Tamiflu – nicht wirksamer als Placebo?

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Der „Tages-Anzeiger“ berichtete am 18. Dezember 2010 über eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration unter Leitung des britischen Epidemiologen Tom Jefferson, wonach die systematische Auswertung von Doppelblind-Studien ergeben habe, dass das Grippemittel Tamiflu bezüglich Vermeidung schwerwiegender Komplikationen wie Lungenentzündung nicht besser wirke als ein Scheinmedikament (Placebo).

http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Der-TamifluMythos-/story/13929775

Sollte diese Kritik zutreffen, wäre dies nach den riesigen weltweiten Tamiflu-Umsätzen meines Erachtens ein ziemlicher Skandal. Allerdings muss dazu auch gesagt werden, dass die Überprüfung und allenfalls Korrektur früherer Studien in der wissenschaftlichen Medizin kein aussergewöhnliches Vorgehen ist. Dass sie Irrtümer erkennen und korrigieren kann, zeichnet Wissenschaft geradezu aus – im Gegensatz zu dogmatischen Heilsystemen,   die absurder weise auch noch stolz auf ihre Unwandelbarkeit durch die Jahrhunderte sind. Es wäre aber die Frage zu stellen, ob die Arzneimittelbehörden bei der Zulassung und die Gesundheitsbehörden beim Einkaufen von Tamiflu genau genug hingeschaut haben.

Viel problematischer als die Kritik, Tamiflu wirke laut den vorliegenden Studien nicht besser als Placebo, scheint mir allerdings ein anderer Punkt: Tom Jefferson kritisierte bereits im Dezember 2009, dass der Tamiflu-Hersteller Roche nicht alle Studiendaten veröffentlicht habe. Das birgt die Gefahr, dass Studienergebnisse falsch dargestellt und interpretiert werden können, dass sie also „geschönt“ werden. Auf ein Angebot von Roche – Zugang zu den Daten gegen Zusicherung  von Stillschweigen – ging die Cochrane Collaboration verständlicherweise nicht ein.

Der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) formulierte sehr prägnant „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Trifft die Kritik von Tom Jefferson zu, dass Roche die Studiendaten zu Tamiflu nicht vollständig publiziert hat und sich vollständiger Transparenz verweigert, so verabschiedet sich der Konzern an diesem Punkt aus dem wissenschaftlichen Prozess. Konsequenterweise müsste dann Tamiflu zu jenen Bereichen der Komplementärmedizin gerechnet werden, die sich ebenfalls einer fundierten Überprüfung durch Doppelblind-Studien entziehen wollen – zum Beispiel mit dem fragwürdigen Argument, „individuelle“ Therapien könnten nicht mit Doppelblind-Studien überprüft werden.

Allerdings wäre eine Umteilung von Tamiflu in den Bereich Komplementärmedizin auch nicht zielführend. Da Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin vom Wirksamkeitsnachweis durch Doppelblind-Studien schon zum vorneherein pauschal befreit sind, würde es die Diskussion, wie sie jetzt um Tamiflu geführt wird, so dann wohl auch nicht mehr geben.

Siehe dazu:

Bundesamt für Gesundheit: Nebulöse Bevorzugung von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin

Ob Komplementärmedizin, wissenschaftlich orientierte Medizin, Pharmaindustrie – es sollten meiner Ansicht nach für alle die gleichen Anforderungen gelten:

– Volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse, wie es unter anderem John Dewey forderte.

Alle Studien zu einem Thema müssen vollständig auf dem Tisch liegen – nicht nur diejenigen mit für den Hersteller positivem Resultat.

– Kritische Überprüfung von Heilungsversprechungen auch durch Doppelblind-Studien.

Qualitativ hochstehende Doppelblind-Studien sind die beste zur Verfügung stehende Möglichkeit,  Irrtümern auf die Spur zu kommen. Festzuhalten bleibt dabei allerdings, dass auch Doppelblind-Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen können. Aus diesem Grund macht zum Beispiel die Cochrane Collaboration Übersichtsstudien (Metastudien), in welchen aus mehreren Studien besser abgestützte Schlussfolgerungen gezogen werden können. Und selbst bei Metastudien können die Resultate widersprüchlich sein….

Mit anderen Worten: Aus Studien ergibt sich nur eine Annäherung an die Wahrheit, nicht aber die endgültige, unumstössliche, umfassende Wahrheit – im Gegensatz zu dogmatischen Heilsystemen, die sich immer in der vollen, endgültigen Wahrheit wähnen.

Was tun, wenn Doppelblind-Studien fehlen?

Zu vielen Bereichen medizinischer oder komplementärmedizinischer Behandlung liegen allerdings gar keine Doppelblind-Studien vor. Manchmal fehlen zum Beispiel Geldgeber, weil das entsprechende Verfahren oder Präparat nicht lukrativ ist.

Fehlende Doppelblind-Studien sind daher nicht gleichzusetzen mit fehlender Wirksamkeit, doch sollten Aussagen zu Heilwirkungen bei fehlenden Doppelblind—Studien zurückhaltender formuliert und noch kritischer hinterfragt werden. Konsumentinnen und Konsumenten müssten zudem in Apotheken und Drogerein transparenter darüber informiert werden, wenn ihnen Produkte empfohlen werden, bei denen keinerlei positive Studien zur Wirksamkeit vorliegen. Den Konsumentinnen und Konsumenten werden viel zu viele Produkte mit hoch fragwürdiger Wirksamkeit verkauft – auch bei Naturheilmitteln.

Ich bin zudem überzeugt davon, dass Doppelblind-Studien sich auch eignen zur Überprüfung der Wirksamkeit von Präparaten und Verfahren aus der Komplementärmedizin. Natürlich bildet eine solche Studie nicht den Praxisalltag einer Therapie ab. Sie erfasst nicht 1  : 1 den therapeutischen Kontext, zum Beispiel die therapeutische Beziehung. Sie versucht genau davon abzusehen und so gut wie möglich nur die Wirksamkeit des Medikaments zu erfassen. Das reisst die therapeutische Situation quasi auseinander. Trotzdem und im Bewusstsein um diese Einschränkung braucht es Doppelblind-Studien, weil sie als Instrument zur Entdeckung von Irrtümern unverzichtbar sind. Unzählige Irrtümer in Medizin und Komplementärmedizin konnten nur durch Doppelblind-Studien korrigiert werden, als Beispiel seien nur die Risiken der Hormonsersatztherapie von Frauen in den Wechseljahren erwähnt, die dank einer grossen Studie erkannt wurden. Meiner Ansicht nach ist es nötig, die „Würde“ der Doppelblind-Studie auch gegen Diffamierungen aus der Komplementärmedizin in Schutz zu nehmen. Solche Diffamierungen dienen meinem Eindruck nach vor allem dazu, ein Präparat oder eine Methode gegen kritische Einwände zu immunisieren. Auch der Einwand, dass „individuelle“ Therapien wie die Homöopathie sich nicht mit Doppelblind-Studien überprüfen lassen, zieht meines Erachtens nur sehr beschränkt. Selbstverständlich lässt sich eine Studie so konzipieren, dass auf die individuelle Verordnung Rücksicht genommen wird. Man kann zum Beispiel 300 Kinder mit Asthma zu erfahrenen Homöopathinnen und Homöopathen schicken, die dann jeweils ein individuelles homöpathisches Mittel verschreiben. Beim Bezug der Präparate in der Apotheke wird dann per Zufall entschieden ( = Randomisierung), ob der betreffende Patient Placebos erhält oder das zu testende Mittel (= Verum). Homöpathie-Studien mit dieser Struktur wurden schon viele durchgeführt.

Für Medikamente der Phytotherapie steht gar nicht in Frage, dass sie durch Doppelblind-Studien überprüft werden können. Ein schwieriger Punkt in der Phytotherapie-Forschung ist, dass sehr überwiegend nur Studien vorliegen zu Extraktpräparaten, kaum aber zu Pflanzentinkturen und Kräutertees. Das hängt damit zusammen, dass Forschungsgelder fast nur von Herstellern von Pflanzenextrakten locker gemacht werden. Solche Extrakt-Herstellungsverfahren lassen sich patentieren und die Forschungsresultate gelten so nur für den jeweiligen untersuchten Extrakt. Das ist ein Anreiz für Forschung, der bei Pflanzentinkturen und Kräutertees weitgehend fehlt.

Bei den Extraktpräparaten allerdings hat die Phytotherapie-Forschung qualitativ und quantitativ sehr zugelegt in den letzten zehn Jahren. Wer sich offen mit dieser Forschung auseinandersetzt, muss jedoch damit umgehen können, dass auch widersprüchliche Resultate auftreten. So gibt es zu Heilpflanzen-Extrakten aus Weissdorn, Ginkgo, Mönchspfeffer etc. immer wieder sowohl positive als auch negative Studienergebnisse. Daraus sorgfältige, differenzierte Schlüsse zu ziehen – und nicht nur auf positive oder negative Ergebnisse fixiert zu sein – ist ein Kernthema fundierter Professionalität. Wer nämlich nur positive Studien zur Kenntnis nimmt, ist ein „Missionar“ oder Propagandist. Wer nur negative Ergebnisse beachtet, ein „Anti-Missionar“ oder Anti-Propagandist.

Beide machen es sich zu einfach, weil sie sich die differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema ersparen. Und sie lassen sich  einfangen vom behaglichen, aber trügerischen Gefühl eindeutiger Gewissheit.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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