Archive for August, 2008

Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom “Wesen der Pflanzen”

Freitag, August 15th, 2008

Pflanzen werden schon seit Urzeiten zu Heilzwecken verwendet. Wie solche Heilwirkungen zustande kommen und wie man sie erkennen und nutzen kann, darüber gab und gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die heute von einigen Autoren propagierte Variante, Wirkungen von einem ominösen “Wesen” herzuleiten, muss aus ethischen, psychologische, historischen und philosophischen Gründen sehr kritisch unter die Lupe genommen werden.
Die Rede vom “Wesen der Pflanze” tönt zwar tiefsinnig. Was genau mit “Wesen” gemeint ist, wird aber kaum je genau bestimmt. So kann sich dann jede und jeder seine eigenen Vorstellungen dazu machen. Das hat zur Folge, dass man sich stundenlang über das “Wesen der Pflanze” unterhalten kann, und dabei vollkommen aneinander vorbei redet, weil jeder etwas anders darunter versteht, diese Unterschiede aber nicht auf den Tisch kommen.
Wenn zum Beispiel das Wesen des Hopfens als “fröhlich” beschrieben wird, wirft dies zahlreiche Fragen auf. Kann eine Pflanze ein fröhliches Wesen haben? Oder wird hier nicht schlicht eine menschliche Eigenschaft auf die Pflanze projiziert? – Immerhin werden ja Menschen auf eine bestimmte Art fröhlich, wenn sie Hopfen in Form von Bier zu sich nehmen. Aus solchen Phänomenen aber auf die Heilwirkungen des Hopfens zu schliessen, entbehrt jeder Seriosität. Menschen mit gesundheitlichen Problemen haben ein Anrecht auf einen sorgfältigeren Umgang. Von derart wirren Gedankengängen sollten sie verschont werden.
Das “Wesen” ist zudem philosophiegeschichtlich einer der schwierigsten Begriffe überhaupt. Immer aber bezeichnete er etwas Absolutes, Ewiges, Gleichbleibendes, das unabhängig von allen Wandlungen und aller menschlicher Wahrnehmung besteht. Die alten Griechen gingen davon aus, dass es ein solches “Wesen” gibt. Für Platon (427 – 347 v. u. Z.) steckte es allerdings in den ewigen, geistigen Ideen der Dinge. Real existierende Gegenstände waren für ihn so etwas wie eine minderwertige Kopie der wesenhaften Ideen. Sein Schüler Aristoteles (384 – 322 v. u. Z.) glaubte das Wesen dagegen in den Dingen selbst erkennen zu können. Er sprach von “substantia”, dem Darunterliegenden, das unabhängig von allen sinnlich wahrnehmbaren und veränderlichen Eigenschaften dauerhaft bleibt. Auch Kant (1724 – 1804) ging noch davon aus, dass es so etwas wie ein Wesen gibt. Er nannte es “Ding an sich”. Allerdings hielt er es für ausgeschlossen, dass wir Menschen dieses Wesen erkennen können. Wir nehmen nur Erscheinung war. Was wir wahrnehmen, ist immer wahrgenommene Welt, nicht Welt-an-sich. In jeder Wahrnehmung stecken unsere Sinnesorgane und unser Verarbeitungs- und Denkapparat schon mit drin. Wer ein Wesen der Pflanzen zu erkennen vorgibt, stellt damit seine persönlichen Assoziationen, Interpretationen und Phantasien bezüglich einer Pflanze als allgemein gültig und absolut dar. Damit werden möglicherweise Pflanzen zu narzisstischen Zwecken missbraucht und die Grundlage gelegt für ein Guru-System. Die Position des grossen Kants war jedenfalls bescheidener. Später haben Philosophen wie Friedrich Nietzsche, John Dewey oder Richard Rorty die Vorstellung von der Existenz eines “Wesens” in den Dingen grundsätzlich in Frage gestellt. Die Spaltung der Welt in ein ewiges, wahres Wesen und trügerische, vergängliche Erscheinungen schien ihnen hoch problematisch.

Über die Heilwirkungen der Pflanzen darf es durchaus kontroverse Vorstellungen geben. Von nebulösen Begriffen wie dem “Wesen” der Pflanzen sollte man sich allerdings nicht einlullen lassen, sondern sie mit Nachdruck in Frage stellen.
Falls Pflanzen wirklich ein “Wesen” haben sollten, dann geht es dabei nur um sie selber, dann ist es ihr Wesen. Schaut man sich aber die heute gängigen Beschreibungen über das Wesen der Pflanzen genauer an, dann beziehen sie sich in der Regel auf den Menschen mit seinen Beschwerden. Damit wird der Mensch aber meines Erachtens für viel zu wichtig genommen. Wenn das Wesen der Wilden Möhre darin bestehen soll, dass zerstreute Kräfte wieder auf den Mittelpunkt hingeführt werden und der Blick für das Wesentliche geschärft wird, dann ist das eine Enteignung. Das Wesen der Wilden Möhre wird auf die Bedürfnisse des Menschen hin umgebogen.
Oder beim Gänseblümchen: Es soll tatsächlich das Wesen des Gänseblümchens sein, die Folgen einer Versehrung, einer physischen oder psychischen Gewaltanwendung zu lindern. Das heisst: Der Kern der Existenz des Gänseblümchens soll darin liegen, uns zu heilen von Gewaltanwendung. Es geht im Wesen also nicht um das Gänseblümchen. Es geht exklusiv um uns. Eine ausgesprochen hochmütige Angelegenheit.

Gelegentlich wird von “Wesen der Pflanzen” auch gesprochen im Sinne eines inneren Kerns. Damit wird die Pflanze quasi auseinandergerissen. Wer vom inneren Kern spricht trennt diesen von randständigeren, offenbar weniger wichtigen Bereichen. Diese Trennung ist anmassend. Etwas krasser ausgedrückt: Wer vom “Wesen der Pflanze” spricht, impliziert damit auch, dass es ein “Unwesen der Pflanze” gibt. Das sagt natürlich keiner der “Wesens-Apostel” so, doch es folgt automatisch aus ihren Theorien: Wer ein Wesen setzt, setzt auch ein Un-wesen.
Dem könnte man mit Goethe entgegnen: “Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.”
Die Trennung in ein Wesen als ewiges, wahres Prinzip und in das Erscheinende als täuschend und vergänglich, hat die Geschichte des abendländischen Denkens geprägt. Die gravierenden Folgen dieser Trennung sind bis heute wirksam. Wir sollten diese Trennung nicht weiterhin aufrechterhalten, indem wir ein Wesen der Pflanzen herbeiphantasieren. Und wir sollten uns nicht dazu versteigen, den Pflanzen ein Wesen überzustülpen, das ganz und gar auf unsere Heil(ung)sbedürfnisse zugeschnitten ist. Diese Vorstellung scheint mir viel zu eng und zu anthropozentrisch.
Mir wäre ganz im Gegensatz dazu wichtig, dass wir die Heilpflanzen in ihrem eigenen Dasein kennenlernen, ohne alles immer sofort auf uns zu beziehen. Wo lebt die Pflanze? Welche Ansprüche hat sie an ihre Umgebung? Wie hat sie sich durch Formen und Farben an ihre Lebensbedingungen angepasst? Wem dient sie als Nahrung? Bei all diesen Phänomenen geht es um die Pflanze selbst, nicht um uns. Darum scheint es mir frevelhaft, daraus ein Wesen abzuleiten, das auf unsere Bedürfnisse gerichtet ist.
Die Heilpflanzen sind ganz für sich betrachtet schon faszinierend.
Dazu kommt dann noch die ästhetische Ebene. Auf die Schönheit der Pflanzen können wir uns intensiver einlassen, wenn wir sie ohne Nützlichkeitsdenken betrachten. Denn Schönheitsempfinden hat viel zu tun mit interesselosem Schauen. Diese Erlebnisqualität wird beeinträchtigt, wenn wir den inneren Kern der Pflanze in einem Wesen fixieren, das uns zu Heilzwecken dienlich sein soll.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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Pflanzenheilkunde: ist das Vertrauen gerechtfertigt?

Donnerstag, August 14th, 2008

Das Vertrauen vieler Menschen in die Wirksamkeit von Heilpflanzen-Präparaten ist gross. Und manchmal ist es sogar gerechtfertigt – aber bei weitem nicht immer.
Tatsächlich existieren enorme Qualitätsunterschiede, die jedoch nur mit entsprechendem Fachwissen zu erkennen sind. Diese Unterschiede hängen ganz entscheidend davon ab, wie eine Heilpflanze verarbeitet worden ist.

Genau genommen ist es nämlich beispielweise grundfalsch zu sagen, Johanniskraut wirke gegen Depressionen. Man müsste präziser sagen, dieses bestimmte Johanniskraut-Präparat, also diese bestimmte Form der Herstellung, wirkt gegen Depressionen.
Vor kurzen erzählte mir eine Phytotherapie-Studentin, dass sie in der Drogerie nach Weissdorn gefragt habe. Dazu ist zu sagen: Weissdorn wirkt herzstärkend und fördert die Durchblutung der Herzkranzgefässe. Von allen Heilpflanzen der Phytotherapie ist Weissdorn für diese Wirkungen am besten dokumentiert.
Die Drogistin empfahl nun eine spagyrische Weissdorn-Tinktur. Die Spagyrik ist ein Herstellungsverfahren, das auf alchemistischen Grundsätzen beruht. Ihren Höhepunkt hatte die Spagyrik in der Renaissance. Die Pflanzenteile werden zuerst mit Hefe vergoren, dann wird abdestilliert. Der Destillationsrückstand wird bei hohen Temperaturen verascht. Zum Schluss werden das Destillat und der Veraschungsrückstand zusammengefügt. Zum Teil werden die Produkte heute anschliessend noch “potenziert”, also stark verdünnt und verschüttelt.
Viele Anhängerinnen und Anhänger der Spagyrik halten dieses Verfahren für das einzige, mit dem die Heilkräfte der Pflanzen vollkommen aufgeschlossen werden können. Hier kommt manchmal ein Hauch von Heilslehre ins Spiel.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Phytotherapeutische Heilpflanzen-Präparate (Tinkturen, Extrakte) und spagyrische Tinkturen unterscheiden sich fundamental. Bei der Veraschung werden beim spagyrischen Verfahren durch die hohen Temperaturen viele Inhaltsstoffe zerstört, beispielsweise Alkaloide und Glykoside. Beide Stoffgruppen sind aber oft auch wichtige Wirkstoffe, so zum Beispiel die Glykoside beim Weissdorn.
Darum können phytotherapeutische und spagyrische Tinkturen in ihrer Wirkung nicht gleichgesetzt werden. Die Herzwirkung des Weissdorns ist nur mit phytotherapeutischen Heilpflanzen-Präparaten untersucht und dokumentiert worden. Oft werden nun diese phytotherapeutischen Ergebnisse einfach auf die ganz anders zusammengesetzten spagyrischen Produkte übertragen. Das ist fahrlässig und zeugt von mangelndem Fachwissen. Das geschilderte Beispiel aus der Drogerie ist meines Erachtens ein “Kunstfehler”. Es handelt sich aber nicht um einen Einzelfall, sondern um ein ziemlich verbreitetes Phänomen. Ich könnte zahlreiche ähnliche Beispiele aus Apotheken und Drogerien schildern. Oft wird einfach verkauft, was dem Geschäft am meisten gut tut. Und das nicht einmal böswillig. Man identifiziert sich einfach leichter mit solchen Produkten.
Ich behaupte nun nicht, dass spagyrische Tinkturen völlig wirkungslos seien. Dazu habe ich keine Belege und die Wirkungslosigkeit von irgendetwas ist nur mit einer aufwendigen Doppelblind-Studie vielleicht einigermassen nachzuweisen.
Ich sage nur: Die Spagyrik müsste die Wirksamkeit ihrer Präparate selber dokumentieren und belegen. Ich sage auch nicht, dass Drogerien oder Apotheken keine Spagyrik verkaufen dürfen. Aber ich würde mit Nachdruck verlangen, dass Mitarbeitende in Drogerien und Apotheken ihrer Kundschaft die ganze Palette der Weissdornpräparate vorstellen und dabei auch transparent machen, welche Produkte in ihrer Wirksamkeit geprüft sind und welche nicht. Gerade beim Weissdorn gibt es einige Präparate, die so gut untersucht und dokumentiert sind, dass sie sogar von den Krankenkassen aus der Grundversicherung bezahlt werden, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt. Nur wenn der Kundschaft die ganze Palette der Weissdornprodukte vorgestellt wird mit der Information, ob sie dokumentiert sind oder nicht, ist eine fundierte Wahl möglich. Ausschliesslich das am schlechtesten bzw. gar nicht dokumentierte Produkt hinzustellen und das ohne nähere Information, kommt einer Täuschung der Kundin oder des Kunden gleich.
Nach meinen Erfahrungen ist hier auf die Mitarbeitenden in Apotheken und Drogerien – von Ausnahmen abgesehen – kaum Verlass. Und in den Regalen dieser Fachgeschäfte stehen sehr oft Produkte, deren Wirksamkeit gut dokumentiert ist, direkt neben Produkten, die diesbezüglich gar nichts vorzuweisen haben.
Aus diesem Grund kann man Menschen, die sich für Pflanzenheilkunde interessieren, nur empfehlen: Machen Sie sich selber schlau. Setzen Sie sich vertieft mit diesem Thema auseinander und glauben Sie niemals blind, was ihnen versprochen oder angeboten wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie (SIP)
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Am SIP werden Lehrgänge und Kurse durchgeführt in Phytotherapie / Pflanzenheilkunde für Berufsleute aus Krankenpflege, Heilpraktik, Drogerie, Pharmazie, Medizin ( Lehrgang Integrative Phytotherapie), aber auch für interessierte Laien aus anderen Berufen (z.B. das Heilpflanzen-Seminar über 6 Wochenenden). Dabei ist die Frage der Qualität und wie sie sich beurteilen lässt, immer wieder ein wichtiges Thema.
Info: www.phytotherapie-seminare.ch

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Pflanzenheilkunde: Grüne Medizin im Aufwind – sieben spontane Gedankensplitter

Mittwoch, August 13th, 2008

Die “Grüne Medizin” ist im Trend. Dabei gilt es aber zu beachten: Nicht jedes angepriesene Heilmittel, das aus der Natur stammt, ist auch wirksam und sicher. Es lohnt daher und ist nötig, immer wieder auch kritisch über die Entwicklungen in der Pflanzenheilkunde nachzudenken. Dazu für heute sieben unsystematische Anmerkungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Pflanzenheilkunde begleitet die Menschen seit ihren Ursprüngen. Auf welche Art genau die Heilkraft der Pflanzen zustande kommt, darüber hatte jedes Zeitalter seine eigenen Ansichten. Die Pflanzenheilkunde verbindet so alle Epochen unserer Geschichte. Dadurch entsteht eine Kraft der Tradition, von der wir auch heute noch profitieren können. Und wer die Vergangenheit versteht, kann sich auch besser in der Gegenwart zurecht finden.

2. Auf Tradition allein sollten wir allerdings nicht bauen. Tradition hat sich in vielen Punkten auch gründlich geirrt, und das nicht selten über Jahrhunderte. Tradition allein legitimiert eine Heilmethode oder eine einzelne heilkundliche Idee noch nicht. Die Pflanzenheilkunde muss sich deshalb der Kritik und wissenschaftlicher Überprüfung stellen.

3. Aus der Auseinandersetzung zwischen Tradition und Wissenschaft entsteht eine zeitgemässe Form der Pflanzenheilkunde.

4. Diese modernere Pflanzenheilkunde kennt keine fest gefügten, für immer gültigen Erkenntnisse. Sie ist sich bewusst, dass Wissen sich wandelt. Überholtes wird ausgeschieden und neue Erkenntnisse werden integriert.

5. Wird Pflanzenheilkunde in diesem Sinne betrieben, steht sie genau zwischen der sogenannten “Schulmedizin” und der Naturheilkunde. Sie eignet sich darum auch ganz besonders als Brücke zwischen diesen sich oft feindlich gegenüberstehenden Lagern.

6. Für zahlreiche Krankheiten und Beschwerden bietet eine moderne Pflanzenheilkunde milde, gut verträgliche Behandlungsmöglichkeiten. Dabei gilt es jedoch im Auge zu behalten, dass auch Heilpflanzen unerwünschte Nebenwirkungen haben können und dass in manchen Fällen ein “chemisches” Arzneimittel die bessere Wahl ist. Es geht nicht um Entweder-oder, sondern darum, für jeden Fall die jeweils angemessene Behandlungsform zu finden. Diese Grundhaltung beugt Feindbildern vor, wie sie leider sowohl auf Seiten der Medizin als auch der Naturheilkunde immer noch verbreitet sind.

7. Pflanzenheilkunde kann den Kontakt zur Natur fördern. Wer Heilpflanzen verwendet, wird sich irgendwann fragen, wo diese wachsen und wie sie wohl aussehen. Der daraus entstehende Kontakt zur Natur hat mit grosser Wahrscheinlichkeit schon für sich allein genommen eine günstige Wirkung auf die Gesundheit.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde,
Seminar für Integrative Phytotherapie (SIP) in Winterthur.
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Am SIP werden Lehrgänge und Kurse durchgeführt in Phytotherapie / Pflanzenheilkunde für interessierte Laien und für Berufsleute aus Krankenpflege, Medizin, Pharmazie, Pharma-Assistenz, Drogerie und Heilpraktik.
Im Sommerhalbjahr zudem Tages-, Wochenend- und Wochenkurse zum Kennenlernen von Heilpflanzen und Alpenblumen in den Bergen.
Im “Forum Naturheilkunde Philosophie” wird unter anderem die Kulturgeschichte der Pflanzenheilkunde vermittelt (Magische Medizin, Vier-Säftelehre, Klostermedizin, Signaturenlehre).
Info auf: www.phytotherapie-seminare.ch.

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Jugend & Natur: Nachhaltige Entfremdung?

Montag, August 11th, 2008

Jugendlichen scheint die Natur offenbar zunehmend unbekannter. Zu diesem Ergebnis kommt schon im Jahre 2003 die Studie “Jugendreport Natur 03 – Nachhaltige Entfremdung”. Der Soziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg untersuchte darin das Naturverständnis von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Der Vergleich mit dem ersten “Jugendreport Natur” aus dem Jahre 1997 zeigte einen besorgniserregenden Trend: 1997 glaubten 7 Prozent der Befragten, dass Enten gelb gefärbt sind. 2003 waren es schon 11 Prozent der befragten 1405 Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 und 9. Offenbar lernen Kinder die Natur früher in den Medien kennen als in der Realität. Wie Brämer erklärte, hat sich das Interesse an Pflanzen innerhalb von nur sechs Jahren halbiert und nur jeder sechste Schüler interessiere sich für das Bestimmen heimischer Pflanzen. Unter dem Einfluss der Medien und aufgrund fehlender eigener Erfahrungen werde die natürliche Umwelt immer mehr verniedlicht und pauschal als schützenswert empfunden. Die Einsicht in eine nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen gehe den Jugendlichen völlig verloren. Jugendliche könnten immer weniger differenzieren zwischen Realität und Fiktion. Dieses “Bambi-Syndrom” führe zu einer übertriebenen Naturverehrung und für die Mehrheit der Befragten sei es deshalb ein Tabu, Tiere als Nahrungsmittel und Bäume als Rohstoffe anzusehen.
Die Studie ist zwar nicht mehr taufrisch, doch dürfte sich der Trend zur Naturentfremdung in den letzten Jahren eher noch verstärkt haben. Das Thema wirft meines Erachtens auf mehreren Ebenen interessante Fragen auf:
Was sind die Konsequenzen einer zunehmenden Naturentfremdung?
Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Naturerfahrungen sich günstig auf die menschliche Gesundheit auswirken können. Natur bietet zum Beispiel emotionale Ankerplätze, welche bei der Bewältigung von Lebenskrisen helfen. Es spricht viel dafür, dass die zunehmende Naturentfremdung destabilisierend wirkt – und das nicht nur bei Jugendlichen.
Wie lässt sich die Naturentfremdung rückgängig machen?
Dazu sind wohl verschiedenartige Ansätze möglich und nötig, und es gibt auch einige Tücken. Als Ersatz für die ferne Natur wird den Menschen heute Natur in gezähmten, präparierten, leicht konsumierbaren Häppchen angeboten. Als Instant-Food quasi, als isolierte Insel, die mit ihnen und ihrem Leben nicht viel zu tun hat. Es ist dies eine künstliche Natur als Surrogat. Die Werbung quillt über von solchen Angeboten – und das nicht nur im Bereich der Urlaubsreisen sondern auch etwas weniger offensichtlich bei Nahrungsmitteln, Kosmetika oder Naturheilmitteln. Überall wird “Natur” verkauft. Aber diese Ersatzangebote ermöglichen kaum Kontakt zur wirklichen Natur. Sie können daher die Lücke zwischen uns und der Natur nicht füllen.
Damit Kinder und Jugendliche sich weniger entfremden von der Natur, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Angeboten wie Bücher, Spiele, naturpädagogische Wochenenden etc. Ich will diesen Angeboten nicht jeden Wert absprechen. Sie können gute Impulse geben. Aber auch hier wird oft Natur in einer künstlich präparierten Form verabreicht. Mir scheint, damit Kinder und Jugendliche leichter Kontakt zur Natur finden braucht es vor allem Erwachsene die einen solchen Zugang haben. Eltern, Grosseltern, Lehrpersonen, die selber fasziniert sind von der Natur und ein waches Auge besitzen für die Pflanzen und Tiere in der unmittelbaren Umgebung. Solche alltägliche Begeisterung springt am leichtesten auf Kinder und Jugendliche über. Eine gute Möglichkeit für Erwachsene, sich einen Naturzugang zu schaffen, bietet die Pflanzenheilkunde. Wer sich intensiv mit Heilpflanzen befasst, wird meistens zuerst einmal wissen wollen, welche Wirkungen sie haben und gegen welche Krankheiten sie angewendet werden können. Dabei bleibt es aber nur, wenn die Pflanzenheilkunde eng beschränkt auf den menschlichen Nutzen hin betrieben wird. Fasst man sie weiter, kommt irgendwann einmal auch das Interesse für andere Pflanzen, für Tiere und für die Zusammenhänge in der Natur. Wer sich für diesen Natur-Zugang interessiert, findet dazu Angebote auf www.phytotherapie-seminare.ch.

Der “Jugendreport Natur 03” zeigt über die erwähnte Naturentfremdung hinaus aber noch ein weiteres auffallendes Phänomen:
Es gibt eine starke Idealisierung der Natur als ausschliesslich gut, heil, wahr, schön etc. Der Report spricht vom “Bambi-Effekt”. Diese Idealisierung findet man auch in einem Teil der Naturheilkunde, wo Natur als umfassender Heilsbringer quasireligiöse, göttliche Züge annimmt. Damit wird Natur tendenziell unberührbar, was die Distanz vergrössert. Mir scheint es sehr wichtig zu erkennen, dass diese starke Idealisierung eine Folge der starken Entfremdung ist. Wer real Kontakt hat zur Natur weiss, dass sie nicht nur heil, lieblich und gut ist.
Vielleicht bewahrheitet sich hier die Regel, dass dort, wo die grössten Defizite sind, auch die Ideale am stärksten in die Höhe wachsen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lücken in der Vegetation nützen Vögeln, Insekten, Wildblumen….und sogar Heilpflanzen

Donnerstag, August 7th, 2008

Die Bestände zahlreicher Brutvogelarten des Kulturlandes sind in den letzten Jahrzehnten enorm zurückgegangen. Stark betroffen sind vor allem insektenfressende Arten, welche ihre Nahrung am Boden in Wiesen und Weiden suchen.
Diese Vogelarten leiden nicht nur oft an einem Mangel an Nistplätzen, sondern auch an einer ungenügenden Nahrungssituation. Durch den stark gestiegenen Nährstoffeintrag aus Landwirtschaft (Dünger) und Luft (Stickstoff aus Abgasen) wächst die Vegetation der Wiesen und Weiden wesentlich dichter und rascher als vor 30 Jahren. Die Vögel stehen nun vor der Schwierigkeit, dass sie in der dichten Vegetation die Beutetiere kaum mehr entdecken und fangen können. Die Sichtbarkeit der Beutetiere wäre natürlich optimal, wenn es gar keine Vegetation hätte. An vegetationslosen Plätzen ist jedoch die Insektenzahl geringer und damit das Nahrungsangebot mager.
Ideal ist darum ein kleinräumiges Mosaik von vegetationsfreien und bewachsenen Stellen. Davon profitieren zum Teil selten gewordene Vogelarten wie Wiedehopf, Wendehals, Neuntöter oder Gartenrotschwanz, aber auch zahlreiche Insekten und Spinnen.
Eine dicht wachsende Vegetation verdrängt auch zahlreiche Wildblumen und Heilpflanzen, zum Beispiel das Hirtentäschel. Wer für eine lückige Vegetation sorgt, schafft Platz für mehr Vielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt.
Kurzfristig kann dies erreicht werden durch streifenförmiges Auffräsen der Vegetation oder durch Abtragen des Humus. Längerfristig wirkt ein Düngerverzicht. Besonders günstig ist eine kleinräumige Verzahnung des Grünlandes mit Kulturen, die eine lückige Vegetation haben (Gärten, Böschungen, Reben).
Vertiefte Informationen zu diesem Thema und präzisere Anleitungen finden Sie auf der Website der Schweizerischen Vogelwarte im Faktenblatt “Vögel brauchen lückige Vegetation”:
www.vogelwarte.ch/pdf/projekte-upload/rtm_vegetationen_d_klein.pdf

Das Faktenblatt der Vogelwarte diente als Anregung und Info-Quelle für diesen Text. Es fasst die biologischen Zusammenhänge des Themas fundiert zusammen und gibt gute Tipps für eine lückigere Vegetation. Darüber hinaus scheint es mir interessant, nach der Deutung und Bedeutung einer lückigen Vegetation zu fragen. Anzunehmen ist nämlich, dass Lücken in der Pflanzendecke historisch gesehen wohl überwiegend als Makel empfunden wurden, jedenfalls im Kulturland. Als Ideal dürfte die geschlossene Pflanzendecke gegolten haben, weil man sie als produktiver empfand. Im Umgang mit unserer Kulturlandschaft – und im Umgang mit der Natur – spielen immer unsere Wertungen mit. Haben Sie sich schon gefragt, wie Ihre Wertungen einer lückigen Vegetation aussehen und wie sie entstanden sind?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Leiter von Heilpflanzen- und Naturkursen, Feldornithologe ZVS
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilkräuter-Exkursionen
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Pflanzenheilkunde: Wundermittel Aloe vera?

Sonntag, August 3rd, 2008

Aloe vera hat als Heilpflanze eine sehr lange Tradition. Nachdem sie bei uns längere Zeit fast in Vergessenheit geriet, erleben wir gegenwärtig einen ausgeprägten Aloe-Boom. Kann die Heilpflanze all die Versprechungen auch halten?

Der eingedickte Blattsaft aus Aloe-Pflanzen wurde über viele Jahrhunderte als rabiates Abführmittel eingesetzt. Da heute sanftere Methoden gegen Verstopfung vorgezogen werden, kommt Aloe als Heilpflanze in diesem Bereich kaum mehr zur Anwendung. Eine lange Tradition hat Aloe aber auch in zahlreichen Ländern als Mittel zur Wundheilung und gegen Verbrennungen. Dieses Anwendungsgebiet ist inzwischen gut erforscht. Aloe-Gel fördert zum Beispiel die Heilung von venösen Unterschenkelgeschwüren (Ulcus cruris). Das zeigen auch Erfahrungen von Phytotherapie-Pflegefachfrauen in Pflegeheimen und in der Spitex.

Aloe vera – ein wichtiges Wundheilmittel der Pflanzenheilkunde

Der Boom mit Aloe vera geht jedoch weit über diesen Bereich hinaus. In grossen Mengen eingenommen wird Aloesaft gegenwärtig in flüssiger Form, wobei von diesen Produkten in der Regel keine abführende Wirkung ausgeht. Problematisch ist hier nur die fast grenzenlose Liste von Heilungsversprechungen auch für schwerste Erkrankungen. Das ist nun einfach viel zu schön, um wahr zu sein. Ein solches Allheilmittel ist eine alte Sehnsucht der Menschheit. Hier werden ganz offensichtlich Illusionen vermarktet. Das gilt auch für die populären Yoghurts mit Aloe vera, wenn der Hersteller den Konsumentinnen und Konsumenten “Harmonie” und “Schönheit” verspricht. Wer Aloe-Yoghurts liebt, der soll sie meinetwegen kaufen. Aber dass man Schönheit und Harmonie mit dem Löffel per Yoghurt einnehmen kann, gehört ins Kapitel Verdummung. Und dass es inzwischen sogar Strumpfhosen – für schöne Beine – und Waschmittel mit Aloe vera gibt, kann nur noch als absurd bezeichnet werden.

Aloe vera als Heilpflanze hat durchaus einen fundierten Platz in der Pflanzenheilkunde – hauptsächlich als Mittel zur Wundheilung und bei leichten Verbrennungen. Das unkritische Hochjubeln der Pflanze zum Wundermittel schadet aber ihrer Glaubwürdigkeit in denjenigen Bereichen, in denen sie tatsächlich gute Wirkungen zeigt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Wer mehr über Heilpflanzen wissen möchte, Heilpflanzen in der Natur auf Exkursionen kennen lernen will oder eine Phytotherapie-Ausbildung ins Auge fasst, findet Informationen dazu auf www.phytotherapie-seminare.ch .

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Naturheilkunde: Kritisch nachfragen statt blind glauben

Samstag, August 2nd, 2008

Edelsteine, Pflanzen, Bücher, Seminare, Räucherstäbchen, Kraftplätze….alles wird mit besonderer Bedeutung aufgeladen und dann 5mal mehr und 5mal teurer verkauft. Eine Pflanzentinktur beispielsweise, die als “wesenhaft” propagiert wird, verkauft sich auch ganz wesentlich besser – und teurer. Ein Ausdruck wie “wesenhaft” muss gar nichts aussagen, wenn er nur bedeutungsvoll tönt. Hohle Begriffe eignen sich viel besser dafür, dass jeder Mensch sie mit seinen eigenen Vorstellungen füllen kann. So ist dann scheinbar allen gedient – den Verkäufern des Produktes und den verzückten Konsumentinnen.
Dazu könnte man natürlich sagen: Wer überflüssiges Geld hat, soll es halt ausgeben. Das belebt schliesslich die Wirtschaft und der Esoterik-Boom ist ja inzwischen eine sehr umsatzstarke Branche – der es aber natürlich nie um‘s Geld geht, sondern um das Heil der Menschheit.
Wo kommen wir jedoch hin, wenn nur noch naiv geglaubt wird, was offenbar unwiderstehlichen Bedürfnissen nach dem Wunderbaren entgegen kommt und zur Weltflucht verhilft? – Wo kommen wir hin, wenn Behauptungen unhinterfragt übernommen und missionarisch weitergegeben werden, wie das in vielen naturheilkundlichen Ausbildungen geschieht? Wenn Begründungen und Argumente weder verlangt noch geboten werden?
Nähern wir uns dem Punkt, den Hans A. Pestalozzi als “sanfte Verblödung” beschrieben hat? – Sind Leute, die jeden Quark glauben, überhaupt demokratiefähig? Oder werden sie auch im politischen Bereich blind jedem Führer nachrennen, der Wunderbares verspricht? Die kritische Auseinandersetzung gehört zum Kern der Demokratie, weil so die Chance besteht, dass sich die besseren Lösungen durchsetzen. Brauchen wir das nicht mehr?
Kritische Auseinandersetzung ist jedenfalls eine wichtige Basis für Lern- und Entwicklungsprozesse. Sie hilft bei der Überwindung individueller blinder Flecken und eliminiert manchen Irrtum.
Wem dient es, wenn grosse Bevölkerungsteile vor allem im blinden Glauben “geschult” werden und nicht einmal mehr auf die Idee kommen, dass man auch kritische Fragen stellen könnte angesichts von grossartigen Behauptungen?
Und wie steht es damit im Bereich von Gesundheit und Krankheit? Haben wir nicht die Verpflichtung, genau und kritisch zu prüfen, was wir kranken Menschen als Heilmittel und Therapie empfehlen oder Lernenden weitergeben?
Meiner Meinung nach geht es hier um eine unabdingbare ethische Verpflichtung. Nach mehr als 25 Jahren Erfahrung im Bereich der Naturheilkunde kann ich aber nur sagen, dass kritisches Prüfen hier die seltene Ausnahme ist – sowohl in der therapeutischen Praxis als auch in Seminaren und Ausbildungen. Es braucht in der Naturheilkunde meiner Ansicht nach viel mehr (selbst)kritische Prüfung und weniger wundergläubiges esoterisches Gesäusel. Nur so lässt sich die Qualität in der Naturheilkunde verbessern und damit auch ihre Stellung in der Gesellschaft.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur
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Auf www.phytotherapie-seminare.ch finden Sie Informationen über Ausbildungen, Kurse, Exkursionen zum Thema Phytotherapie / Pflanzenheilkunde, notabene geleitet mit viel Engagement und Freude an den Heilpflanzen, aber ohne esoterische Verzückung…..

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