Phytotherapie in der Psychiatrie – Weiterbildung und Kurse für die Pflege in Winterthur

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Phytotherapie im Sinne einer fundierten, professionellen Anwendung von Heilpflanzen findet zunehmende Akzeptanz in der Psychiatrie:

“Die Phytotherapie erfreut sich grosser Beliebtheit. Patienten
verlangen mehr und mehr natürliche Behandlungsalterna-
tiven für ihre Beschwerden. Das gilt besonders im Bereich
von Psychiatrie und Psychotherapie, wo Arzneipflanzen eine
wichtige Rolle spielen können, als erster therapeutischer
Ansatz bei leichten Beschwerden oder als adjuvante Thera-
pie.”

Das schreiben Prof. Matthias Hamburger, Pharmazeutische Biologie Universität Basel, und Dr. med. Andrea Jakobitsch, prakt. Ärztin und FMH Psychiatrie/Psychotherapie. Gefunden habe ich diese Aussage in einer Einladung zur Weiterbildung im Botanischen Garten Brüglingen (Basel). Ziel der Veranstaltung war es, mittels Referat und Führung im Kräutergarten den Ärztinnen und Ärzten Wissen zu vermitteln über Heilpflanzen, die im Bereich der Psyche eine Wirkung entfalten.

Auch die phytotherapeutische Fachliteratur hat sich schon seit längerem intensiv mit der Anwendung von Heilpflanzen-Präparaten in der Psychiatrie auseinandergesetzt.
So schreibt beispielsweise Prof. Dr. Volker Fintelmann im “Lehrbuch der Phytotherapie” (2006):

“Ein als sensationell empfundener Durchbruch in der modernen Pharmakotherapie war die Entwicklung völlig neuartiger Psychopharmaka, besonders der Tranquilizer, aber auch der Neuroleptika und der trizyklischen Antidepressiva. Die gesamte Therapie psychiatrischer Krankheitsbilder wurde durch diese Arzneimittel revolutioniert. So verwundert es nicht, dass traditionelle Phytotherapeutika vom Typ des Baldrians oder des Hopfens oder auch die stark wirksamen Arzneimittel aus dem Opium immer mehr in den Hintergrund gedrängt und bestenfalls als plazeboartige Medikamente eingeordnet und belächelt wurden. Inzwischen ist die Euphorie über die Wirkungen moderner Psychopharmaka einer wesentlich sachlicheren Denkweise gewichen, wozu auch kritische Bewertungen in der Fach- und Laienpresse beigetragen haben. Heute wendet man sich vorsichtig wieder den “alten” Phytotherapeutika zu, die teilweise in wesentlich besserer Galenik als Fertigarzneimittel ihre Wirksamkeit auch unter den Bedingungen kontrollierter Studien erwiesen haben….Der grosse Nachteil moderner, synthetischer Psychopharmaka besteht vor allem in Gewöhnung und Abhängigkeit, die auch zur Sucht führen können. Das plötzliche Absetzen einer Langzeittherapie beispielsweise mit Tranquilizern führt zu schweren Entzugserscheinungen bis hin zu psychotischen Zuständen. Auch wurde man im Zusammenhang mit der Langzeiteinnahme auf auffällige Persönlichkeitsveränderungen aufmerksam.
Manche dieser Medikamente werden auch als Ersatzdrogen auf dem Drogenmarkt gehandelt. Gerade bei den nervösen und psychogenen Erkrankungen oder Befindensstörungen wird immer wieder beobachtet, dass pflanzliche Mittel viel eher regulierend als verdrängend oder betäubend wirken. Körpereigene Funktionen werden geordnet, Selbstheilungskräfte angeregt. Man wird fast immer – mit Ausnahme ganz besonderer Persönlichkeitsstrukturen – eine auch über längere Zeit mit bis in die Psyche hinein wirksamen Phytotherapeutika durchgeführte Behandlung absetzen können, wenn die Symptomatik des Behandelten eine weitere Einnahme nicht mehr notwendig macht, ohne dass es zu entsprechenden Entzugserscheinungen kommt. Hierin liegt der eindeutige Vorteil gegenüber den synthetischen Psychopharmaka. Allerdings sind die pflanzlichen Arzneimittel fast nie als Akutmittel einsetzbar, und es existieren keine echten pflanzlichen Hypnotika oder Narkotika, sieht man vom Opium ab.”

Fintelmann spricht sich für eine abwägende, nicht dogmatisch festgelegte Haltung aus, bei welcher aus der jeweiligen Situation des Patienten heraus zu entscheiden ist, ob ein synthetisches oder ein phytotherapeutisches Arzneimittel passender ist. Diese auf beide Seiten hin offene Haltung entspricht meines Erachtens sehr den Voraussetzungen, wie sie in der Psychiatrie gegeben sind. Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken profitieren, wenn ihnen beide Optionen offen stehen, und wenn sie sich selber auch auf die jeweils angemessenere Option einlassen können.
Das heisst aber auch, dass sich eine differenzierte Haltung gegen Dogmatismus auf beiden Seiten wenden muss.
Es gibt eine dogmatische Nicht-Anerkennung bei manchen MedizinerInnen. Sie sind nicht bereit zu sehen, dass es inzwischen eine ganze Anzahl von gut belegten Phytopharmaka gibt, die in gewissen Situationen eine gute Wahl sein könnten.
Und es gibt dogmatische Haltungen bei manchen Leuten aus dem Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin, die alle synthetischen Psychopharmaka verteufeln und damit meines Erachtens die Realität vieler psychiatrischer Erkrankungen völlig verkennen.
Es geht aber – ganz im Sinne von Fintelmann – nicht um Entweder-Oder, sondern um diejenige Variante, die der individuellen Situation des kranken Menschen am besten gerecht wird.

Fintelmann schreibt weiter:

“Dabei kann davon ausgegangen werden, dass für akute Befindensstörungen die Synthetika besser geeignet sind, für die Langzeitanwendung dagegen Phytotherapeutika grosse Vorteile bieten. Die Prämedikation für operative oder diagnostische Eingriffe wäre heute ohne die Möglichkeit synthetischer Psychopharmaka überhaupt nicht denkbar. Das Gleiche gilt auch für die Behandlung echter Psychosen. Bei den vielfältigen Angst- und Unruhezuständen, den immer häufigeren reaktiven depressiven Verstimmungszuständen oder den vielfältigen vegetativen Dysregulationen sind jedoch die Phytotherapeutika Mittel der ersten Wahl.”

Die Aussagen von Hamburger/Jakobitsch und Fintelmann zeigen meiner Ansicht nach deutlich, dass es sinnvoll ist, wenn die Phytotherapie in der Psychiatrie einen professionellen Platz bekommt.
Dabei geht es aber nicht nur um die Behandlung von psychischen Leiden im engeren Sinn. Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken erkranken ja auch an Erkältungen, Blasenentzündungen, Ekzemen, Herzschwäche, Prostatabeschwerden, Wunden, Arthrose etc. – an allem, was Menschen an Krankheiten halt haben können. Und gerade Menschen in den psychiatrischen Kliniken, die oft nicht ohne starke Medikamente auskommen, sind dann dankbar, wenn sie für andere Beschwerden eine “sanfte” Therapie erhalten können.

Phytotherapie in der Psychiatrie für die Pflege – Weiterbildung in Winterthur

Bei der Umsetzung von Phytotherapie in die Psychiatrie können Pflegepersonen eine wichtige Rolle spielen. Es ist klar, dass psychiatrische Erkrankungen fachärztliche Behandlung brauchen. Doch es sind Pflegepersonen, die näher und konstanter bei den Patientinnen und Patienten sind. Das prädestiniert Pflegende zur Umsetzung von Phytotherapie-Angeboten in den Kliniken. Voraussetzung ist aber, dass die Pflegenden sich das nötige Wissen in einer fundierten Phytotherapie-Ausbildung angeeignet haben.

Qualitätssicherung nötig

Wenn nun zunehmend und erfreulicherweise Phytotherapie in die Psychiatrie einfliesst, sollte aber die Qualitätssicherung nicht aus den Augen verloren werden. Neben einer fundierten Ausbildung braucht es dazu auch entsprechende Konzepte. Und weil es im Bereich der Pflanzenheilkunde sehr grosse Qualitätsunterschiede gibt, braucht es Heilpflanzen-Präparate mit gut dokumentierter, belegter Wirksamkeit. Wenn Kliniken nun damit beginnen, Pflanzentinkturen in Dosierungen von 3 mal täglich 3 Tropfen zu verabreichen, so ist das hoch fragwürdig. Diese Dosierungen liegen sehr weit unter den Empfehlungen phytotherapeutischer Fachgremien und es gibt keinerlei Belege dafür, dass die Wirkung über einen Placebo-Effekt hinausgeht. Blind den Versprechungen des Herstellers glauben reicht einfach nicht.
Wenn Kliniken solche Pseudotherapien anbieten fragt es sich, ob sie sich damit nicht einfach aus kommerziellen Gründen ein “grünes” Mäntelchen umlegen.
Nun kann man natürlich einwenden, dass auch ein Placebo-Effekt für die Patientinnen und Patienten nützlich ist – und das stimmt zweifellos. Ziel jeder Behandlung müsste aber sein, über den bei jeder Behandlung vorhandenen Placebo-Effekt hinaus eine Wirkung mit den Medikament selber zu erreichen. Dieses “Mehr” muss dokumentiert sein und nicht nur mit schönen Geschichten beschworen werden. Placebo können sehr eindrückliche Wirkungen zeigen, doch ist eine reine Placebo-Therapie oft ethisch fragwürdig und bewegt sich nicht selten am Rande des Betruges.
Psychiatrie-Patientinnen und -Patienten haben ein Recht auf Phytopharmaka mit belegter Wirksamkeit oder dann mindestens in Dosierungen, die den Empfehlungen der Fachgremien entsprechen.

Das zitierte Buch von Fintelmann/Weiss “Lehrbuch der Phytotherapie” finden Sie im Buchshop in der Abteilung Phytotherapie-Fachbücher.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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