächtnis im Alter erhalten möge. Zu den populären Anwendungsgebieten zählt die Vorbeugung der Alzheimerdemenz, welche Gegenstand der Ginkgo Evaluation of Memory-Studie war. Nach Angaben des Sponsors, dem US-National Center for Complementary and Alternative Medicine, handelt es sich um die größte klinische Studie, die jemals zu den Auswirkungen von Ginkgo-Extrakten auf die Entwicklung der Demenz durchgeführt wurde.??

An der Studie nahmen an fünf akademischen Zentren in den USA 3‘069 Senioren im Alter von 75 Jahren oder älter teil, die entweder geistig gesund waren oder bei denen eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) vorlag, die als mögliche Vorstufe der Alzheimerdemenz eingestuft wird. Die Teilnehmenden schluckten zweimal täglich entweder ein Placebo oder ein Gingko-Präparat, das die Firma Schwabe zur Verfügung gestellt hatte. Auch die Dosierung von 240 mg/Tag habe den derzeitigen Empfehlungen entsprochen, berichten Steven DeKosky von der Universität Pittsburgh und Mitarbeiter, die das Resultat der Studie vorstellten.??Während der Studiendauer von im Schnitt 6,1 Jahren erkrankten 523 Teilnehmer an einer Demenz. Von ihnen hatten 246 Placebo und 277 den Ginkgo-Extrakt geschluckt. Das Erkrankungsrisiko war in der Ginkgo-Extrakt-Gruppe sogar um 12 Prozent höher. Diese Differenz war jedoch statistisch nicht signifikant und dürfte daher ein Zufallsergebnis gewesen sein. Auch in der Untergruppe der Senioren mit MCI, in der die Fachleuten am ehesten einen Effekt erwartet hätten, traten tendenziell mehr Demenzerkrankungen auf.

Das einzig positive Resultat war, dass sich der Ginkgo-Extrakt als sicher erwiesen. Es zeigte sich kein erhöhtes Blutungsrisiko, anders als dies frühere Einzelfallberichte befürchten ließen. Im Sicherheitsprofil gebe es keine Differenzen zu Placebo, stellten die Autoren fest.

Der Hersteller Schwabe schreibt in einer Stellungnahme unter anderem, man könne nicht erwarten, dass eine Behandlung bei im Durchschnitt 79 Jahren alten Personen noch eine Wirkung zeige, weil die Schäden an den Nervenzellen sich schon etwa 15 bis 20 Jahre vor dem Manifestwerden der Erkrankung entwickeln.
Quelle: www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp
Originalpublikation:
http://jama.ama-assn.org/cgi/content/short/300/19/2253
Kommentar:
Ärgerlich finde ich nicht diese Studie, sondern die stark verkürzte und verfälschte Darstellung in den populären Kurzfutter-Gratiszeitungen. Hier erschien die Meldung überwiegend unter dem Schlagwort “Ginkgo wirkt nicht”.
Diesen Schluss zu ziehen ist aber eine starke Verzerrung. Die Studie sagt nur, dass Ginkgo unter den untersuchten Bedingungen – zum Beispiel dem Durchschnittsalter von 79 Jahren – keinen vorbeugenden Effekt gegen die Entstehung von Alzheimer zeigt. Wer sich seriös mit Phytotherapie befasst, hat aber auch nie einen solchen präventiven Effekt behauptet. Es gibt Studien mit einer günstigen Wirkung im Frühstadium von Demenz. Wissenschaftlich gesehen ist also die neue Studie aus Pittsburgh ein wichtiger Diskussionsbeitrag, aber keinesfalls ein endgültiges Urteil über Ginkgo im Gesamten. Meines Erachtens sollten Kurzfutter-Gratiszeitungen solche Meldungen besser ganz weglassen, wenn sie keinen Platz für eine differenzierte Darstellung haben.
Ich selber bin gar nicht traurig darüber, dass Ginkgo biloba in der Pittsburgh-Studie keinen präventiven Effekt zeigt. Ich bin sowieso skeptisch, wenn jeder älter werdende Mensch vorbeugend irgend welche Mittelchen schlucken soll – egal, ob es sich dabei nun um Heilpflanzen-Präparate, Vitaminpillen oder synthetische Medikamente handelt. Älterwerden ist noch kein behandlungsbedürftiger Zustand. Eine Medikalisierung des Älterwerdens lenkt nur von Wichtigerem ab. Beim Thema “Gehirn” beispielsweise davon, dass das Gehirn am ehesten dann fit bleibt, wenn man es vielfältig benutzt. Dass die Hersteller von Ginkgo-Produkten den vorbeugenden Einsatz begrüssen würden, ist wohl verständlich. Ihr Marktpotenzial würde sich vervielfachen verglichen mit dem eng begrenzten Einsatz im Frühstadium der Demenz.
Zwei Punkte möchte ich noch festhalten zu der beschriebenen Ginkgo-Studie:
Erstens: Es wurde ein hochklassiger Ginkgo-Extrakt verwendet. Das ist nicht selbstverständlich. Bei einer US-Studie zu Echinacea beispielsweise wurde einfach Kapseln mit Echinacea-Pflanzenpulver verwendet, obwohl ein solches Produkt gar nicht im Handel war. Das ist Schabernack. Es ist wichtig, dass die besten Heilpflanzen-Präparate sich den klinischen Studien stellen.
Zweitens: Die Studie hatte einen neutralen Sponsor. Sie war nicht abhängig von der Hersteller-Firma. Es gibt aber auch keinen Grund für die Unterstellung, hier sei die böse Medizin oder die Pharmaindustrie am Werk, um wieder einmal die sanfte Pflanzenheilkunde kaputt zu machen. Solche Verschwörungstheorien sind in der Naturheilkunde-Szene meist viel zu schnell zur Hand und werden gerne dazu benutzt, um unangenehme Kritik abzuwehren.
Ich bin im Gegensatz dazu mit Nachdruck der Meinung, dass wir uns auch mit kritischen Studien ernsthaft auseinander setzen sollten. Allerdings so differenziert wie möglich und mit allen Facetten, die ein Thema hergibt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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