Archive for September, 2008
Dienstag, September 30th, 2008
Man hört oder liest ihn ziemlich oft, diesen Spruch: Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen!
Was ist davon zu halten?
Für viele Beschwerden und Krankheiten gibt es wirksame Heilpflanzen – das steht für mich ausser Frage. Aber für alle?
Das scheint mir eine höchst fragwürdige Vorstellung. Wie kommt es dazu?
Wer glaubt, dass es gegen jede Krankheit eine Heilpflanze gibt, muss meines Erachtens entweder
- davon ausgehen, dass er oder sie selber gegen jede Krankheit ein Kraut kennt. Die Vorstellung, alle Krankheiten heilen zu können – das scheint mir allerdings eine Allmachtsphantasie;
- oder glauben, dass jemand anderer diese umfassenden Kenntnisse hat. Auf dieser Basis entstehen sektenartige Guru-Systeme;
- oder hoffen, dass die wirksamen Heilpflanzen für bisher unheilbare Krankheiten noch entdeckt werden. Hier gibt es zweifellos noch Potenzial für weitere Entdeckungen. Aber ist es realistisch, für alle unheilbaren Krankheiten ein Kräutlein zu finden?
Die Vorstellung jede Krankheit heilen zu können, übersieht meines Erachtens fundamental, dass Krankheiten zum menschlichen Leben gehören. Auch wenn wir das zuweilen gar nicht gerne hören. Unser Organismus ist nicht gefeit gegen alle Krankheiten und wird es auch nie werden, sonst würden wir nicht mehr sterben. Diese Verletzlichkeit und Fragilität blendet aus, wer gegen jede Krankheit eine Heilpflanze gewachsen sieht. Und er oder sie überhöht und idealisiert die Heilkraft der Pflanzen in meines Erachtens ungesunde Dimensionen. Hier zeigt sich ein Machbarkeitswahn, wie er gerade von naturheilkundlicher Seite gerne der Medizin unterstellt wird.
Ich glaube, dass es im Gegenteil sehr wichtig ist, die Grenzen zu sehen – unsere eigenen und diejenigen der Heilpflanzen. Und zwar weil es so menschlicher ist.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
Tags: Gesundheitsberufe, Heilkräuter, Heilpflanzen, Klinik, Krankenpflege, Krankheit, Kraut, Kräuter, Kräuterexkursionen, Naturheilkunde, Palliative Care, Pflanzenheilkunde, Pflege, Pflegeheim, Phytotherapie, Phytotherapie-Ausbildung, Schmerzen, Schweiz, Spitex, Weiterbildung, Winterthur, Zürich
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Donnerstag, September 25th, 2008
Medikamente aus Heilpflanzen zählen seit Jahrzehnten zu den populärsten Präparaten bei der Behandlung der gutartigen Prostatavergrösserung (benignes Prostatasyndrom, BPS). In einem sehr fundierten Beitrag in der Zeitschrift “Pharmazie Unserer Zeit” (4/2008) fasst der Urologe Gerd Popa die Studienlage bezüglich der verschiedenen Prostata-Heilpflanzen zusammen und spricht sich für ihren Einsatz in der Praxis aus. Als Vorteile sieht er die wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit, die Armut an unerwünschten Nebenwirkungen, die Preiswürdigkeit und die hohe Einnahmetreue durch der Patienten (Compliance).
Popa hält fest, dass es zu den verschiedenen Prostata-Heilpflanzen unterschiedlich viele und unterschiedlich fundierte Studien gibt:
- Sägepalmenfrüchte (Sabal serrulata): Hier liegen am meisten Studien vor. In Vergleichsstudien mit den synthetischen Mitteln Finasterid (über 6 Monate) und Tamsulosin (über 12 Monate) zeigten Sabal-Extrakte ebenbürtige Ergebnisse bezüglich Symptomlinderung und Lebensqualität. Gegenüber Placebo wirkten Sabal-Extrakte in mehreren Studien besser.
- Phytosterole: Sie wurden mit positivem Resultat mehrmals gegen Placebo getestet.
- Kürbissamen: Hier zeigte die fundierteste Studie über 12 Monate eine leichte Verbesserung der Symptome, aber keinen Unterschied zwischen Verum und Placebo bezüglich Lebensqualität und Restharn.
- Brennesselwurzel (Urtica dioica): Gute Verbesserung der Beschwerden gegenüber Placebo, nur leichte Verbesserung der Lebensqualität.
- Roggenpollen (Secale cereale): Dazu gibt es am wenigsten Studien. Die einzige placebokontrollierte Studie ging über 6 Monate, wurde 1990 veröffentlicht und entspricht heutigen Qualitätsanforderungen nicht. Die Frage nach einer Verbesserung der Symptome beantworteten aber 69 % der Verum-Patienten positiv gegenüber von nur 29% in der Placebo-Gruppe. Der Restharn verminderte sich unter Roggenpollen um 43ml und unter Placebo um 20ml.
- Kombi-Präparate Sägepalmenextrakt / Brennesselwurzelextrakt: Hier gibt es mehrere fundierte Studien im Vergleich zu Placebo und im Vergleich mit synthetischen Standardtherapeutika. Die Kombination zeigte sich gegenüber Placebo als überlegen und im Vergleich mit verschiedenen Standardmedikamenten (Alpha-Blocker, 5-Alpha-Reduktasehemmer, Tamsulosin) als ebenbürtig bezüglich Symptomverminderung und Verbesserung der Lebensqualität.
Der Autor verteidigt die Studienlage bei den Prostata-Phytotherapeutika gegenüber Einwänden von Kritikern. Unter anderem zeigt er auf, dass manche Kritiker an die Qualität der Phyto-Studien Ansprüche stellen, die auch die Studien mit synthetischen Präparaten nicht erfüllen – und dass dort diese Ansprüche gar nicht erhoben werden. Er bemängelt zudem, dass die Kritiker die Nebenwirkungsarmut der Phyto-Präparate als erheblichen Vorteil völlig übergehen: “Insgesamt wird also die Studienlage für urologische pflanzliche BPS-Medikamente schlechter dargestellt, als sie der Wirklichkeit der Studienergebnisse entspricht.” Popa hält fest: “Eine Therapie mit pflanzlichen BPS-Therapeutika ist besonders bei irritativen Beschwerden gerechtfertigt. Bei der Mehrzahl der Patienten mit leichten bis mittelschweren Miktions-Symptomen ist eine solche Behandlung subjektiv – traditionelle Langzeiteinnahme trotz Eigenfinanzierung – und objektiv – leitlinienkonforme positive Studienergebnisse – erfolgreich.”
Ergänzt werden könnte hier noch betreffend Eigenfinanzierung: Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in der Schweiz Prostata-Phytotherapeutika, die von der Grundversicherung bezahlt werden, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verordnet.
Die Prostata-Heilpflanzen sind zu recht beliebt aufgrund ihrer guten Wirksamkeit und optimalen Verträglichkeit.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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Dienstag, September 23rd, 2008
Die wissenschaftliche Aufarbeitung pflanzlicher Arzneimittel hat in den letzten Jahren starke Forschritte gemacht. Dabei wird aber die richtige Beurteilung einzelner pflanzlicher Präparate durch eine spezielle Eigenschaft der Phytopharmaka kompliziert: Sie sind in ihrer Vielfalt nur schwer einzeln fassbar. Im Unterschied zu den chemisch definierten Einzelsubstanzen der “normalen” Medikamente sind Heilpflanzen-Präparate Vielstoffgemische. Je nach Qualität der verwendeten Pflanzen und den unterschiedlichen Herstellungsverfahren ergeben sich Produkte, deren Wirkungen stark voneinander abweichen können. Das zeigt sich zum Beispiel deutlich beim Johanniskraut (Hypericum perforatum), das in der Pflanzenheilkunde eine lange Tradition besitzt und inzwischen zu den am besten untersuchten Heilpflanzen gehört. Es sind mehrere Johanniskraut-Extrakte auf dem Markt, die sich so stark unterscheiden, dass ihre Wirkungen nicht einfach gleich gesetzt werden können. Darum kann man genau genommen nicht einfach generell sagen: Johanniskraut wirkt gegen Depressionen. Es kommt sehr darauf an, welcher Extrakt verwendet wird.
PD Dr. Klaus Linde, Autor der Cochrane-Dokumentation ”Johanniskraut”, hat darum die vorhandenen klinischen Studien (= Patientenstudien) im Hinblick auf Wirksamkeit und Bedeutung einzelner Johanniskrautextrakte analysiert.
Auf Anregung von Phytoexperten wurde vor einem Jahr ein hochkarätig besetztes interdisziplinäres, wissenschaftliches Gremium ins Leben gerufen, das den aktuellen Stand klinischer Forschung nach EBM-Kriterien und auf die einzelnen Pflanzenextrakte bezogen untersucht. Die ”Kommission Qualität und Transparenz von Phytopharmaka” wird vom “Komitee Forschende Naturmedizin” unterstützt.
Mit dem ersten Auftrag der Kommission wurde PD Dr. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München betraut. Der Autor des Cochranreviews ”St. John™s wort for depression” (The Cochrane Database of Systematic Reviews 2005, issue 2. Art.No: CD000448) untersuchte die vorhandene Wirkung randomisierter Studien zur Wirksamkeit einzelner Johanniskraut-Extrakte bei Depressionen verglichen mit Placebo oder synthetischen Antidepressiva.
In einer ersten Übersicht prüfte Dr. Linde, für welche auf dem deutschen Markt als Antidepressiva eingesetzten Hypericum-Extrakte klinische Studien existieren. Dabei berücksichtigte er in seiner Analyse ausschliesslich Studien mit randomisiertem und doppelblindem Studiendesign, insgesamt 42 an der Zahl. Zu jedem der zum Zeitpunkt der Übersicht (Februar bis Oktober 2006) auf dem deutschen Markt erhältlichen Präparat wurde eine deskriptive Bewertung der Evidenzlage erstellt. Die im Dezember 2006 abgeschlossene Arbeit umfasst 53 Seiten und trägt den Titel ”Johanniskraut bei Depression – eine Übersicht der randomisierten Studien bezogen auf einzelne Extrakte”. Sie ist im Internet unter www.phytotherapie-komitee.de/Forschung/kfn_hyperic_281206.pdf abrufbar.
Die Arbeit von Klaus Linde zeigt: Es gibt Johanniskraut-Präparate mit gut belegter Wirksamkeit und solche, die in den Patientenstudien kaum über einen Placebo-Effekt hinaus kommen. Für betroffene Patientinnen und Patienten sind diese Unterschiede wesentlich.
Die Untersuchung bezieht sich zwar auf Johanniskrautpräparate aus Deutschland, doch sind die entsprechenden Extrakte zum Teil unter anderen Namen auch in der Schweiz erhältlich. Wenn Sie sich Kenntnisse erwerben möchten, die bei der fundierten Beurteilung solcher Präparate helfen, empfehle ich Ihnen den Phytotherapie-Lehrgang oder das Heilpflanzen-Seminar (www.phytotherapie-seminare.ch). Ohne solche Kenntnisse ist man im Bereich der Pflanzenheilkunde nämlich den Aussagen und Versprechungen der Hersteller und Verkäufer ziemlich ausgeliefert.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, September 22nd, 2008
Rund ein Viertel der Bevölkerung leidet unter immer wiederkehrenden Magenschmerzen, Sodbrennen, Völlegefühl und Krämpfen. Zur Behandlung solcher als “funktionelle Dyspepsie” oder “Reizmagen” bezeichneten Missempfindungen werden mit zunehmendem Erfolg Heilpflanzen-Präparate eingesetzt.
Die Auslöser von funktionellen Verdauungsbeschwerden sind vielfältig: Störungen der Magen- und Darmbeweglichkeit gehören ebenso dazu wie eine Überempfindlichkeit, Entzündungsprozesse oder eine überschießende Produktion von Magensäure. Mit synthetischen Arzneimitteln lassen sich nur einzelne Symptome beeinflussen: Mit Monopräparaten kann
- die Produktion von Magensäure blockiert,
- die Säure mit Antazida gebunden,
- die Bewegungen von Magen und Darm mit Prokinetika stimuliert oder
- die Schmerzen mit krampflösenden Mitteln gelindert werden.
Diese Therapien sind nicht nur kostspielig, sondern gehen häufig auch mit beträchtlichen Nebenwirkungen einher.
Dagegen entfaltet eine pflanzliche Kombination aus Extrakten von Iberis amara (Bittere Schleifenblume) Angelikawurzel, Kamillenblüten, Kümmel, Schöllkraut, Mariendistel, Melisse, Süßholz und Pfefferminze auf alle diese Teilbereiche gleichzeitig ihre günstige Wirkung, ohne aber ähnliche Nebenwirkungen auszulösen wie die synthetischen Monopräparate. Die Kombination beeinflusst im Sinne einer Multi-Target-Therapie durch additive und synergistische Effekte der einzelnen pflanzlichen Wirkstoffe die verschiedenen Symptome.
Von einer Arbeitsgruppe am Universitätsklinikums Magdeburg wurde dazu eine klinische Studie durchgeführt und im angesehenen “American Journal of Gastroenterology” veröffentlicht (Am J Gastroenterol. 2007 Jun; 102(6):1268-75). Die Wissenschaftler um Dr. Ulrike von Arnim wiesen in der placebokontrollierten, doppelblinden Multicenterstudie an 315 Patienten nach, dass das pflanzliche Arzneimittel die vielfältigen Magen-Darm-Beschwerden schon nach zwei Wochen zuverlässig bessert. Diese Studie veranlasste selbst das gegenüber Phytopharmaka besonders skeptisch eingestellte “American College of Gastroenterology”, in seinem Organ “Journal Nature/Clinical Practice” (Nat Clin Pract Gastroenterol Hepatol. 2008 Mar;5(3):136-7) dazu, das untersuchte Heilpflanzen-Präparat als “eine sichere und effektive therapeutische Option” zur Behandlung von funktioneller Dyspepsie zu bezeichnen.
(Quelle: http://www.medcom24.de / Komitee Forschende Naturmedizin)
Das ist ein weiterer Beleg für die Wirksamkeit der Phytotherapie bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden. Und es ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Kombination mehrerer Heilpflanzen durch die gleichzeitige Einwirkung auf verschiedene Körpervorgänge bzw. Symptome (Multi-Target-Therapie) gegenüber der Anwendung einer Einzelsubstanz überlegen sein kann. Hier zeigt sich eine Stärke der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sonntag, September 21st, 2008
Um Cannabis als Droge tobt ein heftiger Streit. Cannabis wird einerseits idealisiert und andererseits dämonisiert. Ich selber bin in dieser Frage ziemlich nüchtern und total unbekifft. Mit Cannabis konnte ich noch nie etwas anfangen. Als Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde habe ich mich aber intensiver mit den medizinischen Wirkungen von Cannabis befasst. Das Ergebnis dieser Recherchen ist eindeutig: Sowohl die wissenschaftlichen Forschungen als auch die Erfahrungen in der Praxis deuten darauf hin, dass Cannabis zu den wichtigsten Heilpflanzen zählt.
Cannabis lindert zum Beispiel sehr effektiv Spastik bei Patienten mit Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung. Die spastische Symptomatik zeigt sich einerseits durch Muskelschwäche, Ungeschicklichkeit und Störungen der Feinmotorik, andererseits durch einen erhöhten Tonus der Muskulatur, durch Muskelschmerzen und spontane Muskelkrämpfe.
Bei Krebspatienten lindert Cannabis Appetitmangel und Übelkeit, die sehr belastend sein können.
Weil aber der Konsum von Cannabis verboten ist – auch für medizinische Zwecke -riskieren Patienten immer noch kriminalisiert zu werden, wenn sie Hanf als Heilpflanze nutzen.
Unter der gegenwärtigen Gesetzgebung gibt es nur einen aufwendigen und teueren Weg, um an ein Medikament mit hanfähnlicher Wirkung heranzukommen. Dieses Medikament heisst Dronabinol. Die Tropfen enthalten Tetrahydrocannabinol (THC), den Hauptwirkstoff der Hanfpflanze. Weil die Nutzung von Cannabis verboten ist, wird der Wirkstoff für die Dronabinol-Tropfen aus Orangenschalen synthetisiert. Der Apotheker Manfred Fankhauser aus Langnau im Emmental produziert die Tropfen. Er bezieht den Wirkstoff von einer deutschen Firma und ist der einzige Schweizer, der Dronabinol importieren darf. Dronabinol wirkt zwar ähnlich wie Cannabis, ist jedoch viel teuer. Die Patienten müssen pro Monat bis zu 800 Franken dafür bezahlen – etwa 10mal soviel wie für Medikamente, die aus Hanf hergestellt werden und in der Schweiz aber nicht zugelassen sind. Nicht in jedem Fall übernehmen die Krankenkassen dafür die Kosten. Apotheker Fankhauser würde seine Tropfen eigentlich lieber aus Hanf herstellen, statt auf Substanzen aus Orangenschalen zurückgreifen zu müssen. Denn Hanf enthält neben THC auch noch andere wertvolle Stoffe und manchen Patienten hilft das Wirkstoffgemisch im Hanf besser als das isolierte THC. Das Betäubungsmittelgesetz verbietet aber die Verwendung von Hanf.
Auch für Dronabinol gibt es in der Schweiz keine generelle Zulassung. Ärzte müssen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) für jeden einzelnen Patienten eine schriftliche Ausnahmebewilligung beantragen. Sie müssen dem BAG zudem bestätigen, dass sie die Verantwortung für allfällige Nebenwirkungen tragen. Die Bewilligung hat nur für ein paar Monate Gültigkeit. Danach muss ein neuer Antrag gestellt werden. Dieser hohe bürokratische Aufwand hält viele Ärzte davon ab, Dronabinol zu verschreiben.
Für die zum Teil schwerkranken Patientinnen und Patienten, denen Cannabis helfen könnte, ist diese Situation vollkommen unwürdig und unhaltbar.
Das Parlament wollte die Verwendung von Hanf für medizinische Zwecke erlauben. Dazu braucht es eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes. Doch die EDU (Eidgenössische Demokratische Union) und die SVP waren dagegen und ergriffen das Reverendum. Deshalb wird die Vorlage am 30. November 2008 den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern zur Abstimmung vorgelegt.
Wird die Revision des Betäubungsmittelgesetzes vom Volk angenommen, können Hersteller neu Medikamente mit dem Cannabis-Wirkstoff zur Zulassung anmelden. Sobald solche Medikamente zugelassen sind, können Ärzte und Ärztinnen diese auch problemlos verschreiben. Ausserdem wird mit der Revision auch die auf Ende 2009 befristete Heroinabgabe an Suchtkranke definitiv eingeführt.
Am 30. November kommt auch die Hanf-Initiative zur Abstimmung. Sie will den Konsum von Cannabis entkriminalisieren. Chronisch kranke Patienten könnten dann ihre Schmerzen oder Muskelverspannungen auch mit einer Cannabis-Tinktur oder mit Cannabis-Tee lindern. Hanf könnte dann auch als Heilpflanze genutzt werden.
Stimmen Sie am 30. November der Revision des Betäubungsmittelgesetzes zu, damit schwer erkrankte Patienten nicht mehr kriminalisiert werden und zumindestens eine Behandlung mit isoliertem THC zur Verfügung haben.
Mit der Hanf-Initiative habe ich mich noch nicht detailliert auseinandergesetzt. Ich finde es aber obszön, dass eine Partei wie die SVP, welche den Konsum der Drogen Alkohol und Nikotin bei jeder Gelegenheit fördert, die Konsumenten von Cannabis weiterhin kriminalisieren will, selbst wenn sie Hanf als Heilpflanze benötigen.
Dass wir mit den Drogen Alkohol und Nikotin gesundheitlich viel die grösseren Probleme haben und dass deren Suchtpotential viel gefährlicher ist als dasjenige von Cannabis, zeigen alle wissenschaftlichen Fakten. Offenbar blendet die SVP hier wieder einmal einen gehörigen Teil der Realität aus, weil er ihr nicht in den Kram passt. Aber schliesslich sind halt Alkohol und Nikotin typische Suchtmittel von SVP-Mitgliedern, während Cannabis wohl immer noch als das Markenzeichen der verhassten 68er gilt.
Der Krieg gegen die Entkriminalisierung des Hanfkonsums fusst auf purer (Anti-68er) Ideologie und hat mit rationaler Politik nichts mehr zu tun. Damit will ich keineswegs Cannabis verharmlosen, aber mit Nachdruck darauf hinweisen, dass man den Konsum von Alkohol und Nikotin zumindestens gleich behandeln sollte wie den Konsum von Hanf. Aber gerade die SVP setzt sich für den möglichst freien Zugang zu den Suchtmitteln Alkohol und Nikotin ein und bekämpft den Schutz von Nichtrauchern vor dem schädlichen Passivrauchen.
Widersprüchlicher kann eine Politik wohl kaum sein.
Und dass eine EDU, die sich als christlich bezeichnet, schwer erkrankten Patienten lindernde Medikamente vorenthalten will, ist schon ziemlich absurd.
Aus diesen Gründen neige ich dazu, auch die Hanf-Initiative an der Urne anzunehmen.
Findet die Volksinitiative eine Mehrheit, was allerdings unwahrscheinlich ist, könnte Cannabis wieder in den Kreis der wichtigen Heilpflanzen zurückkehren. Dort hatte der Hanf nämlich früher seinen unbestrittenen Platz, lange bevor er zur Droge der 68er wurde.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie / Heilpflanzen-Exkursionen / Heilkräuter-Kurse / Phytotherapie-Ausbildungen
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Lit.: Andreas Gossweiler, “Hanf löst bei mir den Schmerz am besten”, Gesundheitstipp September 2008
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Tags: Betäubungsmittelgesetz, Cannabis, Droge, Dronabinol, EDU, Hanf, Hanf-Initiative, Heilkräuter, Heilpflanzen, Klinik, Kräuter, Krebs, Multiple, Palliative Care, Pflanzenheilkunde, Pflege, Pflegeheim, Phytotherapie, Querschnittlähmung, Schmerzen, Sklerose, Spastik, Spitex, SVP, THC, Volksinitiative, Weiterbildung
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Samstag, September 20th, 2008
Gibt es eine Landschaft, mit der Sie besonders verbunden sind? Kennen Sie die Landschaft in Ihrer näheren Umgebung? Ist sie noch irgendwo zu sehen oder wird sie von einem Strassen- und Häusermeer zugedeckt? Und wenn das so ist: Wo taucht wenigstens ein Zipfel Landschaft aus dem Beton- und Asphaltmeer auf?
Vieles deutet darauf hin, dass in unserer Kultur die Beziehung zur Landschaft immer mehr verloren geht, und das nicht etwa nur in den Städten. Landschaft wird nur noch von wenigen Menschen wirklich mit den Sinnen erfahren und im Herzen erlebt. Allenfalls noch im Urlaub – weit weg vom Alltag – lassen sich Menschen von Landschaften berühren. Am Wohnort und in seinem nächsten Umkreis findet dieser Kontakt immer seltener statt. Das hat tiefgreifende Folgen: Wer sich mit einer Landschaft verbunden fühlt, ist dort verwurzelt und beheimatet. Das kann viel Kraft geben in einer Zeit des rasanten Umbruchs, wie wir sie heute erleben. Verwurzelung trägt wesentlich zur Gesunderhaltung bei. Sie wirkt im Sinne eines Resistenzfaktors, der schädlichen Einflüssen entgegenwirken kann. Entwurzelung und Isolierung von Landschaft und Natur dagegen bedrohen letztlich unsere innere Stabilität und unsere Gesundheit.
Wie aber lässt sich nun eine Beziehung zu einer Landschaft aufbauen und verstärken?
Nötig ist dazu bestimmt etwas Zeit. Wir sind grösstenteils wohl viel zu schnell unterwegs, um Landschaft in uns aufzunehmen. Zudem lässt sich Landschaft kaum im Fahren erfahren, viel eher schon zu Fuss. Isoliert durch Blech und Plexiglas, gleitet der automobile Mensch reibungs- und mühelos, aber auch kontaktlos durch die Gegend.
Gehend erfahren wir Landschaft viel direkter und intensiver. Sie setzt uns Widerstand entgegen durch Aufstiege, Abstiege und Hindernisse verschiedenster Art. Das fördert den Kontakt mit dem Gelände und die Wahrnehmung, falls es uns gelingt, gehend in der Gegenwart zu bleiben und nicht innerlich schon an ein Ziel vorauszueilen.
Gönnen Sie sich doch von Zeit zu Zeit einen langsamen Streifzug in die nähere Umgebung. Es muss nicht unbedingt eine intakte Landschaft sein, denn es ist auch wichtig, dass wir unsere Wahrnehmung schärfen dafür, wie wir Menschen mit Landschaft umgehen. Passt sich eine Strasse dem Gelände an oder zerschneidet sie es gnadenlos? Passt ein Haus in seine Umgebung oder steht es da wie eine zufällig verlorene Schuhschachtel?
Wertvoll und anregend kann es auch sein, ein kleines Stück Land während eines Jahres, von Monat zu Monat zu beobachten: den Frost und die Eisstarre danach, das Auftauen der Erde, im Frühjahr die ersten Wildblumen und Heilpflanzen, die ihre leuchtenden Farben entfalten, später das üppige Wachsen, die Käfer auf den Blättern und die Blattläuse, der Boden, der vor Trockenheit rissig wird oder schwer vor Nässe, das Wachsen und Welken der Blätter und ihr Fall, während die neuen Knospen sich schon wieder bereit machen für das nächste Jahr.
Auf diese Art zu beobachten kann Kinder und Erwachsene näher zur Landschaft und zur Natur führen. Der Herbst ist eine gute Jahreszeit, um sich ein solches Stückchen Erde zu suchen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Samstag, September 20th, 2008
Mit kritischen Fragen zu Naturheilmethoden kann man sich ganz schön in die Nesseln setzen. Oft reagieren Anhängerinnen und Anhänger der betroffenen Methoden sehr heftig und fühlen sich persönlich angegriffen. Schnell wird der kritische Frager zum Verräter gestempelt und in die “schulmedizinische Ecke” abgeschoben.
Woher das wohl kommt?
Ich glaube vom allzu ausgeprägten Schwarz-Weiss-Denken: Hier die gute, reine, heilsame, gesunde Naturheilkunde – dort die giftige, gefährliche Schulmedizin mit ihrer “Chemie”. Wer kritische Einwände zu einer Naturheilmethode anbringt, wird von solchen Schwarz-Weiss-Denkern sofort ins gegnerische oder gar feindliche Lager gestellt. In ihren Augen muss offenbar die Naturheilkunde um jeden Preis vollständig heil, gut und unbefleckt gehalten werden. Vielleicht deshalb, weil ihnen sonst in der Welt nicht mehr viel heil und intakt vorkommt. So wäre denn die Vorstellung von der absolut positiven, reinen, guten Naturheilkunde für diese Menschen sehr verführerisch.
Mir scheint diese Haltung allerdings wie alle Schwarz-Weiss-Bilder als viel zu einseitig. Diese Einseitigkeit zeigt sich zum Beispiel in der Vorstellung, dass Heilpflanzen niemals schaden können und dass jede Krankheit mit Kräutern geheilt werden kann. Beides ist allzu schön, um wahr zu sein. Wer an dem absolut positiven, hellen Bild der Naturheilkunde festhält,
-klammert oft aus, dass auch Naturheilmethoden unerwünschte Nebenwirkungen und Risiken haben können;
- ist anfälliger für übertriebene Heilungsversprechungen, die in der Naturheilkunde nicht selten anzutreffen sind;
- kann die Grenzen, die jede Methode hat, viel schlechter abschätzen;
- macht sich meist zu wenig bewusst, dass im Zuge des Naturheilmittelbooms auch vieles produziert und vermarktet wird, das mit grosser Wahrscheinlichkeit unnütz und überflüssig ist.
Dies alles trägt nicht gerade zu einem zweckmässigen, der jeweiligen Situation angemessenen Umgang mit Naturheilmethoden bei.
Wer die Naturheilkunde ernst nimmt, stellt sie nicht unter eine Glasglocke, um sie vor jeder Kritik zu schützen. Wir brauchen die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit den eigenen und anderen Methoden – auch im Bereich der Pflanzenheilkunde.
Nur so werden mit der Zeit die Stärken und Schwächen einer Methode deutlicher. Die Befürchtung, dass dadurch die Naturheilkunde geschwächt wird, teile ich gar nicht. Im Gegenteil: Sie bekommt sichereren Boden, ein gefestigteres Fundament. Durch die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Methoden gewinnt die Naturheilkunde an innerer Stärke. Und wer sich stark genug fühlt, kann auch Schwächen und Grenzen seiner Methoden sehen und zugeben. Nur wer selber auf schwachen Füssen steht, muss sich oder seine Methoden als in jeder Hinsicht perfekt und vollkommen hinstellen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Freitag, September 19th, 2008
Vor kurzem berichtete mir eine Kursteilnehmerin aus dem Thurgau folgendes:
Wenn ihr Sohn gesundheitliche Beschwerden habe, schicke sie ihn zu einer Bach-Blüten-Therapeutin im oberen Stock. Das Kind greift dort in ein Körbchen mit den 38 Bach-Blüten und zieht daraus ein Fläschchen heraus. Dieses herausgegriffene Mittel soll dann für die gegenwärtigen Beschwerden das geeignete Heilmittel sein. Wir haben der Teilnehmerin dann geraten, sich dieses Körbchen doch einmal auszuleihen und das Auswahlverfahren mehrere Male hintereinander durchzuführen. Prompt kam beim zweiten Ziehen ein anderes Ergebnis heraus. Wer nun dieses Verfahren “retten” will kann natürlich sagen, dass das Kind zur Zeit halt beide gezogenen Bach-Blüten brauche. Sehr überzeugend scheint mir diese Argumentation aber nicht.
Schaut man sich das Prozedere dieser Bach-Blüten-Therapeutin etwas genauer an, hat es für die “Heilerin” zweifellos einige Vorteile:
1. Wenn man die Annahme akzeptiert, dass das Kind “intuitiv” immer die richtige Wahl trifft, so schliesst dieses Verfahren jeden Zweifel aus. Das ist ein grosser Vorteil gegenüber allen seriösen Therapeutinnen und Therapeuten, die sich immer wieder dem Zweifel stellen müssen, ob die angewandte Behandlung auch die richtige sei.
2. Das Verfahren kommt ganz ohne Kenntnisse über Bau und Funktion des menschlichen Organismus und über seine Krankheiten aus. Jede und jeder kann es ohne die geringste Ausbildung anwenden. Der Begründer der Bach-Blüten-Therapie, Eduard Bach, hat im übrigen genau diese Ansicht vertreten: “Ohne Kenntnisse der Medizin kann ihre Anwendung so leicht verstanden werden, dass sie in jedem Haushalt benutzt werden können……Wieder möchte ich Ihnen einprägen, dass keinerlei wissenschaftliche Kenntnisse notwendig sind, um mit diesen Pflanzen zu heilen – nicht einmal der Name der Krankheit oder des Leidens ist wichtig. Was zählt, ist nicht die Krankheit, sondern der Patient.” (Vortrag in Wallingford an Bachs 50. Geburtstag).
Hier wird einem Vorgehen das Wort geredet, das gänzlich ohne Wissen und Ausbildung auskommt (fragwürdig ist zudem das Auseinanderreissen von “Patient” und “Krankheit”).
Dieses Minimal-Verfahren kommt Personen entgegen, die geistig zu träge sind, um sich fundierte Kenntnisse anzueignen, was Zeit braucht und manchmal auch anstrengend sein kann.
3. Die Methode ist ausgesprochen schnell. Während der Medizin gerade aus Kreisen der Naturheilkunde manchmal (zu Recht oder zu Unrecht) eine Fünf-Minuten-Medizin vorgeworfen wird, handelt es sich hier bestenfalls um eine Dreissig-Sekunden-Therapie, bei der eine Auseinandersetzung mit der zu behandelnden Person vollkommen überflüssig ist.
Fazit: Wir haben hier ein Vorgehen, das perfekt in unsere Zeit passt – schnell, ohne Aufwand für Behandelnde und Behandelte, sowie glatt, das heisst ohne Tücken, Widersprüche, Unebenheiten, Nebenwirkungen. Fast-food-mässig eben.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Freitag, September 19th, 2008
Ich werde immer wieder gefragt, was denn Phytotherapie genau sei. Darum hier ein kleiner Versuch, mit wenigen Zeilen eine Antwort darauf zu geben.
Grossmutter‘s Heilkräuterapotheke – darunter kann man sich etwas vorstellen. Phytotherapie ist quasi die neuzeitliche und professionelle Variante davon.
Heilpflanzen begleiten den Menschen seit seinen Anfängen durch alle Zeitalter hindurch bis in die Gegenwart. Phytotherapie verbindet die jahrtausendealte Erfahrung traditioneller Heilkräuterkunde mit den Ergebnissen neuzeitlicher Arzneipflanzenforschung. Dieser weite historische Bogen ist ein spannender Aspekt der Phytotherapie und macht sie zudem zur idealen Brücke zwischen Medizin und Naturheilkunde.
Phytotherapie eignet sich zur Vorbeugung und Behandlung zahlreicher gesundheitlicher Störungen und Krankheiten. Sie muss sich aber meiner Ansicht nach auch immer wieder selbstkritisch mit ihren Grenzen auseinandersetzen. Das bedingt ein grundsätzlich kooperatives Verhältnis zur Medizin (was jedoch nicht Kritiklosigkeit bedeuten muss).
Phytotherapie bringt Heilpflanzen in vielfältigen Formen zur Anwendung, zum Beispiel als Tee, Tinktur, Extrakt oder Salbe, inhalativ als ätherisches Öl, als Bad oder Wickel usw..
Phytotherapie orientiert sich an Wirkstoffen und unterscheidet sich damit von anderen komplementärmedizinischen Heilverfahren wie Homöopathie, Bachblüten-Therapie, Anthroposophischer Medizin, Schüsslersalzen, Spagyrik, TCM etc.- die ihrerseits auf eigenen Weltbildern und Theoriesystemen basieren.
Phytotherapie bietet faszinierende Gelegenheiten zum Kontakt mit Heilpflanzen in der Natur – zum Beispiel auf Exkursionen in den Bergen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde
www.phytotherapie-seminare.ch
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
Tags: Arzneipflanzenforschung, Gesundheitsberufe, Heilkräuter, Heilpflanzen, Klinik, Krankenpflege, Kräuter, Kräuterexkursionen, Naturheilkunde, Palliative Care, Pflanzenheilkunde, Pflege, Pflegeheim, Phytotherapie, Phytotherapie-Ausbildung, Schmerzen, Schweiz, Spitex, Weiterbildung, Winterthur, Zürich
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Donnerstag, September 18th, 2008
Im Internet wird er in den höchsten Tönen gelobt. Dem Noni-Saft werden sagenhafte Heilwirkungen zugeschrieben. Gehört Noni in die Kategorie “Scharlatanerie” oder zu den ernstzunehmenden Heilpflanzen?
Noni hat sich in kurzer Zeit von einem ethnomedizinischen “Mauerblümchen” zu einem weltweit vermarkteten Nahrungsergänzungsmittel gemausert. Seit der ersten Publikation 1985 über eine potenzielle therapeutische Wirkung der Noni-Frucht (Morinda citrifolia) stieg die Zahl der verkauften Produkte markant an und es erschienen inzwischen auch viele Veröffentlichungen über die Pflanze und ihre Inhaltsstoffe.
Was aber lässt sich denn über Noni Verlässliches aussagen?
Morinda citrifolia ist ein 3 – 6 m hoher immergrüner Baum oder Strauch, der im gesamten indopazifischen Raum heimisch ist. Die Noni-Früchte werden bis zu 12 cm gross, sind im reifen Zustand weisslich gelb, sehr weich und von einem unangenehmen käsig-buttersäureartigen Geruch und seifigen Geschmack. Wahrscheinlich ist dieser schlechte Geruch dafür verantwortlich, dass die Frucht von der einheimischen Bevölkerung in Polynesien nur in Hungerzeiten gegessen wurde.
Unter den Heilpflanzen im Indopazifik hat Noni hingegen eine lange Tradition. Alle Teile der Pflanze werden eingesetzt, um Verbrennungen, Abszesse, Entzündungen, Verstopfung, Durchfall und Pilzinfektionen zu behandeln. Für die gegenwärtige Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel wird der gepresste Saft der reifen Früchte verwendet.
Der Noni-Saft wurde im Labor untersucht, wobei aber viele Berichte darüber nur als Kongressbeiträge vorliegen. Sie wurden also nicht in Fachzeitschriften publiziert. Damit fehlt auch die Kontrolle, die mit der Veröffentlichung in einer renommierten Fachzeitschrift verbunden ist. Oft handelte es sich bei diesen Laboruntersuchungen um Experimente am Tier, die für einen Vergleich mit der Situation beim Menschen nicht mehr aussagekräftig sind.
Untersucht wurden hauptsächlich Wirkungen in drei Gebieten:
- Krebserkrankungen: Noni-Saft zeigte bei Mäusen und in menschlichen Zellkulturen Effekte, die als krebswidrig gedeutet werden können.
- Entzündungen: An Rattenpfoten reduzierte der Saftextrakt künstlich ausgelöste Entzündungen.
- Stoffwechselstörungen: Im Reagenzglas zeigten Inhaltsstoffe des Noni-Saftes Effekte auf die Blutfette, bei Rauchern senkte der Noni-Saft die Serumwerte für Cholesterin und Triglyceride. Bei Ratten wirkte Noni antithrombotisch auf Thrombosen, die künstlich ausgelöst worden waren.
Das sind alles in allem kaum überzeugende Belege für Wirkungen am Menschen. Und klinische Studien mit Patienten sind äusserst rar. Vorläufige Ergebnisse einer Phase-1-Studie des US-amerikanischen National Center for Complementary and Alternative Medicine an Krebspatienten zeigen eine Schmerzabnahme bei Bewegung und einen dosisabhängigen Effekt auf den Gesamtgesundheitsstatus. Allerdings bildeten sich die Tumore nicht zurück. Die Studie ist zudem noch nicht abgeschlossen, was ihre Aussagekraft sehr reduziert.
Immerhin sprechen Laboruntersuchungen für eine gute Sicherheit und Verträglichkeit des Noni-Saftes.
Die hohe Popularität des Noni-Saftes als Nahrungsergänzung steht aber in krassem Gegensatz zur schwachen Faktenlage bezüglich seiner allfälligen Heilwirkungen.
Hier müsste sich noch sehr viel ändern, bis Noni in der Pflanzenheilkunde zu den anerkannten Heilpflanzen gezählt würde.
Quelle:
Zeitschrift für Phytotherapie 4 / 2008:
Ulrike Andres, Was ist dran an der Noni-Frucht?
Originalarbeit:
Planta Med 2007; 73: 191 – 199:
Potterat O, Hamburger M; Morinda citrifolia (Noni) fruit – phytochemistry, pharmacology, safety
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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