Zu viele unnötige Medikamente für Kinder

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Zwei von drei Kindern wurden in den letzten vier Wochen mit Medikamenten behandelt. Das ist ein zentrales Resultat der infas-Studie „Kinder und Arzneimittel“, für welche im Auftrag der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – bundesweit 3.200 Eltern befragt wurden.
Der ABDA schreibt in einer Pressemeldung:

“Je jünger das Kind, desto häufiger bekommt es Medikamente. Auch die Hälfte der Eltern, die den Gesundheitszustand ihres Kindes als ,sehr gut‘ einstufen, hat ihm im letzten Monat Arzneimittel verabreicht.”
Die Studie wurde am 17. Juni 2009 in Berlin an einer Pressekonferenz vorgestellt.

Die “Süddeutsche” fasst zusammen:

“Ohne Sinn und Verstand: Eltern in Deutschland geben ihren Kindern zu viele Medikamente und Pillen – auch zur Vorbeugung. Wissen über alternative Behandlungsmethoden fehlt oft.”

Dass 60 Prozent der befragten Eltern ihren Kindern in den vergangenen vier Wochen mindestens ein Medikament gegeben, sei ein überraschend hohes Ergebnis, sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt am Pressegespräch. Der Anteil von jüngeren Kindern, die schon Pillen schluckten, liege noch einmal deutlich höher.

„Ich glaube, dass manche Eltern ihren Kindern zu schnell Medikamente geben“, stellte Schmidt fest. Es seien vor allem Vitaminpillen oder andere Produkte zur Nahrungsergänzung, die den Kindern verabreicht würden. Dies liegt seiner Einschätzung nach auch an der umfangreichen Werbung, die für diese Präparate gemacht werde.

Viele nähmen diese Informationen häufig zu unkritisch an. Laut der Umfrage unter 3208 Eltern mit Kindern bis zu 17 Jahren antworteten etwa 43 Prozent, dass sie für ihre Kinder zur Vorsorge Vitaminpräparate rezeptfrei in der Apotheke gekauft hätten.

Plädoyer für den Wadenwickel

Bei den jüngeren Eltern fehlt nach Schmidts Worten immer häufiger das Wissen über alternative Behandlungsmethoden.

„Die Kenntnis der sogenannten Volksheilkunde hat erheblich nachgelassen“, erklärte Schmidt.

Viele Mütter und Väter wüssten einfach nicht mehr, dass mit Wadenwickeln bei Fieber ein gutes Resultat erzielt werden könne.
Nur 16 Prozent hätten in der Umfrage erklärt, dieses Hausmittel bei der jüngsten Erkältung ihres Kindes angewandt zu haben. 36 Prozent hingegen hätten noch vorrätige Medikamente eingesetzt oder sich auf eigene Faust neue besorgt.

Dabei kommt es laut den Resultaten der Studie oft zu einer falschen Anwendung. So gaben elf Prozent der Befragten an, ihren Kindern Medikamente für Erwachsene zu geben, nur eben in einer tieferen Dosis.
Dies ist nach Schmidts Aussagen ein großes Problem. So bekamen auch jüngere Kinder von ihren Eltern bei Kopfschmerz zum Beispiel eine halbe Tablette Aspirin. Dabei sei der Aspirin-Wirkstoff in Deutschland erst vom 14. Lebensjahr an zugelassen.

Insgesamt gibt es zu wenig speziell für Kinder konzipierte Medikamente. Nach Worten von Wolfgang Rascher von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin beträgt der Anteil der ambulant verschriebenen, nicht für Kinder und Jugendliche zugelassenen Medikamente zwischen zehn und 20 Prozent.

Quelle: www.sueddeutsche.de

Kommentar & Ergänzung:

Keine Frage: Es gibt Situationen, in denen ein Kind ein passendes Medikament braucht. Ich schliesse dabei ausdrücklich auch synthetische Medikamente mit ein, weil ich das dogmatische Beharren auf ausschliesslich “natürlichen” Heilmitteln, wie es leider in manchen Bereichen von Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde vertreten wird, für sehr fragwürdig halte.

Nötig ist meines Erachtens eine optionale Haltung, die Wahlmöglichkeiten aufzeigt und je nach Situation die passendste Variante auswählt.

Die Studie der ABDA zeigt allerdings ein bedenkliches Phänomen, das ich als Medikalisierung der Kindheit bezeichnen würde.

Kindern wird dadurch eine Grundhaltung vermittelt, nach welcher medikamentöse Unterstützung zur Bewältigung des Alltags unerlässlich ist.

Selbst kleinste Unebenheiten im Leben werden medikamentös geglättet.

Dabei kommen durchaus auch Naturheilmittel zum Einsatz. In gewissen Kreisen kann ein Kind kaum mehr seinen Ellbogen am Tischbein anschlagen, ohne dass drei hilfreiche Engel mit Notfall-Tropfen daher kommen.

Ein bisschen mehr Zutrauen in die Selbstheilungkräfte des Organismus und in die Fähigkeit, mit kleineren Unebenheiten selber fertig zu werden, könnte nicht schaden.

Sehr erfreulich ist der Hinweis von ABDA-Präsident Friedemann Schmidt auf die Bedeutung von einfachen Hausmitteln wie zum Beispiel den Wadenwickeln – schliesslich bringen solche Massnahmen den Apotheken keinen Umsatz.

Die Aussage von Friedemann Schmidt, wonach die Kenntnis der sogenannten Volksheilkunde erheblich nachgelassen habe, müsste meines Erachtens Konsequenzen haben.

Dieses Defizit macht die Menschen nämlich abhängiger vom medizinischen System. Und weil sie dadurch wegen jeder Kleinigkeit eine ärztliche Konsultation in Anspruch nehmen, trägt dies zur Kostensteigerung bei.

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