[Buchtipp] „Der Dschihad und der Nihilismus des Westens“, von Jürgen Manemann

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Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?

Warum übt der Dschihadismus auf junge Menschen in der westlichen Welt eine so große Faszination aus? Jürgen Manemann geht den Ursachen für diese Anziehungskraft auf den Grund, indem er die Perspektive auf die kulturellen Krisen westlicher Gesellschaften richtet: auf Gefühle der Leere, der Sinn- und Hoffnungslosigkeit und ihre Folgen in Form von Resignation, Ressentiment und Zynismus. Der Dschihadismus präsentiert sich als Therapie gegen diese sozialen Pathologien. Er wirkt jedoch krisenverschärfend, da er die Unfähigkeit verstärkt, das Leben zu bejahen. Als aktiver Nihilismus produziert er Empathieunfähigkeit, Hass und blinde Gewalt. Die westlichen Gesellschaften müssen Gegenkräfte entwickeln, indem sie eine konsequente Politik der Anerkennung und der Leidempfindlichkeit verfolgen und so den Sinn für eine Kultur der Humanität wieder stärken. Zum Shop

Zum Autor Jürgen Manemann

Dr. theol Jürgen Manemann, geboren 1963, ist Professor für christliche Weltanschauung, Religions-und Kulturtheorie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt; Mitglied des Pastora-Goldner-Holocaust Symposions; Herausgeber des Jahrbuchs Politische Theologie; Mitbegründer und Organisator des Ahauser Forums Politische Theologie.

Kommentar von Martin Koradi

Die Frage, warum junge Europäer in den „Dschihad“ ziehen, birgt einiges an Brisanz.

Man kann und soll nach Ursachen im radikalen Islamismus und auch im Islam suchen. Mindestens so wichtig ist aber die Ursachensuche in den westlichen Gesellschaften selbst. Das „Kalifat“ des IS im Irak und in Syrien ist zwar für den Moment von der Landkarte verschwunden und scheint besiegt. Die zugrunde liegenden Probleme im Islam und im Westen haben sich aber nicht in Luft aufgelöst. So wäre es naiv anzunehmen, dass die Herausforderungen unserer Gesellschaften durch Terrorismus und Dschihadismus nun überwunden wären. Es spricht viel dafür, dass dieser Schrecken uns noch einige Jahrzehnte in verschiedensten Formen zu schaffen machen wird.

Auf der Suche nach Antworten verknüpft  Jürgen Manemann psychoanalytische, sozialwissenschaftliche und philosophische Überlegungen um den Wesenskern des Dschihadismus zu verstehen und Gegenkräfte zu identifizieren.

Er beschreibt im ersten Teil vier Deutungsmuster der dschihadistischen Gewalt (Diabolisierung, Religionisierung, Soziologisierung, Ethisierung).

Der zweite Teil befasst sich mit den psychologischen Dimensionen des dschihadistischen Terrorismus auf unsere Gesellschaft. Terroristen möchten die Psyche der Menschen treffen, das Vertrauen in das Zusammenleben der Menschen erschüttern. Wie soll eine Gesellschaft auf diese Herausforderung reagieren?

Der vierte Teil beschreibt den Dschihadismus als aktiven Nihilismus. Wir haben es hier mit einem Terrorismus neuen Typs zu tun. Manemann erläutert dieses Phänomen in den Abschnitten: Aktiver Nihilismus / Kultur und Barbarei / Aktiver Nihilismus und Nazismus / Von der Erfahrung des Nichts /  Leere Gewalt / Negative Souveränität / Das faschistische Syndrom / Die Sorge um die „Kultur“ / Die „Verwaltung der Barbarei“.

Im vierten Teil beschreibt Manemann das Phänomen des Cyper-Dschihadismus (Selbstinszenierung der Gewalt, Verknüpfung von Dschihadismus mit westlicher medialer Kultur).

Der fünfte Teil befasst sich mit den Ursachen der Dschihadismus-Anfälligkeit (Identitätsstörungen, Gefühlsleere, Prozessmelancholie, Hotelzivilisation, Fragmentkörper).

Im fünften Teil skiziert Manemann Gegenkräfte (Selbstwirksamkeit und Resilienz; Selbstvertrauen – Selbstachtung – Selbstwertgefühl; Humanes Leben).

Fazit: Das Buch ist eine Fundgrube für Leute, die sich fundiert mit dem Phänomen des Dschihadismus  auseinandersetzten möchten und die Attraktivität verstehen wollen, diese mörderische Ideologie auf eine erschreckende Zahl junger Europäerinnen und Europäer hatte und immer noch hat. Das Buch gibt aber auch über den Dschihadismus hinaus Antworten auf die Frage nach der zunehmenden Attraktivität anderer Formen des Fundamentalismus, Radikalismus und Extremismus.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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