Cannabis als Heilmittel zulassen!

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Um Cannabis als Droge tobt ein heftiger Streit. Cannabis wird einerseits idealisiert und andererseits dämonisiert. Ich selber bin in dieser Frage ziemlich nüchtern und total unbekifft. Mit Cannabis konnte ich noch nie etwas anfangen. Als Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde habe ich mich aber intensiver mit den medizinischen Wirkungen von Cannabis befasst. Das Ergebnis dieser Recherchen ist eindeutig: Sowohl die wissenschaftlichen Forschungen als auch die Erfahrungen in der Praxis deuten darauf hin, dass Cannabis zu den wichtigsten Heilpflanzen zählt.
Cannabis lindert zum Beispiel sehr effektiv Spastik bei Patienten mit Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung. Die spastische Symptomatik zeigt sich einerseits durch Muskelschwäche, Ungeschicklichkeit und Störungen der Feinmotorik, andererseits durch einen erhöhten Tonus der Muskulatur, durch Muskelschmerzen und spontane Muskelkrämpfe.
Bei Krebspatienten lindert Cannabis Appetitmangel und Übelkeit, die sehr belastend sein können.
Weil aber der Konsum von Cannabis verboten ist – auch für medizinische Zwecke -riskieren Patienten immer noch kriminalisiert zu werden, wenn sie Hanf als Heilpflanze nutzen.

Unter der gegenwärtigen Gesetzgebung gibt es nur einen aufwendigen und teueren Weg, um an ein Medikament mit hanfähnlicher Wirkung heranzukommen. Dieses Medikament heisst Dronabinol. Die Tropfen enthalten Tetrahydrocannabinol (THC), den Hauptwirkstoff der Hanfpflanze. Weil die Nutzung von Cannabis verboten ist, wird der Wirkstoff für die Dronabinol-Tropfen aus Orangenschalen synthetisiert. Der Apotheker Manfred Fankhauser aus Langnau im Emmental produziert die Tropfen. Er bezieht den Wirkstoff von einer deutschen Firma und ist der einzige Schweizer, der Dronabinol importieren darf. Dronabinol wirkt zwar ähnlich wie Cannabis, ist jedoch viel teuer. Die Patienten müssen pro Monat bis zu 800 Franken dafür bezahlen – etwa 10mal soviel wie für Medikamente, die aus Hanf hergestellt werden und in der Schweiz aber nicht zugelassen sind. Nicht in jedem Fall übernehmen die Krankenkassen dafür die Kosten. Apotheker Fankhauser würde seine Tropfen eigentlich lieber aus Hanf herstellen, statt auf Substanzen aus Orangenschalen zurückgreifen zu müssen. Denn Hanf enthält neben THC auch noch andere wertvolle Stoffe und manchen Patienten hilft das Wirkstoffgemisch im Hanf besser als das isolierte THC. Das Betäubungsmittelgesetz verbietet aber die Verwendung von Hanf.
Auch für Dronabinol gibt es in der Schweiz keine generelle Zulassung. Ärzte müssen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) für jeden einzelnen Patienten eine schriftliche Ausnahmebewilligung beantragen. Sie müssen dem BAG zudem bestätigen, dass sie die Verantwortung für allfällige Nebenwirkungen tragen. Die Bewilligung hat nur für ein paar Monate Gültigkeit. Danach muss ein neuer Antrag gestellt werden. Dieser hohe bürokratische Aufwand hält viele Ärzte davon ab, Dronabinol zu verschreiben.

Für die zum Teil schwerkranken Patientinnen und Patienten, denen Cannabis helfen könnte, ist diese Situation vollkommen unwürdig und unhaltbar.

Das Parlament wollte die Verwendung von Hanf für medizinische Zwecke erlauben. Dazu braucht es eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes. Doch die EDU (Eidgenössische Demokratische Union) und die SVP waren dagegen und ergriffen das Reverendum. Deshalb wird die Vorlage am 30. November 2008 den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern zur Abstimmung vorgelegt.
Wird die Revision des Betäubungsmittelgesetzes vom Volk angenommen, können Hersteller neu Medikamente mit dem Cannabis-Wirkstoff zur Zulassung anmelden. Sobald solche Medikamente zugelassen sind, können Ärzte und Ärztinnen diese auch problemlos verschreiben. Ausserdem wird mit der Revision auch die auf Ende 2009 befristete Heroinabgabe an Suchtkranke definitiv eingeführt.
Am 30. November kommt auch die Hanf-Initiative zur Abstimmung. Sie will den Konsum von Cannabis entkriminalisieren. Chronisch kranke Patienten könnten dann ihre Schmerzen oder Muskelverspannungen auch mit einer Cannabis-Tinktur oder mit Cannabis-Tee lindern. Hanf könnte dann auch als Heilpflanze genutzt werden.

Stimmen Sie am 30. November der Revision des Betäubungsmittelgesetzes zu, damit schwer erkrankte Patienten nicht mehr kriminalisiert werden und zumindestens eine Behandlung mit isoliertem THC zur Verfügung haben.

Mit der Hanf-Initiative habe ich mich noch nicht detailliert auseinandergesetzt. Ich finde es aber obszön, dass eine Partei wie die SVP, welche den Konsum der Drogen Alkohol und Nikotin bei jeder Gelegenheit fördert, die Konsumenten von Cannabis weiterhin kriminalisieren will, selbst wenn sie Hanf als Heilpflanze benötigen.
Dass wir mit den Drogen Alkohol und Nikotin gesundheitlich viel die grösseren Probleme haben und dass deren Suchtpotential viel gefährlicher ist als dasjenige von Cannabis, zeigen alle wissenschaftlichen Fakten. Offenbar blendet die SVP hier wieder einmal einen gehörigen Teil der Realität aus, weil er ihr nicht in den Kram passt. Aber schliesslich sind halt Alkohol und Nikotin typische Suchtmittel von SVP-Mitgliedern, während Cannabis wohl immer noch als das Markenzeichen der verhassten 68er gilt.
Der Krieg gegen die Entkriminalisierung des Hanfkonsums fusst auf purer (Anti-68er) Ideologie und hat mit rationaler Politik nichts mehr zu tun. Damit will ich keineswegs Cannabis verharmlosen, aber mit Nachdruck darauf hinweisen, dass man den Konsum von Alkohol und Nikotin zumindestens gleich behandeln sollte wie den Konsum von Hanf. Aber gerade die SVP setzt sich für den möglichst freien Zugang zu den Suchtmitteln Alkohol und Nikotin ein und bekämpft den Schutz von Nichtrauchern vor dem schädlichen Passivrauchen.
Widersprüchlicher kann eine Politik wohl kaum sein.
Und dass eine EDU, die sich als christlich bezeichnet, schwer erkrankten Patienten lindernde Medikamente vorenthalten will, ist schon ziemlich absurd.
Aus diesen Gründen neige ich dazu, auch die Hanf-Initiative an der Urne anzunehmen.
Findet die Volksinitiative eine Mehrheit, was allerdings unwahrscheinlich ist, könnte Cannabis wieder in den Kreis der wichtigen Heilpflanzen zurückkehren. Dort hatte der Hanf nämlich früher seinen unbestrittenen Platz, lange bevor er zur Droge der 68er wurde.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie / Heilpflanzen-Exkursionen / Heilkräuter-Kurse / Phytotherapie-Ausbildungen
www.phytotherapie-seminare.ch

Lit.: Andreas Gossweiler, “Hanf löst bei mir den Schmerz am besten”, Gesundheitstipp September 2008

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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